Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Presse · 1905-06-30 · Heft 25 (30.6.1905) · p. Seite 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Presse
Volume
3 (1905)
Issue
Heft 25 (30.6.1905)
Date
1905-06-30
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2692297-2692409-2692434--01722-3518549
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

Nr. 25. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Seit». 5. habe — gerade daher und gerade dadurch bin ich fähig, das Leben in seiner Fülle und in seiner Größe zu genießen. Dir kommt es , noch immer sonderbar vor? Nun, betrachte einmal das Ende der Menschen, — jener Menschen, die an das Leben heranzutreten wagten und seine Schätze zu benutzen sich erkühnten. Sieh doch: — Das heilige Feuer, das in ihrer Seele glühte — sie haben diese göttliche Flamme vis auf den letzten Funken vergeudet; und ihre Seele wurde immer kälter und immer starrer, bis sie gänzlich erfror und erstarb. Sieh doch: — Welch' fürchterliche Oede herrscht ja in den Herzen jener Menschen, die vom Leben gekostet haben. Wie matt wurden bald ihre Augen, wie erloschen sie bald! Höre: sie gähnen schon — Ja! Sie gelüsteten nach den Lebensfreuden und sie scheuten sich nicht, von ihnen zu zehren und zu zehren, wie es nur das Auge und das Herz begehren konnte. Sobald sie das Leben mit ihren plumpen Händen angetastet haben, nahmen sie ihm damit seine Seele. All jene Dinge, die von soviel Leben sprudelten und so viel Licht und Wärme spendeten — sie verwandelten sich unter ihren Händen in Gesteine, in Glasscherben. Und das Herz, das so viel Wünsche und solch starke Sehnsucht in sich verbarg,- das Herz, das sich so ergötzen und entzücken konnte — es ist mm verstummt, versteinert. Entflogen ist die Seele aus dem Leben und entflogen ist sie aus dem Herzen — Und es ward ihr Herz zu einen» Grab: zu einem ewigen Grabe für das Leben, das sie selber töten. Und sie besitzen in ihrer Welt einen großen Friedhof mir — und sie strecken aus ihren Leib auf den Gräbern und gähnen und gähnen! . . * * Aber ich — * Ich, Freund, — ich habe noch nichts von meinen» Seelenschatz vera»»sgavt. Mein Herz ist noch voll, übervoll von Leben und Glut. Auch nicht ein einziger Funke ist in mir erloschen. Das heilige Feuer ist unversehrt in meiner Seele brennen geblieben. Alles lebt in ihr und glüht und zündet; alles hallt in ihr wieder und stürnit und braust — und erwärint und erleuchtet. Alles in mir ruft nach Leben! — Und ausgebreitet ist vor »nir das Leben — das volle, saftige Leben in seiner ganzen Herrlichkeit und Pracht. Und ich ergötze mich an der Majestät des Lebens. Und es ergießt sich über das Leben nieine große Liebe mit der ganzen Wucht jener heißen Sehnsucht, die in meiner Seele flamint. - Und »»»eine Seele brennt in St»»rm — und dennoch . . . Dennoch bleibt in mir das Leben unvermindert! Ich will nicht die Majestät des Lebens antasten, dmnit ich sie nicht verletze. Denn ich will, daß das Leben immer schön bleibe; daß ich mich am Leben immer weide. Ich entrücke mich dem Leben, weil ich das Leben so sehr liebe — und ich will daher nicht das Leben ausplündern und ihn» die Seele nehmen. Ich will nicht das Leben tropfenweise genießen; ich will nicht seine jungen Pflanzen abhauen; ich »oill nicht allmählich absterben: mit jedem Moment des Lebens iinmermehr absterben . . . Es lebe ewig das Leben — und ich mit ihm! Fern stehe ich und überschaue das Leben von seinem Anfang bis zu seinen» Ende. Und es