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Neue jüdische Presse · 1905-06-30 · Heft 25 (30.6.1905) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
3 (1905)
Issue
Heft 25 (30.6.1905)
Date
1905-06-30
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. Frankfurter Israelitischer Familienblatt. Nr. 25. öffentlicher!! der Resolution nicht die rabbinischen Größen namhaft gemacht wurde», die sich Bcschlvcrdc führend gegen den Misrachi an die Rabbincrkommission gewandt haben. Man darf wohl annehmen, daß die Anzahl dieser' Beschwerden 20—30 nicht überstiegen hat. Sollte indessen diese Zahl schon zu hoch gegriffen sein, so steigt natürlich die Anmaßung, die in der, Forderung liegt, 200 Namen zu veröffentlichen, Proportionen ins Lächerliche.**) Me „Erläuternden Anmerkungen" schreiben auf S. 14 unten: „Die Verhältnisse in Rußland, wo der Zionismus 'der jüdischen Jugend die Glaubenstreue geradezu aus dem Herzen reißt . . ." Ich frage jeden unparteiischen, '„halbwegs vernünftigen Menschen", ob Hieraus nicht klipp und klar zu verstechen ist, daß der Zionismus den Kampf zivischen Glauben und Unglauben in Zlußland schafft! Vielleicht 'gibt es irgend wo in der Welt noch Juden, die in ihrer Unkenntnis über Ziel und Wesen des Zionismus dies für bare Münze nehmen und die sich durch diese, sagen wir mal, Verschiebung der Tatsachen zu Gunsten der antizionistischen Orthodoxie, beeinflussen lassen. Um diese Jüden nur einmal auch nur eine gegenteilige Ansicht hören zu lassen, erlaube ich mir zu bemerken: Ein großer Teil der russisch-jüdischen Studenten ist nicht zionistisch. Ich erinnere nur an all die jüdischen Studenten und die im „Bund" organisierten sozialdeniokratischen Arbeiter, die tätigen Anteil an der revolutionären Belvegung in Rußland nehmen. Diese Leute sind von vorne herein Gegner -es Zionismus, weil sie das Bestreben haben, zu verschwinden und aufzugehen unter ihren russischen Volksgenossen. Wie viele von Liesen nichtzionistischen Studenten und Arbeitern stehen auf dein Boden des überlieferten Judentums? So gut wie gar keine! Daß aber einem großen Teil' jüdischer Jugend Rußlands, Deutschlands und anderer Länder, der, als es noch keinen Zionisinus gab, mit aller Macht aus dem Judentum herausdrängte, jetzt vom Zionismus ein kräftiges Halt cntgegengerufen wird, das weiß jeder Jude, dessen Horizont weiter reicht als bis an die Grenzen seiner strengorthodoxen Religionsgesellschaft. Aber da wird mir der Herr Referent des „Israelit" wohl entgegnen: „Die Leute, die schon so weit abgefallen sind vom Judentum, mögen sich ruhig taufen lassen, an ihnen verliert das Judentum nichts mehr." Dieses traurigste aller traurigen Ärgumente hat man schon häufig in der Diskussion über den Zionisinus hören müssen. Nur eines möchte ich hierauf erwidern: „Wie das auch in der Welt des ABC- Schutzen männiglich bekannt ist," offenbaren sich die ersten Spuren einer Widersetzlichkeit gegen göttliche Anforderungen beim ersten Menschenpaare im Paradiese. Und doch gibt es Nachkommen dieser gefallenen Menschen, die in sittlicher Beziehung so hoch stehen, daß sie die Anhänger einer zionistischen Bewegung als Verbrecher dem Judentum gegenüber au den Pranger stellen können. Wer sagt uns, daß nicht auch ein Nachkomme jener Zionisten, die beinahe vor dem gänzlichen Abfall vom Judentum standen, bevor fi-c Zionisten wurden, einst ein frommer, gläubiger Jude werden wird? Sind wir orthodoxe Juden sowenig von der werbenden Kraft unserer Religion überzeugt, daß wir jagen müßten, das könne nicht geschehen? Hat sich ei» Jude erst taufen lassen, dann ist er für uns unwiderbringlich verloren, er und seine Nachkommen, solange dies aber noch, nicht der Fall ist, und daß das nicht mehr so oft geschieht, dafür werden nicht die orthodoxen Protest- Rabbiner, sondern die „verbrecherischen" Zionisten sorgen, steckt auch noch der am weitesten links stehende Jude nach dem Ausspruch unserer Weisen voller Mitzwaus, wie der Granatapfel voller Körner. Sollte es Mitglieder der „freien Bereinigung" geben, die im jüdischen Wissen so wenig bewandert sind, daß sie diesen Satz nicht kennen? Das' Baseler Programm ist ein politisches Prograium, in dessen Rahmen sich alles treffen kann, was noch mit Stolz den Namen eines Juden führt. Orthodoxe Juden dürfen sich zu