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Neue jüdische Presse · 1905-07-07 · Heft 26 (7.7.1905) · page 9

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
3 (1905)
Issue
Heft 26 (7.7.1905)
Date
1905-07-07
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Beilage zu Nr. 26 des Frankfurter Israelitischen FaMMattes. Inhalt der Beilage: Artikel: Unsere Jugendbeilage. — Ein „verbrecherisches Bekenntnis"? — Die „Erläuternden Anmerkungen" zu der von der Rabbiner-Kommission der freien Bereinigung gegen den Zionismus angenommenen Resolution. — Die Führerfrage im Zionismus. — Personalien. — Aus den Vereinen. — Aus der zionistischen Bewegung. — Aus der Lehrerwelt. — Aus der Geschäftswelt. Bücherschau. — Büchernachrichten. Unsere Jugendbeilage. „Mit fortgerissen von der gewaltigen Bewegung, die durch die ganze Lehrerschaft geht, die Jugendliteratur von allem Schmutz zu reinigen, habe ich schon seit Jahren mein Augenmerk auf die Jugendbeilagen unserer jüdischen Familienblätter gerichtet. . ./. . grifft denn — sck frage ich — für unsere jüdischen Familienblätter das geflügelte Wort Wolgasts nicht zu: Die Jugendschrift.... muß ein Kunstwerk sein? Sollte eine Zeitung, die mehrere Tausend von Abonnenten besitzt sich der Beachtung dieses Wortes entschlagen dürfen? Oder sollte ein Familienblatt einfach eine Seite mit der lleberschrist „Jüdische Jugend" versehen dürfen, um sodann die erbärmlichsten stilistischen Fachwerke unter dieser- Flagge in die Welt segeln zu lassen? — Man bedenke doch: bei zehntausend Abonnenten lesen diese Beilage wenigstens zwanzigtausend Kinder! Kann eine solche Jugendbeitage nicht viel, viel mehr Unheil stisten, als die beste Jugendschrist bessern kann, deren Verfasser glücklich wäre, wenn sein Werk nur in wenigen Tausend Kinderstuben Einlaß fände? . . . Und was bieten unsere Jügendbeilagen? Tendenzstückchen der allergewöhnlichsten, aufdringlichsten Art ohne ftden künstlerische» Wert! Ja, um Honorare zu sparen, macht man gar die Kinder selbst zu Journalisten und erweckt schon im Kinde die lächerliche Sucht nach „Schriftstellern"! Welcher Stolz für die Eltern, den Namen ihres Kindes gedruckt zu sehen! Welcher Ruhm für das Kind, den Mitschülern zeigen zu können, wie doch der „Zeitungsonkel" seinen Stil weit.höher einschätze, als der immer tadelnde Lehrer! Ja, mit Speck fängt man Mäuse! So mehrt sich die Zahl der schriftstellernden Kinder, der. Eltern als Abonnenten und — was die Hauptsache ist — solche Journalisten arbeiten umsonst! Und so wird das Herz der Jugend vergiftet, und sein Sinn für das Mahre, Gute und Schöne bleibt ungepflegt. — Kurz, mein Mahnwort richtet sich an die Eltern und Erzieher, möge es nicht ungehört verhallen! Wie schnell hat man eine solche Jugendbeilage überblickt! Man weiß, welche Autorität das „Gedruckte" bei den Kindern hat: was nützen all unsere Ermahnungen zu einer guten Sprache, was alle roten Striche des Lehrers, was nützt all unsere Erziehungskunst, wenn diese „geheimen Miterzieher" verderben, was wir mit Mühe aufgerichtet haben!" — Mit diese» Liebenswürdigkeiten werden wir in dem „Wegweiser für die Jugendliteratur", herausgegeben von der Großloge für Deutschland VIII U. O. B. B„ im Aufträge der von shr eingesetzen Kommission zur Schaffung einer jüdischen Jugendliteratur redigiert von Dr. M. Spanier in Magdeburg, von einem Frankfurter Herrn überschüttet, dessen Namen wir verschweigen wollen, um ihn, altjüdischer Gepflogenheit gemäß, nicht öffentlich zu beschämen. Gruppieren wir zunächst einmal ruhig in großen, deutlichen Zügen unser Sündenregister: 1. Unsere „Jüdische Jugend" ist Prototyp von Schmutzjugendliteratur — denn sonst hätte sich ja die Schale des Zornes nicht gerade über unser Haupt ergossen. - : 2. Wir sind leichtfertig genug, darin die erbärmlichsten stilistischen Machwerke in die Welt segeln zu lassen. 3. Wir können viel, viel mehr Unheil anrichten, als die beste Jugendschrist bessern kann. 4. Wir bieten Tendenzstückchen der allergewöhnlichsten, . aufdringlichsten Art ohne jeden künstlerischen Wert. 5. Aus Sparjamkeitsrücksichten vergiften wir das Herz der Jugend. 