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Neue jüdische Presse · 1905-05-12 · Heft 18 (12.5.1905) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
3 (1905)
Issue
Heft 18 (12.5.1905)
Date
1905-05-12
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. Frankfurter Israelitischer Familienblatt. Nr. 18. logisch denkende Mensch wird nun, da sich die Seligmannsche Behauptung bewahrheitet, mit Recht folgern, das Judentum habe seine selbständige nationale Ethik, seine nationalen Moralbcgrifse im Gegensatz zu den universellen Moralprinzipien des Scholastizismus. Wer, du irrst, Brutus! Das „allgemeine Obst" ist Mode. Für Herrn Dr. Seligmann existiert eine Universalmoral, die im Judentum ihren Ausgangspunkt hat, und, da nach Herrn Dr. Seligmann das Judentum die Ethische Magd der Menschheit" ist, so kommt er zum Schluß, daß „der jüdische Gott, die jüdische Sittlichkeit der kranken Welt Balsam brachten" auch fernerhin- Und aus dem ganzen Wortschwall leuchtet der einzige Gedanke hervor: Die Juden haben die Moral geschaffen, die Ethik begründe^ für die Verbreitung der ethischen Ideen gearbeitet. Judcnheit, du bist der Moralbote der Menschheit! Der konkrete Gehalt des Judentums sei die Sittlichkeit. — Wenn aber alle Menschen sittlich sind — daran wird doch Herr Dr. Seligmann glauben, denn er ist doch, Optimist, was dann? Dann — meint unser Rabbi — wird das Judentum vom Weichbild verschwinden. Wenn Lessing und das Judentum ein und dasselbe sind, Antilessingianer weniger als Antisemiten existieren, könnte da nicht die Lessingiade eher die „sittliche Mission" erfüllen, als das Judentum; also wozu überhaupt das Judentum? — Unter diesen Umständen hat nicht einmal das Scligmannsche Judentum Existenzberechtigung. Wozu also diese Selbsttäuschung. Wir Juden ohne Prädikate und Wjektiva wissen ja, daß das, was Herr Dr. SeligMann unter Judentum versteht, nichts weniger als Judentum ist, denn das Judentum ist doch „Etwas", kein zeklenloses Gewebe. — Das nichtjüdische „Ich" fühlt ebenfalls, daß das Judentum ein „Etwas" ist, denn sonst: warum der zweitausendjährige Kmnpf zwischen Judentum und Nichtjudentum? Also wozu das Sich-Selbsttäuschen? Und wir Juden, Angehörige der jüdischen Nation, Träger des politischen rechtlichen Judentums, wir die Eingeschlossenen in eine absolute Welt, in die Feste der jüdischen Rasse, wir sind uns unserer ebenfalls bewußt. —- Und das Politische und Nationale im Judentum? Wo bleibt das? Wenn auch zugegeben wird, daß Moral und Ethik Fragen der Ewigkeit sind und immerfort von neuem behandelt werden können, so ist es doch andererseits Tatsache, daß Moral und Ethik nicht die einzigen Kulturelemente des Judentums sind und bei der Existenz des Judentums doch auch seine andern Kulturelemente, die politischen, nationalen usw. behandelt werden müssen. Es ist doch nicht anzunehmen, daß Herr Dr. Seligmann, vom Judentum sprechet, das jüdische Volk für nichtexistierend ansieht und die Kultur des jüdischen Volkes vom Standpunkt der vergilbten Blätter betrachtet. Und als „Moderner" wird doch auch Herr Dr. Seligmann wissen, daß sich die heutige Moderne nicht nur auf Moralfragen beschränkt, sondern und vornehmlich soziale, sozialpolitische Fragen in den Kreis ihrer Betrachtungen zieht. Hat er die nationale und politische Seite des Judentums nicht von jüdischem Standpunkt behandelt, so kann er es doch nicht als „Moderner" unterlassen. — Aber unsere modernen Rabbinen lieben es öffentlich zu sprechen, sür alle, nur nicht für Juden, wiewohl das jüdische Volk, unter seinen Schmerzen verblutend, eine Antwort auf diese Fragen herbeisehnt. Man geberdet sich „germanisch". Und Liesen abrahmitischen Germanismus nennen wir Sklavenmoral. — — Wir wollen keine Ueberjuden sein, aber Juden sind wir und wollen es sein, ganze Jrrden, ein Judentum moro judaico — und kein Phantomjudentum. — Und, wenn wir es auch nicht sein wollen, müssen wir es sein, denn wir können nicht aus unserer Haut springen.