gemeinsamer Arbeit finden mit Mcht-Orthodoxen überall, wo cs edle und reine Bestrebungen zu verfechten gilt, sei cs im Interesse armer, der Prostitution verhandelter jüdischer Mädchen, sei cs 'im Interesse armer leidender russischer Juden, sei es selbst horiibile dictu, im Interesse der Gesamtjudenheit. Der Misrachi hat kein korrigierendes Programnr dem Baseler an die Seite gestellt, er weiß, daß das Baseler Programm ein herrliches Dokument echt jüdischer Gesinnung ist. **) Wir haben in Nr. 22 unserer Zeitung mitgeteilt, daß die 200 Gutachten der russischen Rabbinen zu Jedermanns Einsicht auf unserem Bureau aufliegen. Dieser Vorwurf war also von vornherein unangebracht. Amu. d. Redakt. an der jede Korrektur unangebracht wäre. Korrigieren zu müsse,,, haben d i e Herren an den, Baseler Programm gemeint, die, absichtlicher oder unabsichtlicher Weise, Verkehrtes aus demselben herausgelesen haben Md wollen wir zu ihrer Ehre annehmen, daß sie dasselbe nur falsch verstanden haben, da sie für den politischen Zionismus noch nicht reif Sehr treffend bemerkt der Herr Referent des „Israelit": „Aus der einen Seite steht die Gesamtheit Israels mit dem Misrachi in der Mitte, aus der anderen Seite die Rabbinerkommission, abgesondert, ängstlich besorgt im engen Schmollwinkel, im Widerspruch mit dem Geiste der Propheten." Die Gesamtheit Israels vertritt hier doch wohl diejenige Partei, die sich bemüht, für alle Richtungen im Judentum offene Arme und ein offenes Herz zu haben, ob die numerische Mehrzahl nun für sie spricht oder nicht. Der Misrachi vergißt ganz und gar nicht, wie der Herr Referent des „Israelit" so schön sagt, daß man der Gesamtheit mehr nützt, wenn man eine Scheidewand errichtet zwischen Wahrheit und Lüge. Der Misrachi weiß eben, daß es Wahrheit ist, daß der Zionismus nichts anderes und nichts geringeres erstrebt, als „für das jüdische Volk die Schaffung einer öffentlich rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina." Die Krone setzt allerdings der Herr Referent des „Israelit" seinen Auseinandersetzungen auf mit den Worten: „Die Zugehörigkeit zum überlieferten Judentum hat die RabbinerkoMinission der freie» Vereinigung dem Misrachi mit keiner Silbe abgesprochen." Erlauben Sie, Herr Referent, daß ich auch Sie cinnial, „entweder böswilliger Perfidie, oder eines schülerhaften Denkfehlers der schlimmsten Art" überführe. Der Misrachi, und hoffentlich auch Sie, ist gewohnt, seine Handlungsweise mit seinen Prinzipien in Uebereinstimmung zu bringen. Er handelt auch nach seinen Prinzipien. Stehen also seine Prinzipien mit den Grundsätzen des überlieferten Judentums im Gegensatz, so tut dies auch seine Handlungsweise. Steht aber die Handlungsweise des Misrachi im Gegensatz zu den Grundsätzen des orthodoxen Judentums, so muß die Rabbincrkommission, oder vielmehr so müssen die Herren, die mit.der veröffentlichten Resolution einverstanden sind, dem Misrachi die Zugehörigkeit zum überlieferten Judentum absprechen, oder aber diese Herren jtehen mit ihrer Handlungsweise nicht in Uebereinstimmung mit ihren Prinzipien. Dieses wären einige wenige der sachlichen Gründe, die ich gegen die Auseinandersetzungen des mir leider unbekannt gebliebenen „Mitgliedes der freien Vereinigung" anzuführen habe, lieber die Art und Weise des Ausdruckes in dem famosen Artikel des „Israelit" erübrigt es sich wohl, noch weitere Worte zu verlieren. Diese dokumentiert eben ein beträchtliches Minus (das ist lateinisch und kein hebräisch!) im Feingefühl des Herrn Referenten. Es ist mir leid, daß der Ton, den jch anzuschlagen gezwungen war, nicht ganz in den Rahmen einer sachlichen Diskussion paßt. Aber auf einen groben Klotz gehört ein grober Keil. Oberrabbiner Dr. Dünner-Amsterdam über den Zionismus. Von LiePmauPhilip Prins, Frankfurt a. M. Rabbiner Wagenaar-Arnheim gab vor einigen Monaten eine Broschüre „Lemaan Zion" heraus, in der ec eine zionistische Rede des Haarlemer Rabbiners de Vries abfällig kritisierte und gegen den Zionismus scharf polemisierte. Herr Rabbiner de Vries läßt nun dieser Tage als Erwiderung eine Broschüre erscheinen, deren Titel „Maane-le- Zion" lautet und die ich mit Gottes Hülfe aus dem Holländischen ins Deutsche übersetzen werde. Die Broschüre enthält auf 72 Seiten jolgcnde 7 Kapitel: Judentum, Sendung des