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Neue jüdische Presse · 1905-06-30 · Heft 25 (30.6.1905) · p. Seite 10

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
3 (1905)
Issue
Heft 25 (30.6.1905)
Date
1905-06-30
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
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Seite 10. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Nr. 35. 25. Geueralversammlrmg des israelitischen Lehrervereius für das Königreich Bayern. (Jubiläumsfeier). Ter isr. Lehrcrvcreiii in Bayern hält am Sonntag. den 16. Juli er. zu Würzburg seine Generalversammlung ab. An diese schließt sich die 2öjährigc Jubiläumsfeier an, die den darauffolgenden Montag ausfüllt. Nach dem vorliegenden Programm verspricht die Feiet recht imposant zu werden. Sic wird wohl von zahlreichen Lchrervcreincn Tcutschlands, an die Einladungen ergehen, besucht werden; auch hervorragende Vertreter des Judentums, im öffentlichen Leben wirkende Männer, werden nicht fehlen. Ter bayerische Lehrerverein ist eben der größte Teutschlands, zählt er doch zur Zeit fast 200 Mitglieder, wobei die Lehrer der Pfalz nicht mitgercchnet sind. Tiefe bilden eine» besonderen Verein. Gegründet wurde der bayerische Lehrerverein durch Herrn Hauptlehrer N. Eschwege-Höchberg in Verbindung mit dem inzwischen Heimgegangenen Schuldirektor Ludwig Stern- W ü r z b u r g. Letztgenannter blieb von 1880 bis 1887 erster Vorstand, worauf er Gesundheitsrücksichten halber den Vorsitz an Seniinarlehrcr I. Schlcnkcr-Würzburg abtrat. Auch dieser Herr wellt leider nicht mehr unter den Lebenden. Seit 1893 steht Herr H. G o l d st e i n - H e i d i n g sfe l d an der -Spitze des sichtbar emporblühenden Vereins. Herr Eschwegc-Höchberg bekleidete bis anno 1893 das Amt eines Schriftführers, das seitdem Herr M a n d e l b a u m - W ü r z b u r g versieht, während das Kassicramt ununterbrochen in den Lewährten Händen des Herrn Dr. M. Braunschweiger-Würzb.urg blieb. Ter schnlichst gehegte Wunsch, bis zum Jubiläumsjahre hunderttausend Mark Kapital sein Eigentum nennen zu dürfen, sollte mit Gottes Hilfe dem Verein in Erfüllung gehen, besonders durch eine ansehnliche Spende des hochherzigen Herrn Bergmann, Kvhlenlagerbesitzer, Nürnberg. Tadurch ist die Leistungsfähigkeit des Vereins eine im Wachsen begriffene. Ein Unterstützungstcil beträgt z. Z. 140 JL, im ganzen werden jährlich ca. 5000 JL verteilt, ohne die vom bayerischen Landtage gewährten 2000 JL Subvention, welche dienstunfähigen Religionslchrern und deren Relikten zugute kommen. Ist selbst auch dieses zusammengenommcn nur ein bescheidenes Sümmchen, so mutz man doch mit dem Erfolge zufrieden sein und mit Zuversicht in die Zukunft schauen. Seit dem Jahre 1895 haben auch dienstunfähige Lehrer, nicht nur deren Witwen und Waisen, Anspruch auf den satzungsgeniäßen Bezug des Unterstützungsteil. Ter Verein bildete früher nur einen „Verein für die drei fränkischen Kreise Bayerns". Erst später nahm er, der gewonnenen Ausdehnung entsprechend, den gegenwärtigen Namen an. Trotz vielfacher Ilmwerbungen ist der bayerische L.