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Neue jüdische Presse · 1905-07-07 · Heft 26 (7.7.1905) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
3 (1905)
Issue
Heft 26 (7.7.1905)
Date
1905-07-07
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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in «eite 4. Frankfurter Israelitische« Familienblatt. fftx. 26. tu Ostend von London findet inan gegenwärtig onnabenb alle Läden geschlossen und der Stadtteil hat anr Sabbat einen absolut sonntägliches Aussehen, während am Sonntag die meisten LA»en offen sind und bas Geschäft wie an gewöhnlichen Wochentagen betrieben wird. Rußland. Petersburg, 30. Juni. Der Gesandte der Vereinigten Staaten von Amerika in Petersburg, Lengerke-Meyer, teilt zirkularisch allen ihm unterstellten Konsulaten mit, daß auf Grund des Projekts des neuen russischen Preßgesetzes, allen amerikanischen Bürgern mosaischer Konfession unbeschränktes Wohnrecht in Rußland zugestanden wird. Dieses Recht soll auch den Juden anderer Untertanverbände nun eingeräumt werden. Mer die russischen Jude» unterliegen nach wie vor dem Paßzwang und bleiben der Freizügigkeft beraubt. Frankreich. Paris, 3.Juli. Generalversammlung der Jewish Colonisation Association (I c a). Zugegen waren: N. L c v e n, Präsident d. Vcrwaltungsrates, Leonard L. Cohn, Paul Errera, Herbert G. Lonsada und Salomvn R e i n a ch, Berwaltuugsräte. Franz Philipps o n, Bize-Präsident des Verwaltungsrates und Repräsentant der Brüsseler Synagoge. Dr. I. Blau, Verwaltungsrat und Vertreter der isr. Gemeinde Frankfurt a. Ai. Zadoc Kahn, Lerwaltungsrat und Vertreter der Mliance israelite universelle. Dr, E. Lachmann, Verwaltungsrat und Vertreter der jüdischen Gemeinde Berlin, Claude G. Monte störe, Verwaltungsrat nnd Vertreter der Anglo Jewish Association. 'Dr. S. Sonnenfeld, E. Meyerson, Direktoren und Dr. E. Schwarz selb, Sekretär. Den Vorsitz führt Herr N. Leven, Präsident des Verwaltungsrates. Nach Gutheißung des Protokolls der Generalversammlung vom 3. Juli 1904 legt er den Jahresbericht über die Tätigkeit der Gesellschaft während des Jahres 1904 vor, solvic die Bilanz nnd den Bericht des beeidigten Experten. Diese Berichte werden von der Versammlung gutgeheißen. Ter Präsident hält hierauf folgende Ansprache: „Ich bedauere, nicht in die Details der Arbeiten des verflossenen Jahres eintreten zu können. Sie werden hierüber einen Auszug in unserem Jahresbericht finden, welcher zu umfangreich ist, als daß ich hiervon eine Analyse geben könnte. Dieser Bericht wird Ihnen die Entwicklung und den Erfolg unserer Institutionen in den versch. Weltteilen zeigen. Unsere Kolonisation blüht bcsoicders in Argentinien. Unsere^ Kolonisten arbeiten dort als wirkliche Ackerbauer und ziehen aus ihrer Arbeit einen Nutzen, welcher schon ihre Existenz sichert. Parallel zu der Kolonisierung entwickelt sich die Auswandererbewegung der osteuropäischen jüdischen Handwerker, welche besonders den freien Ländern zustrebt, den Vereinigten Staate», Kanada und Argentinien. Tie Auswanderung hat letztes Jahr weit um sich gegriffen; ihr spontaner Charakter ist als besonders interessant in dieser Entwicklung hervorzuheben. Tie Arbeiter finden überall Beschäftigung. Besonders in Argentinien werden sie von den Chefs gesucht, welche sie Ivegen ihrer Arbeit und guten Führung hochschatzen. Heute jedoch sind wir durch die Unruhe, welche