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Neue jüdische Presse · 1905-05-05 · Heft 17 (5.5.1905) · p. Seite 5

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
3 (1905)
Issue
Heft 17 (5.5.1905)
Date
1905-05-05
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 17. Seite 5. Frankfurter Israelitisches FamilienAaÜ. „Ja, Bertha; Sie selbst. Nur Sie, nur Sie allein können die bösen Geister aus mir verbannen!" „Sie haben ein unbedingtes Recht, fo: zn sprechen," erwiderte sie nach einer längeren Pause, mit großer Befangenheit. „Ich besitze nicht die Kunst, mich zu verstellen oder meine Gefühle zn verbergen. Doch," und eine flammende Röte machte sie über und übcrcrglühen, „die Entscheidung liegt bei meinem Vater." „Bertha!" rief er und ergriff leidenschaftlich ihre beiden Hände. „Morgen?" war das einzige Wort das er noch hervorbringen konnte. Sie sprang auf und lief zur Türe, um erst von dort ans ihm verschämt znzunicken. Eine Minute später war er auf der Straße, und die letzte» Worte klangen ihm noch wie Musik in den Ohren. Alles war überhaupt setzt für ihn Musik, Licht und Freude. Möglich, daß es auch nur bis morgen dauerte; allein so lauge cs dauerte, wollte er sich dem ganzen Zauber hingebeu, wollte er es bis zur Neige leeren. i Ihm fiel jetzt ein, daß für morgen Abend eine öffentliche Versammlung anbcraumt war, in der die Kadimah zum ersten Male ihr Programm dem großen jüdischen Publikum bekannt geben wollte. Er als Haupt und Führer war über den Erfolg und Ausgang doch ein wenig zaghaft. Würde die Menge das erhabene Ziel auch erfassen und begreifen? Würbe sie die Kraft besitzen, dem zermalinenden Fußtritt aus dem Wege zu gehen, oder würde sie, dumpf und stumpf, es vorziehen, auch ferner nur wurmartig sich zu krümmen und — ohne Versuch zur Abwehr — sich zertreten lassen? Er fürchtete, daß ein geschorenes Lamm nicht über Nacht zum Löwen werden könnte. Was dann, wenn das jüdische Volk es vorzog, auch weiter für alle Zukunft in der Tretmühleverharren zn wollen? Juda fühlte einen heftigen Stich in seinem Herzen. — lind die Schande eines Mißerfolges! Und der Spott und Hohn all derer, die die ganze Bewegung als phantastisch, hirnverbrannt, wenn nicht gar als plumpen Schwindel bezeichneten —! Wird er all dieses, das in erster Reihe ja ihn als Führer treffen wird, wird er es auch ertragen? Und Bertha? Könnte er> mit dem Stempel der Lächerlichkeit behaftet, ihr noch in's Auge blicken? Ihm tat es leid, daß er die Unterredung niit ihrem Vater für morgen bestiinmt hatte. Wenn nun auch dieses fehlschlug —! Kann ein Mensch zwei Leben an einem Tage verlieren? Inda gab sich einen mächtigen Ruck. Seit wann fürchtete er Gespenster? Fort mit all den Grübeleien; der Würfel rollte, und er hielt die Hände krampfhaft auf dem Rücken geschlossen, um den Lauf nicht aufzuhalten; er wollte nicht mehr zurücktreten. Bertha könnte seine,» Zögern einen falschen Grund unterlegen. In jedem Falle war es besser, die Entscheidung seines Schicksales so, zeitig und so schnell als möglich herbeizuführen. - Er schauerte innerlich zusammen; es war doch ein gefährliches Wagnis, zwei solche große Einsätze auf's Spiel zu setzen! Sei cs darum; ihm blieb wenigstens der Trost, daß, wenn er auch beides verlor, nichts mehr in seinem Leben.vorhanden sein würde, dessen Verlust ihn noch schmerzen könnte, und nichts könnte dann mehr seine Ruhe stören —. Vielleicht auch bestand die wahre Glückseligkeit gerade darin, so unendlich viel und schwer gelitten zu haben. Laß eine Steigerung gar nicht mehr möglich war. In der letzten Zeit hatte Juda den Bankier nur wenig gesehen; er zeigte sich nur selten in den Privatzimmern. Ms Juda darum am nächsten Nachmittag vor der Türe des Kontors stand, wurde es ihm plötzlich klar, daß Bertha's Vater ihm eigentlich ein vollständig Fremder war, den er nur gelegentlich hin und wieder