6. Lassen dagegen ihren Sinn sür das Wahre, Gute und Schöne ungepflegt. 7. Und verderben durch unsere „geheime Miterziehung" alle Unterrichts- und Erziehungskunst von Lehrern und Eltern. Herr, sind Sie bei Sinnen? Wissen Sie, was Sie aus der Wolke, die Ihr selbstherrlicher, anmaßender Dünkel um Sie und über Sie breitet, fiir Anchuldigungen auf uns schleudern? Wir seien schmutzige: Unheilstifter, Giftmischer und Verderber? Wir, die wir jedem Fleckchen Schmutz mit dem heftigsten Widerstreben, mit dem ernstesten Bedacht aus dem Wege gehen? Wir, die wir nicht Kosten, nicht Zeit, nicht Arbeit scheuen, um Wahres, Gutes und Schönes in hie empfänglichen Kinderherzen zu Pflanzen? Gedanken und Gefühle vom höchsten Wahren, Guten und Schönen, vom einzig Wahren, Guten und Schönen, von der Thauro? Wir, denen die Thauro Leitstern und Lebensziel ist, die alle unsere Entchlüsse, alle unsere Handlungen, alle unsere Erziehungsweisheit bestimmt? Wir — Unheilstifter. Giftmischer, Verderber? Beweise, Herr! Womit haben wir Unheil gestiftet? In welchem Kind haben wir einen falschen Ehrgeiz gefördert? Wessen Erziehungsweisheit sind wir in den Weg getreten? Der Ihrigen etwa? Die den ganzen Menschen nach, dem Stil, ein warmes, lebendiges, zuckendes Menschenherz lediglich nach der Form mißt? Die im günstigsten Falle Formenmenschen heranzubilden vermag, niemals aber starke, ganze und gesunde jüdische Charaktere? Aber das eben ist's, Herr, was Ihnen nicht in den Kram patzt, das eben ist's, was Ihnen unsere Jugenbbeilage verleidet, das eben.ist's, was Sie unter Beihülfe von niedrigen Verleumdungen und Bemäntelungen mit aller Gewalt zu unterdrücken suchen: das Jüdische! Unerhört, sagen Sie sich, und Ihr grimmer Zorn entbrennt. Unerhört fürwahr das Unterfangen, schon in das weiche Kindcrgemüt Saatkörner jüdischer Weltanschauung. Saatkörner jüdische» Daseinsbetrachtens pflanzen zu wollen. Sie sind auch ein Prototyp, Herr! Ein Prototyp unserer halben, zerfahrenen und Willensschwächen Zeit. Die sich damit brüstet, jüdisches Wesen wecken und stärken zu wolle» und sich's nichjt ha anschaut, nicht nach dem Urbild formt, nach dem's allein geformt werden darf. Die sich nicht beugt vor der Allkraft und der alles überragenden Herrlichkeit der Thauro. Die Bruchstücke nur von ihr äbsplittert, Bruchstücke, die ihrer Hand leicht faßlich, ihrem Auge angenehm, ihrem Herzen erfreulich sind. Und die damit dem Ganzen totfeind ist. Die auch stolz erklärt, eine jüdische Jugendliteratur schaffen zu wollen — unter Ausscheidung des spezifisch Jüdischen. Ter das spezifisch Jüdische Brennnessel ist. Wir wollen anderes^ Wir wollen uns brühen, um eine jüdische Jugend großzuziehen. Strahlen des ewigen Lichtes sollen sich in ihr spiegeln, Strahlen des ewigen Lichtes sollen reifende Kraft an ihr entfalten. Was wir jnit unserem kleineil Können von diesen Strahlen anfzusangen, wiederzugeben vermögen, das tun wir. Möge uns Ter Seinen Beistand dazu leihen, der im ewigen Lichte thront. Möge uns Ter Seinen Beistand dazu leihen, der uns Juden von seinem ewigen Lichte gespendet hat. Und wenn die schlichten Bildchen der „Jüdischen Jugend" davon ein wenig durchblitzt sind, so genügt's uns. Zu Kunstwerken gehören Künstler. Künstler haben wir nicht. Wenn aber einer käme und uns literarische Kunst« gebilde präsentierte, jüdische Kunstgebilde, so würden wir mit Freuden zurücktreten. Wir würden jauchzend rufen: Kinder, wir sind überflüssig geworden! Bis zu diesem Zeitpunkt jedoch bleiben wir da stehen, wo wir standen. Aufrecht und unbeirrt. Geiser schreckt .uns nicht. Unsere Hände sind rein. Unser Herz ist unbefleckt. Und jedem wahrhaft jüdischen Vater, jeder wahrhaft jüdischen Mutter wollen wir unsere Jugendbeilage getrost und mit heiterem Mute hinreichen und sie bitten: Hier lest — und richtet. Ein „verbrecherisches Bekenntnis"? (Schluß.) Die E. A. gehen nun an die Betrachtung der vier Punkte des Baseler Programms. Antireligiöses kann selbst das scharfbewaffnete Auge des Referenten in ihnen nicht finden, im Gegenteil: alles schöne Ziele, lobenswerte Zwecke, aber — liegt nicht die Möglichkeit vor, da,die Neologen