- Juden sind wir, ganze Juden, auch konsequente, Juden mit all' unseren Zellen, Nerven, Fasern, mit unserem Blute, mit unserem Herzen und als solche sind wir nicht nur ethisch, sondern auch ethisch. Wir können nicht umhin, sofern wir den Herren .Modernen Juden" Glauben schenken, — ihr Definieren und Philosophieren, ihren Optimismus (blutiges Lachen), ihre Ethik für ein Tasten und Suchen halten, nur bedauern. Bedeuten diese Irrlehren kein berechnetes HinarÜeiten auf die Entfremdung der Massen vom Judentum, sondern ein instinktiver Kumpf zwischen monientaner Glückseligkeit —,-- und Judentum, dann — werden >vir ihnen unsere Teilnahme an ihrem seelischen Leiden nicht versagen können. Wer in uns regt sich ein Zweifel — und daher heißt cs „Jude auf der Hut sein", denn «ine innere Verblutung, ist der Weg zum Untergang. Sanr. Max Mclained. Schillerehrmrg. Yivos voco! Die Lebenden rufe ich! Der Gedenktag Schillers ist vorüber, doch die Stimmen zu seiueni Ruhme sind noch nicht verstummt. Immerhin aber erscheint es angebracht, einen Rückblick ans die Kundgebungen der letzten Tage zu werfen, die denr Dichterfürsten des deutschen Volkes geweiht gewesen sind. Unübersehbar sind die Würdigungen in Wort und Schrift an allen Ecken und Enden des Vaterlandes und darüber hinaus hervorgeschossen, und wenn cs nach der Zahl der Worte und dem Auswande von Pathos ginge, mit dem Schiller gehuldigt wurde, müßte man unsere Gegenwart als eine Zeit vollendetester Erkenntnis der höchsten Ideale preisen. Zieht man diesen Schluß jedoch nicht, sondern geht man den Ovationen etwas tiefer auf den Grund, so kann man höchstens die Kunst bewundern, mit welcher die S e ns a t i o n erzeugt und geschürt wird und muß sich dann gestehen, daß unter all den rühmunslverten Regungen, Schiller seine wohlverbricsten Rechte, als edelstem Sohne des deutschen Volkes wicderzuverschaffen, eine Unmenge von. Täuschung und Hohlheit der Gesinnung mit unterlaufen ist. Den Nachweis dafür im Einzelnen sür die Allgemeinheit zu erbringen, bedarf cs nicht unserer Begründung in diesen Blättern. Wohl aber sind wir verpflichtet, dem Sirenengesänge in dem selbstzufriedenen, alldeutschesten Teile unserer jüdischen Presse einige Aufmerksamkeit zuzuwenden. Vor uns liegt N o. 18 der „A l l g. Zeitung des Judentums" vom 5. Mai d. Js. An der Spitze ein Leitartikel: „Schiller". Nach einigen klingenden Phrasen über Schillers Kosmopolitismus sagt der Verfasser mit Bezug auf die Schillerfeier im Jahre 1859 wörtlich: „Worauf beruhte aber die Beliebtheit gerade dieses Dichters, der doch kaum ein einziges Mal für die bedrückten Juden das Wort ergriffen, ja, der ihnen im Gegenteil in seiner „Sendung Mosis" sogar recht weh getan hatte, bei den Inden aller dcutschsprcchenden Länder und weit darüber hinaus? Auf diese Frage hat ein hervorragender jüdischer Denker, und zlvar einer der ernstesten Richtung in unserer Gemeinschaft, schön, als der 100. Geburtstag Schillers in allen deutschen Gauen gefeiert wurde, die treffende Antwort gegeben.". Dieser ungenannte, ernstc, hervorragende jüdischeDenker kommt nun in einem, die Hälfte des Leitartikels umfassenden Auszüge zu Worte. Wer mag wohl so geheimnisvoll damals vor 50 Jahren sein volles Herz ausgeschüttet haben, in Ausführungen, die nur der Allg. Zeitung des Judentums zu Gebote stehen, der, wie ja aus der Verschweigung des Namens hervorgeht, der Autor sehr nahe gestanden haben muß? Sonst ist es, wie bekannt, in der heutigen journalistischen Welt Gepflogenheit, Zitate mit N a m e n zu belegen, dazu noch bei einer Würdigung unseres Schiller, der der aufrichtigste, kernhafteste Charakter unter unseren deutschen Großen gewesen und sein ganzes Leben unverhohlen den Augen der Welt dargeboten hat. Was kann wohl das genannte Blatt demnach zu der Ilmschreibung des Namens und seiner Unterdrückung veranlaßt haben? Sehr einfach! Es hätte doch einen ettvas komische» Anstrich gehabt, die klassischen Worte aus der Schillerredc Samson Rafael Hirsch's vom Jahre 1859 unter Nennung des Ursprunges in neologen Kreisen zu zitieren und so unterdrückt man lieber den Namen des Verfassers, um im Andenken Schillers, des Geraden, selbst einen Schleichweg einzuschlagen. So ehrt die „Allgemeine Zeitung des JudentUlick" den Genius Schillers! g Die Jndensrage in RnmiirneD Von I. T. Wie allgemein bekanntst) sah sich, Rumänien als junge Regierung im Jahre 1818 genötigt, eine Klasse von Beamten im Lande heranzubilden. Da aber die Zahl der über einen für solche Berufe unentbehrlichen Bildungsgrad verfügenden Personen sehr gering war, so mußte die junge Regierung verschiedene