Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 3 (1905)
- Issue
- Heft 17 (5.5.1905)
- Date
- 1905-05-05
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Nr. 17. Mahler wollte dem Komponisten eine aufmunternde Ehrung zu teil werden lassen, indem er ihm die musikalisch« Direktion für die Aufführung übertrug. Er hatte aber seine Iiechnung ohne das Orchester, das zu 10o/o aus Konservatoriumsprosessoren besteht, gemacht. Die Herren des Orchesters weigerten sich nämlich, unter der Leitung eines ungetansten Juden zu spielen. (Dabei spielen sie sehr gern unter dem Taktstock von Bruno Walter, der vor seiner meutestamentarischen Zeit Schlesinger hieß, und natürlich auch unten Gustav Mahler.) Mer schließlich durste der Komponist doch die bescheidene Genugtuung erleben, daß sich Mahler seiner annahm und die Herren doch unter Riesenfelds Leitung spielten. Ja! Kunst veredeü! m.) «rervowitz. 18.April. Jüdische Arbeiterbildungskurse. Eine anerkennenswerte Institution hü die jüd. nat. akad. Verbindung „Zephirs ins Leben gerufen. Die Verbindung, die eines ihrer Hauptziele darin sieht, das geistige Niveau ihrer Brüder auf jede mögliche Weise zu heben, hat vor vor einigen Jahren jüd. Arbeiterbildungskurse errichtet, die alljährlich in den Wintermonaten abgehalten werden. Wie notwendig diese Kurse.sind, kann man daraus ersehen, daß sie, trotzdem die Kurse schon einige Jahre bestehen und größtenteils nur elementare Gegenstände wie deutsches Lesen und Schreiben» Geographie, allgemeine und jüdische Geschichte, Buchhcütung und Zeichnen gelehrt werden, dennoch sehr gut besucht sind. Den Unterricht erteilen die Mitglieder der Verbindung und es ist eine wahre Freude zu sehen, mit welchem Eifer die jungen Leute sich dieser Mühe unterziehen. Die Erfolge, die sie aufzuweisen haben, sind deshalb auch sehr zufriedenstellend. Von den 2 Kursen, die Heuer abgehalten wurden, konnten 70—75»/o aller Schüler sehr gute Erfolge aufweisen. Auch bei den anderen 300/a wäre dies der Fall gewesen, wenn sie nicht der Beruf oder andere Sorgen gezwungen hätten, von der Schule fernzubleiben. Frankreich. —e— Paris. Einwanderung russischer Juden nach Kuba. Der kubanische Konsul in Nürnberg, Herr Max Lehmann, ist soeben auf der Durchreise aus Kuba in Paris angelangt und teilt hier interessante Details über die Rolle mit, welche das nunmehr befreite Kuba in der Frage der Plazierung der russ. und rumän. Auswanderer jüdischen Maukens spielen könnte und welche die Regierung dieser jungen aufblühenden Republik zu übernehmen bereit ist. Konsul Lehmann hat in Regierungskrcisen von Kuba die Idee angeregt, dem Mangel an Ar- Leitskrästen, der in Kuba herrscht, durch die Begünstigung der Einwanderung von Juden aus Rußland und Rmnänien abzuhelfen. Der Krieg hat die Zahl der ihr Vaterland verlassenden Juden aus Rußland vermehrt. Las strenge Judengesetz in Rumänien vertreibt die Juden aus der alten, immer ungastlicher werdenden Heimat. Die russischen Juden, welche ihre Heimat und in vielen Fällen auch die russischen Waffen verlassen, sind zumeist landwirtschaftliche Arbetter, und die aus Südrußland stammenden Juden sind Zuckerfabriksarbeiter, hie rumänischen Juden sind Handwerker. Die kubanische Regierung hat rasch die angeregte Frage aufgegriffen und sich überzeugt, daß die Einwanderung dieser arbeitsamen Elemente von Nutzen für Kuba sein könnte. Die Zifser des Exports aus Kuba hat im abgelaufenen Jahre 130 Millionen Dollars erreicht — zumeist wurde Zucker und Tabak Srttert. Die Bevölkerung des Landes ist kaum IVa ionen Seelen, auf einer Bodenfläche, mehr als Sagend, um 20 Millionen Menschen zu ernähren. der Befreiung von dem spanischen Stiefmutterlande hat dre Produttion auf Kuba