geht so auf meine Seele in der großen Weltseele — Und es lebt in mir das Leben so heiß und so . stark, es lebt das große Leben in einem verborgenen Wir»kel meiner Herzenskammer. Sein Feuer wird nie erlöschen, sein Licht nie erblassen. Ich will nicht aus mir selbst heraustreten u»»d in eine fre»»»de Welt eintreten. Denn wenn ich nur da bin, ist alles da . . . Die ganze Welt gehört »nir, »veil ich sie verschone, weil ich mit dem Leben nicht verschwenderisch umgehe — „Die ganze Welt ist nur für meinen Sohn Chanina geschaffen worden — und mein Sohn Chanina begnügt sich mit einem Mäßlein Johannisbrot . ." Bunte Chronik. Juden und Griechen. (Ans einer Rede des Geistlichen Henry Ward Bcecher - in Ncw-Pork.) " Tie Inden waren cs, die der Welt eine Religio,» gaben, deren Benins die Entwickelung der Männlichkeit förderte. Mit anderen Worte», sie gaben der Welt eine sittliche Religion zun» Unterschied von einer bloß verehrenden und abergläubischen Religion. Ungeachtet aller Andacht und Berehrnng, die auch bei den Inden »in höchsten Maß anzntresfen waren, war doch das unterscheidende Merkmal der Religion Israels, daß sie die »veltliche Führung der Menschen beeinflussen »vollte. Die erschöpfte sich nicht in Hymnen und Gebete». Die beeinflußte den Charakter der Menschen und suchte vor allen» und mehr als alle Religionen zu jenen Zeiten Männlichkeit zu entivickeln. Tenn der eigentliche Dinn des altleslamentlichcn Wortes „Rechtschaffenheit" tvar das, »var wir jetzt unter Männlichkeit verstehen. Suchen, ein rechtschaffener Mann zu »verdcn, das »var die unterscheidende Eigentümlichkeit der jüdischen Religion. Die bildete ein Geschlecht von -Männern heran, die Wahrheit, Gerechtigkeit, Diltlichkeit, Danftmut und Bescheidenheit pflegte». Die erzog Männer, die nicht ihres Gleiche» hatten. Tie Griechen haben ivohl bessere Tempel gebaut; aber obgleich die Juden niemals Marmor gemeißelt haben, so haben sic besseres getan, sie haben Männer gemeißelt. Während — so fährt Bcecher fort, nachdem er eingehend ans die wunderbaren Leistungen der Griechen hingcwiesen — die Griechen Ebenbilder der Menschheit ansertigten, schufen die Juden die Menschheit, machten sie Männer. Tahin zielte in Wahrheit die Religion der Inden. . .. Tas sittliche Gefühl der Menschheit, die lebhafte Konzeption von Recht und Unrecht hak ihre» Ursprung bei den Inden. Hunger und Durst nach Rechten tvar bezeichnend für die Juden schon in ältester Zeit; und wir haben den Anstoß nach dieser Richtung erhalten aus den Schriften und durch das Vorbild der Inden. Schönheit, Ebcnnraß, Harinonie tvaren die Sehnsucht der Griechen, die aber niemals nach dem Guten sich sehnten. Ten Juden inangeltc der Sinn für Schönheit (?? Siehe hohes Lied!!) die sich in der Materie Leigte, aber sie tvaren entflammt für seelische Schönheit und sie suchten in dem Menschen eine innere geistige Schönheit zu schasse», wie die Griechen eine körperliche. „Wie der Hirsch schreiet nach frischem Wasser, so schreiet meine Seele, Gott, zu Tir." In der Literatur des ganzen Erdballs findet mau nicht eine zweite solche inbrünstige Auslassung, und das ist nur eine von zehntausend Aenßerungen der - Sehnsucht des jüdische» Geistes nach dem Göttlichen. Tie moralische Literatur, die uns von diesem Volke ü berkoinmen ist, ist gleichfalls ein Schatz für die Welt geivescn. Tas Menschengeschlecht hat sich an Homer gelabt, an Plato, Aristoteles, Sencca, Ciecro und ein oder zlvei Autoren des fernen Ostens. Aber nirgends hat es solche Rahr»»ng für den inneren Menschen gegeben, wie in der Weisheit Lalomos, in den Psalmen Tavids und seiner Schule und in den Mahnungen jener großen Staatsmänner auf einsamer Höhe, der hebräischen Propheten, die Meister der Staatsweisheit waren in dem Zeitalter, in welchen» sie lebten. Bucherscha«. Z u d e n Protokollen der bisherigen 6 Z io n i ste n ko n g ref s e erscheint soeben im Jüd. Berlage (Berlin C„ Herderstr. 