Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 3 (1905)
- Issue
- Heft 26 (7.7.1905)
- Date
- 1905-07-07
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 26. Frankfurter Israelitisches Faorilienblaü. Seite 3. wurde jedoch erst Von her Alliance begonnen. Werkstätten für Wäschenähen, Strickerei und Schneiderei wurde» geschaffen und haben glückliche Erfolge gezeitigt. In Constantine war überhaupt noch alles zu tun. Im Jahre 1904 hatte die Alliance daselbst 27 Lehrlinge unter ihrem Schutz: 13 Tischler, 11 Schmiede, 1 Sattler, 1 Photograph, 1 Steinmetz. Für die Mädchen wurden 2 Werkstätten für Schneiderei und für Wäschenähen eröffnet. Ein Zeichen des neuen Geistes ist die im Jahre 1903 zu ''Algier gegründete „Bereinigung für gegenseitige llnterstützung" (La Fraternelle). Sie bekämpft auf mehr direktem Wege das altcingetvurzelte Bettlernnwcsen. Es ist zu wünschen, daß die Opferwilligkeit der französischen Inden die Alliance bald in die Lage bringe, ihr Werk auch auf andere größere Gemeinden, Ivie Oran (mit über 10 000 Seelen) und Tlemecn (mit 5000 Seelen) anszudehiieii.*) ('Nach dem neuen Jahresbericht der A. I. U.) Die Alliance israelite nnd die Philippopeler Gemeinde. P h i l i p p o p e l, den 25. Juni. Tem dreijährigen Streite zwischen der hiesigen Gemeinde nnd der Alliance über die Schulangelcgenheit machte vorige Woche Herr Benedikt, Gcneraliiispektor der 'Allianceschulen, ein Ende. Herr Benedikt kam eigens zu diesem Zwecke hierhernachdem er sich über alles genau informiert, hatte er eine lange Unterredung mit Herrn D r. R o m a n v, dem Präsidenten der Gemeinde und der Schule. Beide Parteien sahen ei», daß eine Einigung unmöglich ist, da ihre Anschanuiigcil über Judentum nnd jüdische Nation weit auseinander gehe». Herr Benedikt, Vertreter der Alliance, sagte in seiner Unterredung mit Herrn Tr. Romano n. a.: „Wir kennen keine jüdische Nationalität; cs ist die reinste Zeitvergeudung, die Kinder, besonders die Mädchen, hebräisch sprechen zu lehren." Diese Worte bedürfen keiner weitere» Erläuterung; sic charakterisieren vortrefflich Gesinnung und Bestrebung der Alliance israelite universelle. Unter diesen Verhältnissen kann die von der Idee der Notwendigkeit einer Rettung der jüdischen Nation beseelte Gemeinde Philippopels mit der Alliance keines- Ivegs Hand in Hand gehen. Nächsten Tages berief Herr Benedikt eine Versammlung der Anhänger der Alliance in die Aula der Mädchenschule. Eine heftige Diskussion entwickelte sich. Herr Benedikt warf den Anwesenden vor, das; sic die voriges Jahr versprochenen Summen nicht gezahlt haben. Tie Versammlung ihrerseits gab ihrer Unzufriedenheit darüber Ausdruck, daß die Alliance Alleinherrscherin sein wolle und die wohlberechtigte» .Forderungen des Schulkomitecs nicht beachte. Nach langem Hingnd Herredcu teilte endlich .Herr Benedikt den Beschluß der Alliance mit, sich von Philippvpel völlig zurückzuziehen. Ta die ineisten gegen den Abzug der Alliance -waren, so beschloß man die Wahl einer Kömmission von 7 Personen, die mit dem Schulkomitee betreffs einer Vereinigung beider Schulen verhandeln sollte. In die Kommission wurden folgende Herren geivählt: Albert und N i s s i m S i d i, E l i e s e r B c n b a ß a t, A. B e n s ch a n l, C h a j i m L c w y, Jakob A l s a i t nnd N i s s i m Pardo. Das Schulkomitec entwarf elf Bedingungen, unter welchen cs sich auf einen Frieden cinlasscn könnte. Die