Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Presse · 1905-04-19 · Heft 16 (19.4.1905) · p. Seite 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Presse
Volume
3 (1905)
Issue
Heft 16 (19.4.1905)
Date
1905-04-19
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2692297-2692409-2692425--01584-3518496
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 10. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Nr. 16. Wessen? Und vielleicht ist das Gras selber ein Kind — — das zierliche Kind der Kräuter? Vielleicht aber ist es gar eine Art von Zauberschrift, die zu uns spricht: Sehet, wie ich doch überall sprosse und wachse: — zwischen weißen, schwarzen, gelben und roten Völkern. ... Ich gebe allen, allen gleich: was ich ihnen nur geben kann und erquicke sic alle, alle gleich. . . . -i- * * Doch sachte! — Mir scheint, mir scheint: das Gras sei das ungeschorene Haar der Gräber .... Ich weiß, ich weiß schon! Ihr wachset aus der Brust hervor: aus der Brust alter und junger Leute, die ich vielleicht geliebt — wenn ich sic gekannt hätte. .... Ich weiß, ich weiß schon! — Ihr seid das verkörperte Lächeln der schöne» Frauen, die nicht mehr schön sind. Ich weiß, ich weiß schon! — Ihr seid die Zunge jener Münder, die einst sich schlossen — und doch offen blieben .... O! wenn ich doch die Dustsprachc übersehen könnte, die sie ausatmen. — '_ Redet doch, Ihr Zunge»! Redet doch, Ihr ewigen Zungen! Erzählet: was ist denn aus den alten und jungen Leuten geworden? Was ist geworden aus den Mütter» und "ihren Säuglingen? Erzählet doch! — * * * Ja! — Ich fühle, was Ihr antwortet; ich verstehe, was Ihr erzählet: „Sie leben, sie leben alle! Niemand ist unter ihnen gestorben. Das kleinste Gräslein sagt uns: es gibt keinen Tod. Alles strebt vorwärts und vorwärts, Alles keimt höher und höher empor. Ein ewiger Marsch, ein Galopp — ins Leben der Ewigkeit. ..." * Sei gegrüßt, Gras! Du — das Symbol meines Jch's. - Unter dem weißen Leichengewande des Winters webt und lebt Deine Seele. Noch seufzt der Schnee unter den müden Schritten des Wanderers. Noch malt der Frost seine toten Blumen. — Doch unter Schnee und Eis gebiert die Erde . . . Schon höre ich die tiefen Geburtswehen, die aus den abgestorbenen Wiesen hcrvorsteigen. Und bald singt die Schwalbe und bald schluchzt der Kuckuck: ,Ku-ku ... Ich gratuliere! Ich gratuliere Dir, meine liebe Welt,'zu Deinem erstgeborenen Gras! Ku-ku! Es gibt keinen Tod! Ku-ku, ku-ku, lul Aus Der zionistischen Bewegung. Frankfnrt a. M. In der hiesigen zionistischen Bereinigung schilderte gestern Abend Herr R e seiend arDr. Siegfried Sch warzschild unter großem Andrange des Publikums in einem Vortrag seine Eindrücke von der kürzlich stattgehabten G esellschaftsreise nach Palästina. lieber den ersten Teil der Reise bis Alexandrien sind unsere Leser bereits durch den in No. 12 abgcdruckten Brief unterrichtet. In Alexandrien selbst wurde die Reisegesellschaft vom Chacham Baschi auss herzlichste empfangen und durch die Stadt geführt. Verschiedene Veranstaltungen, hier sowohl wie auch in Cairo, wohin ein Abstecher gemacht wurde, zeugten von wirklich empfundener Freude der dortigen Juden über -den Besuch. Kurz vor Beginn des Sabbaths wurden die Anker gelichtet und weiter ging's nach dem heiligen Lande. Die Landung erfolgte in Jaffa und ging bei ruhiger See glücklich von statten. Die