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Neue jüdische Presse · 1905-07-07 · Heft 26 (7.7.1905) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
3 (1905)
Issue
Heft 26 (7.7.1905)
Date
1905-07-07
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 26. Seite 2. Frankfurter Israelitischer Familienblatt. sinnige" nnd sozialistische Juden, sondern jüdische Inden und nur Träger der erhabene» Lehre und Kultur des Judentums. Wie aus Grund der sozialen Lehren des Judentums unsere Verhältnisse zu den „Andern" geregelt werden können und geregelt werden sollen '— aufdiese Frage kommen wir bald bei anderer Gelegenheit zurück._ / Rabbi Pinchas Horowiiz. (Zum 100. Todestage: 4. Tanms 5665.) Von Tr. Jsak Unna, Rabbiner in Mannheim. Hundert Jahre sind ein kurzer Zeitraum im Leben eines Volkes; ein Zeitraum, der um so ververschwindender erscheint, wenir.es sich um eine Nation handelt, die aus Jahrtausende zurückblicken kann und die trotz ihres Wters noch immer ihre ungebrochene Lebenskraft beweist. Tennoch ist gerade das letzte Jahrhundert für die Entwicklung des jüdischen Volkes von einschneidender Bedeutung gewesen. Es hat nach innen und außen Versicherungen gebracht, die zu schweren Erschütterungen führten und die in mancher Hinsicht eine völlige Umgestaltung bedeuteten. Ter korsische Eroberer, der vor hundert Jahren fast schon aus dem Höhepunkt schnei Macht stand, hatte das ganze alle Enrwpa über den .Hausen geworfen, nnd die Ideen der französischen Revolution, die durch ihn überall hin drangen, gewannen schließlich auch Einfluß auf die, äußere Lage der Juden. Im JUncrn bahnte sich die Entwicklung an, die an den Namen Moses Mendelssohn anknüpft, die aber, den Ideen ihres gchstigen Vaters entgegen, zu einer falsch verstandenen Aufklärung führte und 'bei vielen mit der Verachtung und mutwilligen Zerstörung des heiligen Erbteils Israels endete. Zweifellos haben jene Einflüsse dem Judentum schweren Schaden zugefügt, und es sollten alle berufenen Fattoren zusammenwirken, um zu verhüten, daß in Rußland, dem Zentrum der heutigen Judenheit, sich eine ähnliche Entwicklung anbahnt wie in den westeuropäischen Ländern. Für uns muß es von hohem Interesse sein, dir Persönlichkeit derjenigen Männer keimen zu lernen, die in jener kritischen Zeit das überlieferte Judentum vertraten, um zu sehen, wie sic sich gegenüber den neuen Strömungen verhielten. Eine der sympathischsten Erscheinungen aus dieser Periode ist R. Pinchas Horowitz/) dessen Todestag am 4. Tamus zum hundertsten Male wiederkehrt. Tie Frankfurter Gemeinde, in der R. Pinchas, das Rabbinat bekleidete, hatte von jeher hervorragende Geistesgrößen an ihrer Spitze gehabt. Hier wirkte schon in frühester Zell ein R. Simon Hadar«> schm, der Verfasser des Jalkut, später R. Meier j Schiff, R. Jakob Jvsua Falk u. a. R. Pinchas warf vor seiner Berufung nach Frankfurt Rabbiner in! Lechwitz (Polen). Obwohl er dort zurückgezogen lebte,! so war doch der Ruf seiner Gelehrsamkeit bis nach! Deutschland gedrungen. In Polen wurden damals ' bei den blutigen Kümpfen, die der Teilung Polens: vorausgingen, auch, die jüdischen Gemeinden vielfach! in Mitleidenschaft gezogen. Für R. Pinchas war! es deshalb ein Glück, daß er durch die Wahl zum Frankfurter Rabbiner (1771) zu einem richigen Leben ^gelmgte, das, frei von äußeren Störungen, ihm die' Möglichkeit gewährte, eine reiche Wirksamkeit zu ent- - falten. Seine persönlichen Eigenschaften, sein beschei-! denes und