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Neue jüdische Presse · 1905-05-12 · Heft 18 (12.5.1905) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
3 (1905)
Issue
Heft 18 (12.5.1905)
Date
1905-05-12
Page
– (sequence 1)
Language
German
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IsranKfurter Istttlilisches fiwilirtblott. Diese Zeitung erscheint jeden Freitag. Sämtliche Postanstalten des In-und Auslandes, sowie die Geschäftsstelle des Frankfurter Israel. Familienblattes in Frankfurt a. M. nehmen Abonnements- Bestellungen schriftlich und mündlich entgegen. (Abonnementspreise siehe Schluß des redaktionellen Teiles). HsdaLriorr Md HelchLftsststte: Srankfurt a. m.. LeiligKeuzgasse 82. Ecke Llaxperfeldstraße (gegenüber der Neuen Zeit). -HC-i' Hemiisgevn: Kali; . Jnsertionspreise: Die viergespaltene Petitzeile. 25 Pfg. Die Reklamezeile. 100 „ Stellen-Angebote und -Gesuche die Silbe 2 .. Beilagen: Das Tausend Mk. 5.— bis Mk. 8- 3. Jahrgang. Freitag, den 7. Iyar 5665 (12. Mai 1905). Ro. 18. Inhalt des Hauptblattes: Artikel: Judentum und moderne Weltanschauung. — Schillerehrung. — DieJudenfrage in Rumänien. — Brüsseler Brief. — Aus aller Welt. — Seuilleton: Kadimah (Ostwärts), Erzählung von amuel Gordon. — Aus Kunst und Wissenschaft. — Büch erschau. — Aus der Geschäftswelt. — Briefkasten. — Familiennachrichten. Das „Frankfurter Israel. Familieublatl" kostet: Frankfurt a. M. (durch Postkarte bei der Geschäftsstelle des „Frankfurter Israel- Familienblattes" zu bestellen) Mk. 1.— frei ins Haus pro Vierteljahr. Auswärts (am Postschalter zu bestellen) Mk. l.02 einschließlich Bestellgeld pro Vierteljahr. Auch im Auslände nehmen sämtliche Postanstalten zu dem gleichen Preise — in Landesmünze umgerechnet — Abonnements entgegen. Bei direktem Streisbaud-Bezug von der Geschäfisstelle des „Frankfurter Israel. Familienblattes": in Deutschland Mk. 1,50, Oesterreich- Ungarn Kr. 2.—, Rußland Rubel —.80, Holland y fl. 1,25, Frankreich, Schweiz, Belgien, Italien Frcs. 2,50 vierteljährlich. Judentum und moderne Weltanschauung. Aus dem saufie» Schlummer eines süßlichen All- Optimismus und universalistischer HUmanisterci durch des Lebens gemeine Wirklichkeit zu vollem Bewußtsein erwacht, durch das jähe judenseindliche Hämmern und Trommeln in eine Welt sprudelnder Realität atavistisch zurückgeschleudert, steht der westeuropäische Jude beim Erwachen aus seinen: süßen Trauin im ersten Dezennium des Jahrhunderts unbegrenzter Möglichkeiten mit seinem Trachten und Empfinden am Scheidewege zweier Welten, sich sehnend, lechzend, suchend im Lärm der widerspruchsvollen Zeit. Mit Herz und Blut an die eine Welt gefesselt, vom Schein schimmernder Pracht für die neue, moderne Welt begeistert, mit der ersten, alten Welt, mit seinem Judentum in Konflikt geraten, lebt er in einer fremden Welt, in der Welt seines Nicht-Jch's, die ihm aber seines Judentums halber keinen Raum gewähren will und ihn von Ort zu Ort erbarmungslos hetzt. Zu schwach, mit Volk und Tradition ganz zu brechen, zu schüchtern, in den Schoß des Judentums rückhaltslos zurückzukehren, muß er, um sich auf der Oberfläche zu halten, am Scheidewege, am engen Knotenpunkt, wo die Wege kreuzen, wo die Gewässer münden, sein Dasein fristen — an jener engen Grenze jenseits von Ganz und Rund sortvegetieren. Gewiß eine herzzerreißende Tragödie. Und wie jeder Gebrochene und Betrogene will auch der