3/4), ein Register (Preis 75 Pfg., Ausgabe auf besserem Papier Jk 1), das von Hugo Schachtel, Breslau, zlisaminengestellt ist. Sechs Bände von recht beträchtlicher Stärke (im Gesamtumfang von ca. 1800 Seiten! umfaßt bereits das Material der Kongreß-Protokolle, und hierzu ein vorzügliches Sach- und Personenregister geliefert zu haben, jst ein Verdienst, das diejenigen zu würdigen verstehen werden, die es wissen, wieviel Arbeit zur Zusammenstellung eines solchen Hilfsbüchleins gehört. „P a l ä st i >» a". Soeben geht uns das Schlußheft des zweiten Jahrganges dieser Zeitschrift zu, die damit ihr Erscheinen einstellt. (An Stelle von „Palästina" erscheint saut Abkominen mit der „Kommission - zur Erforschung Palästinas" seit 1304 die Monatsschrift „Altueuland".) Ter stark verspätete Erscheinungstermin wird durch reichen Inhalt (136 Seiten) und durch eine Menge vorzüglicher Illustrationen ausgeglichen. Tas.Heft enthält folgende Aufsätze: Palästina oder Autonomie, Tavis Trietsch; Solange es Zeit ist, Tr. Nathan Birnbaum; lieber Ojivenkultur in Palästina, nach Tr. Leo Anderlind; Ter Baumwollbau in Aegypten, Konsularbericht; Abrahanis Weinberg bei Jerusalem; Ein Krieg gegen Heuschrecken, H. A. D.; Einiges über Bienenzucht, Louis. Brisch; Palästinaknrse, Ing. Klasmcr; Tie egyptische Zigaretten-Jnduftrie, Konsularbericht; Aus Klein-Asien und Syrien, Tr. Rudolf Fitzner: Tas jüdische Kvlonisationsprogramm, Tr. Alfred Rossig; El-Arisch, Sainiel; Les pnissances ötrangöres, F. W.; Bevölkerungszifsern der Muselmanen und Juden in der Levante nach Berney und Tainbmann: Tie Viehzucht in Mesopotainien, K. H. Z.; Nene Vereine zur Kolonisation Palästinas, F. W. usto. Tie nunmehr abgeschlossenen beiden Jahrgänge dieser erste» jüdischen Palästina-Zeitschrift, die sich mit den Fragen unserer Kolonisation befaßt, enthalte» eine beträchtliche Menge »vertvoller Materialien; doch darf bei einem Studium derselben nicht vergessen werden, daß Tavis Trietsch, der .Herausgeber dieser Zeitschrift, von jeher ein ausgesprochener Gegner der Herzlichen Politik gewesen ist. 2 a m n» l u n g G ö s ch e n. Geschichte I s r a e l s bis auf die griechische Zeit. Bon Lic. Dr. I. Benzin g e r. Leipzig 1304. 158 S. Tas Büchlein ist, wie in der Ankündigung der Verlagshandlung bemerkt wird, dazu bestimmt, solchen, ' die die umfangreichen und meist für Fachgenosse» bestimmten Tarstelluugen des Stoffes nicht durcharbeiten wolle» oder können, einen lleberblick über die Geschichte des Volkes Israel zu geben und zum richtigen Verständnis dcSselbdn zu verhelfen. Tas Streben des Verfassers, in gedrängter Kürze einen lleberblick über die augenblicklich in den Kreisen der Wissenschaft als Geschichte Israels geltenden Anschauungen zu geben, kann als gelungen bezeichnet werden: daß diese Anschauungen das Verständnis für unser Volk und seine Entwicklung zu fördern geeignet sind, wird man bei dem hypothetischen Charakter, der diese Wissenschaft kennzeichnet, und bei den Tendenzen ihrer Hanptvertreter Stade, Wellhausen nsw. verneinen