Begrüßung erfolgte bereits am Bord, dann ertönten Böllerschüsse, mit denen die Bevölkerung ihren Besuch willkommen hieß. Die Straßen in Jaffa sind eng und schmichig und führen treppenförmig hinab. Der erste Besuch galt der Kolonie Pctach Tikwa. Die Fahrt ging durch die Ebene Sorona, dem talmudischen Schoraum, für deren Bewohner der Hohepriester am Versöhnungstage ein besonderes Gebet sprach, und bald erblickte man die Häuser der christlichen Kolonie Württembergcr Templer. Weiter sausten die Wagen im Galopp durch die Ebene über Felder, Berge, Täler. Bebaut ist das ganze Terrain überhaupt nicht, obwohl es sehr sruchchar sein soll. Immer weiter geht die Fahrt. Da sagt auf einmal der Kutscher „Pau Admath Jisroel" (,Lier ist jüdischer Boden!") und schon blicken aus der Ferne die weißen Häuser der Kolonie Petach Tikwa. An der Seite des Weges erblickt man braune Stangen mit Drähtendie große Aehnlichkeit mit unseren Tclegraphenstangen haben — nur fehlen die weiße» Knöpfe — und. den Eruw bilden. Rechts und links liegen große Weingärten und Orangcngärtcn. Da ertönt auf einmal das schöne Lied Hatikwa. Ein Trupp Kolonisten — in der Mitte die ivciße Fahne mit hlaucm Davids-Schild — war zur Begrüßung den Gästen entgcgengezogeu, und nun folgte ein Empfang, der allen Teilnehmer» ewig unvergeßlich bleiben wird. Der Eindruck, den die Kolonie auf den Besucher macht, ist der eines großen, sauberen deutschen Dorfes. Schöne breite Straßen, frische, saubere Menschen. Wie wohltuend wirkt cs, nachdem man vorher den orientalischen Schmutz Überall gesehen hat, hier ans saubere Landstraßen und frische Gesichter blicken zu können. Die Umgangssprache ist hebräisch, ja es ist den Kindern strengstens verboten, in der Schule im Jargon zu sprechen. Die Häuser sind sauber und bequem, wie überhaupt in Allem sich die abendländische Kultur neben einem echt jüdischen Leben, bei dem man sich wie zu Hause fühlt, bemerkbar macht. — Nach herzlicher Verabschiedung ging cs wieder zurück nach Jaffa, um die auf der anderen Seite gelegene Kolonie Mikweh Jisroel der Alliance zu besuchen. Auch hier wohlgepflcgte Anlagen. Eine wunderbare englische Allee führt nach dem Hauptgebäude. Was europäische Zivilisation, Kultur und Bildung verlangt, ist hier vertreten. Und doch ist es etwas, was Petach Tikwa anheimelnder macht, nämlich die hebräische Sprache und das jüdische Leben, was leider hier fehlt (nicht einmal Mesusaus sind an den Türe» zu finden). Hier ist die Umgangssprache französisch. Hebräisch können die wenigsten. Der nächste Besuch galt Rischon-le-Zion. Diese Kolonie, größer als Pctach Tikwa, besitzt vor allem kolossale Weinkellereien, wie sie überhaupt viel großspuriger angelegt ist. Von Jaffa aus ging es nach Jerusalem, wo die Ankunft in stockfinsterer Nacht erfolgte. Auch hier wurde den Teilnehmern ein herzlicher Empfang bereitet und besichtigte man dann in aller Ruhe die Stadt, besonders die jüdischen Institutionen. Der Redner schilderte seine Eindrücke von der „heiligen Stadt", die ja allen mehr oder weniger aus Beschreibungen bekannt ist. Die Grabeskirche konnte nicht besichtigt werden, da der Fanatismus gerade wieder größere Dimensionen angenommen hatte, sodatz Gewalttätigkeiten zu befürchten waren. Weiter ging cs nach Hebron, an Rahels Grab vorbei, das, nebenbei bemerkt, das einzige in jüdischem Besitz befindliche Monument ist. In