Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 3 (1905)
- Issue
- Heft 18 (12.5.1905)
- Date
- 1905-05-12
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 18. Frankfurter Israelitische- Famllienblatt. Seite 3. dazu benutzen wollte, um den Handel und das Handwerk für sich zu erobern. Das Resultat dieses Kampfes konnte leicht vorausgcschcu werden: die gegen die Juden erlassenen Ausnahmegesetze mußten dieselben vom Gebiete des Handels und des Handwerks vertreiben. So setzte Rumänien die Forderung durch, daß die Fremden stets den Eingeborenen den Platz zu räumen haben. Während vor ca. 130 Jahren der Fürst Szikaj die Juden aus den Dörfern verjagte und sie in den Handel und in das Handwerk trieb: weil diese Beschäftigungen den Eingeborenen als verschmäht galten; so tvurdcu nun die Juden jetzt, als die „echten" Bürger in die Städte hinüberzuzichen begannen, aus dem Handel und Handwerk ausgestoßcn und zu noch niedrigeren Beschäftigungen hingetricbcn, zu jenen Beschäftigungen, die in den Augen der Eingeborenen als Unwürdiges erscheinen. Daß die Fremden den Eingeborenen immer den Platz abzutretcn hatten — tziesen Grundsatz wandte Rumäuicn auch ans .daS Schulwesen an. Als die Schulen in Rumänien gegründet wurden, da hielt mau es für nötig, sie allen frei zugänglich zu machen. Die Juden, welche den Kursus einer Schule durchgemacht hatten, wurden — laut dem Gesetz vom Jahre 1854 — vom Militärdienst befreit und erhielten auch manche andere Privilegien. Das Gesetz vom Jahre 1861 legte den rumänischen Juden Pflichten auf, ihre.Kinder in die Regicrungsschulen zu schicken. In dem Zirkular über die Religionsschulc hieß es ausdrücklich: „Die Juden dürfen keine besonderen Schulen habe», da sie, falls ihnen solche zur Verfügung stehen würden, von der rumänischen Nation völlig abgesondert bleiben müßten". Dieser Gedanke wurde auch in der Konstitution vom Jahre 1866 proklamiert, wonach die Eltern eine Geldstrafe zu tragen haben, wen» sie ihre Kinder in die Regiernngsschulen nicht schicken wollen?) All diese Mittel führten dazu, daß die Zahl der. jüdischen Schüler in den Regicrungsschulen stark anwuchs. Noch im Jahre 1864 betrug die Zahl der jüdischen Schüler iit sämtlichen rumänischen Schulen nicht mehr als 30. Im Jahre 1874 stieg diese Zahl bis 11«/» und in einigen Städten sogar bis 50«,'» von der allgemeinen Zahl der Schüler. Im Jahre 1882 erhöhte sich die Zahl der jüdischen Schüler in den städtischen Schulen bis 15«» unb in einigen Städten mit großer jüdischer Bevölkerung — bis 75o/o.; Nun tauchte da plötzlich der Gedanke auf, daß - die Juden 511 viel lernten. Tenn die ausstudierten Rumänen mußten die schwierige Konkurrenz mit den ausstudierten Juden bestehen. Dck ergoß sich über das ganze Land ein Schrei, daß die Rumänen in ihrem Lande kein Betätigungsgebiet mehr hätten. Die schönen Phrasen von der Vereinigung beider Stationen verhallten in dem großen innern Aufruhr, der durcy die Gefahr einer ökonomischen Konkurrenz hervorgcrufen Ivurde. Alle Mittel wurden als gestattet angesehen, wenn sie nur dieser Gefahr Vorbeugen sollten. Endlich wurde eine Maßregel getroffen, gemäß welcher die Vakanzen in den Schulen zuvörderst den rumänischen Kindern Vorbehalten und nur die nach diesem Vorbehalt freigcbliebenen Plätze den Ausländern überlassen werden sollen. Unter „A u s l K n d e r " wurden natürlich nur die Juden verstanden. Das ist in kurzen Zügen der historische Untergrund für die gegenwärtige Lage der rumänischen Juden. So tief beschämend dieses Bild für ein zivilisiert sein wollendes Land ist, so wenig verwunderlich erscheint es jedoch von dem Gesichtspunkte der krassen Realpolitik, die heute noch im Staatenleben die Regel ist. Brüsseler Brief. Man kann wohl ruhig behaupten, daß cs ivenig Städte gibt, wo Juden eine so große Rolle spielen und wo trotzdem jüdisches Leben so tief danicderliegt, toie Brüssel. Hier haben sich Juden aus aller 5) Bernard Lazare: Les juifs en Roomaine. „C D. L. Q.