einen enormen Aufschwung genommen. Derselbe wirb in seiner weiteren Entwicklung durch den Arbeitermangel gehemmt. Die kubanische Regierung hü sich deshalb bereit crklärt, die Einwanderung der russischen und rumänischen Juden nach Kuba zu begünstigen und dafür auch müerielle Opfer zu bringen. Das neue Einwanderungsgesetz, welches. das Parlament soeben berät, wird die gesetzliche Basis für die Immigration schassen. Die Regierung wird fiir die Seefahrt der Einwanderer aus einem europäischen Hafen — wahrscheinlich Hamburg — aufkommen. Kubanische und amerikanische Finanzinstitute, welche große Interessen in Kuba haben, sollen die Eisenbahnfahrt bis Hamburg oder den zu bestimmenden europäischen Abfahrtshafen zahlen. Konsul Lehmann hat den Finanzinstituten seinen Plan entwickelt und prinzipielle Geneigtheit gefunden, die Ausführung desselben sicherzustellen. Es sollen zunächst 10000 Juden aus Rußland und Rumänien nach Kuba gebracht werden. In St. Jago, wo die jüdischen Arbetter in Minen arbetten sollen — es sind keine tteflicgenden Bergwerke — sind Häuser für 1500 Familien bereit. Die Ärbeiterhäuser stir Fabriks- und landwirtschaftliche Arbeiter sind leicht herzustellen, da Holz in Masse vorhanden ist. Die kubanische Regierung verspricht sich große wirtschaftliche Erfolge von dem neuen Einwanderungsgesetze und der Einführung der jüdischen Arbetter. Bei der Organisierung der Einwanderung soll hauptsächlich auf geschulte Arbetter und Handwerker Gewicht gelegt werden, da nur die Einführung dieser Elemente von Nutzen für die Insel ist. Großbritannien. London, 2. Mai. Chamberlein äußerte im weiteren Verlaufe der Debatte, von der zur Beratung stehenden Bill, welche den Zuzug der niederen ausländischen Arbeiterklasse ernhalte, sei nur ein kleiner Schritt zu der anderen Bill, welche er in nicht allzu langer Zeit eingeführt zu sehen hoffe, um die Einfuhr der von diesen Leuten angesertigten Waren zu verhindern. Balfour sagt: Die Frage der F r c m d e n e i n w a n d e r u n g in England hat ganz und gar nichts zu tun mit der Jude n s r a g e. Wir haben uneingeschränkte Berechtigung, darüber zu entscheiden, unter welchen Bedingungen wir die Bürger anderer Nationen zur Teilnahme an den Fortschritten unserer Zivilisation zulassen wollen oder nicht. Das Asylrccht, wie es von unseren Vorvätern verstanden, wirb durch die Bill keineswegs verletzt, sondern die Bill schließt nur diejenigen Personen von der Einwanderung aus, welche voraussichtlich dem Staate zur Last fallen würden. Loado«, 3. Mai. Die zweite Lesung der Fremdenbill wurde mit 211 gegen 59Stimmenangenommen. Aus veu Vereinen. Berlin. Der zweite jüdische Turntag. Am 23. und 24. April hü in Berlin die zweite ordentliche Versammlung der zur jüdischen Turnerschaft gehörigen Vereine, der sogenannte „Jüdische Turntag", stattgefunden. Vor anderthalb Jahren, während der Tagung des letzten Zionistenkongresscs, bildete Basel die Stadt, von der der Ruf erging, allerorten jüdische Turnvereine zu errichten, den Schauplatz der Begründung des Turnverbandes und gleichzeitig den der ersten Tagung des Jüdischen Turntagcs. Diesmal durste Berlin, das von Anfang an die Zentrale jüdischer Turnerei gewesen ist, und das erst eine eigentliche Turnbeweguug geschaffen hat, in seinen Mauern die Delegierten des jungen Verbandes begrüßen. Außer den Vertretern des über 500 Turner zählenden Berliner jüdischen Turnvereins „Bar Kochba" waren folgende Bundesvereine vertreten: Köln, Wien, Mährisch-Ostrau, Bielitz, Gratz, Oderfurth, Stettin und Lemberg. Außerdem wohnten Abgeordnete der dem Verband noch nicht angehörendcn jüdischen Turnvereine von München, Aachen und Posen den Beratungen des Turntagcs bei. Der Vorsitzende der „Jüdischen Turnerschaft", Dr. Ernst Tuch-Charlottenburg, eröffnete und leitete die Verhandlungen, die eine Fülle von Arbeit in ersprießlichster Weise bewältigten. Zunächst galt es, den Mängeln der bisherigen Organisation abzuhelfen und «in Statut zu schaffen, das der Eigenart der fraglichen Verhältnisse gerecht wurde. Nach dieser Richtung hin ist ein voller Erfolg zu verzeichnen. Vor allein ist ein glücklicher Griff mit der Organisierung der sog. Obinannschaft, d. h. der Vorsitzenden der sämtlichen Verbandsvereine, getan worden. Dieses neue Organ gewährleistet eine engere Fühlungsnahme der einzelnen Vereine mit der Zentrale. In propagandischer Beziehung waren die Anregungen des Dr. Ludwig Werner- Wien und Julius Berger-Köln besonders wertvoll. Die in den Referaten beider Herren niedergelegten Anschauungen und Vorschläge dürsten lange Zeit hindurch die Richtschnur für die Tätigkeit der Verbandszentralc bilden. Auch die Ausführungen des Turnlehrers Rudolf P o l l a k - Wien über den Turnbetrieb in den jüdischen Turnvereinen werden in vielen Punkten für die Zukunft maßgeblich sein. Zur Ermöglichung und Förderung einer systemattschen und wirksamen Propaganda erscheint der Beschluß, einen F o n d s für die „Jüdische Turnerschaft" zu schaffen, von außerordentlicher Bedeutung. Endlich sei noch auf die Referate hingewiesen, die die Stellungnahme der „Jüdischen Turnerschaft" zum Zionismus und zu den nichtjüdischen Turnverbänden behandeln. Neber das erste Thema sprach Dr. I a l o w i c Er wies darauf St, zu welch' großem Danke die „Jüdische Turnerast" der zionistischen Bewegung verpflichtet sei, von der die jüdischen Turnvereine die erste Anregung zu ihrer Gründung und die stete Förderung ihrer Bestrebungen erhalten haben. An das Referat schloß sich eine lebhafte Debatte, in der sich völlige Einigkett aller Redner darüber ergab, daß die „Jüdische Turnerschaft" mit dem Zionismus die national-jüdische Basis gemein habe, daß sie aber nach ihren Satzungen keinerlei politische Zwecke verfolge. Das Referat von Theobald Scholem-Berlin über die Stellung der Jüdischen Tnrnerschaft zu den anderen Turn verbänden führte zur cinsttnimigen Annahme nachfolgender Resolutionen: 1. Der zweite Jüdische Turntag erklärt, daß die Stellung der „Jüdischen Turnerschaft" gegenüber den anderen Turnverbändcn gegeben ist durch den 8 2 der Satzungen, welcher lautet: „Die „Jüdische Turnerschaft" bezweckt die Pflege des Turnens als Mittel zur Hebung des jüdischen Stammes im Sinne der national-jüdischen Idee. * Unter National-Jndentnm verstehen -as Bewußtsein der Zusammengehörigkeit aller .<>. auf Grund gemeinsamer Abstammung und Geschichte, sowie den Willen, die jüdische Stammcsgemeinschaft auf dieser Grundlage zu erhalten. Der'Verband verfolgt keine politischen Zwecke." Der „Jüdische Turntag" stellt fest, baß sich diese Zwecke und Ziele nur in der „Jüdischen Turnerschast" erreichen lassen. - Agressive Tendenzen liegen der „Jüdischen Turnerschaft". fern. 2. Der zweite „Jüdische Turntag" gibt seinem lebhaften Bedauern darüber Ausdruck, daß jüdische Mitglieder des Kreises 15b der „Deutschen Turnerschast" trotz der judenfeindlicheit Stellungnahme des Kreises 15b sich nichts ihres jüdischen Volkstums bewußt geworden, sondern in der „Deutschen Turncrschaft" verblieben sind. Nach Erledigung der Neuwahlen und nach der Bestimmung des nächsten Turntagsortes, wozu einstimmig Wien gewählt wurde, schloß der Vorsitzende Dr. Ernst Tuch den zweiten Jüdischen Turntag. Berlin. Dem Komitee für Ferienkolonien jüdischer Kind er ist es infolge beonderer Förderung durch den Berliner Verein für Ferienkolonien im Vorjahre ermöglicht worden, der tattlichen Zahl von 400 Kindern die Wohltat eines