Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 3 (1905)
- Issue
- Heft 25 (30.6.1905)
- Date
- 1905-06-30
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. Frankfurter Jftaelitischer FamiKenblatt. Nr. 25. den Augenschein bestätigt, daß sich Juden und Christen aufs beste vertragen und einander nichts in den Weg legen. Tas ist der Segen der Einanzi- Rrchland. Petersburg, 24. Juni. Am 2t. ds. erfolgte die kaiserliche Bestätigung des vom Ministerkomitee erstatteten Gutachten s betr. die Revision der Judengesetze. Tas Ministetkomitee hat der Meinung Ausdruck gegeben, von dem Standpunkte der Regierung aus bestände die richtige Smg der Judensrage in der rechtlichen Gleichung der Juden mit der übrigen Bevölkerung Rußlands. Jedoch erforderten die sozialen und Rasseneigentümlichkeiten der Juden eine andere Lösung der Frage, weil die rechtliche Gleichstellung der Juden die Interessen der übrigen Bevölkerung verletzen würde und unliebsame Ausbrüche des Volksunwillens Hervorrufen könnte. Tas Komitee hat deshalb beschlossen, die Neubearbeitung der Judengesctze einer cinzubcrusenden Deputiertenversammlung zu überlassen, für die Vorarbeiten aber eine besondere außerbehördliche Konferenz cinznsetzcn, deren Mitglieder zum Teil vom Kaiser ernannt werden, zum anderen Teile aus Vertretern von Behörden bestehen sollen. (Rufs. Telegr.-Agentur!!) n. Petersburg. Wie wird ein Juden exzeß vorbereitet? Ein Auszug aus einen geheimen russischen Dokument. Ministerium des Innern. Kownaer Gouverneur. 3. Abteilung der Kanzlei. 21. April 1905 Rr. 5250 Kowno. Zirkularisch. An die Bezirks- Zsprawuik's und an den Kownaer Polizcichef. Ter Bezirks-General, Quartiermcistcr des Wilnaer Militärbezirks, benachrichtigte mich, das; in Wilna und anderen Städten des Rayons die Anwesenheit von Chinesen, die sich mit Einzclverkaus von Tfchesfutsches befassen, bemerkbar wirb, was bis zum Beginn des gegenwärtigen Krieges mit Japan nicht zu beobachten war. Wenn cs auch keine ausreichenden Gründe für die Behauptung gibt, daß sic den Zweck der Spionage im Ilckeresse Japans verfolgen, so muß doch, ihr Wrftreten zur Zeit des Krieges in diesem Sinne Verdacht erwecken, u m s o m e h r, als sie, wie es scheint, mit eine in Teil der jüd. Bevölkerung in nahen Beziehungen stehen. Unterschrift: Vertreter des Gouverneurs Wcrjeswkiu Bestätigt: - Leiter der Kanzlei, Briling. Nichtig: Gehilfe des Leiters der Kanzlei. Lodz. Zu unerhörten, entsetzensvollen Vorgängen ist es dieser Tage in Lodz, dem Industriezentrum in Russisch-Polen gekommen; vier Infanterie- und zwei Kavallerieregimenter wurden aufgeboten gegen eine ruhig demonstrierende. Arbeiterbevölkerung, deren Kopfzahl auf 60000 angegeben wird. Schulter an Schulter mit ihren andersgläubigen Arbeitsgenosscn haben die Mitglieder der jüdischen Arbeiterorganisation, „der Bund", ge- . kämpft. Barrikaden bis zur Höhe der zweistöckigen Gebäude wurden in den Hauptstraßen errichtet, die vom Militär erstürmt wurden und blutige Kanipfszenen, in denen sich eine verwilderte Soldateska . zu den ärgsten Greueln vcrstieg, spielten sich in den Straßen von Lodz ab. Obwohl nähere Einzelheiten und insbesondere genaue Angaben über die Zahl