mildes Wesen, gewannen ihm bald die' Herzen, und seine Beliebtheit wuchs von Tag zu! Tag. Mit den zahlreichen Gelehrten, die damals in- Frankfurt waren und unter denen der Rosch Jeschiwa! R. Nathan Maaß eine besonders hervorragende Stelle! einnahm, lebte er in innigem Einvernehmen, und Frankfurt war eine der ersten Pflcgestätten des Talmudstüdiums in Deutschland. Seine Meisterschaft auf! diesem Gebiete hatte R. Pinchas selbst durch seine! Talmüdkommentare („Makneh" und „Haflaah"), so-! wie durch zahlreiche Gutachten dargctan. Sein mildes Wesen zeigte sich auch in dem Streite, mit R. Nathan Adler. R. Nabhan Adler, der aus! einer allen Frankfurter Familie stammte und selbst; durch, Gelehrsamkeit und Charaktereigenschaften aus-! gezeichnet war, hatte sich der kabbalistischen Richtung zugewandt und seine Persönlichkeit zog einen! großen Kreis von Schülern und Verehreru an. In! Polen führte um jene Zeit R. Elia Wilna den Kampf gegen die „Chassidim", welche, die Kabbala; mißbrauchend, gegen das talmudische Judentum anstraten. Wenn auch R. Nathan Adler selbst über jeden! Verdacht nach dieser Richttmg erhaben war, so waren! doch unter seinen Anhängern manche, deren Vcr-! i) Siehe über ihn Horowitz, Frankfurter Rabbiner, IV., worms auch, die tatsächlichen Angaben dieser! Abhandlung entnommen sind. hallen uicht cinwandssrei war, und als diese es nun wagten, eine» Angehörigen der Gemeinde in den Bann zu tun, und 3k. Nathan sich weigerte, sich vor dem Vorstand zu verantworten, wurde ihm die Abhaltung des besonderen Gottesdienstes, den er nach kabbalistischen Formen in seinem Hanse eingerichtet hatte, untersagt. Bis dahin hatte R. Pinchas, der mit R. Nathan befreundet war, sich zurückgehalten; erst als N. Nathan sich auch an dieses Verbot nicht kehrte, wurde er in einem von dem gesamten Rabbinat und dem Vorstand uiiierschricbcnen Protokoll mit dem Banne bedroht. Ter Bann wurde übrigens kurz vor dem Tode R. Nathans ausdrücklich zurückgcnoinmcn, und 3t. Pinchas hielt bei seinen! Leichenbegängnis eine ergreifende Trauerrede. Von besonderem Interesse ist für uns die Stellung, die 3t. Pinchas gegenüber der Mendclssohnschen Pentateuchübersetznng einnahm. Tie Pcntateuchübersetzung war von seiten der Anhänger des überlieferten Judentums in verschiedenen Orten scharf bekämpft worden. Auch 3t. Pinchas hielt eine Rede gegen diese Uebersetzung; aber erst, als sich gezeigt hatte, daß Mendelssohn, unbekümmert um die traditionelle Auffassung einer Bibelstclle, in der Uebcrsctznng seine persönliche Anschauung zur Geltung brachte und die traditionelle zurückwies. In der Rede wird übrigens nichts von einem „Banne" gesprochen, wenn auch, jene antitraditionelle Tendenz sehr scharf zurückgewiesen wirb. Und noch, bemerkenswerter ist der Umstand, daß die Uebersetzung ins Tcutsche an sich durchaus nicht angegriffen wird, sondern daß nur die Tendenz, die Bibel nach, eigenem Gutdünken ohne Rücksicht auf die überlieferte Ausfassung zu übertragen, gegeißelt wird. 3t. Pinchas hatte übrigens auch dem Machsor von Wolf Heidenheim, das ebenfalls eine korrekte deutsche Uebersetzung enthielt, seine Approbation gegeben, und hatte damit gezeigt, daß er die Uebersetzung ins Deutsche an sich nicht „verketzerte". 