“ Adr. 1902. Herren Länder angesiedelt, und es gibt kein Band, welches das internationale Judentum ein wenig zusammenhält. Die Synagoge, das alte Bindeglied unserer Glaubensgenossen, ist hier durch Nachäffung fremder Culte zum Sammelplatz Schaulustiger herabgesunke», wo man höchstens au den Festtagen die Toilette der Großen und diese selbst zu sehen hingeht, und dann auch gleichzeitig die Predigt des Ober- Hirten mit in den Kauf nimmt. Doch, es ist eine alte Erfahrung in Israel, daß immer dann, wenn es am tiefsten gesunken >var, in dem anscheinend verdorrten Stamm sich neue Lebenssäfte bildeteir und an seinen kahlen Aesten hoffnungsfrohe Knospen hervorsproßten. So zeigen sich auch hier Knospenansätze, deren günstige Entwickelung und Entfaltung wir nur mit den besten Wünschen begleiten können. Bor ungefähr einem halben Jahre ist cs Herrn Reinsberg, Besitzer gleichnamigen Hotels, unter großen Anstrengungen gelungen, einige Leute zusammenzubringen, um Samstags einen Gottesdienst zu schaffen, unabhängig von der Orgel-Synagoge. Nach und nach ist aus diesen wenigen Personen eine kleine Gemeinde entstanden, welche bereits ca. 50 Mitglieder zählt, die aber zum größten Teil wenig bemittelt sind. Doch jeder von ihnen hat Opfer gebracht, sodaß man vor einiger Zeit einen kleinen Raum gemietet hat, Rue Pan Artevelde j42, der sehr nett als Synagoge hergerichtet wurde. Jetzt hat also Brüssel ein Gotteshaus, tvo nach Alt-Bäter- Sitte täglich Gottesdienst stattfindet, sowie eine unter strenger Aussicht stehende F-leischhallc. Vor ca. 3 Wochen wurde ein Chase», der zugleich Schachet ist, angcstellt, und obwohl die opferwillige, aber unbemittelte Gemeinde jetzt cinigerniaßen auf festen Füßen steht, so wäre es doch sehr wünschenswert, wenn dieselbe von auswärts mit Geld unterstützt würde, besonders, da sie noch keine rituelle Badeeinrichtlllcg besitzt. Eine Sefer-Thora nennt sie noch nicht ihr Eigen, doch wurden Schritte getan, um eine solche zu beschaffen, und jetzt schon sreut man sich auf die zurzeit stattsindende Einweihung. Io s >. Aus aller Wett. Deutsches Reich. Frankfurt a. M. Endlich hat die israelitische Gemeinde mit dem Prinzipe souveräner Nichtachtung der Gemeindcmitglieder in Sachen der Gemeindeverwaltung gebrochen; zum ersten Male lag während 8 Tage die Rechnungs-Ausstellung zur Einsicht für das Publikum aus dem Gemeinde-Sekretariat auf. Mit diesem Bruch einer selbstherrlichen, den Gesetzen der Gerechtigkeit Hohn sprechende» Handlungsweise ist der erste Schritt zur Oesfentlichkeit der Ausschußsitzungen getan. Tie Rechnungsausstelllung weist folgende Zahlen aus: Einnahmen: .Hauptsynagoge: Sesselmiete JL 12 650, Trauungsgebühr JL 300. Synagoge Börneplatz: Sessclmiete JL 24150, Trauungsgebühr JL 300. Hilfsgottesdienst: Sesselmiete: Frankfurtloge Jt. 1000, Realschule JL 300, Freisinniger Gottesdienst JL 2100. B c e r d i g u n g s w e s e n: Grabstättengebühren u. Reservierungen JL 40 000, Erkennungsgebühren JL 200, Abgabe der Friedhofsvertvaltung JL 2000. Schlachtwcsc n: Schlachtgcbühren JL 17 500, Plombiergebühren JL 3400, Aufsichtsgebühreu JL 8075. M a z z e n b ä cke r e i: JL 600. Frauenbad: Badegelder JL 2600. Unterhaltung der Gebäude: Miete, Pachtzinsen JL 2900. Verzinsung und Tilgung der Gern e i n s ch u l d: Hypotheken JL 15 015, Bankguthaben JL 500. Kultussteuern: JL 261400 (Erhebungskosten JL 4300). Unvorhergesehenes: JL 10. Extra-Ordinarium: Ueberweisung aus dem Betriebsfonds JL 19 0C0. Ausgaben: Allgemeine Verwaltung: Besoldungen JL 18 200, Sachliche Ausgaben JL 2800. Haupts ynag 0 ge: Besoldungen JL 25 600, Chor JL 7180, Heizung und Beleuchtung JL 2500, Allgemeine Ausgaben JL 3000. Synagoge Börneplatz: Besoldungen JL 21SOO, Heizung und Beleuchtung JL 5000, Trauungskosten, Reinigung usw. JL 3000, Chor UL SOO. Hilfs gottesdien st: Frankfurt-Loge JL 2500, Realschule JL 900, Freisinniger Gottesdienst JL 5400. Gefängnis-Go ttesdienst (Preungesheini): JL 1100. Beamten- und Witwenpension: JL 19 910. Reals chule (Philantropin): Zuschuß JL 94 670. Hospital: Zuschuß JL 38 200. B eerdigung swesen: Besoldungen JL 10 860, Sachliche Ausgaben JL 5720. Schlachtwesen: Besoldungen JL 28475, Sachliche Ausgaben JL 1650, Beaufsichtigung der Koschermilch JL 40. Mazzenbäckerei: JL 200. Frauenbad: Gehalt JL 840, Sachliche 2lusgaben JL 2300. U n t erhol t u n g der Gebäude: JL 1000, Versicherungen und Steuern JL 2850. Verzinsung und Tilgung der Gemeind e s ch u l d: Hypotheken- Zinsen JL 8350, Anleihe JL 15382, Anleihe-Tilgung JL 10 200, Stistungszinsen JL 15 513. Religionsunterricht: Stadt. Privatschulen JL 3500, Jsr. Religionsschule JL 3000. Beiträge für allgemeine Zwecke: Gemeindebund, Verband der deutschen Inden, Gesellschaft z. Förderung der Wissenschaft des Judentums, Almosenkasten usw. JL 8700. Unvorhergesehenes: JL 9900. Extra-Ordinariu tu: Treppenban Hauptsynagoge JL 4000, Vorarbeiten für den Bau der Westendsynagoge JL 15000. Berlin. Die Dien st Verhältnisse im Heer werden durch Reg ulative geordnet» deren schematische Fassung nicht fetten geeignet erscheint, einen Anreiz zu konfessioneller Zurücksetzung zu geben. Es existieren u. a. auch „Bestinunungen über die Dienstverhältnisse der Einjährig-Freiwilligen, Offiziersaspiranten des Beurlaubtenstandes und der Reserve- und Landwehr-Offiziere". Ter Monatsschrift „Im Deutschen Reiche" liegt ein bei Oskar Bärthold in Teutsch-Eylau gedrucktes Exemplar solcher „Bestimmungen" vor, die zwar nur zunächst für das Jufauterie-Regiment Nr. 152 bestimmt sind, aber wohl auch mit demselben Text für andere Heeresteile Gültigkeit haben werden. Auf Srite 13' dieser Bestimmungen findet sich folgendes, als Muster C bezcichiretes Schema für ein Namentliches Verzeichnis der am 1. Oktober 19 . . eingestellten Einjährig- Freiwilligen, zugleich Vorschlag für Klasseneinteilung und Ernennung der sür Klasse I bestimmten Einjährig-Freiwilligen zum überzähligen Gefreiten: SS *5 <s Namen Klassen- Bestimmung aus 55,56.62 Bemerkung des Kompagnie- Chefs Bemerkung des Bataillons- Kommandeurs 1 Einjahrig- Freiwilliger Bürkner II B. hat fich in letzter Zeit gekräftigt u. im oesondernUnterricht Gutes geleistet 2 Einjahrig- Freiwilliger Ecke 1 Einverstanden 3 Einjährig- Freiwrlliger Pusch III 2 Arreststrafen wegen Ungehorsam und Dienstversäumnis Desgl. 4 Einjahrig- Freiwilliger Hochmann III Befindet sich bereits seit dem 2. Januar in der Klasse III Desgl. 5 Einjährig- Frei-- williger Lewy II L. mangelhaft beanlagt, schlechte Haltung vor der Front v. L., Major Dt.-Eylau, den . . tcn.19 . . v. E. Hauptmann u. Kompagnie-Chef. Diese „Bestimmungen" sind im höchsten Grade interessant; nach diesem Schema wird Lewy nicht Ofsizier (kl), entweder weil er nach Ansicht des Majors v. L. „mangelhaft" beanlagt ist und schlechte Haltung vor der Front zeigt, oder er ist nur deshalb mangelhaft beanlagt, weil er „Lewy" heißt. Daß sür die Rubrik der so Veranlagten gerade dieser Name gewählt wurde, erweckt jedenfalls den Anschein, als ob eine Absichtlichkeit dabei gewaltet habe. Köl» a. Rh. Den Bemühungen des Vereins für die jüdischen Interessen Rheinlands ist es gelungen, einem seit je empfundenen Mangel abzuhelfen. Im Bad Neuenahr hat sich das Hotel Landskrou (Besitzer Herr Moritz Borg) der Aufsicht des Vereinsrabbi nates unterstellt. Köln a. Rh. Aus derRepräsentanten- Sitzung vom 2. M a i. Ter einzige Punkt der Tagesordnung bildet dieBndgetberatung. Beim Titel Gehälter regt Herr Moses G0ttschalk an, unter den beabsichtigten Reformen auch eine genaue Taxe sür die Reden der Rabbiner bei Beerdigungen, Trauungen usw. sestzusetzen; ebenso wünscht Redner, daß im Herbste während der Schulferien möglichst ein Rabbiner anwesend sei. — Der Herr Vorsitzende erwidert, daß im nächsten Jahre neue Verträge geschlossen und die Funktionsbedingungen dann festgestellt werden sollen, da möge die Anregung erneuert werden. — Herr Eliel erklärt, daß der letztgeäußerte Wunsch des Herrn Gottschalk