dreicbcdcntendsten lauteten: 1. Tie Schule behält ihren koiiimnnalcn Charakter, 2. die Lehrpläne werden von dem Lehrerkollegium bestimmt, 3, der Alliancedirektor bedarf der Bestätigung der Gemeinde, und er, lvie das ganze Personal der Alliance müssen sich den Gesetzen des ^hnlkomitecs unterwerfen. Tie erste Bedingung allein tvar genügend, um eine Bereinigung nicht zustande konnnen zu lassen. Herr Benedikt reiste vorigen Tienstag ab, von vielen Persönlichkeiten, unter ihnen Herr Dr. Romano, begleitet. Selbstredend galt diese Ehre mehr *) Ter vorstehende Bericht legt Zeugnis von einer erfreulichen Wendung in den nevlogen llnterrichtsprinzivien der Alliance ad. Hoffentlich schreitet die Alliance auf dem neu eingeschlagenen Wege fort und bricht so nach und nach mit ihrer Tradition, Franzosen — anstatt Juden — zu erziehen. Anm. d. Redakt. der nun von hier für immer wegziehenden ''Alliance. Nicht nur die Schule, sondern auch die übrigen Wohltätigkeitsinstitutionen, wie das Lehrlingsheim und die Beköstigung armer Schulkinder, nehmen leider ein Ende. Ebenso verliert unsere Schule die jährliche Subvention der Jca, welche sie durch die Vermittlung der Alliance erhielt. 'All diese Opfer bringt die Gemeinde Philippopels der jüdisch-nationalen Bewegung. Tie Unzufriedenheit der Gemeinde mit der Alliance ist auch in anderen Städten Bulgariens und der Türkei wahrzunehmen. Besonders ist man in Salonik gar nicht gewillt, sich wegen der jährlichen Unterstützung von 2000 Frcs. den assimilatorischen Ideen der ''Alliance zu verkaufen. Tie hiesige spagnolische Zeitung „El Tin" bringt betr. dieses diese Woche von Salonik einen Artikel, betitelt: „No la qucremos!", d. h., wir wollen sie nicht, nämlich — die Alliance israölite universelle. I. K. Aus achter Wett. Deutsches Reich. Berlin. In der letzten Sitzung der Repräsent a u t e n v e r s a in in l u n g der Jüdischen Gemeinde wurde n. a. der Anbau zweier Flügel au die 3. Altersversorgungs-Anstalt beschlossen. Tie hochherzigen Schenkungen von Frau Erna Pakscher im Betrag von 120 000 JL und von Frau Mathilde Priester im Betrage von 26 500 JL veranlagten diesen Beschluß. Dem Verein „Jüdische Bibliothek und Lesehalle" wurde neben der ihm vorläusig bewilligten Jahressubvention von 300 JL eine Extrasubvention von 200 JL zugesprochen. Ein Repräsentant bittet, die Jahressubvention in der Folgezeit auf 200 JL zu erhöhen. Zum S ch u l a r z t e bei den Schulen der jüdischen Gemeinde wurde Dr. Th. Zlocisti gewählt.. Berlin. Am 21. Juni fand eine Sitzung des geschästsführenden Ausschusses des H i l f s v e r e i n s der T e u t s ch e n Juden unter dem Vorsitz des Herrn James S i m o n statt. Herr Tr. Nathan berichtete ausführlich über die Tätigkeit des Vereins ln dem letzten Vierteljahr. Aus seinem Berichte ging hervor, daß Hie Zahl der Mitglieder des .Hilfsvereins zwar beständig zunehme, daß aber die Einnahmen desselben bei weitem nicht im Verhältnis stehen zu den außergewöhnlichen Aufwendungen, die er zu machen gezwungen ist. Es müßte daher als eine Ehrenpflicht eines jeden deutschen Juden betrachtet werden, Mitglied des Hilfsvereins zu werden. Tie Haupttätigkeit galt in erster Reihe de» r u s s ischen Juden; es wurden vom 1. Januar bis 1. Juni 1905 allein zu Gunsten unserer russischen Glaubensgenossen nicht weniger als 210000 JL verausgabt. Von den Anstalten, die vom Hilfsverein teils begründet, teils subventioniert werden, ist