uns die Lage in Rußland verursacht, in Anspruch genommen. Wir ivohnen Ereignissen bei, welche zu den größten Befürchtungen Anlaß geben. Immerhin schöpfen wir aus denselben Hoffnung für die Zukunft unserer Glaubensgenossen. Die Lage der russ. Juden kann nicht schlimmer werde n, aV sie schon ist. Trotz des zwanzigjährigen Elends, in das Ghetto gezwängt, in dein das Leben infolge ihrer Anzahl unmöglich ist, t r o tz d e r e n tsetzlichsten Leiden, haben sie das Bewußtsein ihrer Würde behalten. Wir glauben uns gestehen zu dürfen, daß die Hülse, welche wir ihnen stets zu Teil werden ließen, zu diesem Erfolg beisteuerte. Ta wir ihre geistige und moralische Kraft kennen und tvissen, mit welcher Leichtigkeit unsere Glaubensbrüder sich in die Höhe arbeiten, sobald man ihnen die Viöglichkcit hierzu gibt, so haben wir für sie gearbeitet. Wir haben zur Gründung vieler Schulen bcigetragen und den Unterricht nach jeder Richtung hin verbreitet. Wir haben ihnen zur Erlernung von allerhand Handwerken verholfen, ihren Fleiß unterstützt und sie bessere Zeiten voraussehen lassen. Heute sind sie für eine neue Lage der Dinge vorbereitet. Sie beanspruchen sämtliche Zivil- und politischen Rechte. Sie sind deren vollkommen würdig und wir glauben sicher, daß, wenn die Stunde für die soziale Erneuerung ihres Landes geschlagen haben wird, sie den ihnen gehörigen Platz einnehmen werden. Sie werden dem russischen Staate nützliche Bürger sein." Herr Re in ach konstatiert mit Befriedigung, daß die Kolonisierung in Argentinien in ihrer vollen Blüte steht. Tie. letzte Ernte hat gute Erfolge aufgcwiesen. Die Kolonisten haben der Gesellschaft große Summen zurüötzahlen können und find selbst in der Lage, Geld an ihre Verwandten in Rußland zu schicken. Nach einigen nebensächlichen Bemerkungen wurde dann die Sitzung, die etwa Stunde gewährt hatte, geschlossen. A. R. lleber Perez.*) n. Mit dem, was wir bisher aus Perez' Skizzen herausgelescn haben, haben Ivir bei weitem noch nicht alles gesagt; wir haben ihn kaum von anderen Künstlern unterschieden, die ganz ähnliche Empfindungen auf so typische Weise in uns erwecken. Noch etwas anderes muß sich zu dem, was wir bereits dargestellt haben, hinzugesellen, um wenigstens einigermaßen das Bild zu vervollständigen. Nicht alle Farbentöne werde» wir einzeln herausfinden, nicht die ganze Skala der Einpfinduugen reproduzieren könüen. Dazu ist des Dichters Seele selbst zu kompliziert. Aber das, was am innigsten in uns haften bleibt und stets als das Wesentliche wiedcrznkchren pflegt, lvenn Ivir uns der Schöpfungen des Künstlers erinnern, das wollen wir doch versuchen, hcrauszuarbeite». Und gerade dies Typische, das die eindruckreichsten Empsindungcn in unserem ästhetischen Bewußtsein auslöst, gerade das entsteht recht eigentlich . erst aus dem Zusammenwirken mehrerer Werke, die sich gegenseitig begrenzen, aber dadurch auch gleichzeitig sich gegeneinander bestimmcii und bilden. Nicht die einzelne ästhetische Empfindung au sich existiert und beherrscht unsere Stimmung, sondern in Wechselwirkung mit anderen erst lebt sic und kann erlebt werden.