Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 3 (1905)
- Issue
- Heft 18 (12.5.1905)
- Date
- 1905-05-12
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 18. jüdischer Feldarbeiter gesehen, die sich selbst i» den Pflug gespannt, weil sie wegen Mangel an Futter das Vieh verkaufen inußten. Nicht wahr, Herr Kroneinann, das sind sicherlich Männer von Kraft und Muskeln?" Der Bankier nickte. „lind nun weiter. In meinein Hause wohnen vier Studenten, deren Zensuren es bestätigeil, daß sie immer die ersten Plätze in ihren Klassen innegehabt; da ist auch ein kleiner Schuljunge, der blitzartig sechsstellige Zahlen im Kopse zusaminenrechnct; da ist auch eil? junger Handwerker, der das Modell für einen Dampfkran angefertigt, ohne jemals ein Buch über Mechanik oder Mathematik in Händen gehabt zu haben; endlich ist da noch ein Hausierer, dem ich vor sechs Wochen zehn Rubel geborgt, damit er einen kleinen Handel anfange, und der jetzt schon hundert Rubel auf die Sparkasse gebracht hat. Sie werden mir zugeben, daß dieses wiederunr Energie und Verstand erfordert." „Ich merke, wo Sic hinaus, wollen," sprach der Bankier einfach. - „Sie gebeir also dieses ohne Weiteres zu," fuhr Juda eifrig fort; „Sie wissen es auch, daß diese Menschen keine Ausnahme bilden, sondern Probestücke der ganzen Rasse. Ich denke daher, daß Kraft und Verstand, daß Muskel und Gehirn das beste Material ist, um aus dem Volke eine gute, lebensfähige, selbständige Nation zu. machen." „Für den Anfang vielleicht genügend," warf der Bankier trocken ein. „Mag sein," fuhr Juda mit Nachdruck fort, „und das klebrige ist Sache der Organisation. Muskel und Gehirn schaffen Vertrauen und Selbstbewußtst!»; wir werfen von uns innere Mißverständnisse und äußere Unterschiede; wir fangen an, uns zu vereinigen, zu verbinden; wir sind nicht mehr einzelne Glieder, sondern ein ganzer, geschlossener Körper, der Macht und Ansehen genug besitzt nach außen hin, nicht zu erobern, aber doch zu imponieren. Sie sehen," schloß Juda seine Rede, „die Möglichkeit ist kein leerer Wahn, und — die Notwendigkeit drängt sich uns leider handgreiflich bon allen Seiten auf." „Das bestreite ich eben," rief Kronemann lebhaft; „ich will alles zugeben, nur eben nicht die Notwendigkeit für solche gewaltsame Maßnahmen. Eine Auswanderung heutzutage ist absolut nicht notwendig; es ist höchstens der Wunsch einiger Hitzköpfe, den biblischen Auszug aus Egypten zu wiederholen, mit der stillen Hoffnung im Hintergründe, vielleicht da ein kleiner Moses oder wenigstens Einer der zwölf Stammesfürsten zu werden. Es ist wohl wahr, daß die Juden dieses Landes ein wenig' mehr unter die Wagenräder geraten sind als die Menge der Arbeitsklasse. Ist es aber tatsächlich so, dann ist es selbst verschuldet; dann ist es nur die wohlverdiente Strafe, weil sie sich selbst als Stiefkinder des Reiches fühlen wollen, durch ihr beständiges Zurückweichen von der Front, durch ihre einseitige Bildung. Sie einpfinden hier nur denselben Druck, den auch alle unsere Brüder in allen Ländern bis vor kurzem auch empfunden, und daher müssen auch sie, um eine Erlösung zn erlangen, genait dieselben Bahnen wandeln, die auch jene, gcivandelt sind. Sie sagen Kraft und Verstand; loohlan! Die Kraft verständig gebraucht, den Verstand kräftig angewendet, muß und wird — wie überall — auch hier, auch ohne überstürzte Auswanderung eine Erlösung herbeiführcn. Möglich auch," er senkte seine Stimme und sah sich vorsichtig nach allen Seiten um, „möglich auch, daß wir gar nicht inehr solange tverden zu warten brauchen. — Es geschehen Zeichen anr Hiinmel; die Zeiten sind mit Ereignissen vollgeschwängert. Welche Geburten sie zur Welt bringen werden, wer kann es wissen? Sicherlich wird auch eine Bluttause