-V. nicht dem „Verbände der jüdischen Lehrervereine im deutschen Reiche" beigetreten, ebenso nicht dem aus orthodoxer Grundlage stehenden „Bunde". Er möchte seine Selbstständigkeit wahren. Auf der diesjährigen Tagesordnung steht ein Vortrag des pensionierten Lehrers S. Senger- Würzburg über die „Bedürfnisfrage eines konfessionellen Lesebuchs für jüdische Volksschulen." Ter Vortrag dürfte das Interesse weiter Kreise finden. Bekanntlich ist in mehreren Teilen unseres Vaterlandes ein solches Lesebuch eingeführt. In den jüngsten Jahren wurde das Thema ebenfalls behandelt in mehreren jüdischen Lehrervereinen. Tie Generalversammlung findet im Hotel Goldschmidt zu Würzburg nachmittags 3 Uhr statt. Am gleichen Tage (Sonntag) nimmt auch die Jubiläumsfeier ihren offiziellen Anfang mit dem sogenannten „Familienabend" im Schwanensaal, abends 8 Uhr. Am Diontag, den 17. Juli, ist der eigentliche Festakt vormittags 10 Uhr im großen Alhambrasaal. Es dürsten hierzu weit über 100 Lehrer erscheinen aus allen Gauen des Bayernlandes, ebenso eine große Anzahl Gäste. An musikalischen und deklamatorischen Vorträgen wird es nicht fehlen, sodaß jeder Festtellnehmer, Herren wie Tomen, befriedigt sein dürsten. Tie Festschrift wird ziemlich umfangreich ausfatlen. Nebst der Vereinsgeschichte und den Biographieen der bisherigen Vorsitzende» usw. bringt sie auch fachwissenschaftliche Abhandlungen. Auch für Ansichtspostkarten ist gesorgt. Ter Reinertrag wird der Verbandskasse zugute kommen. Tos F e st e s s e n findet um 1 Uhr mittags im Hotel Goldschmidt statt, während nachmittags 4 Uhr sich ein „GartenseI" im „Smolensk" daran schließt. So verspricht die Jubelfeier des bayerischen Lchrervereins in jeder Hinsicht interessant zu werden. Nach ernsten, schweren Arbeitsstunden sind den jüdischen Lehrern aber einige sonnige Tage herzlich zu gönnen. Tie Spannkraft, welche mitunter beim Besten etwas nachläßt, gewinnt wieder an Ansdauer und Erfrischung, der ideale Funke in der Brust des Lehrers beginnt von neuein zu glühen. Tas ist der Segen jeder Lehrervcrsammlung im allgemeinen. Wir wünschen ihn der bayerischen zu ihrem Jubelfeste insbesondere. Mn jüdischer Rektor an einer deutschen Universität. Ein nicht unbedeutendes Ereignis hat sich an der Czernowitzer Universität vollzogen. Bei der am 24. >. M. abgehaltcnen Rektorsivahl, wurde der Proessor der allgemeinen Geschichte Dr. Sigmund Herzberg-Fränkel, ein Jude, zum Rektor für das Studienjahr 1905/06 gewählt. Es ist dies ein Fall, der sich nickst allzuoft an einer österreichische», namentlich aber nicht au der Czernowitzer Universität ereignet. Denn obwohl an dieser Universität die Juden 50«/o der gesamten Hörerschaft ausmachen, und diese ihren deutsche» Charakter nur den Juden zu verdanken hat, weil unter den 361 Hörern deutscher Muttersprache nur 80 Arier sind, während die übrigen 281 Inden sind (weil die Nation der Juden nickst anerkannt wird), )o kann doch das Verhalten dieser Universität in »rauchen die Inden betresfcnden Fragen nichts ivcniger als judenfrenndlich genannt werden. Hat doch der Senat dieser Universität vor einigen Jahren ein jüdisches Sfipendium an einen Christen verliehen, obwohl viel besser qualifizierte jüdische Kandidaten vorhanden waren, die auf das Stipendium ein Anrecht hatten. Nur dem energischen Einschreiten der akademischen Verbindung „Zcphiras" ist es zu verdanke», daß dies Sfipendium nicht weiter in christlichen Händen verblieb. Natürlich mußte dies ein Mitglied der vorhergenannteir Verbindung mit der Relegierung büßen. Als vor 3 Jahren