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Neue jüdische Presse · 1905-05-05 · Heft 17 (5.5.1905) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
3 (1905)
Issue
Heft 17 (5.5.1905)
Date
1905-05-05
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Frankfurter Israelitischer Familienblau. Nr. 17. berley". Während des Krieges in Transvaal holte Leiser die Leiche seines Regimentsobersten aus dem dichtesten Kugelregen heraus. Der Held wurde dabei von nicht weniger als fünf Kugeln getroffen. Auch in Indien hat Leiser schweren und gefahrvollen Dienst gesehen. „Ich war keineswegs der einzige Israelit, der in Transvaal für England kämpfte," erklärte Leiser. „Bei unserem Truppenkörper waren es fünfzehn Mann, die am Versöhnungstage sich zum Gottesdienst vereinigten. Am nächsten Tage ging es ins Treffen, und am Abend war ich von den fünfzehn der Einzige, der noch am Leben war". Leiser ist von großer, stattlicher Figur, und die jüdische Hilfsgesellschaft hat ihm ihre Dienste bei der Erlangung von Arbeit hier angeboten. Rew-Aork. Soeben ist die erste Nummer einer neuen jüdischen Monatsschrift erschienen. Sabbath- Journal lautet der Titel der Zeitschrift, die Sa b - bath Cooperative Association — eine Gründung des Misrachi-Verband in Amerika — gibt sie heraus, und I. H. L u r i a redigiert sie. An erster Stelle finden wir das Programm der herausgebenden Gesellschaft abgedruckt. Da dasselbe für die Tendenz der Zeitung bestimmend ist und auch ohnedies Interesse erregt, so geben wir cs nachstehend im Wortlaut wieder: L Jeder Jude, der glaubt und anerkennt, daß der Sabbat immer die Hauptgrundlage der jüd. Nation war, ist und sein wird und daß die Beobachtung des Sabbaths eine der Hauptprinzipien des Judentums ist, kann sich dem Verein als Mitglied anfchließen. 2. Der Verein, gegründet von dem „Misrachi- Verband in Amerika", ist dem „Misrachi-Komitee zur Förderung des gesetzestreuen Judentums" unterstellt. 3. Zweck des Vereines ist, energisch und eifrig gr die heilige Sache zu arbeiten, um im ganzen Lande htung für den Sabbath und den Sabbath-Beobachtcr zu schaffen und so eine vollständige Aenderung in den beklagenswerten Verhältnissen, die jetzt bezüglich der Sabbath-Beobachtung bestehen, herbeizuführen. 4. Zur Erreichung seines Zieles wendet sich der Verein au alle Juden; er erbittet Hilfe sogar von jenen, die gegenwärtig — veranlaßt durch die äußeren Umstände — den Sabbath nicht halten, weil viele von ihnen nichtsdestoweniger dem Judentum treu sind, religiöse und wohltätige Anstalten unterstützen und ihren Kindern Thoraunterricht angedcihen lassen, damit sie dieselben zu Juden erziehen. 5. Die Mitarbeit, die der Verein von seine» Mitgliedern verlangt, besteht aus: a) Freiwillige Beiträge für den Sabbath-Fond, b) Begünstigung derjenigen Geschäftsleute, deren Namen und Adressen im Sabbath-Journal und Sabbath-Adreßbuch der Vereinigten Staaten veröffentlicht sind. 6. Indem alle Juden — sowohl die, die den Sabbath halten, als auch die, die ihn nicht halten — ihren Bedarf bei dem den Sabbath beobachtenden Kaufmann oder Fabrikanten decken, wird die Beobachtung des Sabbaths gefördert. Und der Sabbath ist die einzige Rettung für das Judentum in unserem Lande, und er allein wird unseren Kindern die Möglichkeit geben, Juden zu bleiben. — Eine ständige Agitation in dieser Angelegenheit wird auch den Erfolg haben, daß Läden und Fabriken, die am Sabbath geöffnet haben, mit der Zeit an diesem Ruhetage schließen werden, da ihre Besitzer genug Kunden haben werden, welche mit ihnen, gerade well sic den Sabbath beobachten, sympathisieren usw. usw. usw. Wir wünschen der „Sabbath Eooperative Association" und dem „Sabbath-Journal" den erwarteten Erfolg, können jedoch nicht verhehlen, daß eine außergewöhnlich tatkräftige und zielbewutzte Agitation nötig sein wird, um die Theorie des Programms in die Praxis der Wirllichkeit umzusetzen. Zur Geuealoaie des russische« Militarismus. (Ein Kapitel aus der russisch-jüdischen Leidensgeschichte.) Von M. I. G—n. Die blutigen Ereignisse im fernen Osten haben die Aufmerksamkeit der Juden aller Länder auf die ungeheure Last gelenkt, die der russisch-japanische Krieg unseren Brüdern in Rußland aufgebürdet hat. Man überzeugte sich, daß von den Juden Leistungen gefordert werden, die