Mittel anwenden, um die Dorsbevölke- ') Adolphe Ciarnet: „Les links röumains“. Paris 1904. rung für die Schulbildung zn gewinnen. All die jungen Leute, die im Besitz von Attestaten über Absolvierung einer Bildungsanstalt waren, wurden von der Regierung zn Beamten befördert. Da strömten nun die jungen Leute aus den Dörfern nach den Städten, um möglichst rasch die Aemter zn besetzen. Der Andrang war aber so stark, daß die Zahl der Beamten bald sehr enorm wurde, wobei man aber dieser llcberstürzung kaum Einhalt tun konnte. So entstand in kurzer Zeit ein großer ilcberschuß an Beamten 'in sämtlichen Abteilungen der Administration und Justiz, was naturgemäß überflüssige Ausgaben verursachte. Das Land mußte infolgedessen vcrarnien, und es wurde alsbald mit einer Schuld von einer Milliarde und 650 Millionen belastet.-) Man entschloß sich daher, mit den Staatsäusgaben ökonomischer vorzugehen. Einige Tausende von Beaniten wurden ihrer Posten enthoben, während den neuen Kandidaten sehr schwere Bedingungen gestellt wurden. Auf diese Weise entstand eine ganze Klasse von Stellenlosen, die durch de» Zustroin der jungen Leute aus den Dörfern noch bedeutend vergrößert wurde. Da diese Leute 'vom Lande zur Erdarbeit nicht nrehr zurückkehren wollten, so gaben sie sich Mühe, andere Beschäftigungen ausfindig zu machen. Nun merkten sie gleich, daß die Mittelklasse der Kaufleute und Handwerker bereits in Ueberzahl vertreten sei — uird zwar durch Juden und Ausländer. Wie in anderen Ländern, so auch in Rumänien, wandten sich, die Juden dem Handel und Handwerk zu, nicht aus freier Wahl, sondern gegen ihren Willen. Jnr Jahre 1774 ordnete Fürst Grigory Zschikä an, daß die Inden aus den Dörfern ausgewiesen werden. Nach Verlaus einiger Zeit ergriff er verschiedene Mittel, um die ausgewiesenen Juden zu Handwerkern zu machen: „damit — wie es hieß.— die Staatseinnahmen auf diese Weise vergrößert werden". Er zloang die Arbeiterzünftc jener Zeit, die Juden aufzunehmen und befreite die jüdischen Handwerker von den sonst allen Arbeiterzechen auferlegtcn Abgaben?) Das Resultat dieser Ausnahmegesetze war, daß die jüdische Bevölkerung allmählich aus sich eine große Klasse von gebildeten Handwerkern hervorbrachte, die zur Entwicklung der rumänischen Industrie viel beitrug. Der Handel im Lande blühte im raschen Tempo, hauptsächlich nach dem adrianopoler Traktat, geniäß welchem das schwarze Meer und die Donau dem ausländischen Verkehr erschlossen wurden. Die Eingeborenen sahen auf den Handel mit Verachtung herab und betrachteten ihn als eine eines „echten" Bürgers unwürdige Beschäftigung. Einen Sohn zum Kaufmann erziehen zu lassen — dies galt den Rumänen nur als Schändest) Man überließ daher gerne den geschmähten Handel den nicht „echten" Bürgern: den Grieche», Armenier, Bulgaren und insbesondere den Juden. So erwuchs der jüdischen Bevölkerung eine Klasse von Kaufleuten und Handwerkern, die im Leben des rumänischen Volkes die Mitte zwischen der Erdarbeitcrklasse und den rumänischen Gutsbesitzern einnahm. Solange nun die Dorfleute die Möglichkeit hatten, in die Stadt zu ziehen und dort Rcgierungsämtcr zu besetzen, da kümmerte sich, noch Niemand daruni, daß der Handel und das Handwerk ausschließlich von den Juden ausgeübt werde. Kaum aber war den ausgebildeten Erdarbeitern der Zutritt zu den Regierungsämtern erschwert, sodaß sie sich nun um andere Verdienste umsehcn mußten, so erscholl bald der Ruf im ganzen Lande: die Inden seien eine Gefahr für bas rumänische Volk, da die eingeborenen Rumänen aller Beschäftigung beraubt worden wären. Man machte daher verschiedene Versuche, um die Juden los zn werden. So bildete den Hintergrund der rumänischen Ausnahmegesetze gegen die Juden: der Kampf zwischen den zw eis Klassen innerhalb des Volkes, zwischen derjenigen Klasse, die den noch unbesetzten Platz des Handels und des Handwerks einnahm und derjenigen Klasse, die sich von der Erdarbeit für immer losriß und nun das Recht des Stärker» 2) Gegenwärtig beträgt die Zahl der rumänischen Beamten ca. 25000, ihre Gehälter belaufen sich auf 65 Millionen Fr. jährlich. Die Staatseinnahmen ergaben nur 240 Millionen. 3) A. Xenopol, Renaissance latine, 1902. 4) Fr. Damd, Histoire de la Roumanie.

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