- Ganz von selbst gleitet unsere Betrachtung von dein charakteristischen Gefühlstou, den wir bereits dargcstellt haben, zu einem andercn hinüber, der eigentlich mit jenem zusainmc» aus denselben Grundton abgcstimmt und doch von ihm verschieden ist. Wir haben jetzt von der Einsamkeit, und zwar von einer besonderen Art derselben: von der wahrhaft jüdischen Einsamkeit, zu sprechen. Schwer ist cs, auf so glattem Boden vorwärts zu schreiten. Vieles, so sagte ich, müssen wir uns von Perez durch das Mitteilen lassen, was er uns verschweigt. Aber nicht nur er, der Künstler, muß „vor des Lebens Widerspruch" verstummen, sondern die Persönlichkeiten selbst, die er handelnd und redend einführt, scheinen fast mit aufeinander gepreßten Lippen auf uns zu blicken, scheu und mißtrauisch, als ob sie nicht daran glaubten, daß wir sic verstehen könnlcn. Und erst der Machtspruch des Dichters verniag ihnen den Mund zu öffnen: im einsamen Selbstgespräch enthüllen sie die Qualen ihrer Seele und ihre geheimen Freuden; und nicht in ebenmäßiger Rede, nein! stammelnd, vor Erregung zitternd, wandeln sie den Weg ihres Leidens noch einmal in Gedanken zurück. Wenn der kranke Knabe der Mutter das tiefe, keusche Geheimnis seiner erwachenden Seele anvertraut, so geschieht cs zögernd, als ob seine Worte sich aus seiner Brust losrissen und sie dabei verwundeten. Alle diese Menschen vermöge» nur mit sich selbst zu reden, weil sie sich losgelöst wissen; weil sie vereinsamt sind, so ist ihr Auge nach innen gekehrt. Immer ist cs ei» geheinicr Schmerz, an dem sic kranken und ein verstohlenes Glück, von dem sic getragen werden. Sic haben das Bedürfnis, sich mitzuteilcn, den Menschen, denen sie äußerlich im Leben nahe stehen, auch innerlich verständlich zu werden: aber -.das Weib begreift ihren Gatten nicht und der Vater sieht kühllos an seiner Tochter vorüber. So werden sie von dieser schweigenden Einsamkeit erdrückt. Nicht das Alleinsein s o lch e r Mensche» empfinde» sic, die sich zur Unabhängigkeit losgerisscn haben, weil ihr Ohr von dem Lärm der Menge verletzt wurde; sic fühlen auch nicht die schweigsame Stille der Natur, — wenn der letzte Ruf verhallt ist, und alle Stimmen cingeschlafen sind. Eine ganz andere Art von Einsanikeit ist cs, die in „ihrem Kopse eine selbständige Welt ansbant, eine Welt, die ihre eigenen Gesetze, ihre besonderen Schicksale hat. Es ist das Einsamkcitsgefühl dessen, der weiß, daß er nicht verstanden wirdund sich des w egen um so tieser d a ru ach seh nt, v crsta n den zu werden. Wenn ich einen Vergleich aussuchcn darf: es ist das Bewußtsein des Alleinseins, das uns in den belebten Straßen der große» Städte plötzlich überwältigt, wenn Hunderte von fremden Augen an uns vorübergleiten und wir selbst abseits dastehen und den Sinn dieses Treibens nicht zu fassen vermögen. — — *) I. L. Pere z. Slusgewählte Erzählungen und Skizzen. Ms dem Jüdischen übersetzt von Matthias Acher. tzüd. Verlag, Berlin. 1905. In allen Abschattungen hat Perez diese schweigende Einsamkeit dargestellt: von der ganz äußerlichen Form an, die den „Sendboten" im Winter auf beitöden Weg hinausgctrieben zeigt, umgaukelt von den tanzenden Schneeflocken und den bunten Träumen, die den alten Mann auf den Rand des Weges niederzwingen nnd erfrieren lassen. — bis zu dem innerlichsten Erlebnis, das ein suchendes Weib den Weg zum Herzen ihres Geschlechtes itni> ihres Volkes verfehlen läßt. — Es ist, als ob sich in all' diesen Gestalten ei» Kamps vollzieht, ein Kampf, so schwer nnd verschwiegen, wie die Einsamkeit, die 'sie zu überwinden suchen: nämlich den Konflikt zwischen beit beiden Welten, in denen sic zwei Leben leben, aufzulösen. An diesem Punkte