gesprochen, und das erschwerte ihm seine Aufgabe noch ganz bedeutend. Doch Kronemann's biederer und herzlicher Empfang beruhigte ihn wieder halb und halb. „Sie sind gerade der Mann, mit dem sich meine Gedanken soeben beschäftigten," begrüßte er Juda, ihm die Hand entgegenstreckend; „tatsächlich wollte ich gerade zu Ihnen schicken und Sie um Ihren Besuch Litten. — Nehmen Sie Platz!" Er schritt einige Male im Zimmer auf und ab und blieb dann plötzlich vor Juda stehen. „Herr Engelsohn, ich will ohne Umschweife sprechen: Ich biete Ihnen die Hand meiner Tochter Ich spreche vollkommen im Ernst," fuhr er fort, als er Jüda's unverhohlene Ueberraschung wahrnahm. „Ich habe mir die Sache lange und reiflich überlegt: ich ging sogar so tveit, mich — allerdings ganz heimlich und unauffällig — über die Gefühle meiner Tochter Ihnen gegenüber zu vergewissern. Ich will Ihnen auch die Gründe für mein ungewöhnliches Vorgehen offen darlegen. In erster Reihe gefielen Sie mir schon ausgezeichnet gut, als ich Sie 'Las erste Mal gesehen, ganz abgesehen von dem Wohlwollen, das mich Ihnen verpflichtete. Noch mehr bestärkt wurde ich ,in meiner Sympathie zu Ihnen durch Ihr beharrliches Fortbleiben, da doch jeder Andere, auf seine.Verdienste pochend, mir das Haus eingestürmt hätte. Auf meine Veranlassung hat Ihnen Bertha damals geschrieben, und der Gedanke, Sie zn ihrem Manne zu machen, kam mir schon bei Ihrem zweiten Besuche; sonst hätte ich Euch wahrlich nicht so sorglos mit einander verkehren lassen; ich wollte absichtlich Eure Liebe erstarken lassen. Doch, Sic irre», wenn Sie glauben, daß ich mein einziges Kind blindlings einer obcrslächlichen Bekanntschaft für das ganze Leben anvertrauen will. Ihre Verhältnisse sind mir vollständig bekannt, und einem Menschenkenner, wie ich einer zn sein mir schmeicheln darf, genügt hin und wieder ein einziger Blick, um seine Schlüsse zu ziehen. Mir war es bald sonnenklar, daß Sie Verstand, Rückgrat und Ehrlichkeit besitzen. Mehr brauchte ich für mein Kind nicht zu wünschen. Geld habe ich selbst genug; mehr als Sie und die Welt ahnen. Ich fange bereits au, müde zu werden, und trübe Ahnungen, die mich in der letzten Zeit beschlichen, lassen cs mich wünschenswert erscheinen, die Zukunft meiner Tochter an der Seite eines braven und wahren Menschen gesichert zu sehen. Doch eines liegt mir schwer auf dem Herzen: ich möchte es gern verhindern, daß mein Geschäft nach meinem Tode in fremde Hände übergehen sollte. Mein sehnlichster Wunsch ist es, daß Sie. Herr Engelsohn, inein Nachfolger werden. Ich möchte, daß die Firma Heinrich Kronemann auch weiter zu den ersten der Welt gehören soll. Nennen Sie es Eitelkeit — meinetwegen; aber ich will mir dadurch ein Denkmal errichten, damit mein Name nicht allzuschnell vergessen wird. Ein weiterer Grund, der mich dazu bestimmt, ist vielleicht noch schlimmer als die Eitelkeit, die Menschen werden es Aberglauben nennen — aber ich kann mir nicht helfen; ich halte fest daran. Mein Glück war nämlich auch die Folge eines Unglückes. Ich hatte auch Gelegenheit, meinem Schwiegervater, einem sehr reichen Manne, einen gleich großen Dienst zu leisten, wie Sie mir, und bald darauf heiratete ich auch seine Tochter. Von damals an ist es mir stets sehr gut gegangen, und was ich unternahm, ist mir gelungen; und da in der Hauptsache bei Ihnen sich alles wiederholt, so könnte ich auch Ihnen fast mit Bestimmtheit eine gleich gedeihliche und günstige Zukunft voraus- Sic sehen, ich habe mit Ihnen offen, ohne Rückhalt gesprochen; und nun, Herr Engelsohn, sagen Sie mir offen und ehrlich au.ch Ihre Meinung." „Mein Gott! Herr Kronemann, was kann, was soll ich Ihnen noch sagen?" rief Juda mit wildpochendem Herzen. Kroneniann sah ihn lächelnd an. „Bitte noch einen Augenblick; ich bin noch nicht ganz fertig. Ich habe auch erfahren, daß Sie einer der hervorragendsten Kämpfer