stattfindcn — und auch jüdisches Blut toird dabei fließen, was bei uns Juden seit Vater Abrahams Zeiten ja oft geschahen ist. Möglich, daß wir es nicht inehr erleben werde», daß es nur ein „Pidion-haben", eine Erlösung für unsere Söhne sein wird — aber sie bleibt nichit aus; sie kommt früher oder später, und nicht in Palästina — sondern im Innern des eigenen Landes —!' Bis dahin aber — — Geduld!" „Geduld! Geduld!" murmelte Juda betrübt, hoffnungslos; „das ist das Wort, welches die mattherzige Bequemlichkeit uns iinmer wieder zuruft, und inzwischen bricht es der Mutter das Herz, ihre Söhne als Vieh behandelt und ihre Töchter bei den Haaren über die Straße geschleift zu sehen . . . ." „Aha, da zeigt sich ja schon die Teufelsklaue! Da kommt ja schon der Klumpfuß zum Vorschein," unterbricht ihn Kronemann scherzend, uin die Spannung zu lockern, die nachgerade anfing peinlich zu werden; „da sehen wir ja den Gefühlsmensch, der ini Verallgemeinern schwelgt! Und das nennen Sie praktisch zu Werke gehen? Mit solcher allgemeiner Rührseligkeit gründet man keine Staaten; nicht einmal solide Bank-Geschäfte. Ein Mensch mit solchen Sentimentalitäten ist wohl noch imstande, seine Geschäftsberichte poetisch auszüarbeiten und seine Rechnungen in Reimen niederzuschreibcn." Juda stand bewegungslos da; er erkannte das Fruchtlose, einen Menschen zu überzeugen, dessen Lebensbahn mit Goldstücken gepslastert gewesen, der in feinem behaglichen Prunkgemach den Wehruf seines Volkes nicht hören konnte oder wollte; er sprach darum kein Wort; doch seiir Gesicht war verstört, und starre Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Seite 5. Traurigkeit war in seinen Augen. Kroneman» sah es und war von den Leiden des jungen Mannes tief gerührt. „Ich will Sie durchaus nicht zu einer sofortigen Entscheidung drängen," sprach er freundlich, beide Hände auf Juda's Schultern legend; „ich werde Ihnen — na, sagen wir — vierundzwauzig Stunden Bedenkzeit geben. Das ist gerade Zeit genug für einen Menschen, um — ich will wieder ganz offen sei» — um sich mit seinem Schicksale auszusöhneu. Nebenbei bemerkt. Sie werden Bertha im Wohnzimmer finde», mag sie Ihnen .helfen, einen Entschluß zu fasseil." Juda schüttelte traurig sein Haupt. „Ist denn gar kein anderer Ausweg möglich?" brachte er endlich mit bebender Stimme hervor. »Keiner," sprach der Bankier fest; „da sind nur zlvei Möglichkeiten vorhanden, und Sie tun gut daran, dieses in Erinnerung zu behalten. Ich möchte es Ihnen ersparen, Ihren Perstand anzustrengeu» um andere Mittel und Wege etwa herausfinden zu Ivollen. Ich wiederhole Ihnen, es gibt keine; das Eine, oder das Andere!" Schweigend verließ Juda deir Bankier und wankte die Stufen hinauf. An der Türe des Wohnzimmers blieb er stehen und horchte. Sie spielte wieder das Stück, das — wie sie wußte — er so gerne hörte. Eine leidenschaftliche Sehnsucht bemächtigte sich seiner; und ob er auch sein Leben verlieren und ob er auch ganz zu Grunde gehen sollte, er niuß sie wenigstens noch ein einziges Mal sehen und sprechen. Sie wendete sich um und erhob sich schnell, als die Türe aufging; als sic ihm jedoch in» Gesicht blickte, da blieb sie wie angewurzelt stehen, beide Hände aus's Herz gepreßt. „.Du hast den Vater gesprochen?" brachte sie endlich mühsam hervor: „er hat Dich abgewiesen, und Du kommst Abschied zu nehmen! Sprich, Juda; sprich schnell; ist es so?" „Im Gegenteil," erwiderte er tonlos; „Dein Vater war so freundlich, mir Gelegenheit zu geben, daß ich Dich ablehnen soll." „Inda!?" Er erzählte ihr ausführlich, was geschehen war. „Du hast wenig Ursache, mit mKr zufrieden zu sein, Bertha," schloß er seinen Bericht; „ich könnte Dich besitzen, durch das bloße Hinreichen meiner Hand — und denke Dir — ich tat es