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Neue jüdische Presse · 1905-05-05 · Heft 17 (5.5.1905) · p. Seite 11

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
3 (1905)
Issue
Heft 17 (5.5.1905)
Date
1905-05-05
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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Nr. 17. Leite 11. Das Schlußwort hatte der allverehrte Vereinsvorsitzende, Herr H- I a k o b s o h n. In bekannter meisterhafter Art warf der Vorsitzende einen Rückblick auf den Verein, seine bisherige Wirksamkeit und seine fernere ideale Aufgabe. In begeisterten und begeisternden Worten ermunterte Herr Jakobsohn zur treuen und unentwegten Arbeit im Vereine unter Verachtung aller Schwierigkeiteil und Hindernisse, die auch! dieser Aufgabe nicht erspart blieben und erspart bleiben. Wer'für jüdisches Leben und Streben kämpft, darf nicht feige zurückschrecken vor Widerwärtigkeiten aller Art, inutig muß er vorwärts im Vertrauen auf des Allmächtigen Beistand. Nachdem Herr Jakobsohn noch den Vortragenden namens des Vereins Dank und Anerkennung ausgesprochen, erklärte er das Wintersemester für geschlossen, in der Hoffnung auf gesundes Wiedersehen im künftigen Vereinsjahr. Mit dem Bewußtsein einer schönen idealen Sache gedient zu haben, schieden die Mitglieder des Vereins von einander, voll befriedigt von dein Schlußakt und mit Tankcsgefühlcn im Herzen gegen ihren allverehrten Vorsitzenden. Aus der zionistischen Bewegung. Frankfurt a. M. Kasse des M i s r a ch i. Durch Herrn Jacob S. Posen gingen ein: Sammlung bei der Verlobung Therese Alexander mit Leopold Gradwohl Mk. 10.50. Philippopel. Der zionistische Frauenverein „Benot. Zion" spendete zum Andenken des verstorbenen zionistischen Führers, Herrn Dr. Herzl, einen P o r a u ch e s f ü r d i e S h n a g o g e „Z i o n". Unter großer Zeremonie wurde der Porauches in die Synagoge gebracht. Zuerst versammelten sich die Frauen im zionistischen Klub, wo Herr JakobCalew eine Siebe hielt und mit warmen Worten des großen Toten gedachte. Vom Klub bewegte sich eiu langer Zug nach der Synagoge, wo Herr Presjado Romano sprach. Das Bemerkenswerte dabei ist, daß der Porauches mit der Aufschrift Dr. Mcctitiahn Herzl den Hechal der sogen, aristokratischen Synagoge schmückt, deren Besucher meist Gegner des Zionismus sind. Personalien. Berlin. Am 28. April verschied im 77. Lebensjahre Herr Louis Hirsch, Seniorchef und Begründer von Hirsch's Telegraphischem Bureau. Basel. Die hiesige jüdische Gemeinde hat einen herben Verlust erlitten. Am Samstag, den 22. April, starb unerwartet schnell nach kurzem Krankenlager Herr Bankier Samuel Dreysuß-Neumann im Alter von 85 Jahren. Der Verstorbene hat ans dem Gebiete der Industrie, der Gemeinnützigkeit und Philantropic Großes' geleistet. Seine gemeinnützige Tätigkeit drang in die Ocfsentlichkeit namentlich insoweit, als sie die Basler israelitische Gemeinde betraf, deren Präsident er während 33 Jahre in aufopfernder und tatkräftiger Weise war. - Prag. Der Kaiser hat dem außerordentlichen Professor der Kinderheilkunde an der deutschen Universität in Prag, Dr. Alois Epstein, den Titel und Charakter ordentlicher llniversitätspros e s s o r verliehen. Alois Epstein wurde in Kamenitz an der Linde im Jahre 1849 geboren, war Primarius und ist seit 1884 Professor und Vorstand der Kinderklinik in der Landesfindelanstalt an der deutschen Universität Prag. Er veröffentlichte zahlreiche Arbeiten, insbesondere über Magen- und Darmkrankheiten, ferner über Hygiene des Säuglingsalters. Sebes-Kellemes (Ungam). Sonntag, am 2. Tage Cholhamoäd ist der greise Rabbiner von Sebes-Kellemes, R. Juda Jules, verschieden. Er war vielleicht der größte Talmudgelehrte Ungarns und darunl hochgeehrt in allen jüdischen Kreisen. R. Juda Jules s. A. ist im Jahre 1819 in Trentschien geboren. Schon als junger Knabe setzte er durch seine Geistesschärfe Lehrer und Mitschüler in Verwunderung. Er lernte in der Jeschiwo des berühmten Rabbi Schelomo Kwetsch s. A. in Leipnik, wurde nach seiner Heirat Kaufmann und erst in seinem 30. Lebensjahre ist er als Rabbiner nach S.