in gar keinem Verhältnis zu ihrer Bevölkerungszahl, geschweige denn zu ihren bürgerlichen „Rechten" stehen, daß die Zahl der jüdischen Soldaten auf dem Kriegsschauplatz die erschreckende Ziffer von 50 000 Mann übersteigt, während die gesamte jüdische Bevölkerung nur 4»/o der Bewohnerschaft des Zarenreiches ausmacht, daß die jüdischen Aerzte, denen sonst jede staatsbienstliche Laufbahn abgeschnitten ist und die eigens zum mandfchurischcn Feldzug eingczogen wurden, gegen ihre christlichen Kollegen in überwiegender Majorllät sind, daß die jüdischen Soldaten mit Vorliebe auf die gefährlichsten Posten gestellt werden, daß sämtliche Judengcmeinden des. Reiches, die unter dem eisernen Druck der zahllosen unmenschlichen Ausnahmegesetze und der chronischen ökonomischen Misere ihr kümmerliches Dasein ftisten, ungeheure Sunnnen als „freiwillige Spenden" für allgemeine Kriegszwecke, für die Flotte, das rote Kreuz, die Familien der erschlagenen und verwundeten Krieger zu leisten haben usf. usf. — Kurz man sah ei», daß der russische Milllarismus die ohnehin sehr traurige Lage der Juden noch wesentlich verschlimmert und daß die russische raison ck'otat den Juden lediglich als Dienstobjekt betrachtet, aus dem man möglichst viel herausschlagen soll und dem man nichts schuldig zu sein glaubt. Dieses Ausbeutungssystem ist nicht neu. Es war den russischen Machthabern zu allen Zeiten eigentümlich. Man greife auf die Negierungszeit Nikolaus I*) zurück und sehe, welche üppige Früchte dieses spezifisch-russische System zu einer Zeit, die womöglich noch barbarischer ivar Kls die unsrige, zeitigte, was unsere Brüder dazumal unter dem russischen Militarismus auszustehen hatten. Ich lasse hier zur Charakteristik eine kurze Szene aus der Autobiographie des bekannten russischen Publizisten und Revolutionären Alexander Herzens folgen, die einen Begriff davon geben soll, welche monströse Verbrechen unter der Regierung Nikolaus I. an den Juden begangen wurden, wie der sinnlose, hartherzige Militarismus dieses „Feldwebel auf dem Throne" mit Leben und Würde seiner jüdischen Untertanen umgesprungen ist. Der Vorgang spielt im Jahre 1835 in einem Dorfe im Wiatkischen. Herzen, der nach einjährigem Aufenthalt in Perm, wohin er wegen Geheimbündelei verbannt worden war, auf Verfügung der Lokalregierung nach 'dem unfreundlicheren Wiatka überfiedeln mußte, passierte gerade das betreffende Dorf, das auf seiner Route lag. Es war ein schreckliches Wetter. Vom frühen Morgen an strönite unaufhörlich ein heftiger Regen, wie cs in waldreichen Gegenden so oft vorkommt. Im Dorfe angelangt, wurde er von einem Etappenosfizicr (darunter versteht man einen zur Begleitung von Arrestanten beorderten Militär), der zufällig zu gleicher Zeit das Dorf passierte, „zu einer Tasse Tee" eingeladcn. Es entwickelt sich zwischen ihnen folgendes Gespräch, bas ich in wörtlicher Uebersetzung wiedergebe. „Wen und wohin führe» Sie denn?" „Ach fragen Sie lieber gar nicht! Das Herz bricht einem... Es ist ja Sache der Vorgesetzten, wir haben nur zu gehorchen, nicht auf uns fällt die Verantwortung. Menschlich genommen, ist cs aber häßlich." „Worum handelt es sich denn?" „Wissen Sie, die haben einen Troß verdammter Judenbengel im Alter von 8—3 Jahren ausgehoben. Sie sollen in den Marinedicnst oder dergleichen, ich weiß es nicht genau. Zuerst ließ man sie nach Perm treiben, auf einmal ist eine Aenderung eingetreten und so treiben wir sie denn nach Kasanh. Mir wurden sie etwa 100 Werst von hier aus überantwortet. Der Offizier, von dem ich sie übernommen hatte, sagte mir, es wäre die reinste Not mit den Buben, der dritte Teil sei unterwegs geblieben. Nicht einmal die Hälfte werde den Bestimmungsort erreichen." „Sind epidemische Krankheiten unter ihnen ausgebrochen?" fragte ich tief erschüttert. „Das zwar nicht, und doch sterben sie wie die Fliegen. — Wissew Sic, so ein Judenbengcl ist schwächlich und abgezehrt, wie eine abgeschundene Katze; er ist es nicht gewohnt, zehn Stunden hintereinander im Kot zu waten und Zwieback zu essen. Dazu kommt, daß er nur ftemde Leute um sich hat; weder Vater, noch Mutter, niemand der ihn hätscheln und liebkosen will. So beginnt er nun zu husten, bis er bald zusammenbricht. Und nun, bitte ich Sie, sagen Sie mir, was ist denn den Leuten eigentlich