Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 3 (1905)
- Issue
- Heft 25 (30.6.1905)
- Date
- 1905-06-30
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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^rrrtuHfutfct Iftiklitislhrs lainilirnblitt. Hsdaktiorr ttnb Geschäftsstelle: Srankfurt a. nr.. Belligkreuzgaffe 52, Lcke Llapperfeldstraße T-ref-« 10507. Herattsgeber: Kalg Geis. 3. Jahrgang. Freitag, -e« 27. 81vsn 566s (36. Jnni 1S65). Ro. 25. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnementspreis pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bel der Post abonniert ini In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich-Ungarn Mk. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— Jnsertionspreise: Die viergespaltene Petitzeile.25 Psg. Die Reklamezeile.. 100 „ Platz- und Daten-Borschrift ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Uebereinkunft. Inhalt des Hauptblattes: Artikel: Die Not der Juden Rußlands und die öffentliche Meinung. — Orthodoxie contra Misrachi. — Oberrabbiner Dr. Dünner-Amsterdam über den Zionismus. — Uever Perez. — A u s a l l e r W e l t. — Feuilleton: Krisen,Erzählung von Jacob Levy. — Aus den Schriften eines Chassid, von Ben-Jaijr. Bunte Chronik. — Büch er sch au. Die Not der Juden Rußlands und die öffentliche Meinung. Es scheint ziemlich sicher, daß „Väterchen" weit davon entfernt ist, seinen Untertanen eine konstitutionelle Verfassung zu gewähren. Sein „souveräner Wille" geht augenscheinlich einzig und allein dahin, Zeit zu gewinnen, um seine störrisch gewordenen Schafe zum Gehorsam zu veranlassen; der mit weitgehenden Rechten ausgestattete Polizeichef Trepow wird mit Hilfe der Nagaikas den Widerspenstigen den nötigen Gehorsam schon beibringen. Bis dahin setzt man zum Schein Reformen „tuende" Kommissionen ein, erläßt humane Manifeste; — alles augenblendende Raketen! Diese Methode „Väterchens" wäre eine glückliche, würde sie nicht ein außerordentlich großes Maß von Dummheit, Sklaverei und Feigheit seitens der Untertanen voraussetze». Eher ist anzunehmen, daß der .Zar und seine klugen Ratgeber sich sehr stark verrechnen, und es ist sogar wahrscheinlich, daß das falsche Spiel der Regierung die Revolution beschleunigen wird. Es wird eben auch in Rußland, so wie es in den anderen Ländern Europas war, kommen; die Freiheit wird erkämpft werden müssen! > Und doch ist es nicht die Aufgabe dieser Blätter, auf die russischen Zustände des Näheren einzugehen, und wenn wir es trotzdem tun, so ist es lediglich deswegen, weil in jenem unglücklichen Lande sich sechs Millionen unserer Brüder befinden und nur deren entsetzlichen Lage dienen unsere Zeilen. - Des Oesteren haben wir uns in unseren früheren Artikeln mit dem empörenden Vorgehen der russischen Regierung gegen die Juden besaßt. Wir haben gleichzeitig aus das Grundübel dieser unverschämten Rücksichtslosigkeit hingewiesen, das in dem Mangel an Solidarität und in der Uneinigkeit der Juden zu suchen ist. Auf dieses Grundübel jüdischen Leids und jüdischer Not in vielen Epochen der blutdurchtränkten Geschichte unseres Volkes wollen wir des Näheren eingehen: Es unterliegt keinem Zweifel, daß auch eine russische Regierung ein ganz anderes Verhalten eingeschlagen haben würde, wüßte sie, daß die jüdischen Finanziers ihren Geldsack für sie ob der Mißhandlung der Juden