am 1. Juni der Kindergarten in Safsed, am 16. der Bolkskindergarten in Stanislaus eröffnet worden. Am 18. Mai ist Herr Oberlehrer Josef Carlebach in sei» neues Amt am Lehrerseminar in Jerusalem eingeführt worden. Aus den weiteren Verhandlungen sei hier folgendes erwähnt: Es wurde beschlossen, eine gemeinsame Aktion aller große», jüdischen Organisationen zur Versorgung der Familien der Getöteten und Schwerverwundeten von Shitomir in die Wege zl: leiten, an der sich der Hilfsverein der Teutschen Juden, die Großloge für Teutschland ll. O. B. B. und der Hilfsverein in Frankfurt a. M. beteiligen werden. Behufs Begründung von Auskunftsbureaus für Auswanderer in Rußland nach dem Muster der deutschen Schutzkomitecs sind 2000 Rubel bewilligt worden. Ten gcvlünderten Glaubensgenossen in Melitopok wurden 2000,.#., denjenigen von Brest-Liteiosk 1000 UL und den Abgebrannte» in Turow (Gouv. Minsk) 500 Mark überwiesen. Ter geschäftsführende Ausschuß hat ferner beschlossen, in Jerusalem eine neue Mädchenschule ini Anschluß an die dortigen Kindergärten des Hilfsvereins zu begründen. Tie einzige Mädchenschule, die dort existiert, nämlich die Eveline V. Rothschild'sche, reicht bei weitem nicht aus. Die neue Schule soll im Herbst ins Leben gerufen werden. Eine ganze Reihe weiterer Beträge wurde bewilligt, unter anderem für die Abgebrannten in Haskieuh, für ein Ambulatorium in .Braila, für Zwecke der Bekämpfung des Mädchenhandels u. a. m. Einige Anträge mußte leider der Ausschuß ablehnen in Rücksicht darauf, daß die materiellen Kräfte des Hilfsvereins in den letzten Monaten auf das Aeußerste durch die russischen Glaubensgenossen in Anspruch genommen werden und es gar nicht abzusehen ist, wie die Verhältnisse in Rußland sich gestalten und welche weiteren Mittel sie noch erfordern werden. Haanover. Der Wortlaut des Testaments des am 29. Januar dss. I. verstorbenen Konsuls Simon wird jetzt bekannt. Simon hinterließ ein mehr denn drei Millionen Mark betragendes Vermögen, dessen größter Teil zu einer Stiftung verwandt werden soll, die die Minen der Eltern des Heimgegangeneu zu tragen hat: „'Alexander und Fanny Simonsche Stistung". I» den kurzen, einfachen Sätzen des Testaments prägen sich die Persönlichkeit des hochherzigen Mannes, sein Wollen und Streben packend aus. Man lese: „Die Grundzüge der Verfassung der Stiftung bestimme ich wie folgt: In der Erkenntnis, daß meine Glaubensgenossen infolge der Jahrhunderte währenden Unterdrückung und Ausschließung von Handwerk, Industrie und Landwirtschaft, von Beamtenstand und ähnlichen Berufen sich notgedrungen dem Handel zuwenden mußte», daß es aber im Interesse meiner Glaubensgenossen nnd des Vaterlandes liegt, wenn ie sich allen rechtlichen Berusszweigen widmen, ordne ich 'als Zweck der Stiftung an: Hand- und Fabrikarbeit, Handwerk, Landwirtschast, Garten- und Obstbau unter den Israeliten jn größerem Umfang zu verbreiten. Aus den Einkünften der Stistung sollen: a. Israelitische Kinder vom frühesten Mter an, namentlich in den Volksschulen, in jüdischen Waisen- und Erziehungsanstalten, auch insbesondere durch Handfertigkeitskurse oder in sonstiger Weise Handfertigteitsunterricht erhalten, sowie in den Handgriffen des Garten- und Obstbaues und, wenn angängig, auch in' Landwirtschaft unterwiesen werben. d. In Lehrerbildungs- und Borbereitungsanstalten oder in sonstiger Weise sollen angehende jüdische Lehrer praktische Kurse