-Kellemes, damals eine der größten Gemeinden Ungarns, berufen, wo er über ein halbes Jahrhundert dem Studium der Thora oblag. Schon als junger Mann wurde er als ein „Charis" bezeichnet, später wurde er ein wirklicher „Goaun". Die Beerdigung fand am Montag unter großer Beteiligung der ganzen Gegend statt. T. N. Z. B. H. Budapest. Eine Persönlichkeit, die eine Zierde des Judentums war, ein Mann der jüdischen Wissenschaft und der jüdischen Menschenliebe, ist in Rabbiner St. M. Kayserling am Freitag, 21. Ilpril, dahingegangen. Die jüdischen Kreise von Budapest sind arm an jüdischen hervorragenden Männern, Kayserling verlieh ihnen den Glanz. Kayserling war kein „orthodoxer" Jude, seine Anschauungen führten ihn ein wenig nach, links, aber wer ohne Haß urteilt, Frankfurter Israelitisches FamAienLlatt. der wird seine hohe Verehrung dem Manne nicht entziehen, der sein ganzes Leben der jüdischen Wissenchaft geweiht und hier Unvergängliches geleistet, womit er allen Juden, welcher religiösen Richtung sie auch angehören mögen, wenn sie nur Sinn für Israels Ehre und Ruhm haben, ju Dank verpflichtete. Als Mensch war aber Kayserling ein Prachtexemplar, edel, sanft und gütig, ein Vorbild, wie es unsere alteic Weisen in den Sprüchen der Väter zeichnen. Und auch darum verdient er in diesen Blättern ehrenvoll gedacht zu werden. Kayserling war ein feiner Charakter und in dieser Zeit der mangelhaften Charaktere, die hüben und drüben sich vordrängen, ist es heilsam zu gedenken, daß er auch im Kamps ehrlich war, in .Hader und Gezänk aber sich nie gemischt hat. Seit Jahren lebte er zurückgezogen und fast einsam, und wer je in die tiefsanften klugen Augen des Greises gesehen hat, der wird erkannt haben, daß er vor einer reinen Seele gestanden und gewiß tiefe Verehrung gegen ihn bewahren. Dr. Meyer Kayserling wurde am 17. Juni 1829 in Hannover geboren. Nach seinen Gymnasialstudien besuchte er die Talmudschule Gerson Josaphat's in Halberstadt. Hier lebte damals ein junger jüdischer Kaufmann, dessen hohes talmudisches Wissen weit und breit bekannt war, der Lehrer Kayserling's und nachmalige berühmte Rabbiner Israel Hildesheini e r. Von Halberstadt kam Kayserling später nach Nikolsburg (Mähren), wo er ein Schüler Samson Raphael H i r s ch' s war. Bald daraus kam er nach Prag als Schüler des Rabbiners S. L. R a p p aport und später nach Würzburg an die Schule des Rabbiners S. B. B a m b e r g e r, damals die größte Talmudschule Deutschlands; hier erhielt er auch das Rabbinerdiplom, worauf er sich dann im Jahre 1851 an der Universität Würzburg inskribieren ließ. Im Jahre 1853 bezog Kayserling die Universität in Berlin, wo er sich mit historischen und philosophischen Studien befaßte. In der Geschichte war sein Lehrmeister der berühmte Historiker Leopold R a n k e, der Kayserliug's Augenmerk darauf richtete, daß man in Deutschland von der Geschichte der Juden Spaniens so wenig wisse. Dieser Wink genügte dem strebsamen Kayserling, um ihn zur raschen Erlernung der spanischen Sprache und zum eingehenden Studium der Geschichte der spanischen Juden zu veranlassen. Das Ergebnis die>er Studien sind