zuschnürten. — Slber wer sollte unsere Großjuden zu diesem Schritte veranlassen? Etwa der jüdische Staat, das jüdische San« hedrin? Nur die allein vermöchten diese Großen aus die Anklagebank als Hochverräter zu setzen. . Leider sind wir aber dank unserer Zerfahrenheit noch Ipeit entfernt von diesen Grundpfeilern jeder Nation. — Wer soll diese Großen richten? Nur die öffentliche Meinung vermag es; sie ist die einzige Richterin, die sie wenigstens moralisch richten kann und zwar wenn, sie laut, durch flammende Massenproteste zu Gericht über sie sitzt. Eine energische und laute öffentliche Meinung hätte die Kraft, mit Erfolg zu drohen, daß sie mit allen ihr zu Gebote stehenden Mitteln eine Revolution, welche Regierung samt Dynastie wegfcgt, fördern werde, wenn die russischen Machthaber sich nicht entschließen, eine andere Haltung den Juden gegenüber einzunehmeu. Innerhalb der letzten zwei Monate sind Schlag auf Schlag Progrome gegen die Inden in vielen Städten seitens der Regierung in Szene gesetzt worden. Noch vor einigen Tagen meldete der Telegraph von Exzessen in Minsk und Brisk, wo die Polizei in Gemeinschaft mit dem Militär, da Gesindel nicht auszutreiben war, ohne jeglichen Anlaß die Juden überfiel und an ihnen Mord und Plünderung nach Herzenslust verübten. — Und wohin soll das führen? Dem Mob vermochte» noch die Juden sich mit Waffen in der Hand entgegenzustellen; — aber was vermögen diese Unglücklichen gegen Militär auszurichten? Soll all' das zum Alltäglichen, Gewöhn l i ch e n herabsinken und als Mtagsereignisse von der Welt — von der ganz- oder halbzivilisierten — gleichgültig Eingenommen werden. Welche unendliche Gefahr droht der Gesamtjudenheit, wenn es soweit käme! Es ist heiligste Pflicht der einflußreichen, hochherzigen Juden, Alles aufzubieten, in Europa und Amerika Massen-Meetings zu veranstalten, womöglich einen Weltkongreß einzuberufen, der öffentlich berate, wie den sechs Millionen Juden Rußlands in ihrer verzweifelten Lage zu helfen sei. _ Schalmaun. Orthodoxie contra Misrachi. Von Alex Adler, Lübeck. Es liegt mir ein Artikel des Mainzer „Israelit" vor, dessen maß- und zügellose Ausdrucksweise eine sachliche Erwiderung in extenso nicht verlangen kann. Zu einer Entgegnung veranlaßt mich nnr die Tatsache, daß man nicht ganz ohne Sang und Klang ein derartiges Dokument, das uns zeigt, wie das orthodoxe Judentum Deutschlands heutzutage vertreten wird, zu den Mten legen darf. Ms das letzte Heft der „Mitteilungen" der freien Vereinigung in die Hände ihrer Mitglieder gelangte, war es nicht das erste Mal, daß man von einer Resolution der Rabbiner-Kommission gegen den Zionismus hörte. Es war eilt, öffentliches Geheimnis, daß in der letzten Sitzung der Rabbiner-Kommission eine solche Resolution der Versammlung Vorgelegen hat, und daß sie von der Versammlung nicht genehmigt worden war.