ein großes Kontingent zmn Zionismus stellen, daß die schönen Ziele und lobenswerte» Zwecke durch die Handhabung ins Gegenteil nmgewandelt werden? In den Fabriken wird durch den Einfluß der Neologen am Sabbat gearbeitet werden, nicht sämtliche Schulen werde» nach den Anforderungen der Orthodoxie geführt werden, die neu;» gründenden Zeitschriften werden den Abfall predigen usw. — pSir geben zu, dahin wirds vielleicht kommen, wenn — alles den Händen der Neologen überlassen bleibt; ivenn die Orthodoxie sich scheu zurückzieht, so kann sie es vielleicht erleben, daß im heiligen Lande Zustände entstehen, die tief zu bedauern wären; dann aber dürfen die Orthodoxen reuig au ihre Bmst schlagen und ausrufen: Lk«a culpa! Maxima Mea culpa! — Wie, so wenig Zutrauen hat man zur Kraft des von der Orthodoxie vertretenen Judentums, daß sie nicht imstande sein wllte, durch ihren Einfluß und ihr ernstes Streben ein antireligiöses Streben zu paralysieren, wenn es überhaupt zur Geltung kommen sollte. Wir bestreiten aber, daß beim Zionisnms diese Tendenz vorliegt, wir wissen, aus langjähriger Erfahrung, daß bei einem Zusammenarbeiten von Männern der verschiedensten Denkungsart und des verjchiedensten religiösen Standpunkts, die Tätigkeit in allgemeinen Angelegenheiten, wo es ans die Wahrung streng religiöser Interessen ankommt, niemals in religiöser Beziehung gelitten hat. Freilich kann der das nicht für möglich halten, der in jugendlicher Unerfahrenheit theoretische Gespinst« verarbeitet, und auch der nicht, der wohl das Alter für die Erfahrung hätte, aber, eingesponnen in Weltfremdheit, über de» Kreis Gleichgesinnter hinaus keinen Blick gewonnen und für ein Zusammenarbeiten oder auch nur ein freundschaftliches Verkehren mit Andersdenkenden kein Verständnis hat. Ml die Schreckbilder, die der Referent über die Versuche ausmalt, die der Zionismus in alle Kreise einzudringen macht, ja sogar (horribile dictu!) in fromme Gemeinden, machen auf uns keinen Eindruck. Das allerunglücklichste Bild aber, das der Referent zur Abschreckung wählen konnte, ist das von der Fabrik, in welcher am Sabbat in Palästina gearbeftet wird. Wenn solches einmal geschehen sollte, dann habe jeder, der den Zionismus gefördert, an dieser Sabbat-Entweihung auf heiligem Boden schuld. — Wenn ein Unbefangener dieses so liest, so könnte er glauben, das Programm des Zionismus laute in seinen ersten Paragraphen: die Religion wird abgeschafst, wer es sich unterfange, den Sabbat halten zu wollen, der wird aus dem Verbände Israels ausgestoßen. Es ist doch klar, daß der Zionismus den Sabbat, wenigstens vom nationalen Standpunkt als den nationalen Ruhetag betrachtet; wieso nun gerade in den von Zionisten, und stünden sie auch auf religiös radikalem Standpunkt, gegründeten Veranstaltungen, wie in Fabriken, der Sabbat leiden sollte auf einem Boden, wo es weder polizeiliche Sonntagsnoch Freitags-Ruhe gibt, das errate, wer's kann. Und gesetzt, es wäre solches als möglich denkbar, dann träfe mich die Schuld» wenn ich durch Beiträge den Zionismus gefördert, wenn das fast Unmögliche in einem unter vielen Fällen einträfe, und ich gehörte zu denen, lvelche den Sündern hilfreiche Hand zur Begehung ihrer Sünden leistete? Wäre das wahr, dann sei mir eine Frage gestattet: Wenn ich haftbar gemacht und der Beihülse zur Sünde geziehen werde, wenn ich Geld und tatkräftige Hilfe einer Veranstaltung widme, die möglicher Weise, immerhin nur möglicher Weise, auch Religionsverletzungen zur Folge haben könnte, ist dann auch der Rabbiner, welcher durch seine Mithilfe den Abschluß einer Ehe bewirkt, von der er wissen kann und wissen muß, daß die durch sein Wort zum Zusammenleben religiös sanktionierten Ehegatten, die jüdischen Ehegesetze und noch vieles andere verletzen werden, der Beihilft zur Sünde zu zeihe»? Hat schon einmal ein orthodoxer Rabbiner in einem solchen Falle die Trauung verweigert? Hier wäre die Konsequenz zu beweisen! Kann man nun aber auch den Standpunkt des Verfassers der E. A verstehen, man habe sich vor dem Anschluß an einen Verband zu hüten» weil die

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