Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 3 (1905)
- Issue
- Heft 25 (30.6.1905)
- Date
- 1905-06-30
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 25. Seite 3. den Band gelesen hat, in dem der jüdische Verlag eine Unzahl wohl der besten Novellen des Lichters Perez dem deutschen Leser übergeben hat. Aber schon indem ich den Ausdruck Novelle gebrauchte, habe ich mich an eine Bezeichnung gewendet, die auf das, was Perez uns gibt, ganz und gar nicht paßt. Bilder sind es vielmehr, in peinlich reinen, aber matten, fast welken Farbentönen ausgesührt. Tiefe Bilder mögen noch anderweit das Interesse beanspruchen, in hohem Grade das des Sozialpsychologen, dessen vor allem, der Verwandtschaften und Sympathieen mit dem Geiste des oft - europäischen Juden fühlt und aufdecke,i will. Gewiß können Ivir auch die tiefste Eigenart jüdischen Lebens in Rußland kaum ohne den Truck denken, der auf ihm lastet. Gewaltherrschaft und Knechtung zwingen die Existenzen da drüben, wie in einem eisernen Rahmen zu einem einheitlichen Ganzen, das, wie gequält und durch brutalen Zwang gehalten, doch immer ein Ganzes ist. Auch aus den Bildern des Perez hören wir die Stimmen einer Gemeinschaft von Menschen, die nicht nur äußerlich zusammeiigcbunden, sondern auch innerlich miteinander verwachsen find. Aber uns will heute die angenehme Farbe des Einbandes und des Papiers, überhaupt, die gute Empfindung, die man hat, wenn man das Buch in den Händen hält, erinnern, daß wir Perez jetzt vor allem uns allein als den Künstler, als den Künstler einer eigenartigen Form auffassen sollen, so wie er uns, den Westeuropäern, losgetrennt von dem mütterlichen Boden seiner Sprache, entgegentritt. — — Perez arbeitet nicht mit den scharf umrissciien Linien der Radiernadel, die alles, was sic zeichnet, in diesen Linien markant hervorhebt. Was uns. an ihm so anzieht, ist vielmehr einem flüchtigen Zittern sanfter Licht- und Schattenspiele zu vergleichen. Mitte» aus dem Leben, aus dem tiefen Kellerstuben- und Beth-hamidrasch-Leben sind diese Szenen heraufgeholt an das Licht des ästhetischen Reizes — da, wo dieser Reiz sic anfing zu vergolden, beginnen die Bilder, und wo er wieder hinschwindet, da brechen sie ab ... . aber das dunkle Leben, das in ihnen für wenige Augenblicke die Mgen aufgeschlagen hat, fließt weiter da unten in den Kellerstuben oder im Beth-hamidrasch. So hat man am Ende der Erzählungen fast stets das Gefühl, als ob, wie in der Ferne, einige gedämpfte Akkorde leise hinsterbend weiterklingen, welche Abschied nehme» voir dem Leben da oben und hinübersühren zu dem Leben da unten. — Von allem, was im Leben heiß und stürniisch sich bewegt, hat unser Achter nur den sanftesten Farbenton genoinmen, um ihn seinen Skizzen einzufügen. Taruin ist so wenig Dramatisches iir ihnen, >vie in jener herbstlichen Nebellandschaft. Wie das, was er uns schildert, geworden ist, wie es sich unter Kämpfen gebildet hat, darf man nur erraten aus dem, was er „frei und leicht, wie aus dein Nichts entsprungen" vor unserem Auge ausbreitct. Tie Psychologie der Handlung fehlt, weil die Handlung selbst bei ihm so vereinfacht und auf das Wenige reduziert ist, das gerade hinreicht, die zarte» Linie» seiner Skizzen zu bilden. In einem Spiel von Licht und Schatten erschöpft sich schließlich alle Handlung. Tas erblicke ich besonders da, wo eS sich um erotische Beziehungen handelt. In der wunderbar fein gefühlten Erzählung: Tie Verstoßene, sind es