*) Nach inzwischen eingeholten Erkundigungen war es zur Evidenz erwiesen, daß eine nochmalige Plenarsitzung der Kommission nicht stattgefunden hatte. Es ist sogar der Fall, (und das *) Trotzdem ist in Heft 17 und 18 der „Mitteilungen" behauptet worden, daß die Versammlung der Rabbinen einstimmig ihr Einverständnis mit dem Referenten der Sitzung vom 4. Januar 1904 erklärte. Die Sitzung vom 25. Oktober war keine Plenarsitzung der Rabbiner-Kommission. Anm. d. Redakt. haben orthodoxe Rabbiner getan!) daß verschiedene Mitglieder der Kommissioii vor dem Erscheinen der Resolution, die doch mit ihrem Namen gedeckt wurde, von derselben absolut keine Ahnung hatten. Das ist der Grund, weshalb es vorauszusetzen war, wie der Referent des „Israelit" schreibt, „daß die Erklärung dieser Kommission in zionistische» Kreisen Staunen und Berwund-rung, ja „E n t r ü st u n g" hervorgerusen hat. Wenn einige Herren der Rabbiner-Kommission es mit ihrem Gewissen nicht vereinbaren konnten, daß der Zionismus sein Wesen treibt, ohne daß eine Resolution von autoritativ orthodoxer Seite Stellung gegen ihn nimmt, weshalb sammeln dann diese Herren nicht Unterschriften und decken die Resolution mit ihrem eigenen Namen? Weshalb mißbrauchen sie alsdann ihre Stellung im Vorstande einer freien Vereinigung, indem sie namens einer Kommission, die von nichts Bösem ahnt, eilte Resolution drucken lassen, ohne deren (Genehmigung dazu zu haben? Wer etwas sagt im Namen eines anderen, der bringt nach dem Ausspruch unserer Weisen die Erlösung auf die Welt. Wie ist es aber, ivenn jemand von dem Namen seines Nächsten in dieser Weise falsche» Gebrauch macht? i Ein rechtlich denkender Mensch muß den Mut haben, seine Ueberzeugung mit seinem eigenen Namen zu decken. Wer diesen Mut nicht hat, kann überhaupt nicht erwarten, daß sich eine ernsthafte Erllärung eingehend mit seinen Auslassungen besaßt. Me Herren der Rabbinerkommission, die die „Erläuternden Anmerkungen" zu der Resolution schrieben, haben sich bemüht, zwischen den Zeilen des Baseler Programms alles mögliche zu suchen, und sie glauben auch, alles mögliche gesunden zu haben. Unter anständig denkenden Männern ist es Brauch, seine Meinung frei auszusprechen, ohne Rückhalt und ohne zwischen den Zeilen die Hauptpunkte seiner Meinung schamhast zu verhütten. Der Schreiber des Artikels in Nr. 49 des „JAraelit" hat auch in die Erwiderung des Misrachi-Bureaus allerlei hineingelesen, was ihm gerade am passendsten hineinzugehören schien. Böswillige Entstellung, als etwas anderes kann es kaum aufgefaßt werden, kann nirgends verhindert werden. Derjenige, der sie schrieb, hat sich in den Augen rechtlich denkender Menschen von vorne herein selbst gerichtet. Um so schlimmer allerdings, wenn derartige Pamphlete Leute zu Verfassern haben, die nicht wagen, mit ihrem Namen für ihre Artikel einzustehen. Auch in die heiligen Bücher des Judentums ist häusig hineingelesen worden, daß das Judentum einen Ritualmord vorschreibe. Uns Inden hat dies allzeit wenig berührt, wir wußten selber besser, was in unserer Religion gelehrt wurde. Auch wir Zionisten müssen uns mit Recht anmaßen, besser zu wissen, was das Basler Programm will, und was es besagt, als uns von vorne herein mit Mißtrauen entgegenkommende, außerhalb unserer Partei stehende, orthodoxe Rabbiner. Ich will gar nicht erst darauf eingehen, daß der Herr Referent des „Israelit" die 200 misrachisreundlichen Rabbiner Rußlands für eine verschwindende Minorität hält, über die tnan zur Tagesordnung überzugehen berechtigt ist. Jeder Einsichtige weiß, daß wir nicht so ungezählt viele orthodoxe Rabbinen besitzen, daß man 200 von ihnen eine verschwindende Minorität nennen darf. Außerdem ist?s ein unbilliges Verlangen, daß das MiÄrachi- Bureau 200 Namen nennen soll in seiner Entgegnung, well es seinerseits gerügt hatte, daß von den Ber-