Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 3 (1905)
- Issue
- Heft 17 (5.5.1905)
- Date
- 1905-05-05
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Beilage zu Nr. 17 des Frankfurter Israelitischen FaMenblattes. Inhalt Ver Beilage: Artikel: Wir und die Anderen. — Aps aller Welt. — Aus den Vereinen. — Aus der zionistischen Bewegung.— Personalien. — Aus der Lehrerwelt. — Letzte Nachrichten. — Vakanzen. — Aus d er Geschäftswelt. — Aus Kunst und Wissenschaft. (Nachdruck verboten.) Wir und die Andern. Maxime Le Maltre. I. Die Frage nach unserer Existenz ist ebenso schwierig zn beantworten, wie die Frage nach unserem Wesen, denn die Seiden Fragen reichen ineinander und es ist schwer zu entscheiden, wo die erste beginnt, wo die andere ansetzt. Das Judentum ist für denjenigen revolutionär, der gewohnt ist, jede Erscheinung durch die Brille des Historischen zn betrachten; bedeutet doch die Existenz des Judentums sür den Historiker einen Durchbruch und die Außerachtlassung aller Geschichtslogik und Geschichtsgesetze. Und der nervöse Alltagsmensch, der in seiner philiströsen Beschränktheit die Größe und bas Phänomenale des Jiidentunls nicht fassen kann, wird um dieses gewaltigen Problems Herr zn werden, bas Judentum auf allerlei Irrwegen umgehen — natürlich im guten Glauben, an den richtigen Punkt angelangt zu sein —, und ist er von seinem Milieu durchtränkt, so wird er in ihm aufgehen wollen und das Judentum ignorieren. Stuf diese Weise entstehen einerseits Irrlehren, falsche Ansichten vom Wesen des Judentums, andererseits assimilatorische Bestrebungen. Daß beide Uebel im Golus ihre Wurzel haben, braucht nicht einmal gesagt zu werden; wird es doch niemals einem Japaner oder Deutschen einfallen, nach dem Wesen und nach der Existenz seines nationalen, religiösen und rechtlichen Habitus zu fragen. Die Summa aller Golusübel auf die einheitliche Formel gebracht, lautet: Im Exilleben kann sich das Judentum nicht entwickeln und ausleben. Es ist zu einer gewissen Unproduktivität verdammt. Dadurch erhält die evolutive Seite des Judentums eine gewisse Konstanz und bei der rapiden Entwicklung der humanitären Zivilisation.mochte es scheinen, als könne das Judentum mit der allgemeinen Entwicklung keinen Schritt halten. Und da der im sremden Milieu Erzogene abfallen will, der Bildungsphilister hinter dem „Progreß" nicht bleiben mochte, so entsteht innerhalb eines Teiles der Judenheit eine heillose Verwirrung und die Folge ist, daß nicht „Jerusalem", sondern Zor profitiert. Man spricht nunmehr in verschiedenen jüdischen Kreisen von einem liberalen Judentum, von einem demokratischen, ja sogar von einem sozialdemokratischen?) -Nun handelt es sich hier nicht um bloße Verkrüppelung von Begriffen, sondern die falschen Auslegungen des Judentums ziehen in der Praxis traurige Folgen nach sich. Wir komprimittieren uns — man mißversteht uns, denn an roten und liberalen Schreiern fehlt es nicht, und wer am meisten schreit, wirb auch am meisten gehört. Wir woUen keine religionsphilosophischen Erörterungen hier anknüpfen, überhaupt nicht philosophieren, sondern das Verhältnis „des" Judentums zur „Modernen" untersuchen, um uns einmal darüber Klarheit zu verschaffen, in wiefern dem Judentum das Prädikat liberal, demokratisch oder gar sozialdemokratisch zukommt. Wir müssen uns zu diesem Zwecke auf einen gemeinsamen Ausgangspunkt einigen. Das Judentum ist weder jene engherzige Konfession, zn welcher es manche degradieren wollen, nicht eine Allerweltsreligion, wie es die freien Rabbinen formulieren, nicht nur eine Nation, d. h. eine Gruppe von Individuen auf demselben Boden mit gleichen Interessen, sondern eine ganze» in sich abgerundete Kultur, der alle Kulturelemente in gleichem Maße eigen sind. Das religiöse Element ist in demi) Landau, Der Sozialismus in Talmud und Mibdrasch, selben Maße vertreten wie das