nicht — einer,Träumerei, einer Schwärmerei wegen, wie Dein Vater es nennt." „Das aber zeigt mir gerade, daß Deine Liebe wert ist, sie zu besitzen," erwiderte sie fast unhörbar.; ,K3ie aber, wenn ich auf die Schwärinerei bestehe?" „Juda, das wirst Du nicht! Oh, Juda, sage, daß Du nicht darauf bestehen willst!" Mit einer stummen Gebärde der Verzweiflung wendete er sich von ihr weg. Sie folgte ihm rasch und ergriff seine Hände. „Höre, Juda," flüsterte sie ihm erregt zu; „für mich ist es kein Schatten, kein Hirngespinst, sondern ein großes, herrliches, würdig anzustrebendes Ziel. Oft und oft hat der Gedanke daran meine Nerven in Aufruhr gebracht: oft und oft sagte ich mir: Oh, daß du doch dabei Helsen könntest, und wer weiß, was noch in der Zukunft geschieht. Ich bin nur ein schwaches Mädchen; doch für die heilige Wahrheit einzutreten, fühle ich eine Riesenkraft in mir, gleich jenen Heldenfrauen, deren Andenken die Geschichte Israels als köstliches Erbe aufbewahrt. Siehe, mein Juda, ich offenbare Dir und nur Dir allein meine innersten Gedanken und Empfindungen, die mich zur Verräterin gegen meinen eigenen Vater machen. Oh, entschließe auch Du Dich zu einem kleinen Opfer; mache auch Du seiner Laune einige Zugeständnisse — wenn auch nur zum Schein. Später, einst — o, mein Gott, daß ich das Wort aussprechen niuß! — Später, wenn das Unvermeidliche — eingetroffen —, da wird es immer nodt Zeit fein, da wirst Du immer noch Mittel und Wege finden, um der großen Sache zu dienen, wir sind ja noch jung; wir können noch warten! Juda, Du hast unser beider Glück in Händen!" Traurig schüttelte er den Kopf. „Du vergißt, daß ich mein Ehrenwort verpfänden soll!" Dann brach er in neue Leidenschaft aus: „Bertha, höre auch mich. Du hast jetzt einen Vorschlag gemacht, jetzt will auch ich einen .solchen machen. Bertha, wenn Du meine Liebe für wert hältst, sie zu besitzen, dann — folge dem Gebote Deines Herzens, und komme zu mir — trotz aller Hindernisse! Damals hast Du es ja selbst Deinem Vater gesagt: daß man für einen guten Zweck auch einmal ungehorsam sein darf. Nun zeige es durch die Tat! Du kannst der guten Sache viel helfen, indem Du mir hilfst. Ohne Dich und Deine Liebe bin ich eine leere Schale, mit Dir könnte ich Wunder vollbringen; und her Ruhm soll nur Dir allein gehören. Bertha, in Deiner Hand liegt es, den Wunsch Deines Vaters zu verwirklichen, indem Tu ihm, durch unsere Taten, ein 'Zentmal errichtest, herrlicher, dauernder, als er in seinen kühnsten Träumen je zu hoffen wagen durfte! Bertha, lei mein, mein allein!!" Sie ließ ihn ruhig zu Ende reden, und als er fertig war und sie gespannt, fragend anblickte. da erhob sie ihr totenblasses Gesicht, und ihre Stimme klang gebrochen, als sie ihm antwortete: „Ich habe dieses wohl verdient — ich darf mich über diese schwere Demütigung nicht eininal bebeklagen: Ich wollte Dich zum Verrat verführen und Du wieder drängst mich zu offener Empörung!" Tränen stürzten aus ihren Augen. Sic suchte ich . wieder zu fassen: sie richtete sich stolz auf und ah ihn fest an. „Nein, Juda! Eine jüdische Tochter opfert ihr Herzblut tropfenweise, ehe sie solche Trauer über das greife Vaterhaupt bringt! So groß auch meine Zärtlichkeit für Dich ist, größer noch ist meine Liebe für den, der für mich der Stellvertreter Gottes auf Erden ist! Und jetzt, Juda," sie sprach es schnell, und ihr ganzer Körper erbebte, „jetzt will ich Dir auch meinen letzten Kummer nicht verheimlichen: Ich zittere für das Leben meines Vaters. Schon im Frühjahr ist bei ihm ein Blutgefäß gesprungen, und nach der unzweideutigen Aussage des Arztes würde eine größere Aufregung unzweifelhaft den sofortigen Tod zur Folge haben! Juda, willst Du, daß ich lebe, mit dem Tode meines Vaters auf dem