der Getöteten und Bcrwuirdcten noch fehlen, steht es doch außer Frage, daß eine sehr große Anzahl Juden getötet worden ist. Nach den neuesten Meldungen sind 343 I n dein und 218 C h r i st e n g tötet und über 700 Personen verwund worden. Geradezu bestialisch, tvic Raubtiere, sollen sich die Kosaken benommen haben, die ohne Pardon allesniedcrmetzelten, was ihnen in den Weg kam. Zn der Vorstadt Baluty wurde eine ganze jüdische Familie, die in einer Troschke zum Bahnhof fuhr, von einer Kosakenpatrouille überfallen. Mlc fünf Insassen wurden in dem Wagen erschossen und bc- Riederlande. Amsterdam. Statistik der jüdischen Bevölkerung. Es zählen jüdische Seelen: Amsterdam 54166, Arnhem 1261, s'Gravenhage 5362, Groningen 2628, Rotterdam 8903. Almelo 475, Assen 507, Teventcr 482, Enschcdö 757, Haarlem 758, 'sHertogenbosch 480, Hilversum 535, Leeuwarden 880, Maastricht 405, Meppel 542, Nijmegen 423, Utrecht 839, Vcendam en Wildervank 474, Winschotcn 691, Zntsen 558, Zwolle 691. Alkmaar 249, Amersfoort 373, Apeldoorn 103, Appingadam 168, Borculo 135, Borne 159, Breda 230, Telfzyl 180, Tventinchem 190, Dordrccht 297, Eibergen 100, Eindhoven 225, Elburg 104, Emmen 142, Goor 126, Gorrinchem 200, Gonda 380, Grocnlo 115, Harlingen 197, Helder 254, Hengclo (O.)) 162, Hoogeveen 391, Hoogezand 147, Hoorn 190, Kämpen 247, Kvcvorden 210, Knilenburg 127, Scet 136, Seiten 399, Lochen, 149, Middelburg 212, Nijkerk 149, Oldenzaal 207, Osch 193, Pekela 293, Roermond 104, Ryssen 122, Sittard 164, Sveek 132, Steenwijk 215, Tiel 136, Tilburg 136, Venlo 101, Vlagtwedde 140, Vlissingen 125, Winterwijk 181, Zalt-Bommcl 114. Eine große Anzahl Orte haben weniger wie 100 jüdische Einwohner. In Summa wohnen fast 95000 Juden in den Niederlanden. 0 Mordche» trocknete sich die Stirn, denn eine so lange Rede hatte er lange nicht mehr gehalten. Tie Frau sann einen Augenblick nach, dann überflog ein leises Rot ihr Antlitz und sie sagte in herzlichcin Ton: „Gewiß will ich. Es ist brav von Tir, das; Tn an meiner Schwester Sohn so gut handelst." Mordchcn lachte vergnügt und rief den Jungen. Ter saß mit anderen Knaben auf der Teichscl eines Wagens und wippte auf und ab, folgte aber sofort in's Haus. Tie Frau rief ihn zu sich. „Simon, jetzt bleibst Tn bei uns. Willst Tu auch brav sein?" „Gciviß, Mnhmcle Blümchen," erlviderte er i» ernstem Ton. „Komm', mein Kind, wir wollen Tein Zimmerchen einrichten." Sie ging die schmale Treppe hinaus, er folgte mit seinem leichten Bündclchen. Nach dem Abendbrot brachte die Tante das Kind, das sehr schweigsam geworden war, herauf. „Simon, jetzt bete, und dann schläfst Tn gut. Im Nebenzimmer schlafen Onkel und ich, Tn bist also nicht allein." Sie küßte den Knaben, der ansing zu weine». „Jetzt spiele» zu Haus die Kinder im Schlafzimmer!" „Aber Kind, sei doch verständig. Tn kannst doch am Tag genug spielen, Tn darfst auch häufig nach Hause gehen. Siche, Teinem Vater fällt es so schwer. Euch alle durchzuubringe». Hier lernst Tu was Ordentliches, damit Tn später Teinc Eltern unterstützen kannst." „Ja," stammelte er. Tie Tante blieb an seinem Bettchcn sitzen und erzählte ihm, bis er eingcschlafen war. Nuten paffte ihr Mann mächtige Wolken