3t. Pinchas hatte in den letzten Jahren seines Lebens viel von Krankheiten zu leiden. Er starb am 4. Tamus 5565, tief betrauert von der ganzen Gemeinde, die er über 30 Jahre geleitet hatte. In dem Nachruf, der im Gemeindebuche der israelitischen Gemeinde enthalten ist, wird seine tiefe, umfassende Gelehrsamkeit, seine an Hillel erinnernde Bescheidenheit, seine innige Frömmigkeit rühmend erwähnt. In die neue Zeit hineinragend, schließt R. Pinchas sich würdig den Männern an, die den Ruhm der Frankfurter Gemeinde als eines Mittelpunktes von Thora und Gottesfurcht begründet haben. Das Erziehungswerk der Alliance in Algerien. Algerien, das etwa 60000 Juden zählt, nimmt iin Erziehiingswerk der Alliance eine ganz besondere Stellung ein. Tie jüdischen Kinder besuchen hierzu Hunderten die öffentlichen Elementarschulen. Lader Religionsunterricht jedoch in den öffentlichen Schulen fehlt, nnd, wie bei einer Enqußte in den, Jahren 98 und 99 fcstgcstellt wurde, der Wirtschaftliche Fortschritt sehr unbefriedigend war, so sah man sich der doppelten Aufgabe gegenüber, die junge Generation durch besondere Religionskurse dem Judentum«: zu erhalten und ihr durch Förderung des bereits bestehenden Lehrllngswerks neue Erwerbswege zu erschließen. Tie Mittel zu diesen Unternehmungen, die zunächst in Algier und Constanttne in Angriff: genommen würden, werden ausschließlich von den französischen Juden aufgebracht. Tie Aufwendungen überschreiten bereits 40 000 Frs. jährlich, doch wären wenigstens 100000 Frs. jährlich nötig, um die Existenz der Institute zu sichern, deren hohe Nützlich-' keit auch von dxr Regierung anerkannt wird. Ter. Anttsemitismus, der in Mgerien bekanntlich vor einigen Jahren zu einem heftigen Ausbruch gekommen; ist, kann auf keine bessere und wirksamere Weise bekämpft werden. Herr N a h o n, der Direktor der inr Jahre 1900! gegründete» jüdischen Schule in Algier, die über 600 Kinder, Knaben und Mädchen, zählt, gibt über, das letzte Schuljahr einen Bericht» aus dem einige Stellen von allgemeinerem Interesse hervorgehoben seien: „Der hebräische Unterricht wurde in diesem Jahre durch die Einführung der direkten Methode vervollkommnet. Man gewöhnt die Schüler,; soweit wie nur irgend möglich, an schnelle Erfassung und Anwendung der heiligen Sprache. Tie! Befehle der Lehrer, ihre Anordnungen inbetreff, der häuslichen Arbeiten, die Datierung, die Stundenpläne werden in den oberen Klassen und znin! Teil selbst in den untersten Abteilungen hebräisch gegeben. Turch planmäßig fortschreitende Kviiversationsübungen, die sich um Fragen des täglichen Lebens drehen, gelangen die-Kinder allmählich'dazu, sich hebräisch auszudrückcn, ohne erst aus ihrer Muttersprache übersetzen zu müssen. Zunächst erfassen sic unmittelbar die Bezeichnungen und zugehörigen Ausdrücke für all die Bewegungen und Handlungen, die man vor ihren Angen vollzieht oder sie selbst vollziehen läßt. Zwar lernen sie auf diese Weise viele Worte, die sie in den religiösen Texten nicht finden nnd die sie niemals Gelegenheit haben werden anzuwenden, aber ihr Ohr wird dadurch gebildet und gewöhnt sich an die Besonderheiten des hebräischen Sprachbaues. Gerade deswegen, weil das Hebräische keine lebende Sprache ist nnd in Nord-Afrika am allerwenigsten Aussicht hat, es zu werden, sehen die Kinder darin leicht einen unnützen, aus stereotypen Forincln zusanimengesctztcn Lehrstoff, an dem ihre Neugierde, ihr Beobachtungssinn keine Nahrung finden könnten. Tie direkte Methode erweckte bei ihnen lebhafte Uebcrraschung. Es erschien ihnen wirklich als eine Unterhaltung, sich hebräisch, und sei es in noch so geringem Maße, zu .unterhalten, und sic wurde» stolz . daraus, die altehrwürdigen