nationale, wie das rechtliche, wie das ethische. Was dem jüdischen Kultursystem eigen ist, ist zunächst die absolute Idee, alsdann die Unmöglichkeit einer Wgrenzung der einzelnen Kulturclementc von einander, da sie sich gegenseitig ineinander reichen und in dem einen Gott ihren Ausgangspunkt haben. Die Erkenntnis von dem absoluten Charakter des Judentums läßt einem die Existenz des-Judentums auch unter den abnormalsten Verhältnissen als folgerichtig erscheinen, denn wenn schon zugegeben werden soll, daß sich zwei Kultursysteme assimilieren können, so ist es doch nach jeder Konsequenz hier völlig ausgeschlossen, daß der schwächere den stärkern absorbieren und aufzehren kann. Und daß das Judentum mit seinem ausgeprägten absoluten Charakter der Idee des Relativen gegenüber eine weit höhere und stärkere Kulturvotenz ist, wird niemand in Zweifel ziehen, es sei denn, er verkenne den. Charakter des jüdischen Kultursystems. Dann kommt noch die Wechselwirkung der Rassencigenschaft auf die Psyche des derselben Rasse angehörigcn Individuums. Das und unser Kultursystem sind die Mauern, die uns umgeben, die Festung, in welche wir eingeschlossen sind. Absolut ist unsere Welt und duldet keine Prinzipien fremder Kulturerzeugnisse, und weil sie sie nicht duldet, hat sie auch keine ausgenommen und das reine, das innerhalb seiner Grenzen gebliebene Judentum ist die Ursache seiner Existenz. Wollen wir nun dieses Judentum im Verhältnis zur Modernen untersuchen, so ergibt sich für uns zunächst, daß das Judentum in keiner Weise mit der „Modernen" identifiziert werden kann, weil wir es mit völlig verschiedenen Welten zu tun haben und dann bei der Frage, in welchem Maße das Judentum wesentliche Bestandteile der „Moderne" schadlos ausnehmen kann, ob diese wesentlichen Bestandteile der Modernen kein Hineinschleppen von Prinzipien fremder Kulturen in das Judentum bedeutet. Steuern wir nun auf die Frage los. Wie ist zunächst die soziale Frage im Lichte desJudentums zu betrachten? Schon in dem zweiten Wschnitt der Bibel ist die Idee von der Erlangung des Rechts durch den Kampf formyliert. „Im Schweiße deines Angesichtes sollst du dein Brot essen," heißt es Moses 1, woraus klar und deutlich die naturalistische Auffassung des sozialen Lebens hervorgeht, mithin auch die evolutive Idee im Judentum. Im ersten Buch Moses wird vielfach von sozialen Kämpfen erzählt. Die ersten Söhne Adams, gerieten aneinander, dann der Zwist zwischen Wraham und Lot. Letztere schlichteten ihren Streit auf natürlichem Wege; das Prinzip von der Notwendigkeit einer sozialen Ordnung durch die Gesellschaft selbst taucht hier zum ersten Male auf. Seit grauester Urzeit durchwogt der soziale Kamps die menschliche Gesellschaft und die Völker des Wtertums haben die soziale Frage zu lösen gesucht, indem sie Gesellschastsschichten von einander trennten, bis sie in Kasten ausarteten?) Das Judentum hat das Kastenwesen nicht gekannt, weshalb ihm das Klassenprinzip sernblieb. Und nicht zufällig ist es, sondern prinzipiell, denn bei der Existenz won abgesonderten Kasten wird eine Gesellschaftsschicht von der andern unterjocht?) so die Plebejer von den Patriziern in Rom, die Metöken in Griechenland, die Sudras von den Brahmanen in Indien, und diese soziale und noch mehr ökonomische Unterjochung widerspricht dem Geiste des Judentums?) Die Beschäftigung des Volkes mit dem Ackerbau, die jüdischen Bodengesetze, der Mangel an abgesonderten Klassen und der Monotheismus mit seinem Humanitären Grundzug konnten nicht jenen harten sozialen Kamps im Judentum aufkommen lassen, wie bei andern Völkern. Die soziale .Frage im Judentum ist tatsächlich damit aus die Lösung der Armenfrage zu reduzieren. Aber auch die Armen und das Armenwesen nehmen im Judentums eine ganz andere Stellung ein, als bei den anderen Völkern des Altertums. Er ist nicht 2) Onken, Geschichte der Nationalökonomie, Bd. 1, Seite 1—15. 