aus der langen Pfeife. „Nenbclchen wirb jetzt achtzehn Jahre alt und soll in Tienst. Wo könnten wir sie unterbringe»?" Seine Frau meinte: „Frau Müller in Laucha sucht ein junges Mädchen, ich werde mit ihr reden. Dort Ivärc sie in einem reichen und gut jüdischen Hause untergcbracht." Feuilleton. G Krisen. Erzählung von I a c o b L e v Y. (Fortsetzung). Frau Müller, die Gattin eines wohlhabenden Schnittwarenhändlcrs, empfing, auf dem Sopha sitzend, Frau Selig und ihre Nichte mit Huldvollem Kopfnicken. Eine geputzte breite Frau mit gutinütigen Zügen, die sich sichtlich Mühe gab, die feine Tame zu zeigen. Sie musterte mit Wohlgefallen das frische junge Mädchen, das schüchtern an der Tür stehen blieb. „Tritt näher, Kind, Tn brauchst Tich nicht zu fürchten." Frau Selig ermunterte gleichfalls: „Nendelchcn, sei nicht wie ein kleines Kind." Frau Müller rief entsetzt: „Was ist bas für ein Namen. Ncudelcheu, das geht aber in meinem seinen Hause nicht, da wird reines Tentsch gesprochen. Wie heißt Tn denn ans Tentsch?" „Nanni." „Gut, bei mir wirst 2m mindestens Nanni genannt." Frau Müller versicherte noch, daß das Mädchen bei ihr nicht nur den vornehmen Haushalt, sonder» auch Bildung und Benehmen lernen würde. „Ich engagiere Tich auf Empfehlung Teiner Frau Tante, mache ihr Ehre." Es wurde dann der baldige Eintritt verabredet, und so schied man unter allseitiger Befriedigung. Traußen aber fragte das Mädchen: „Wie muß ick) nun zu Tir sagen, Mühmele Blümchen, wenn ich fein geworden bin, wie heißt Tn auf gebildet?" „Narr," lachte ihre Tante, „so lange ich nicht fein geworden bin, bleibe ich, was ich bin." Simon besuchte die israelitische Schule in Laucha und hatte sich bald den Ruhm erworben, unter seinen sechzig Mitschülern der Wildeste zu sein. Tie Ruhe in: Hause Selig ist erschreckt geflohen. Seitdem Simon einmal mit seinen Freunden einer Kundin das Oelsäßchcn ans den Leib geworfen hatte, durfte er weder mehr im Laden spielen, noch mehr wie einen Freund in's Hans mitbringen. Tas altmodische Hänschen hatte den Hof mit dem Nachbarhaus gemeinsam. Tort hauste ein altes jüdisches Ehepaar, das seine Kinder alle verheiratet hatte, mit einer Magd allein. Ter große Hof mit seinem Gerümpel bildete einen Lieblingsanfenthalt für die Kinder, welche die verwickeltsten Spiele dort ausführen konnten. Tas. alte Ehepaar nun verwünschte über dem Lärm jeden Tag die Stunde seiner Geburt. Wenn es aber ruhig war, ging der Mann, Herr Scheuer, wie eine Tampfmaschine kurz vor der Explosion herum und ärgerte sich im vorhinein über den Spektakel, der gleich losbrechen werde. Mühniele Blümchen aber hatte nur zu flicken, an Nahrungsmitteln wurde ungefähr das Tappelte konsumiert wie srüher, im übrigen jedoch war der Junge der Abgott seines Onkels und seiner Tante. Unerbittlich aber war der Onkel im Chumischstndium, zu demer den Knaben jeden Tag herbeiholte. Und wenn er rief: „Simon, übersetzen," dann kan: Simon auch ohne Sträuben, denn er wußte, darin verstand Onkel keinen Spaß. 3. Kapitel. Tie Herbstfeiertage nahten heran. Alle die Männer, die im ganzen Jahre ihren Erwerb außerhalb des Ortes suchten, die Viehhändler, Handelsleute, sie waren jetzt zu Hanse. Tas