in Handfertigkeitslehre, in Garten- und Obstbau, Bienenzucht nnd, wenn angängig, auch in Landwirtschast, durchmachen; insbesondere sollen solche Anstalten, falls dieses zweckmäßig erscheint, Garten- und Ackerland zu Eigentum oder pachtiveise erwerben, um _ die zukünftigen oder auch bereits tätigen Lehrer für die Heranziehung der Fugend zum Landbau und zur Handfertigkeit zu befähigen. Es können solchen jüdischen Lehrern Prämien zuerkaunt werden, die mit besonderem Eiser, Geschick und Erfolg Unterricht in Gartenbau und Handfertigkeit au jüdische Schüler erteilen. c. Würdigen, befähigten, bedürftigen israelitischen Arbeiter», Handwerkern, Landwirten und Gärtnern solle» zur Ausbildung ihres Berufes, namentlich beim Beginn ihrer Tätigkeit insbesondere in Form von Darlehen Vorschüsse gewährt werben; je nach den Umständen zu niedrigem Zinssuß, ausnahmsweise auch unverzinslich. Tie zurückgezahlten Darlehen sollen dem Stistungsvermögen zugeschlagen werden. d. Ein Teil der Einkünfte der Stiftung kann nach bestem Ermesse» des Stistungsvorstandes für allgemeine Zwecke des Garten- und Obstbaus verwendet werde». Ter Stistungsvorstand soll auch ermächtigt sein, einen Teil der Einkünste zur Erteilung von Haildfertigkekts- und Gartenbauuuterricht a» außerdeutschen israelitischen Schulen zu verwenden. Hierbei soll in erster Linie Galizien ins Auge gefaßt werden. Ich bestimme folgende Vermächtnisse: 1. dem Hilfsfonds für ehcnialige Lehrlinge der israelitischen Erziehungsanstalt zu Älhlem (eingetragener Verein) de» Betrag von 100000 JL, 2. der Israelitischen Erziehungsanstalt zu Ahlem die Sunime von 100000 Mark. Ich beschränke nach reiflicher Ueberlegung meine Zuwendung auf diesen verhältnismäßig geringfügige» Betrag, weil ich de» bauernde» Bestand der Anstalt nur bann sür gesichert halte, wen» sie von allen Glaubensgenossen als Gemeingut betrachtet und unterstützt wird." Oesterreich-Ungarn. Wien. In der Wiener Gemeinderatsfihung vom 27. Juni stellten Hoheusinner und Genossen folgenden Antrag: „Tie Wahl des Herrn Gemeinderates Dr. Porzer zum zweiten Bizebürgerineister der Stadt Wien weckt die Erinnerung an seinen jüdischen Onkel, dem Dichter Ludwig August Frankl, den langjährigen Sekretär der Wiener israelitischen Kultusgemeinde, der sich durck» seine poetischen Schöpsungen eine» Ehrenplatz in der deutschen Literaturgeschichte erworben hat und der als einer der besten Söhne unseres Vaterlandes allen Anspruch daraus hat, baß die Stadt, in der er viele Jahre gelebt und gewirkt hat, sein Andenken dauernd im Gedächtnisse der Nachwelt festhält. Die Gefertigten stellen daher den Antrag: Der Gemcinderat wolle beschließen, an den Stadtrat das Ansuchen zu stellen, eine Gasse nach dem Dichter Ludwig August Frankl zu benennen." Großbritannien. London. Im Londoner Ostende ist gegenwärtig eine gewaltige Agitation gegen das Gesetz im Gange, welches die ^Schließung aller Läden am Sonntag einführen will. Für die Juden würde die Annahme des (Gesetzes durch das Parlament eine üble Sache sei», denn entweder müßten sie zwei Tage in der Woche feiern oder aber das jüdische Gesetz brechen. Außerdem sträube» sich diejenigen Geschäftsinhaber gegen die Maßregel, die bisher am Sonntag ihre Läden offen zu halten pflegten, wie die Tabakhändler, die Milchverkäufer, die Bäcker nnd Konditoren. Sie haben sich alle mit den Juden vereinigt und agitieren mit diesen zusammen in der schärfsten Wöise.