verstehen wir das Unfaßbare dieser Wesen, das so ganz zu der nebelhaften Stimmung paßt, von der ihr Tun nnd Lassen umflossen ist. An diesem Punkte mag aber auch ferner das leise Verständnis für die Mystik Perez' cinsetze»; das unbcsriedigte Sehnen jener Wesen nach Verständnis wandelt sich am Ende in ein metaphysisches Bedürfnis um. Es ist immer wieder das Problem der Erlösung in seinen verschiedene» Brechungen, der Erlösung der Individualität von ihren Grenzen und Schranken, die ihr da am fühlbarsten aufgche», wo sie sich unverstanden weiß. Das alles läßt sich nur andeuten, nicht erschöpfend behandeln. Und warum ich. d i e s G e s ü h l d e r E i n s a mkeit als ein — im gewissen Sinne — jüdischcs bczcichnete? Tos Schicksal des jüdischen Volkes, das Wesen des ewigen Juden hat es in ihm entstehen lassen, eben aus jener unbefriedigten Sehnsucht verstanden zu werden.- I. Lewin-Hassesardi. Erzählung don Jacob Levy. (Fortsetzung). Tie Zimmer wurden gelüftet, die Ueberzüge von den guten Möbeln entfernt, der Kronleuchter strahlte im Glanze unzähliger Kerzen. Auf dem Sovha saß Frau Müller in schwarzem Seidcnklcide nnd mit neuer, breit bebänderter Haube ans dem Kopfe, die dicke goldene Erbsenkette ans dem Busen schaukelnd, mit großen Tiamantohrringen geschmückt. Herr- Müller, in schwarzem Anzug, ging gravitätisch herum, setzte sich bald hier, bald dort einen Augenblick. Das Zimmer war angesüllt von Verwandten, die nach alter Sitte am erste» Rosch haschanoh Abend zur Beglückwünschung erschienen. Das war ein Stimmengewirr, eine frohgemute Unterhaltung. Die Zcntralsonne, Frau Müller, zog alle Eintretenden aic, die Gratulation je nach dcnc Grade der Verwandtschaft mit einem Händedruck oder einem Kuß erwidernd. Sic thronte wie eine Königin. gebildet, herablassend, aber glücklich. In der Küche waren einträchtig die alte Köchin Jette, Nanni und die Schabbesfrau Christine, die schon Jahre lang im Hause wohnte. Alle drei waren vergnügt - und freuten sich des reichlichen Roschhaschanohgeschenkes. Bei ihnen saß ein Soldat, der an den Sabbaten nnd Feiertagen dort essen durfte. Ter junge Mann, der ein dunkles, hübsches Gesicht mit spitzbübischem Ansdruck in den unruhigen Augen hatte, verwandte keinen Blick von Nanni. „Dies ist der letzte Feiertag, den ich bei Ihnen zubringe," sagte er mit affektiertem Seufzer. „Im Oktober sind meine drei Jahre herum und dann gehe ich fort. Werden die Damen dann noch an mich denken?" „Gewiß," erwiderte Jette trocken, „wir werden froh sein, daß wir Sie los sind. Ich traue Ihnen nicht über den Weg." „Denken Sie auch so schlimm von mir, Fräulein Nanni?" Das Mädchen errötete und sah ihn verlegen an. „Christine, leuchten," ries es aus dem Zimmer. Die Frau eilte hinaus, Jette ging ihr langsam nach. Kaum war der Soldat mit Nanni allein, ergriff er ihre Hand und flüsterte: „Ich muß Sie allein spreche», ehe ich fortreise. Ich meine es ernst und gut mit-Ihnen." Jette kam zurück nnd sah eben noch, wie Nanni in der größten Verwirrung ihre Hand zurückzog. „Herr Rußbaum, lasse» Sie das Mädchen in Ruhe. Ihre Possen sind hier nicht angebracht." Er sagte entschlossen: „Fräulein Jette, ich habe ernsthafte Absichten." Jette lachte spöttisch. „Worauf gründen Sie Ihre ernsthaften Absichten, Sie versicherten dasselbe unserem früheren Dienstmädchen." Sie wandte sich zu Nanni: „Und

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