Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 3 (1905)
- Issue
- Heft 26 (7.7.1905)
- Date
- 1905-07-07
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2692297-2692409-2692435--01733-3518561- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
5fnt«ßfurfer Zstikiitlsihks fmtlinMitt. <~ > Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnementspreis pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— ftei ins Haus. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich - Ungarn Mk. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— I, ■ .... KedaKiioil Md Gefchäfksfielle: < Jnsertionspreise: Frankfurt a. m„ Die viergespaltene Petitzeile.25 Pfg. Leiligkeuzgatz'e 52, Ecke Llapperfeldstraße Die Reklamezeile.100 „ Telefon 10507. Platz- und Daten-Borschrift ohne Verbindlichkeit. -r-ers--:- Beilagen: Herausgeber: §<xt% Hreis. , Preis nach Uebereinkunst. t ... .- .. 3. Jahrgang. Freitag, den 4. Tamus 5665 (7. Juli 1965). Ro. 26. Inhalt des Hausttblatteö: Artikel: Wir und dieAndern. — Rabbi Pinchas Horowitz. — Das Erziehungswerk der Alliance in Algerien. — Die Alliance israölite und die Philippopeler Gemeinde. — Aus aller Welt. — Ueber-Perez. — Feuilleton: Krisen. Erzählung von Jacob Levy. — Vakanzen. — Briefka st en. — Familiennachrichten. Wir und die Andern. Bon Aaxime Le MaSfcre. V. : Aus obiger*) Bestimmung der Arbeitszeit ergibt sich mit Deutlichkeit, das; der jüdische Arbeiter mit den andern Gliedern des jüdischen Staates in der ganzen Ursächlichkeit seiner Stellung organisch verwachsen war. Ackerbautreibende waren die Bürger des Judenstaates, und Feldarbeiter müssen in jeder Jahreszeit von Sonncnausgang bis Sonnenuntergang ans dem Felde tätig sein. Gerade die Bestimmung der Arbeitszeit nach der Norm der Feldarbeit bekundet anss Tclitlichste, daß der durchgängige jüdische Arbeitertypus der Feldarveitcr war. Die minimale Disferenz der Berussarten, die ungefähr gleiche Beschäftigung der nieisten Bürger mußte ivesentlich dazu beitragen, die Kluft zwischen Arbeitgeber tind Arbeitnehmer zu überbrücken und aus eiil Minimum der Difserenzierung zu reduzieren. Und auch darin offenbart sich die Grundidee d e s I u d e n t u in s, d i e G l e i ch h e i t, u n d d a s Bestreben des Staates, eine Aequivalenz auch auf wirtschaftlichem Oiebiet h e r b c i z u f ü h r e n. Wie sehr es dem jüdischen Staate darauf ankam, den sozialen Frieden zu wahren und Zwistigkeit jeder Art den Boden zu entziehen, geht aus der Bestimmung hervor, daß der Herr bei - der Freilassung den Sklaven nicht völlig mittellos in die Welt schicken darf; sondern es wird dem Herrn zur Pflicht gemacht, dem Sklaven gelegentlich seiner Befreiung größere Geschenke bestehend aus Kleinvieh und Wein im Werte von mindestens 30 Selah, d. h. 100 M., zu machen, damit er. auf freien Fuß gesetzt, irgend etwas anfangen könne?) Mit dieser Bestinimung war die Unzufriedenheit, die erste Ursache des sozialen Uebels, teilweise aus der Welt geschafft. Die Gleichheitsidee im Judentum ist nicht Theorie, sie ist vielmehr überall da durchgeführt, wo sie nicht die Existenz des Staates.unmittelbar bedroht. Und .überall da, wo sie durchgeführt ist, ist es nicht purer Zufall, sondern läßt sich organisch und mit mathematisch-logischer Sicherheit aus der Grund- und Uridee des jüdischen Kulturtypus ableiten. Dieser organischen Ursächlichkeit verdankt die Gleichheit auf Eilten Gebiete» des jüdischen Lebens ihre strikte Realisierung und ihre prägnante Form. Aus folgender Bestimmung geht es zur Evidenz hervor. „Der „Sklave" muß dem Herrn völlig gleichgestellt *) Bergl. Art. IV. l) Maimon. Hal. Abhdl. K. 3, 14. lein in Bezug ans Nahrung, Beherbergung und Bekleidung", denn es heißt „es muß ihm gut gehen bei dir und wohl sein." — Ter Herr darf kein Weißbrot essen und der Diener Schwarzbrot, der Herr darf nicht alten Wein trinken und dem Sklaven frischen verabreichen, der Herr darf nicht auf Matratzen schlafen, während der Diener sich niit einer Streu vo» Heu begnügen muß. Dem jüdischen Diener, beziehungsweise Sklaven soll eine rückichtsvolle, brüderlicheBehandlung zu Teil werden.