für die sogenannte nationale Bewegung sind . . . ." Juda erhob sich hastig; doch der Bankier winkte ihm, sitzen zu bleiben, dann fuhr er fort: „Daruni wünsche ich für das, was ich Ihnen anbiete, auch eine gewisse Sicherheit — und Ihr Ehrenwort wird inir dabei vollkommen genügen — eine Garantie, daß meine Wünsche und Absichten sich auch verwirklichen werden. Ich stelle die Bedingung, daß Sie ein für alle mal jede Verbindung mit diesen hirnverbrannten Steckenpferd-Reitern abbrechen. Die Aufgaben, die ich für. Sie habe, sind viel zu ernst, um eine Zersplitterung der Energie zu gestatten; es ist eine zu vollwichtige Arbeit, die einen ganzen Mann beansprucht, und drum mit Seifenblasen, mit träumerischen Schwärmereien durchaus nicht Hand in Hand gehen kann. Mit einem Worte, ich möchte mein Geschäft vor einem Nebenbuhler in Ihrer Manneskraft gesichert sehen. Das ist die einzige Gegenleistung," schloß der Bankier seine Rede, Juda fest ansehend, „die ich von Ihnen beanspruche, und wie ich glaube, dürste deren Erfüllung nicht allzuschwer fallen." „Schwerer, viel schwerer als Sie denken, Herr Kronemann," brach Juda verzweifelt aus, „Sie sind sehr grausam zu niir," fuhr er dann — ein wenig ruhiger — fort; „Sie lassen mich einen Blick in das Paradies werfen, um mir gleichzeitig zu sagen, baß Sie inir nur dann Einlaß gewähren »vollen, wenn ich alles von mir werfe, was mir bisher lieb und wert gewesen. Oder wollten Sie nur wissen, wie ein Tantalus aussieht?" „Bon diesem Standpunkte aus betrachtet, ist es allerdings schwer, abzuweicheu," überlegte Kronemann; „nur ist es ein ganz falscher, ein verkehrter Standpunkt. Ich kann wohl Ihre Zurückhaltung verstehen: es ist sogar .ganz, gut, daß unsere Ideale nur schwer sterben — denn sie sind es ja, die unserem Leben erst Wert verleihen. Aber — aber —! Es kommen auch Zeiten, wo wir durchaus praktisch sein müssen." „Dann in Gottes Namen lassen Sie uns die Sache voir der praktischen Seite betrachten," stimmte Juda ihm bei, von einer neuen Hoffnung belebt. „Bitte, Herr Kronemann, sagen Sie mir aufrichtig, haben Sie der Frage unserer nationalen Wiederherstellung jemals Ihre Aufmerksamkeit zugewendet?" „Ich gestehe, nicht viel; ich habe mich zufrieden gegeben, den Zuhörer zn spielen, während sie überall erörtert wurde. Was ich aber da gehört, konnte mich nicht besonders begeistern. Kein fester Boden, keine gesicherte Grundlage. Aufschneidereien und Schwulstigkeiten, die auf Stelzen herumwandeln; hohle Phrasen ohne Inhalt. Und weil sie auf Stelzen wandeln, durch die sie groß erscheinen sollen, darum entgehen ihnen die Hindernisse, die auf ihrem Wege liegen und die ihren Znsammeubruch um so schneller herbeiführen werden." „Was Sie, Herr Kronemann, gehört," nahm Juda das Wort, „»rag Ihre Ansicht bestätige». Es gibt Flachköpfe genug, die, ohne in die Sache tiefer eiuzudringen, durch halbverstandene Argumente zu Schwärmereien sich haben hinreißen lassen und die in ihrer Phantasie Luftschlösser gebaut, welche in die wirkliche, reale Welt nicht hineinpassen. Doch wir wollen jetzt die Frage von der praktischen Seite erörtern; ich will Ihnen Tatsachen aufzählen, die ich im wirklichen Lebe» wahrgenommen, und die mich der zionistischen Bewegung in die Arme getrieben, der Bewegung, die dem verfolgten und geknechteten Judentum eine eigene Freistätte schaffen will, wo es still und geräuschlos sein religiöses Herzensbedürfnis befriedigen kann, ohne von einer andersgläubigen Umgebung verhöhnt nud> gequält zn werden; von einer Umgebung, die so gewissenlos, so religionslos ist, solche Grausamkeiten, solche Menschenknechtung der eigenen Religion in die Schuhe schieben zu wollen." - (Fortsetzung folgt.) Bücherscha«. L e w a d o, hebräischer Roman von A. K a b a ck, Verlag Tuschia, Warschau 1905. In der Geschichte der hebräischen Bildung i» Rußland nimmt der hebräische Verlag