2) Mischpotim Moses II. AI thei ewed laavadim. *) Die soziale Frage im Judentum von Dr. Kurrein, MiMheim, 1890. wie jener von der Gesellschaft degradiert, ein Ausbeutungsobjekt und rechtloses Individuum, sondern dem Armen werden seine Rechte gelassen, Mittel zur Aenderung seiner Lage gesucht, und er ist ein ethisches Objekt. Es gilt wie eine Lästerung Gottes, den "Armen zu bedrücken?) Er rettet den Armen von den Mächtigen und von seinen Räubern?) Dann ist nicht die Stellung des Armen zu Gott außer Acht zu lassen.-) Daß bei dieser Lage der Dinge die Stellung der Armen im Judentum eine andere ist und sein muß als bei andern Völkern, ist einleuchtend und versteht sich von selbst. Eine andere Frage ist die Stellung des Armen zum Reichen im Judentum. Die Kenntnis von dem Verhältnis der Armen zu den Reichen im Judentum führt nun eigentlich zur richtigen Formulierung der sozialen Frage im Lichte unserer Kultur, denn es handelt sich hier nicht darum, wie die Armen nach jüdischem Gesetz.- behandelt werden füll n, fontem wie diesem sozialen Uebel auf gesetzgeberischem Wege zn steuern möglich ist. Wir müssen also zu diesem Behuse in das Gebiet der sozialen Gesetzgebung des Judentums greifen. Die Fragen, welche wir erörtern müssen?) erstrecken sich 1. auf die Kenntnis des Verhältnisses von Reichtum zur Armut, 2. wie aus gesetzgeberischem Wege die Verhütung gänzlicher Verarmung ermöglicht werden soll, 3. aus die Stellung des Arbeiters im jüdischen Volk und schließlich auf die Philantropie. Als Quellen dienen mir das Pentateuch, die Propheten, der Talmud und Midrasch und die nachtalmudische Literatur. (Fortsetzung folgt.) Aus aller Wett. Deutsches Reich. Berlin. Aus dem Korrespondenzblatt des Zentralbureaus für jüdische Auswanderungsangelegenheiten: „Unter den Auswanderern ist vielfach der Irrtum verbreitet, daß nur in Deutschland die ärztliche Untersuchung eine strenge sei, weil sie bereits an der Grenze in den Kontroll- oder Registricrstationen vorgenommen wird. Die Gefahr der Zurückweisung fei in anderen Ländern geringer. Das ist keineswegs der Fall, namentlich wird die ärztliche Kontrolle auch in England streng geh and habt." „Den Bemühungen unseres Vertrauensmannes in O st r o w o ist es gelungen, daß in der dortigen Kontrollstation eine Kantine mit ritueller Beköstigung eingerichtet worden ist." „Für diejenigen Auswanderer, welche die Pesachfeiertage auf dem Schiffe verbringen müssen, sitü» durch unser Bureau mehrere Zentner Mazzothund K o s ch e r w u r st an Bord der betreffenden Dampfer gebracht worden, auch die Schiffahrtsgesellschaften haben ihre Dampfer mit Mazzoth versehen. Die Red Star Line, Antwerpen, hat für 500 Fr. angekauft." Heidelberg. Wieder bat. dem Zuge der Zeit folgend, eine jüdische Gemeinde auf dem Lande aufgehört zu existieren. Die jüdische Gemeinde in Leimen ist aufgelöst und ihr Vermögen dem Religionsschul- und Pensionsfonds zugewiesen worden. Desterreich-Uugaru. K. Wien. Erbauliches von der Hofoper. An diesem Institut, an dem im wahrsten Sinn ein getaufter Jude die allererste Geige spielt (Arnold R o s 6), das unter der Leitung eines ebenfalls getauften Juden (Gustav Mahler) steht, spielten sich jüngst harte Kämpfe ab. Ein Jude aus dem Orchester, namens Riesenfeld, der den Sprung zum Wasser noch nicht getan, war streberisch genug, nach Chopinscben Tänzen ein Ballet zu komponieren, über dessen Wert man ja nicG allzu hoher Meinung zu sein braucht. Sonntag war die Erstausführung. 5) Deuter 15, 5, Das. 15, 9, Das. 24, 15, Spr. Salm. 22, 22. Psalm 12, 16. Jef. 25, 4, Jerem. 20, 13 usw. 6) Psalm. 72, 13 u. 14. 7) Sprüche Salom. 14. 8) Einen großen Teil der angegebenen jüd. Quellen verdanke ich Herrn Rabbi Dr. Kurrein, der in seinen Schriften über jüdische soziale Gesetzgebung die meisten Angaben aus genannter Literatur selbst zusammengetragen hat.