Gewissen? . . ." Sie brach krampfhaft schluchzend ab und bedeckte ihr Gesicht mit beiden Händen. ..Dann bleibt uns nichts übrig, als unser Glück zu Grabe zu tragen," sprach er dumpf. „Doch, Juda, etwas bleibt uns noch: Vierundzwauzig Stunden der Liebe, und ein ganzes Leben seliger Erinnerung," sprach sie mit herzzerreißendem Lächeln. „Vierundzwanzig Stunden Qual und Pein," murmelte er fast unhörbar: „wollte Gott ich hätte sie schon hinter mir. Welche von meine» Glückseligkeiten ich wohl da begrabe» haben werde?!" (Fortsetzung folgt.) Aus Kunst «ud Wissenschaft. Johann Jacoby. Zu seinem 100 Geburtstage. Johann Jaeobh, der Bürger der Stadt der reinen und praktischen Vernunft, der ostpreußische Patriot, der Demokrat und Revolutionär, der Held im Befreiungskriege der Menschheit, Johann Jacoby, der Spinozist und der Mann der Wahrheit, der „reinen" praktischen Wahrheit, war auch ein Jude von Geburt, huldigte dem jüdischen Moralprinzip aus Ueberzeugung. Ter freisinnige Jacoby, der Humanist und Schüler Lessings, benutzte die jüdische Ethik im Kampfe gegen die Reaktion. Er war in seinen Augen ein treuer Sohn des ostpreußischen Volkes — des deutschen Volkes, ein ehrlicher, überzeugter Anhänger des Judentums. — Die deutsche Demokratie feiert in Jacoby ihren Helden und glänzenden Verfechter ihrer Ideen. Das'ganze deutsche Volk ist dem Manne Dank schuldig. Und wir Juden? Tie freisinnigen deutschen Israeliten, die ihre bürgerlichen Recht — erkämpft haben, feiern Jacoby als ihrenHaupthelden, er erscheint ihnen als Musterjude. Er ist auch für die Emanzipation der Juden in Deutschland eingetreten. — Ist Johann Jacoby ei» jüdischer Nationalheld, müssen wir ihn auch feiern? Wenn ich nicht befürchten müßte, von unseren Liberalen als Reaksionär verschrieen zu werden, ich würde diese Frage unter einem gewissen Vorbehalt verneinen. Auf die Frage, ob das jüdische Volk Jacoby zu Tank verpflichtet, muß man die Gegenfrage stellen: Hat auch Jacoby sein „Ich" in den Dienst deS jüdischen Volkes gestellt? Wir verneinen diese Frage. Allerdings muß in Betracht gezogen werden, daß ihn seine Zeit und sein Milieu daran gehindert haben, denn obwohl im ersten Teze- »ium des XIX. Jahrhunderts (geb. den 1. Mai 1805 zu Königsberg i. Pr.) geboren, bis zum achten Jahrzehnt des XIX. Jahrhunderts gelebt (gest. 6. März 1878) und segensreich gewirkt, tourzelte er doch mit seinem ganzen Wesen im achtzehnten Jahrhundert, im Jahrhundert der Aufklärung, des Weltbürgertums. Und wer weiß, ob er, wenn er jetzt gelebt hätte, der freisinnige deutsche Demokrat gewesen wäre — denn ein starkes jüdisches Empfinden ist iir seinem ganzen Wesen bemerkbar. Also wir begreifen das Kind der Zeit — aber ein jüdischer Nationalheld nimmermehr. Und das Tragische in diesem Falle teilt daS jüdische Volk mit seinem ihm durch Zeit und Umstände entfremdeten Sohn. Wenn überhaupt ein Volk existiert, das auf die Tienstbarmachnng und Absorbierung der Kräfte all' seiner Glieder angewiesen ist, so ist cs sicher das jüdische Volk. Aber wir leben seit Jahrtausenden im Golus, und dieses qualvolle Golusleben hat schon oft seinen reißenden, zersetzenden Schleuder ins Volk gesetzt. Es trennt sich Sohn von Vater, Glied von der Gemeinschaft, und nicht selten käinpseu zwei Brüder gegen einander — beide gegen des Volkes Interessen. 'Dieses Golusleben wirkt auflösend und zerstörend auf das Volk. — Es zersplittert unsere Kräfte und legt uns lahm. — Nur das blutige Golusleben hat einen großen Sohn unseres Volkes, Johann Jacoby — wie schon oftmals — von seinem Volke getrennt. Jacoby hat durch des Golus hartes Schicksal nicht unsere, sondern fremde Interessen vertrete». Er kann also nicht als ei» jüdischer Rationalheld betrachtet lverdeu» aber wenn er auch nicht für uns