Tuschia-Warschau — begründet durch Ben Awigdor — eine hervorragende Stellung ein. Was der Verlag Tuschia für die Entwicklung der hebräischen Literatur und ihre Verbreitung getan hat, läßt sich in kurzen Worten zusammenfassen. Durch den Verlag Tuschia ist die hebräische Sprache und Literatur in Rußland Geineingut geworden. Und es muß auch der Tuschiah hoch angerechnet werden, daß sie sich nicht nur auf die rein hebräische Literatur und ihre Verbreitung beschränkte, sondern die besteu westeuropäische» Schriftsteller in gediegener Uebersetzung einem großen, hebräisch lesenden Publikum vorlegte. So glaubte ich mich denn keiner Uebertreibung schuldig zu machen, wenn ich behaupte, daß dieser schlichte, hebräische Verlag für die Verbreitung von' Bildung unter den in ökonomisch, sozial und politisch elendsten Verhältnissen lebenden Juden Rußlands mehr geleistet, als manche „icaische Bildnngsve» breiter" und die Alliance mit ihren Millionen. Die jungen hebräischen Talente sehen in der „Tuschiah" ihren Förderer und Gönner: hat es doch die Tuschiah immer verstanden, junge Talente heranzuziehe», ihre Fähigkeit auszubildcn und zn entwickeln. Ich erinnere nur an de» begabten Lyriker Tschernichowsky, dessen Leier die bekümmerte» Gemüter so tief ergriffen, an den gottbegnadeten Dichter Jacob Kahn, der cs so ausgezeichnet versteht, echt jüdische Motive in ganz originelle Form zu gießen. In den letzten fünf Bändchen ihrer Ausgabe nun bietet uns die Tuschiah die Arbeit eines jungen begabte» Dichters: „Lewado", ein Roman von A. Kaback. Der Roma» ist seiner literarischen Signatur nach ein synthetischer und entbehrt nicht zuweilen einer deskriptiven Seite, wen» es auch dem Dichter lediglich darauf ankommt, an de» uns von ihm im Roman vorgeführteu Personen eine psychologische Analyse vorzunehme». Die Gestalten sind scharf realistisch gezeichnet, und der Einfluß der „jungen Russen" mit ihrem poetisch durchtränkten Naturalismus, mit der feinen Reflexion, tritt an einzelnen Stellen scharf hervor. In einer Hinsicht ist der Roman aktuell: zunächst bildet er ein Gegenstück zum Tschirikowsche» Drama „Tie Juden", alsdann umfaßt er eine Gesamtheit des Exillebens unserer Volksgenossen in Rußland. Wenn auch die Schilderung des russischen Exillebens eine naturgetreue, die Voraussetzungen des Dichters gar keine phantastische, so sind doch die Konsequenzen, die der Dichter aus seinen Voraussetzungen zieht, mehr als diskutabel. Wer mag cs in Abrede stellen, daß der ökonomische, soziale und politische Druck auf das seelische Leben des Individuums, auf das geistige Leben der Nation schlecht einwirkt? Aber Brot und der Kampf um das Brot sind nicht der Maßstab aller Dinge. — Der Dichter führt uns Personen vor, die infolge ihres miserabel» Milieus um ihren Wille» zum nationalen Leben gekommen sind. Der jüdisch-russische Student Piotin ist Sozialist und Antisemit dazu, die Aniuta, eine jüdische Studentin, sattelt trotz ihrer langjährigen zionistischen Tätigkeit in der Schweiz um, wird Sozialistin. Piotin erscheint uns hier zwar — wie es immer bei den russisch-jüdischen Studenten der Fall ist — als Phrasendrescher und Hohlkopf, und das sind seine Lichtseiten-aber seine Gemhlswurzel erkennen wir doch nicht. Nur die Haupt- Heldin des Romans, Sarah, eine feurige Jdealistin, deren Seelenleben weder von Ort noch Zeit beeinflußt wird, ist mit genialer Meisterhand gezeichnet. Schon nur um ihrer selbstwillen hat der Roman trotz mancher technischen Mängel seine vollste Existenzberechtigung. Seht euch Sarah an — und ihr fraget nicht mehr nach dem Wesen des Judentums. Sie liebt ihr Volk mit der ganzen Gewalt ihres heroischen Jch's, mit allen Fasern ihres Herzens. Und dabei ist sie ein feingebildetes junges Mädchen, hat das Gymnasium mit ''Auszeichnung absolviert, versteht vorzüglich heb-

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