die gesamte jüdische Sfiidentenschaft, selbst die assimilatorisch gesinnte, forderte, daß auch ihre Nation, die doch init 260 Hörern vertreten sei, an der Universität ebenso anerkannt werde, wie die des gfiunänen und Ruthenen und alle die anderen Nationen und Natiöachen, die doch ein weit geringeres Kontingent an Hörern stellen, wurde sie mir ihrem Begehren aä kalendas graecas verwiesen, obwohl eine andere österreichische Universität diesem Ersuchen nach Möglichkeit bereitwilligst entgegengekommen war. Am wenigsten loyal aber hat sich diese Universität vor einem Jahre gezeigt. Da nämlich die juridische Fakultät zum größten Teile von Juden besucht wird, so verlangten diese, datz an den wichtigsten jüdischen Feiertagen Vorlesungen an dieser Fakultät nicht abgehalten werden. Zu dieser Forderung hätten sie ein ebenso gutes Recht, wie die 200 griechisch-orientalischen Hörer, an deren Feiertagen die Universität geschlossen ist. Aber auch diesem Wunsche wollten die Universitätsprofessoren nicht Nachkommen. (Doch werden sie ooleos voloos gezwungen, dies zu tun, demi so oft sie an jüdischen Feiertagen die Hörsäle betreten, finden sie keine Hörer.) Aber auch im öffentlichen Leben treiben einige der Universitätsprosessoren ganz offenen Antisemittsmus. Diese stehen an der Spitze des christlich-deutschcn Vereines,-der den Anttsemifismus in der ganzen Bukowina verbreitet hat. Und wenn der Landtagsabgeordnete Dr. Straucher in einer der letzten Sitzungen gesagt hat: Die Herren aus Graz haben den Anttsemifismus in die Bukowina verpflanzt, so hat er zum großen Teile auch sie darunter gemeint. Aus all dem kann man ersehen, daß die Juden an der Czernowitzer Universität Nicht auf Rosen gebettet sind, und wenn es ein Jude dennoch soweit bringen konnte, zum Rektor an dieser Universität gewählt zu werden, so muß er schon besondere Fähigkeiten aufzuweise» haben und sich auch besonderer Beliebthett bei feinen Kollegen erfreuen. Und dies ist auch bei Dr. Herzverg-Fränkel der Fall. Infolge seines konzllianten wid zuvorkommenden Wesens, wußte er sich die Sympcllhien aller zu erwerben. Denn nur so ist es erklärlich, daß er Rektor wurde. Dr. Sigmund Herzberg-Fränkel ist mn 7. März 1857 zu Brody als Sohn des Handelskammersekretärs Leo Herzberg-Fränkel, des Verfassers der „Jüdischen Erzählungen aus Galizien", geboren. Sett 1874 studierte er Jura an der Wiener, dann Geschichte an der Leipziger und Berliner Universität. Nach dem Erhalte des Doktordiploms im Jahre 1880 wurde er Mitglied des Instituts für österreichische Geschichtssorschung. Nachdem er sich im Jahre 1887 als Privatdozent für Geschichte des Mittelalters an der Wiener Universität habilitiert hatte, ivnrde er im Juli 1893 zmn außerordentlichen und im November 1895 zum ordentlichen Professor für allgemeine Geschichte an der Franz-Foses-Universität in Czernowitz ernannt. Das Buch Levitiens. Uebersetzt und erklärt von Dr. D. Hoffman n. Erster Halbband Lev. I—XVII, Berlin,' Verlag von M. Poppelauer, 1905, S. 478, Oktav. Von Dr. Philipp. Frankl. (Fortsetzung.) Der Verfasser schickt gleich in dem Vorwort seine Ansicht über die Grundwahrheiten des Judentums und über dessen Schrifttum, als da sind schriftliche und mündliche Lehre, voraus. Diese beiden, „Thauro baal peh und bikthaw" zusammen sind der Inhalt des gottossenbarten