enttäuschte deutsche Jude nicht osfen seinen Bankerott bekennen, sondern mit des Spaniers Stolz sucht er sein Gebrechen zu idealisieren. Früher offenbarte sich uns diese Erscheinung in der Form „Mission", jetzt hat sie mit dem Wechsel der Zeit andere Formen angenommen. Sie tritt uns bald als Nnivcrsalethik, bald als All-Optimismus, bald als die höchste Maxime der Toleranz usw. entgegen. Unzähligemal ging die Sonne auf und unter, unzähligemal drehte sich die Erde um ihre Achse, und unsere kosmopolitischen jüdischen Weltverbesserer werden nicht müde, immer neue und in ihrem Sinne originelle Judentumsformen zu schmieden, zu drehen, zu deuteln, neue Bibeln aus dem Boden zn stampfen. Aber der Gesamtinstinkt des Kollektivums läßt sich nicht beirren, und gar mancher Resormapostel hat schon Fiasco erlebt. Und den Vertretern der jüdischen Decadence taucht die Frage immer von neuem auf: Wer, wo, was, wohin? Mit dem Eifer des zu Tode Gemarterten, des Verzweifelten, suchen sie immer wieder ihren psychischen Habitus — in neue Formen zu bannen. Da das Schlagwort, „Juden aller Länder assimiliert Euch" nicht mehr zieht, die Mission des Judentums eine abgedroschene Phrase geworden ist, so müssen jetzt die Herren, — um nicht gänzlich unterzutauchen — abermals von vorne anfangen und zunächst die Fragen „Wer" und „Was" lösen. Daß die Erkenntnis von der Notwendigkeit der Beantwortung obiger Fragen in den Kreisen der Reform-Rabbiner sich Bahn gebrochen, beweist die Tatsache, daß im Laufe einiger Monate vier abgeschlossene Schriften über das Wesen des Judentums erschienen sind. Und diese Erscheinung ist keine zufällige. Bor kurzem hätte die deutsch-jüdische Assimilationsbcwegung ihr hundertjähriges Jubiläum feiern können, und wahrscheinlich haben die Dalai Lamma der Neologie einen Einblick in ihre Bilanz genommen, was sie zur Revidierung ihres Programms, ihrer ganzen Rechnung veranlaßt haben dürfte.-Und vielleicht ist diese Sucht nach einer genauen Definition vom Wesen des Judentums ein Suchen nach Wahrheit, ein Tasten, ein Versuch-? Galt es Herrn Dr. Bäck, direkt auf die Frage nach dem Wesen des Judentums loszusteuern, beim ersten Tressen eine negative oder positive Antwort zu geben, so versucht es Herr Dr. Caesar Seligmann, Rabbiner zu Frankfurt a. M., in sehr origineller Art eine befriedigende Antwort auf die Frage des „Wer" und „Was" des Judentums zu lösen. „Judentum und inoderne Weltanschauung" ist seine Schrift betitelt, und was Herr Dr. Seligmann will, ist nichts weniger, als das Verhältnis des Judentums zur modernen Weltanschauung klarlegen. Ein frommer Wünsch einer frommen Seele. Judentum und moderne Weltanschauung: also zunächst Judentum. Auch das Seligmannsche Judentum, wenn es noch so blutleer und nervenlos ist, muß doch irgend eine Wesenheit, eine greifbare Form besitzen, denn es ist doch nicht anzunehmen, daß sich jemand unterfange, mit einer in der Phantasie idealisierten Seifenblase andere Dinge zu messen: ein Nichts kann doch kein Maßstab anderer Dinge sein. — Was wir aber zunächst mit Recht von dem Verfasser verlangen dürfen, ist, daß er uns seinen Maßstab, sein Judentum, demonstriere. Heißt doch die Schrift: Judentum und moderne Weltanschauung. — Wie sieht Herrn Dr. Seligmanns Judentum aus? In seiner Schrift behandelt er I. Naturwissenschaft und Judentum, II. Pantheismus und Judentum, M. Schopenhauer und das Judentum, IV. Friedrich