Judentums, Zion, Jischuw Erez Jisroel, Geula, die Liebe für Volk und Land, das Baseler Programm. Dem Texte ist der nachfolgende Brief meines Freundes, des Herrn Oberrabbiner Dr. Dünner- Amsterdam vorangedruckt: . Rabbinatsamt der Amsterdam, 11. Siwan 65/14.6.05. Nbl. Jsr. Synagoge Amsterdam Nr. 114 R. sendüng Ihrer Schrift, worin Sie gründlich und schön die Bedeutung und die Tendenz des Zionismus auseinandersctzen. In geistreichen Worten und in würdiger Sprache, an der Hand von Bibel, Talmud und Midrasch beweisen Sie klar und deutlich, daß die Tendenz des Zionismus nicht nur nicht zu verwerfen ist, sondern, daß er im edelsten Sinne -es Wortes eine religiöse Pflicht sei. Wäre Ihre Schrift erschienen, kurz nachdem die ersten Aeußerungen der Gegner bekannt wurden, so würde die jetzt so heftige Bekämpfung dieses edlen, echt jüdischen Zweckes bei unseren wirklich religiösen Brüdern, die mit ihrer Devotion Ehrlichkeit verbinden und jüdisches Wissen besitzen, nur Mitleid, wenn nicht Widerstreben erwecken. Von dieser Auffassung bin ich aus dem folgenden Grund überzeugt: Viele, viele Jahre gingen wir gebeugt vor Schmerz über den Anblick der Verleugnung ihres Judentums 'bei vielen unserer Brüder in den zivilisierten Ländern einerseits und anderseits des Elends, mit dem unsere Brüder in halbbarbarischen Ländern durch Unterdrückung und Verfolgung heimgesucht wurden. — Aus einmal entstand in unserer Mitte eine kräftige Bewegung, welche die beredten Kennzeichen einer glücklichen Wendung in die Herzen von jüdischen Männern trug und zwar in die Herzen von jenen Männern, welche in der großen bürgerlichen Gesellschaft eine einflußreiche und glänzende Position ciunehmen, aber bis dahin der Judenheit entfremdet waren. Diese Männer erklärten jetzt o st e ntativ in Gegenwart aller Welt und mit Stolz, daß sie Zweige des jüdischen Stammes sind und daß ihr höchstes Ideal sei, ihre bedrückten Brüder zu retten, indem sie für sic auf dem heiligen Boden eine sichere und unabhängige Zukunft zu erreichen suchten. War dieses nicht eines der größten Wunder in unserer Geschichte? Hat man nicht erwarten müssen, daß diese wunderbare Erscheinung jeden gläubigen Bruder mit froher Dankbarkeit an den himmlischen Vater erfüllen würde? Doch leider, Nein! — Dieses Wunder wurde von Vielen nicht erkannt. — Nur wurden die Schattenseiten jener Männer, an denen sich dieses himmlische Wunder vollzogen hat, wahrgenominen, nicht die herrlichen Lichtseiten. Wese Tatsache ist sehr, sehr, zu bedauern, kann aber nicht weggeleugnet werden. Es ist zweifellos, daß wir, wenn Ihr Werk sofort nach dem Entstehen der Bewegung erschienen wäre, verschont geblieben wären von diesem häßlichen, beschämenden und ntuhteiligeu Bruderzwist, der jetzt das traditionelle Judentum in zwei feindliche Lager Das ist aber auch gewiß, daß ich von Ihren Bestrebungen keine Versöhnung dieser Lager erwarte. . Die Erfahrung meines Lebens belehrte mich, daß der Mensch im allgemeinen sein Urteil, in einem leidenschaftlichen Streit gefällt, fast nie ändert, wenn auch die Grundlosigkeit noch so klar und deutlich nachgewiesen wird. Aber ehrwürdiger Herr, Ihre Worte werden nicht umsonst sein! Sie können und werden ihren Zweck nicht verfehlen bei jenen, welche bisher als ruhige Zusehcr den Streit von der Fcjöne betrachtet haben. Und ihre Zahl ist sehr groß. Hochachtungsvoll und freundschaftlich Dr. I. H. Dünner. An seine Ehrwürden Herrn Rabbiner S. Ph. de Vries M. S. Haarlem. Ueber Perez.*) i. An stillen, seltenen Herbstabenden geschieht es zulveilen, daß aus den duftenden feuchten Wiesen einseiner, schleierartiger Nebel, aus kleinen, schwingenden Tröpfchen gewebt, in die Lust steigt. Wie durch eine behauchte Fensterscheibe hindurch blickt man durch diesen Nebel in die Landschaft; die starken, kräftigen Einzelheiten des Bildes, die ihm die lebensvolle Gestalt geben, sind in einige wenige schlanke und wehmütige Linien aufgelöst! — Das ist die Stimmung, die ich mit derjenigen vergleichen möchte, die einen ergreift, wenn man Eyrwuroen! Ich sage Ihnen herzlichen Dank für das große Vergnügen, das Sie mir bereitet haben mit der Zu- *) I. L. Perez.. Ansgewählte Erzählungen und Skizzen. Aus dem Jüdischen übersetzt von Matthias Acher. Jüd. Vertag, Berlin. 1905.

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