nur ein paar einzelne Momente, die durch das Bild zusammengefaßt werden. Wer zwischen diesen Momenten hinter den Worten des Künstlers steht das Leben mit seinen schweren, traurigen Augen. Und eben das ist der Reiz, daß das Wenige, was vor uns, in ein mattes Licht gebettet, vom Mnstler gestaltet steht, innerlich so reich und schwer ist, daß wir die Tiefen, aus denen es hervorgestiegen ' ist, enträtseln können. — Kürzlich las ich die Beschreibung eines Vulkanausbruchs von dem Schriftsteller Frischmann — eine Beschreibung voll von blendenden Farben und erschütternden Bewegungen. Tas war mehr als nur eine Beschreibung, es war, aus dem überquellenden Leben der Natur gerissen, selber Leben. So etwas kennt Perez nicht, auch nicht bei seinen menschlichen Gestalten; sie sind aus einem überaus feinen Stoffe gebildet, der nicht von dieser Erde ist. Nirgends wird diese Stimmung durchbrochen; kein Schmerzensaufschrei, kein überlautes Jubeln zerreißt die Stille, die über seinen Bildern gebreitet liegt. Daher koinmt cs auch, daß Perez nirgends wahrhaft, von gauzenl Herzen lacht. Ter Mang des Gelächters würde eine Tisharmonie in seine gedämpften Melvdieen hineintragen. Er lächelt nur, lächelt, ivenn Jossel in scherzendem Spiel, hinter dem doch so Viel Trauer hervorguckt, die Geliebte findet, lächelt, wenn Bonze als Belohnung für sein standhaftes Schweigen von Gott „alle Tage des Morgens eine warme Semmel mit frischer Butter" sich zum Lohne erbittet. Kinder, deren Seele Perez innig versteht, lächeln so, wenn sie eben geweint haben. In diesem Lächeln zuckt cs noch von halb getrockneten Tränen und von kaum verwundenen Schmerzen und Qualen. Weil Perez mit so gewissenhaftem künstlerischen Takte herausftthlt, was sich in die schleierzarte Nebellandschaft seiner Stimmung einsügcn läßt, so gibt cs bei ihm viel Tiefes und Trauriges, was er uns nur anvertrauen kann, indem er davon schweigt. Aus seinen Gedankenstrichen lassen sich oft Schicksale entziffern. Ticjenigen Gefühle und Schicksale aber, die er uns, in die fremdartigen Fornien des ostjüdischeii Lebens gegossen, ausspricht, sind selbst nicht wieder fremd und ungewohnt. Geist sind sie von unserem Geiste, und so einfach, daß jeder von uns sie auf den Lippen trägt, sie anszusprechen. Und weil er sie nur von unsereni Munde abliest und ihnen die ästhetische Gestalt gibt, in der wir sie als unsere eigenen Gefühle und Schicksale geläutert wiedererkcnnen — darum ist Perez ein echter Mnstler. I. L e w i n - H a s s e f a r d i. Ol« grösste Auswahl in Lederwaren jeder Art, sowie viele Neuheiten moderner Taschen, Pompadours etc. zu bekannt billigen Preisen bei Hook de Schiinirube, Steinweg 7. Aus alter Wett. Deutsches Reich. Ha«n.-Münden. U n e r q u i ck l i ch.e Verhältnisse. Tie hiesige jüdische Gemeinde lebt seit läikgerer Zeit in Unfrieden. Sie hat sich in zwei Lager gespalten. Ter Gemeindevorsteher hatte für letzten Sonntag eine Gemeindeversammlung eiubcrufen. Zu derselben war auch der Landrabbincr erschienen. Tiefer hatte schon öfter mit der Angelegenheit zu tun gehabt und sürchtete für seine persönliche Sicherheit. Er bat deshalb die Polizeiverwaltung um polizeilichen Schutz, der auch gewährt wurde. Vor Beginn der Versaminlung kam es zu einem heftigen Austritt zwischen Landrabbiner und dem Gemeindevorsteher, Echterer wollte den Vorsitz in der Versammlung haben, letzterer wollte den Vorsitz selbst führen. Ta erschien der bestellte Polizist. Ter Landrabbiner