vierwöchentlichen Soinmeraufenthalts zu gewähren, In Bad Elmen waren in der Eugen und Amalie Rosenthal-Stistung 60 Mädchen und 30 Knaben untergebracht. Das Königliche Salzamt in Schönebeck stellt in liebenswürdiger Weise unter Streichung der Kurtaxe den kurbedürftigen^Kiiiderii die Benutzung der heilkräftigen Soolbäder im Juni und August völlig unentgeltlich, im Juli zu halbem Preise zur Verfügung, und der Badearzt Herr Dr. Fricke jiifjtt seit dem Jahre 1894 mit dankenswerter Unetgennützigkeit trotz seiner großen Praxis die. ärztliche Aufsicht über die Kinder. Vom Verein „Jüdisches Genesungsheim", welches in Bad Elmen ein sieben Morgen .großes Terrain erworben hat und die dort zu errichtende Anstalt im nächsten Jahre zu eröffnen gedenkt, wurden in Elmen ferner 111 Kinder ausgenommen und für Rechnung des Kinder-Sparvereins verpflegt. In Misdroy wareit im Vorjahre 80 Mädchen in gemieteten Räumen untergebracht. Der Plan des Vereins, an der Ostsee ein eigenes Haus zu bauen, für das seitens der Berliner Logen 11. O. B. B. her Bettag von 10 000 Jk. schon bercitgestellt ist, hat bisher noch nicht zur Ausführung gebracht werden können, doch hofft der Verein bereits im nächsten Bericht eine entsprechende Anzeige machen zu .können. Jir der Waldkolonie Schackshaide bei Züllichan haben ini Vorjahre 30 Knaben Aufnahme gefunden und in den von hochherzigen Familien gewährte» Freistellen 117 Knaben und 82 Mädchen. CM.) Kitsingen. Wenige Tage vor dem hl. Pesachfeste fand hier die Schlußfeier des „Vereins zur Pflege jüdischer Lebcnsanschauung" statt. Dieser Verein, dem Frankfurter „Nachlas Z'wi" nachgcbildet, ist ein Zweigverein des hiesigen „Toras-Eines-Verein" und hat sich besonders die Aufgabe gestellt, die junge Geschäftswelt in echt jüdische Bahnen zu lenken, ein Unternehmen, das sich überall als wahres Bedürfnis der Zeit erweist, wo unjüdische Sitten, unjüdische Vergnügungen, Spiel und leichtfertige Gewohnheiten der vielfach noch unerfahrenen Jugend sinnebestrickend sich, nähern. Gar mancher merkt nicht die Gefahr, gar viele ahnen nicht das schleichende Gift, sehen die Netze nicht, die ihnen gebreitet werde», und dem allmähligen Sinke» folgt der endliche Fall. Der hiesige „Verein zur Pflege jüd. Lebensanschauung" hat als Kind der Gegenwart seine Ziele erfaßt und kann mit Befriedigung aus eine nunmehr vierjährige Tätigkeit zurückblicken. Die Schlutzseier für das abgelansene Wintersemester fand im Vereinslokale im „Fränkischen Hof" statt. Der Herr Vorsitzende.des Vereins erteilte zunächst das Wort Herrn Distriktsrabbiner M. Adler dahier. Im Hinblicke auf das nahe Pesachfest und das „Biur Chomez" führte genannter Herr aus, daß der Monat Risan uns besonders ermahne: chadschn maascichem! Die Taten, die ganze Lebensführung sollen wir erneuen, das Böse aber mit dem Chomez dahin schwinden fassen. Und dazu sei auch der Verein berufen, zu wirken und zu schaffen ohne Unterlaß. Er wünsche denisclbcn von Herzen Blühen und Gedeihen. Msdann sprach Herr Seniinarlehrer D r. M. L. B a m b e r g e r - Würzburg. Er knüpfte sinnige Betrachtungen an einen schwerverständlichen Midrasch zur laufenden Wochensidra (Mezorah) und betonte sodann die wicktige Aufgabe des Vereins, zu dessen regelmäßigeit Vortragenden Herr Dr. Bamberger zählt. Herr Lehrer N. Bamberger- Kitzingen, ebenfalls Sprecher im Verein, legte seinen Ausführungen Psalm 133 zugrunde, wortvcrwandte Stellen damit in Vergleich ziehend. Herr Lehrer Mannheimer-Dettelbach mahnte, die Schlußfeier nicht in unjüdischein Sinne zu begreifen. Im Thorastudium gebe es keinen Schluß und kein Ende, auch im Sommersemester, besonders an den Sabbaten, möge das Lernen bei den einzelnen Mitgliedern eifrige Pflege finden.