eingefallen, was kann man denn mit Kindern ausrichten?" — *) Nikolaus L hatte .das Bestreben, die Juden gewaltsam zu assimilieren,'und zu dieser Methode gehörte cs, 6—12jährige Kinder armer Juden ihren Ellern zu entreißen und sie für die Dauer von fünfundzwanzig Jahren in den Militäudienst zu stecken. Anm. d. Redakt. i) Gesammelte Werke, Band VI, „Byloö i dumy", Genf 1878. Ich schwieg. „Wann brechen Sie auf?" — „Es wäre schon eigentlich längst Zeit gewesen, aber der Regen war schon zu stark. He, Kamerad! laß die Kleinen zusammentreten." Man brachte die Kinder und stellte sie in Reih' und Glied auf. Es war eine der schrecklichsten Szenen, die ich je gesehen habe. — Arme, arme Kinder! Die Knaben im Alter von zwölf bis dreizehn Jahren, hielten sich noch, mit knapper Not, aber die 8—10jährigen Kleinen . . . Kein noch so düsterer Pinsel vermag es, etwas so entsetzenerregendes auf die Leinwand hervorzuzaubern. Abgemattet, erschöpft, mit erschrockenen Gesichtern standen sie da in den unbequemen Soldatenmäntcln und richteten ihre hilfsloscn, jämmerlichen Blicke auf die Garnisonsoldaten, die sie barsch richteten; die blaßen Lippen, die blauen Kreise um die Augeu zeugten von Meber oder Frösteln. Und diese kranken Kinder ohne Pflege, ohne Liebkosung, dem Wehen des Windes, der ungehindert vom Eismeer bläst, fortwährend ausgesetzt, gingen in Has Grab. Dabei ist zu bemerken, daß sie ein gutmütiger Offizier führte, der offenbar mit ihnen Mitleid hatte. Wie wäre es ihnen erst ergangen, wenn sie in die Hände eines militärisch-politischen Oekonom geraten wären? Ich nahin den Offizier an der Hand, bat ihn, die Kinder zu schonen und stürzte mich in den Wagen. Ich war nahe am Schluchzen. Ich fühlte, daß ich mich nicht länger werde zurückhalten können." So weit Kerzen. Es verdient an dieser Stelle hervorgehoben zu werden, daß der weitaus größte Teil derjenigen Kantonisten, die die grauenhaften Strapazen einer fünfundzwanzigjährigen Dienstzeit mit Zuchthausbehandlung glücklich bestanden hatten, sich nachmals durch ihre tiefe .Frömmigkeit und schlichte Gottergcbenheit auszeichnetcn. Man weiß eigentlich nicht, worüber man sich mehr wundern soll: über die barbarische Grausamkeit der russischen Bureaukratie oder über das stolze jüdische Selbstbewußtsein und die innige Religiosität unserer Väter, die allen feindlichen Stürmen Trotz bieten und Taten von unvergleichlichem Heroismus und ungewöhnlicher sittlicher Größe zeitigen konnten. 0 Nadimah (Ostwärts). Erzählung von Samuel G o r d o n. Frei übersetzt von M. Pulvermann. (Fortsetzung). Dieser Zustand dauerte aber gar nicht lange; denn als er zum dritten Male das Kronemann'sche Palais verließ, war er ein Besiegter — ein Besiegter, der über seine Niederlage triumphierte. Im Gegenteil er fühlte sich jetzt gehoben und gestärll, wie jener Riese des Altertums, dem nach jeder Berührung mit der Mutter Erde neue Kraft zuströmte. Und das diente ihm als Rechtfertigung vor sich selbst. Seine Energie erlahmte nicht nur nicht, sondern sie nährte und vermehrte sich derarfig,. daß er keinen Raum mehr fand, sie unterzubringen, daß sie durch den großen Ueberfluß ganz und gar überströmte, das waren die Folgen seiner Liebe, und darum erachtete er diese selbst, als im Dienste der heiligen Sache stehend, als eine lobenswerte Notwendigkeit. Dann aber kam die .Furcht, «ine verzweifelte Angst, die ihn schwindlig machte. Jeden Tag konnte er des Rechts verlustig gehen, sie zu besuchen und neue Begeisterung aus ihr zu schöpfen; dann aber wäre das Leben ohne Ziel, ein nameilloses Weh — ein langsam nagender^Vurm, der vergiftet, der tötet. Es war an einem Abend, als sie wieder beisammen saßen — siel hatte ihm etwas vorgesungen — daß sie seine Unruhe bemerkte und ihn nach der Ursache ftagte. „Sie sollten diese bereits kennen," sprach er mll einem Anflug von Zorn. „Sie selbst haben ja Unruhe, Angst und Verzweiflung in mich hineingetragen, und nur Eines ist vorhanden, das mich wieder davon 'befreien kann." „Und was wäre dieses?" Als Antwort warf er ihr nur einen einzigen Blick zu — doch nein; es war kein Blick: es war seine ganze Seele, die zu ihr hinüber glühte. „Ich?" rief sie über und über errötend, mit niedergeschlagenen Blicken. Feuilleton. G

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