Gesetzes; beide gleichmäßig sich ergänzend und erläuternd, bilden sie den einheitlichen Bau der „dath mauroscho". Die Gleichstellung der mündlichen Lehre mit der schriftlichen, ist, wie der Verfasser ausführt, so vollständig, daß die letzte der 13 hermenentischen Regeln des R. Jismael auch in Bezug auf Differenzen zwischen der Schrift und der Tradition Anwendung findet. *) . Das Verhältnis der mündlichen zur schriftlichen Lehre wird von dem Verfasser in einigen etwas zu Klapp gehaltenen Vorbemerkungen dargestellt. Die Erläuterungen, die sich, wie von dem Verfasser nicht anders denkbar, vollständig im Rahmen der Emunoh an „Tauro bal peh und bikthaw" beivegen, sind in Anbetracht der Wichfigkeit des Gegenstandes, der ihnen zu Grunde liegt, zu kurz gehalten. Es machen zwar die Vorbemerkungen nicht den Anspruch, als erschöpfende Erläuterungen des Begriffes „Midrasch" und des Verhältnisses des „Drasch" zur „Halacha" zu gelten. Nichtsdestoweniger müßten Ausführungen, die die Grundlagen der mündlichen Thauroh betreffen, schon deshalb ausführlicher sein, weil in wenigen gedrängte» Zeilen solch wichtige Prinzipien unmöglich präzisiert werden können. Es wäre dies um so notwendiger gewesen, als es die hohe Persönlichkeit des Verfassers mit sich bringt, daß man seine Ausführungen auf der ganzen Linie akzeptiert und sie als die wirkliche, unversälschtc Ansicht über diese hochbedeutendc Frage anniinmt. Dieses Moment hätte de» Verfasser bestimmen müssen, seine grundlegenden Vorbemerkungen klar und deutlich, jedes Mißverständnis ausschließend, abzufassen. Wie schön erwähnt, läßt der Verfasser keinen Zweifel über die göttliche Provenienz der mündlichen Lehre aufkonimen. Das mündliche Gesetz ist für ihn genau desselben Ursprungs und auch von derselben Verpflichtung, als auch das schriftliche. Die mündliche Lehre ist einerseits die Erklärung dunkler und zweideuttger Aussprüche der Bibel, die sie naher bestimmt und erläutert; andererseits enthält sie Gesetze, die in der schriftlichen Lehre nicht enthalten sind. Ter Verfasser gedenkt der Disziplin, die mündlich tradierten „Halachöth" auf die Schrift zurückzusühren, in folgenden Worten: „Wie wir schon vorher bemerkt haben, sind uns sehr viele Bestimmungen der göttlichen Gesetze nicht durch die Schrift, sondern nur durch mündliche lleberlieferung übermittelt worden. Nun aber haben sich unsere Weisen bemüht, für diese tradittonellen Bestimmungen Anhaltspunkte in der Schrift zu finden. Ties gelang ihnen durch ein tieferes Eindringen in den Sinn Der Schriftworte oder durch ein fieseres Forschen in der Schrift. Tiefes Forschen nannte man „Drasch", und daher nannte man diejenige Disziplin, welche neue, vorzüglich traditionelle Lehren aus der Schrift herleitete, „Midrasch". Tiefe Ansicht über den „Midrasch", welche auch Rambam und viele Andere ausgesprochen haben, wollen wir unserer Schrifteri) Die Definition dieser Regel seitens des R. Abraham Iben Daud lautet in der Hoffmann'schen llebersetzung: „Gerade wie die Schrift selbst zwei einander widersprechende Sätze vereinbart und - die Differenz in einen Scheinwiberspruch auflöst, so sollen wir alle anderen Widersprüche in der Thora zu vereinbaren suchen. Wir dürfen aber nicht einen Satz verdrängen oder ihn für fehlerhaft erklären."

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