-) Der religiöse Ruhetag, der Sabbat, hat mehr denn andere religiösen Institutionen seine soziale Bedeutung. Ter Sabbat muß als die Jncarnation der Realisierung der Glcichheitsidee im Judentum angesehen werden: ich spreche dieses aus ohne jede Absicht, in die Thora hineinrativnalisieren zu wollen. -Diese soziale Macht, der Sabbat, brach jäh das Sklavenjoch, sprengte in Splittern die eiser- Sklavensesscl, denn mitten in der Arbeit unausgesetzten Schaffens zieht der Sabbat ein und läßt durch leinen religiösen „Ordre du jour‘ jede Existenz von Abhängigkeit und Sklaverei aus der Welt schassen, Begrisf von Existenz trennen und hebt plötzlich alle domiiiicrenden Verhältnisse aus, den» an diesem Tage soll alles ruhen, dein Knecht, deine Magd usw. ' Und da»,, die Feiertage, an welchen sich alle gleich freuen — — — — — — — — — Die jüdische Arbeitergesetzgebung hat noch, außer den rein materiellen Bestimuinnge» des Arbeiterrechts und der Arbciterpflicht zwei Momente berücksichtigt, die hier nicHt unerwähnt bleiben dürfen: d i e Arbeitsteilung als Prinzip und der ethische Wert der Arbeit. Und wieder ist es die ethische Objektivierung der Arbeit, die die soziale Differenz zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer herabmindern konnte. Im Altertum galt Arbeiter und Sklavesein für ein und dasselbe, und dieser Begriff von der Arbeit hat noch oft heute in verschiedenen Ländern seine Geltung. Das Judentum aber lehrt, „daß jede Arbeit den Menschen ehre"?) Und an anderer Stelle heißt es: „Ter von seiner Händearbeit lebende höher als der bloß Gottesfürchtige stehe"?) „Liebe die Arbeit und hasse die Hochstellung", heißt es in Pirke Owauth, und in einer Zeit höchster sozialer Erkenntnis muß das Wort gefallen sein: „Schinde lieber öffentlich einen Kadaver und empfange Schinderlohn, als daß du dich mit deiner Autorität brüstest". — — Daß die Juden nicht nur ein arbeitendes, sondern auch ei» schaffendes, wirkendes Volk waren, mußte auch ei» Judenfeind wie Hadrian zugestehcn?) Und in der Tat ist im Judentum nicht allein die ^Arbeit, sondern gleichzeitig auch d a s S ch a f f e n u n d Wirken zur Pflicht gemacht. Schaffen und wirken für -') ibid K. 1, 2.!>) Baba Basra 110. , Bwehauth 18. 5) Midi. Tauch. die Anderen, für big zukünftige Generationen ein stetig-produktives Glied der Gesellschast sein, lehrt das Judentum. Mit Absicht, so heißt es in Midi. Tauch., führte Gott die Juden nach Palästina, als es wohl bepslanzt, gut gepflegt und schön bebaut war, damit sie allezeit sich vor Augen halten, wie andere für sie gearbeitet, so auch immerfort für andere zu wirken und zu schaffen. Diesem Anhalten der Juden zum Schaffen, produktiv zu sein, liegt die Logik der ethischen Objektivierung der Arbeit zu Grunde. Da erkennen wir aberncals den Juden, wie er sein soll, wie er im Geiste des Judentums leben soll: nicht nur jür sich, sondern auch für die Gesamtheit leben, denn der Jude ist durch die politischen, religiöse», rechtlichen und sittlichen Lehren des Judentums ein Ausschnitt der Gesamtheit, ein Glied in der Kette, und dieser antiindividualistische Geist im Judentum, die fest eingesügte Stellung des Einzelnen in die jüdische Gesamtheit, verursacht eine Schwächung des individuellen Egoismus und legt dem Einzelnen auf, auch für die Gesamtheit bewußt tätig zu sein. Und die gemeinsamen Interessen, gemeinsames Schassen und Wirken, die Pflicht für sich selbst zu arbeiten, ohne dabei die Gemeinschast aus dem Auge zu lassen, sowie die unbedingte Subordination des Einzelnen vor der Gesamtheit, verleiht der Nation die Gestalt einer ehernen, kraftvollen Individualität. Die Parole lautet: Arbeite sür dich, und schasse, wirke sür die Ander». Durch diese Stellung des Einzelnen zum Ganzen in der 'Arbeit und im Schaffen ist das Prinzip der Arbeitsteilung im Judentum abzuleiten und sich erklärlich zu machen. Die Maxime sür das Prinzip der Arbeitsteilung ist schon in der Thora angegeben Lobnlnn doressoobo v'Iososodor beoholecho. Und diese Grundidee ist nicht subjektiv, sondern prinzipiell zu verstehen. Wen» wir uns nunniehr die soziale Lehre deS Judentums vor Augen halten, so ergibt sich, daß sie in der notwendigen Existenz der jüdischen Gemeinschast ihren Ausgangspunkt hat, und ihren Gipfel erreicht sie in ihrer Bestrebung der Schaffung einer Aequivalenz aus gesellschaftlichem und wirtschaftlichem Gebiet. Sie klingt mit dem Satze aus: „Es soll kein Armer unter deinen Brüdern fein." Tiefe Grundlehren von der jüd. Gemeinschast und ihrer Existenz, von dem Verhältnis des Einzelnen zur Gesamtheit, müssen, da das Judentum absolut und in sich unbedingt ganz ist, bei der Entwicklung eines politisch-jüdischen Oiemeinwesens in vollem Umsange innegehalten und aufs praktische Leben angewendet werden, denn unsere Bestrebungen gehen nicht dahin, nur den armen Menschen, den Unterdrückten und Verfolgten — abgesehen vo» ihrer religiösen und nationalen, politische» und sozialen lleberzeugung Helsen, sondern den Juden als Träger des Judentums. Daß auch die Führer des Zionismus das organisch Verwachsensein von jüd. Subjekt und Objekt erkannt haben, beweist am deutlichsten die Parole des verewigten Herzls, welche lautete: „Rückkehr zum Judentum muß srüher erfolgen als die Rückkehr ins Judenland." Nicht „liberale" und demokratisch, nicht ,^rei>»