Nietzsche und das Judentuin und V. Ethische Kultur und das Judentum. Bei der Reproduktion des Seligmannschen Gedankenganges muß ich hier vorschicken, daß Herr Dr. Seligman» Religion und Judentum für zwei von einander getrennte Dinge hält. Halten wir daran fest. — Auf die Frage eines zufällig zur Botanikprofessur gelangten Mannes: „Moses oder Darvin?" antwortet Herr Dr. Seligmann: „Ein darvinistischer Mosaismus!" Daß man als Jude Darvinist sein könne, belegt der Autor mit der Tatsache, daß sich bas Judentum niemals gegen das naturwissenschaftliche Weltbegreifen aufgelehnt hätte, dann zitiert er eine Stelle aus dem bekannten kabbalistischen Werk „Sohar", aus der hervorgeht, was Herr Dr. Seligmann sucht. Tie angeführte Soharstelle hat folgenden Worttaut: „Alles Seiende auf der Welt, was sich in den verschiedenen Weltpcrioden entwickelte, war, bevor es in der Welt existent wurde, im göttlichen Weltplan vorhanden. (Sohar in. Pag. 6 b.)" Mit dieser dunkeln Soharstelle sucht Herr Dr. Seligmann seinen Darvinismus von Judentumswegen zu begründen. — Durch Kabbalah zu Darvin! Die übrigen Belege für den mosaischen Darvinismus sind mehr indirekter Natur, so die Berufung auf die rationalistische Bibelerklärung Maimonides, auf die Toleranzlehre Albos in seinem Jkkarim usw. Bei dieser Gelegenheit vergleiche man folgende Stelle aus der Vorrede der Schrift: „In dieser Zeit läßt sich die Religion und das Judentum nicht mit schönen Bibel Versen und Talmudsentenzen verteidigen. Gegen diese Feinde (der Religion) hoffe kerner.mkL ven kinvljchen Waffen der Vergangenheit einen leichten Sieg davon zu trage n". Also die Religion könne man nicht mit schönen Bibelstellen und Talmudsentenzen verteidigen, wohl aber den Darvinismus „Judentumshalber" durch dunkele Soharstellen begründen. Auf die Frage nach dem Verhältnis des Judentums zum Pantheismus erhalten wir eine diplomatische Antwort. Er bringt Beweise pro, daß Judentum und Pantheismus identisch seien, doch bekennt sich am Ende der Autor unter urspinozistischem Vorbehalte zum Deismus. Aber auch der Seligmannsche Deismus ist so fad und leblos, daß er sich schier in Kategorien auflöst. Man vergleiche einen solchen blassen, bis zur Unkenntlichkeit gewordenen „Deismus" mit dem absoluten, jüdischen Monotheismus. Und faßt man ins Auge, daß es der absolute jüdische Monotheismus ist, in der das ganze Judentum seinen Ausgangspunkt hat, so wird man sich vom weitern Gehalt des Seligmannschen Judentums einen Begriff machen. — Was ex über Schopenhauers Judentumshaß zu sagen weiß, ebenso über Nietzsche und das Judentum ist nicht weiter von Belang. Ruht das Judentum in den ersten vier Kapiteln der Schrift fast unter der Schwelle des Vorhandenseins, so erhält das phantastische Chaos des mosaischen Darvinismus kabbalischen Gepräges Plus Deismus greifbarere Gestalt bei der Klärung des Verhältnis zwischen ethischer Kultur und Judentum. Entgegen den Forderungen der Vertreter der modernethischen Kultur, die Ethik von der Religion loszulösen, weist Herr Dr. Seligmann darauf hin, daß auch das jüdische Moralprinzip autonom sei. Im Judentum, so behauptet der Verfasser mit Recht, waren die sozialethischen Forderungen nicht rein individueller Natur, sondern Gut der Gemeinschaft des Staates. Sie münden in die jüdische soziale Gesetzgebung, sie waren von Staatswegen kodisiciert. Jeder

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