sprach nun mit dem Polizisten und setzte ihm auseinander, weshalb er ihn bestellt habe. In dieses Gespräch mischte sich der Gemeindevorsteher hinein, weshalb ihn: vom Polizisten bedeutet wurde, daß er warten solle, bis er gefragt werde. Daraufhin verließen der Gemeindevorsteher und sei» Anhang die Versammlung. Ter Gemeindevorsteher hat sich nun beschwerdesührend an die Kgl. Regierung nach Hildesheim gewandt. Man darf gespannt sein, wie diese sich zu dem Konflikte stellen wird. Regensburg, 20. Juni. Selbstmord. Gestern Abend fanden, wie der „B. Bolksb." berichtet, Bewohner der Synagoge den etwa 23jährigen Schächter und Kantor Abraham Idelsohn in seinem Blute liegend aus dem Hausflur des zweiten Stockes. auf. Ter Unglückliche hatte sich mit hem Schächtmesser die Kehle zu durchschneiden versucht und röchelte furchtbar. Der Schnitt trennte nicht die Luftröhre, sondern nur die Speiseröhre durch, welche weit aufklaffte. Der Schwerverletzte wurde durch die Freiwillige Sanitätskolonne in das protestantische Krankenhaus verbracht, wo sich die Aerzte bemühten, durch einen operativen Eingriff eine Rettung zu erzielen. Der Selbstmordversuch dürste auf einen Anfall von Geistesstörung zurückzuführen sein. Oesterreich-Ungarn. Wien. In Baron Nathaniel von Rothschild ist wieder einmal ein Geldfiirst gestorben, der keinen innereil Kontakt zum Judentum hatte, denn sonst wäre es ihm in einer Zeit wie. die jetzige, wo in Rußland Millionen Juden sozial verbluten, unmöglich gewesen, eine 20 Millionen -Stiftung für interkonfessionelle Zwecke — d. h. in Oesterreich häufig: für Zwecke, bei denen Juden ausgeschlossen sind — zu vermachen. Und der Dank! — Tie antisemitische Presse begeifert diese hochherzige, fürstliche Schenkung. Ter Rothschild im Reichtum weit überragende Fürst Schwarzenberg testierte für die Armen Wiens 1000 Kronen und die antisemitische Presse war des Lobes voll; Rothschild testiert 20000mal mehr, und er ist — der Jude, dem man keine edle Regung zuschreibcn darf. — Und wie da gearbeitet wird! Das „Deutsche Volksblatt", das Organ des Antisemitenhäuptlings B e r g a n i, beginnt mit dem frei erfundenen priooipium pstitam. von dem natürlich nicht der blaue Tunst ivahr ist, daß die Familie Rothschild lediglich „durch Wucher" und durch die „rücksichtsloseste und hartherzigste Ausbeutung der Notlage ihrer Mitmenschen" groß geworden sei; die Mitglieder der Familie Rothschild seien durchaus „degenerierte, stupide, mehr affen-, als menschenähnliche Wesen" und Baron Nathaniel v. Rothschild habe mit seiner großen Wohltätigkeits-Stiftung — sie ist die größte, die je in Oesterreich gemacht wurde — eine „Scheinwohltätigkeit" geübt und nur „verblüssen" wollen. — Tie andern antisemitische» Blätter schließen sich dem Deutschen Volksblatt würdig an; doch man erlasse cs uns, länger in diesem Schmutze zu ivühlen. — Sehr richtig schreibt „Blochs Oesterr. Wochen- „Baron Nathaniel Rothschild wollte, daß sein Liebeswerk seinen leidenden Mitmenschen ohne Rücksicht auf Nationalität oder Bekenntnis zugute kommen sollte. Getviß ist das die rechte Huinanität, die Ha ivünscht, daß die Mensche», zumal unglückliche Menschen, mit gleichem Maße gemessen werden, die Frage bleibt aber offen, ob der große Menschenfreund auch zur Genüge bedacht hat, vier da berufen sein Iverde, seine Absichten zu verwirklichen, und ob nicht etiva gerade die, die als seine Volks- und Glaubensgenossen seinem Herzen am nächsten gestanden haben mochten, dabei