seine trefflichen Werke über die spanischen Juden und ihre zu so hohem Glanze gelangte Literatur. Sein erstes Werk war seine Doktor-Dissertation vom Jahre 1856, die de» Titel führte: „Moses Mendelssohn's philosophische und religiöse Grundlage mit Hinblick auf Lessing". Drei Jahre später, 1859, erschien sein großes Werk: „Sephardim,' romanische Poesien der Juden in Spanien", das ihm in der Gelehrtenwelt allgemeine Anerkennung verschaffte und ini Jahre 1861: „Geschichte der Juden in Spanien". Im Jahre 1861 wurde er zuni Rabbiner der Schweizer Juden berufen. Hier hat er die Interessen des -Judentums unerschrocken und unermüdlich verteidigt. Sein Kampf war von Erfolg begleitet: im Jahre 1863 bewilligte der eidgenössische Bunbesrat den Juden das Bürgerrecht. Im Jahre 1862 erschien sein Werk „Moses Mendelssohn", ini Jahre 1864 „Geschichte der Juden in Portugal". Zwei Jahre später gab er das interessante Werk „Manasse Ben Israel" heraus, das auch in englischer Sprache erschienen ist, und auch von spanischen Geschichtschreibern als Quelle angeführt wird. Inzwischen war Dr. Kayserling einem Rufe der Pester israelitischen Religionsgemeinde gefolgt, in welcher Stellung er bis an sein Lebensende wirkte. Er schrieb hier sein bereits in sechster Auflage erschienenes Werk „Handbuch der jüdischen Geschichte". 1873 veröffentlichte er unter dem Titel „Moses Mendelssohns, Ungedrucktes und Unbekanntes von ihm und über ihn" ein neues Werk, das zahlreiche neuere Daten über das Leben dieses großen Philosophen enthielt. In seinem Buche „Die jüdischen Frauen in der Geschichte, Literatur und Kunst" schildert er die hervorragendsten Jüdinnen, welche sich durch Tugenden und Geist ausgezeichnet haben. 1874 erschien seine Arbeit „Der Dichter Ephraim Kuh": in französischer Sprache gab er ein bibliographisches Diktionär „Bibliotheca espanola portugesa judaica" heraus; in dem in spanischer Sprache geschriebenen Werke „Proverbia espanoles de los judios espanoles" sammelte er die unter den spanischen Juden gangbaren Sprüche. Ein sehr wertvolles homiletisches Werk «ist seine zweibändige „Bibliothek jüdischer Kanzeltttmer". Anonym ist schon 1882 in Wien sein Werk „Das Moralgesetz des Judentums in Beziehung auf Familie, Staat und Gesellschaft" erschienen, das im 'Auslande großes Aufsehen erregte und welchem auch der Deutsch-Israelitische Gemeindebund seine fünfzehn Grundthesen entnahm. Einige Jahre später veröffentlichte er eine Schilderung seines berühmten Vorgängers unter dem Titel „A. W. Meisel. Ein Lebens- und Zeitbild". Außerdem war er ein emsiger Mitarbeiter jüdischer Zeitschriften. Paris. Der bekannte Journalist und Politiker Camille D r e y f u s ist in seinem 54. Lebensjahre gestorben. Er war mehrere Male Abgeordneter, dann Kabinettschef im Finanzministerium und Kommissär der Brüsseler Ausstellung. Im Kampfe gegen die Antisemiten hatte er mehrere Duelle M bestehen. Von seinen nationalökonomischen Schriften haben einige bleibenden Wert. A«s dev Lehrerwett. Berlin. Die Zahl der jüdischen Schüler und Schülerinnen ist auf den einzelnen Berliner Lehranstalten sehr ungleich, verteilt. Aus SprnthS Schulkalender stellen wir darüber folgendes zusammen: Bon den Gymnasien weist die niedrigste Ziffer 8k»S Humboldt-Gymnasium auf, 21 bei einer Gesamtzahl von 323 Schülern; dann folgt nach oben das Lessing- Gymnasium mit 38 (511). An der Spitze stehen das Sophien-Gymnasinm mit 249 (568) und das Wilhelms-Gymnasium in der Bellevuestraße. Hier wo die Söhne der reichen Besitzer des Tiergarten-Viertels mit Vorliebe hingeschickt werden, ist die Zahl der jüdischen Schüler die höchste, 250, bei 