freindartigen Worte auch im gewöhnlichen Umgang anwenden nnd nach eigner Wahl kombinieren zu können. Je leichter sie nun die Texte verstehen und sich aneigcken konnten, desto größer wurde ihr Interesse am Studium der Bibel und des Gebetbuchs. Wir können uns zu dem im ersten Jahre durch diese Methode erreichten Resultate nur beglückwünschen. Im eigentlichen Religionsunterrichte halte ich sehr auf die Vertiefung der Lektton, ans längeres Verweilen bei besonders wichtigen Punkten, wie z. B. die menschliche und die jüdische Solidarität, die Vaterlandsliebe bei den Juden, Laiengeist int Judentum, die Anklagen der Antisemiten, die Alliance, die von Israel der Menschheit geleisteten Dienste nsw. Wenn es ein Land gibt, in dein der Unterricht in der jüdischen Geschichte nicht zu entbehren ist, so ist es Algerien. Die große. Masse unserer Glaubensgenossen weiß nichts von der großen Vergangenheit Israels. Diejenigen unter unseren jungen Freunden, die auf unfern Rat Rcinach und Graetz gelesen haben, erklären uns unumwunden, daß sich ihnen eine ungeahnte Welt eröffnet habe. Hätten die Juden dieses Landes bereits früher ein stärkeres Bewußtsein von der Würde ihres Stammes gehabt, so hätten sie längst ihre Kräfte zur gemeinsamen Verteidigung ihrer Ehre vereinigt und hätten fremden Beistandes zur Bekämpfung des Antisemittsmus nicht bedurft. Tie Krise wäre nicht vermieden worden — weil sie größtenteils aus äußeren Ursachen hervorging, aber doch abgeschwächt worden. Jedenfalls hätte die schreckliche Lektion des Jahres 1898 Früchte getragen nnd das Gefühl der Zusammengehörigkeit gczeittgt gegenüber dcni erniedrigenden Ostracismus, der auf die Gewalttätigkeiten der Straße folgte. Wir jedoch haben nur auf die Jugend Einfluß, wir setzen unsere Hoffnung ans die Zukunst. Auch die öffentlichen Schulen versuchen, allen ihren Schülern ohne Unterschied ihres Ursprungs Liebe zur Gerechtigkeit nnd zur Freiheit einzuimpfen. Aber sollte nicht die jüdische Jugend dieses Bedürfnis nach. Gleichheit und sozialem Fortschritt inniger empfinden, wenn sie die Geschichte ihrer Ahnen durchgegcmgen ist, wenn die Opfer der Intoleranz als die besten Prediger liebevoller Duldsamkeit vor ihren Augen vorübergegangen sind? Die Logik der „Menschenrechte" hat man ihnen wohl entwickelt und man hat ihnen auf die gleiche Weise wie allen ihren Kameraden von den Eroberungen der Revolution erzählt. Aber werden sie nicht von dem heiligen Charakter dieser Rechte desto tteser durchdrungen sein und nicht hundertmal glühender die Prinzipien von 1785 verteidigen, wenn ihnen gezeigt wird, daß sie noch, heute vom Gesetz geächtet, von der Menschheit ausgestoßen wären, wenn das alte Regime noch, fortdauerte? Und prägt sich nicht der Respekt vor dem Recht, die Pflicht der Gerechtigkeit, der Kultus der Vernunft den jungen Gemütern in desto schärferen Zügen ein, wenn sie sich überzeugen, daß die gegenwärtige Zivilisation nur auf die Verwirklichung unserer historischen Ideale hinzielt, daß man sich, ihr aber mich, ohne Rückhalt hingeben müsse, wenn man bas Werk der Ahnen sortsetzen und ein guter Israelit sein will? Im Geschichtsunterricht begrüßen wir eine neue Quelle moralischer Energie innerhalb der Gemeinde." Auf dem Gebiet der Lehrlingsausbildung arbeitet in Algier seit lange»! der Verein „Le Travail". Me Alliance widmet ihm eine beträchtliche Subvention. Mc Ausbildung von weiblichen Lehrlingen

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