gar zu sehr zu kurz kommen könnten. - Was für Begriffe der 'Antisemitismus von Gerechtigkeit hat, bas haben wir ja gesehen. In Stadt und Land führt der Antisemitismus bei »ns das Ruder. Es gibt schon zahlreiche interkonfessionelle Stiftungen, die von Juden errichtet worden sind. Und nun — die Hand auf's Herz — hat bei den Machthabern in Stadt und Land ein Jude, oder auch nur ein notorischer Liberaler, genau dieselbe 'Anwartschaft auf Berücksichtigung, wie — andere Bewerber? Diese Stiftungen und Legate, wie z. B. die berühmten Singer'schcn, werden ausschließlich antisemitischen Agitatoren verliehen. Tas traurige Kapitel mancher Pollak von Rudin'schen Stiftung bildet seit langem ein offenes Geheimnis. In dem Bettina-Pavillon, fundiert von Baron 'Albert Rothschild, >vird ein jüdischer Arzt nie eine A n st e l l n n g finde n. Das lag gewiß nicht in den edlen Intentionen des hochherzigen Stifters, entspricht aber der „Moral abendländischer Zivilisation" und „herrschendem Christentum". Ter Statthalter aber erzittert und erbebt vor jedem Keinen Wiener Demagogen. Und so könnte es >vohl geschehen, daß der großherzige Stifter, der in seiner Menschenliebe alle gleich behandelt wissen wollte, gerade seine Bolks- und Glaubens- und darum auch seine Leidensgenossen znrückgesetzt und geringer bedacht hat als — die anderen." Schweiz. Zürich. In der konservativ. „Freitagszeitung" läßt sich Redakteur Zucliiidcn anläßlich der Beschreibung eiiies Ausfluges über die beiden jüdischen Gemeinden E n d i n g e n und L e n g n a u wie folgt vernehmen: „Bei der Volkszählung von 1900 waren in Ober-Endingen noch 203 Inden, neben 545 Katholiken und 313 Protestanten, in Lengnau 110 Juden, 988 Katholiken und 21 Protestanten. Bon der früheren Zeit zeugt in Ober-Endingen wie in Lengnau namentlich noch die große Synagoge: einen Rabbiner gibt es aber weder hier noch dort; nach Lengnau kommt alljährlich etwa zweimal Herr Rabbiner Tr. Littmaiin von Zürich, und Ober-Endingen ist (war!) dem Rabbinat Baden zugeteilt; in der Regel versieht ein Vorsänger die gottesdienstlichen Funktionen. Hier und da dient die Synagoge auch anderen Zwecken; so wurde vor 14 Tagen in der Synagoge von Lengnau das Bezirkssängerfest abgehalten und um die gleiche Zeit ungefähr sprachen in der Synagoge von Ober-Endingen vor einer großen Volksversammlung einige Aarganer Berühmtheiten, die Nationalräte Zschokke, Baldinger und Eggspühler, über das Surbtalbahnprojekt. Typische Merkmale einer jüdischen Kolonie fallen dem oberflächlichen Beobachter kaum irgendwie auf; die jüdischen Haushaltungen, Wohnungen und Geschäfte unterscheiden sich, von den Namen etwa abgesehen, durch nichts von den christlichen, die jüdischen Kinder, die in der Straße spielen, sind gar nicht immer als solche gleich zu erkennen, und, wenn nicht hier und da eine würdige jüdische Matrone in schwarzem Häubchen vor der Haustüre sitzt oder ein paar Judenftauen mit großen Gebetbüchern vom Judenfriedhof zurückkehren würden, so könnte man heute durch Endingen und Lengnau wandern, ohne zu merken, daß hier einmal die gesamte Judenschaft der Schweiz und noch länger diejenige des Kantons Aargau seßhaft war. Tas beste aber ist, daß zwischen Christen und Juden nunmehr das freundnachbarlichste Verhältnis herrscht: ich habe darauf bei meinem kurzen Verweilen besonders geachtet, manches beobachtet und bei Juden und Christen nachgefragt; übereinstimmend wurde von beiden Seiten bezeugt und durch