487 im ganzen, macht also sogar mehr als die Hälfte der Gesamtheit aus. Das letztere trifft beim Französischen Gymnasium beinahe zu, das unter 217 Schülern 102 jüdische hat. Die ungleiche Verteilung erklärt sich aus der Lage der Lehranstalten. Sehr viel geringer ist die Zahl der jüdischen Schüler, sowohl absolut wie relativ, auf den Realgymnasien und Realschulen. — Bon den öffentlichen höheren Mädchen-Schulen weist die wenigsten jüdischen Schülerinnen die königl. Augusta-Schule ans, 22 unter' 400, die höchsten Ziffern zeigen die Sophien-Schule, 298 unter 679 und die Charlotten-Schule, 351 unter Karlsruhe. Der Großherzogl. Oberrat der Israeliten hat an sämtliche Bezirkssynagogcn, Synagogenräte und Religionslehrer ein Rundschreiben gerichtet, daß die Lehrer bei der ihnen noch reichlich zur Verfügung stehenden Zeit sich eine angemessene Nebenbeschäftigung zu suchen haben, um ihr Einkommen zu verbessern. Ms eine solche Nebenbeschäftigung wird vor allem der Garten- und Obstbau (wenn tunlich in Verbindung mit Bienenzucht) bezeichnet, da dieser Erwerbszweig bei richtigem Betrieb noch beiriedigende Erträge liefere. Es wird gleichzeitig betont, daß diese Tätigkeit des Lehrers auch für Schuljugend und Erwachsene vorbildlich sein würde und geeignet wäre» zur Verbesserung der Erwerbsverhältn i s s e der Israeliten auf dem Lande bei-utragen. Den in Betracht kommenden Lehrern hat der Gr. Oberrat einen Fragebogen zur Ausfüllung in dieser Sache zugehen lassen und dabei erwähnt, daß er bei Bemessung der Aufbesserungen (ly. darauf sehen wird, ob und inwieweit der betr. Lehrer obigen Bestimmungen des Oberrates entgegenkommeir Breslau. Herr Waisenhausdirektor Katz» Rhbnik ist zum Leiter des hiesigen israelit. Waisenhauses gewählt worden. Schlüchtern (Baden). In würdiger Weise feierte gestern unsere israelitische Gemeinde das 50jährige Dienstjnbilänm ihres verehrten langjährigen Religionslehrers und Kantors E. Schwarzwälder, welcher noch in voller Rüstigkeit seines Amtes waltet. Durch Festgottesdienst und Predigt des Herrn Bezirksrabbiner Schlesinger von Breiten wurde dem Jubilar in würdevoller Weise für seine 46jährige verdienstvolle und aufopfernde Tätigkeit in unserer Gemeinde volle Anerkennung gezollt. Als besondere Ehrengabe ließ die Gemeinde dem Jubilar ein silbernes Tafelgedeck und der Gr. Oberrat in Karlsruhe ein Album religiöser Kunstblätter mit Widmung überreichen. Ganz besonders verdient erwähnt zu werden, daß nicht allein die israelitische Gemeinde sich vollzählig an der Feier beteiligte, sondern auch die geistlichen und weltlichen Vertreter der beiden christlichen Konfessionen, der gesamte Gemeinderat, sowie viele andere christliche Mitbürger zu der Feier erschienen waren; gewiß ein schöner Beweis harmonischen Einvernehmens in unserer Gemeinde. Hamburg. Am 15. April starb in seiner« 95. Lebensjahre Herr Stiftsrabbiner I. Li. Adler, der von 1848—1880 als Lehrer an der Talmnd- Thora-Schule wirkte. Witkowo (Posen). Die Schülerzahl der hiesige» jüdischen Schule beträgt jetzt 13. Ms der jetzige Stelleninhaber vor 18 Jahren die Schule übernahm, belief sich deren Zahl noch auf 50. In ähnlichem Maße schmelzen auch anderweitig die Zahlen der SchuMnder zusammen. Sofia (Bulgarien). Die hiesigen Schulen der Alliance wurden kürzlich durch den Minister deS öffentlichen Unterrichts Dr. Chichmanosf eingehend besichtigt. Die Kinder hatten besonders zu zeigen» wie weit sie die bulgarische Sprache und Geschichte beherrschen. Ter Minister war sehr befriedigt und sprach in warmen Worten seine Anerkennung aus.

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