war jetzt lebhaft in Hainthal.. Die Familien besuchten sich, die kleine Synagoge war überfüllt. Es wurden auch die Geldgeschäfte abgewickclt. Bei Müller in Laucha, der außer Schnittwarenhändler auch Bankier toar, hatten besonders die Viehhändler viel zu tun. Dort wurden die Gechäfte noch auf altmodisch-gemütliche Art vollzogen. Zerr Müller empfing seine Kunden mit Handschlag und führte sic in .das kleine Kontor neben dem Laden. Jetzt kamen endlose Berechnungc» mit den „Sorten", von denen die heutige Generation keine Ahnung hat. Tie Goldmünzen, Dukaten, Louisd'ore, Fricdrichsd'ore wurden genau geprüft, ans der Goldwage gewogen, wenn der Rand abgefeilt schien. Dann kamen die „wilden Kassenscheine" von allen Kleinstaaten und Banken dran, die oft schwarz, schmierig, zusammengeklcbt waren. Nun wurden Taler, Kronentalcr, Gulden aufgczählt und mit vielem Spektakel, mühevollem Rechnen schließlich dann die Gesamtsumme festgcstellt. Tann aber, nach beendetem Geschäft, klopfte Herr Müller an die Tür, die zun; Wohnzimmer führte. Klopfte er einmal, wurde ein Schnäpschen gebracht, pochte er aber zweimal, kam. Liqueur und Makronen. — Erew Rosch hafchanoh faß ein junger Mann bei Müller auf dem kleinen Kontor. Er hakte ein sehr gutmütiges, von schwarzem Bart umrahmtes Gesicht. „So, Herr Müller, die tausend Taler stellen Sie mir auf Zinsen, bis ich.wieder ein Grundstück kaufe. Für meinen Viehhandel brauche ich diese Summe nicht." > „Herr Weinberg, wenn alle meine Künden so in der Wolle gefärbt wäre», tute Sie, hätte ich viel weniger Sorgen." Und er gab das zwiefache Signal. Nach einem Augenblick kam Nendelchcn — jetzt Nanni — und brachte das Tablett mit den Süßig- Ter junge Mann betrachtete das hübsche Mädchen mit unverhohlenem Vergnügen. „Tausend, Herr Müller, was haben Sie da für ein schönes Mädchen!" Nanni bekam einen feuerroten Kopf, warf einen blitzschnellen Blick auf den jungen Mann und eilte hinaus. Herr Müller schmunzelte behaglich. ^Gefällt sie Ihnen, Sie Schwerenöter? Alan muß ja die Mädchen vor Ihnen verschließen." Weinberg lachte selbstgefällig und erhob sich. „Tie gefällt mir' wirklich." „Ach was, ein Kind von kaum: neunzehn Jahren." „Nun, sie wird jeden Tag älter. Sie dürfen mir öfter von ihr den Likör bringen lassen." Und mit harmloser Selbstzufriedenheit entfernte Nanni aber schaute ihm durch einen Spalt in der etwas geöffneten Kiichentnr nach. Nachdem seine Schritte verhallt waren, ging sie auf den Fußspitzen in das Wohnzimmer, guckte in den Svicgel und zupfte sich an den Löckchen, bis die alte Köchin Jette sie scheltend wieder in die Küche bcschied. (Fortsetzung folgt.) Atts den Schriften eines Chafsid. Bon Ben-Jaijr. Ueversetzt aus dem Hebräischen von N. Du stehst mich ja verwundert an, mein Freund. Und Du vermagst nicht zu begreifen, wie ich in das Geheimnis des Lebens eindringen will. Habe ich doch vom Leben so wenig gekostet. — Wie, fragst Du, kann mein Herz von Lebenswärme erfüllt sein, wenn ich doch das Leben fliehe und mich von der Welt zurückziehe? Wahrlich, ich bin Dir ein unlösbares Rätsel! Aber, Freund — Weil ich eben von den Lebensgenüssen noch nichts verzehrt, weil ich mich am Leben noch nicht vergriffen