müssen, wenn sie auch im einzelnen über manche Perioden ivertvolle Aufklärungen gegeben haben mögen. Auf die vielen Widersprüche und Ungereimtheiten der modernen Auffassung der Geschichte Israels hinznweisen, ist hier nicht der Ort. Zu rühmen ist an dem vorliegenden Werkchen, daß es sich von dem ausgesprochen antisemitischen Zug, der z. B. bei Wellhansen so unangenehm hcrvortritt und die Wissenschaftlichkeit dieses gefeierten Autors manchmal in einem eigenartigen Lichte erscheinen läßt, frcihült. Dr. I. II. M a x G e i ß l e r: Das M o o r d o r f. Knlturroman in zwei Büchern. Mit Zeichnungen von Freiin von Eckardstein. ca. 500 Seiten br. Ji. 5, geb. Ji.fi. Zum ersten Male gestaltet ein Dichter die poesieunuvobene Welt der norddeutschen Moore — jene landschaftlich so eigenartigen Gegenden, von deren Stimmungszauber die Pinsel der Maler schon länger denn ein Jahrzehnt erzählen, — in die Form eines Romans. Tie unverbrauchte Kraft der Scholle, die Zähigkeit der Menschen und wie beide in herber Verschlossenheit und in schweigsamem Ringen gegencinanderstehen, nm einen Kampf zu kämpfen, in dem Menschenwille und -fleiß doch endlich obsiegen, das ist der Vortvurf zu Max Geißlers »enem Romane „TaS Mvordorf". Inden, der Dichter in künstlerisch festgefügter Handlung ein lebensvolles Bild von Land und Leuten im Ringen um die Tienstbarmachung der Scholle während eines Mcnschenalters entrollt, wächst sich sein Werk zu einem K u l t u r r o m an großen Stils aus, zu einem Roman, der sicher einen ehrenvollen Platz auf dem Büchertisch der gebildeten Welt finden wird. Eschelbacher, Joseph, Rabbiner, Dr. Das Jude n t n m und das Wesen des Christentums. 170 2. .M. Poppelauer. Berlin 1305. Tie Ausführungen Eschelbachers, die zuerst in der „Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des JttdcntnmS", 130-2 und 1303 erschienen sind, bilden zunächst eine kritische Betrachtung der Vorlesungen Harnacks über d,»s „Wesen dcS Christentums", enthalten aber darüber hinaus auch wertvolle Untersuchungen über die Entwicklung des Christentums in den ersten Jahrhunderten nach seiner Entstehung und über sein Verhältnis zum Jndcntum. In überzeugender Weise weist der Verfasser »ach, daß dasjenige, was Harnack als daS Wesen des Christentums bezeichnet, ettvas ganz anderes ist, als was seit den ersten Zeiten des Christentnms gelehrt worden ist und heute noch von der ungeheuren Mehrheit der Christenheit bekannt wird. Tie absolute Voraussetzung für daS Auftreten und den Erfolg des Stifters des Christentums bildete die Wirksainkcit, die Lehre und die Ziele der Propheten; Harnack aber betrachtet ihn wie einen „-Meteorstein, der vom Himmel gefallen ist, zufällig gerade unter die Juden". (<s. 22.) Die Hauptursache für dieses schiefe Urteil bildet der Uinstand, daß H. die Schriften des A. T. nur sehr unvollkomnien kennt und seine Anschauungen über das dainalige Judentum fast ausschließlich nach Wellhansen bildet. Trotzdem muß er zugeben, daß das Christentum nichts Neues gebracht habe. Wenn aber die reinigende Wirkung seiner Erscheinung, der Ernst und die Kraft seiner Verkündigung hervorgehoben werden, so muß demgegenüber auf die Tatsache hingewiesen werde», daß fast die ganze Kirchcngeschichte durchzogen ist von dem heftigen Widerstreit zahlreicher dogmatischer Lehren und daraus entstandener blutiger Kämpfe, eine Erscheinung, die nnr durch die ausschließliche Betonung der dogmatischen Lehren

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.