Hebron selbst, das ein armseliges, schmutziges Dorf ist, gibt es außer der Höhle Machpela, über der eine türkische Moschee gebaut ist, keine Sehenswürdigkeiten. Ein anderer Ausflug führte die Teilnehmer nach Jericho durch das Tal Josaphat mit den Königsgräbern. Ein weiteres Vordringen bis zum Toten Meere war infolge der durch den vorhergegangcncn starken Regen aufgewcichten Wege nicht möglich. Nach der Rückkehr nach Jerusalem wurde poch eine kleine Exkursion über Bayruth nach Damaskus veranstaltet, worauf dann die Heimfahrt über Jaffa via Fiunic nach Budapest angctrctcn wurde. Unter lebhaftem Beifall schloß der Redner seinen iVsstündigcn instruktiven und von einer klaren Beobachtungsgabe zeugenden Vortrag. Der Vorsitzende, Herr I. L. G o i t c i», sprach ihm den Dank des Vereins aus, und man trat dann in eine Diskussion über die Jüdische Bibliothek und Lesehalle, zu der die Frankfurter Zionisten bekanntlich die Anregung gegeben und die Vorarbeiten geleistet haben, ein. Es wurde eine Resolution angenommen, in der die Mitglieder der Zion. Vereinigung ersucht werben, der Jüd, Bibliothek und Lesehalle beizutreten. Frankfurt a. M. Frankfurter zionistische Vereinigung. Für den Nationalfonds gingen ein aus, auf besonderen Wunsch des Herrn Dr. Eduard Leszinsky vorgenommener Sammlung bei der Hochzeit Wohlfarth-Leszinsky durch Herrn Wohlfahrt Mark 70.—, Shareklub Frankfurt durch Herrn Nachmann Mk. 16.96, Frl. Kela Bamberger, Kissingen Mk. 3.10. anstatt Telegramm zur Hochzeit Gelder-Meffer von den Herren Jos. Oppenheimer, Brüffel und Julius Weil, Frankstirt a M. Mk. 1.—, Herrn Salo Stern Mk. I.—, Herrn Marcus 0.50, an Selbstbesteuerung für 4 Monate von den Herren Redakteur Lothar Stark, Wolpe ä Mk. 1.20 Mk. 2.40, für 3 Monate von dem Herrn Leopold Oppenheimer Mk. —.90, für 2 Monate von den Herren Jos. Oppenheimer, Brüffel, Liebes und Josef Oppenheimer, hier ä 60 Pfg. Mk. 1.80, für 1 Monat von den Herren Referendar E-, Hirsch, Sal. Niederhofheim, Dr. Mayer, Marcus, Speier, Jesaia, Saly Geis und Selmar Geis ä 30 Pf. Mk. 2.70. Aus den Sammelbücher des Herrn Max Speier Mk. 22.53. Gefamtbetrag Mk. 122.83. Außerdem gingen Naturalien (Staniol, Marken, Cigarrenabschnitte, Liebigbilder) ein von: Hirsch-Hermesweg, Fritz Weinberg- Niddastraße, Jos. Rothschild, Jos. Oppenheimcr- Reineckstraße und Jesaias. Posen. „Die Gesetzestreuen und der Zionismus" lautete das Thema des letzten Vortrages im hiesigen Verein Leschaun Limudim. Die große Zahl der Erschienenen zeigte, daß die Aussprache über dies Thema einem großen Bedürfnisse .entsprach. Der Referent, Herr M a x P a r a d i s, behandelte zunächst kurz die Entstehung und die Ziele der modernen zionistischen Bewegung. An Hand von Bibel- und Talmudstellen wies derselbe dann nach, daß die aktive Mitarbeit an diesen Zielen nicht nur unseren heilige» Gesetzen nicht widerspreche, sondern im Gegenteil eine Betätigung unserer alten Sehnsucht nach Zion bedeute. Der Referent trat dann den bekannten Ein- - würfen, die bisher von gesetzcstreuer Seite erhoben wurden, in eingehender Weise entgegen und mahnte zum Schluß die Anwesenden, das verkümmerte nationale Moment im Judentume gleich dem religiösen Teil desselben wie in alter Zeit hochzuhalten und so als ganze Juden für die Zukunft ihres Volkes zu arbeiten. — Der reiche Beifall seitens des Publikums lohnte den Redner für seine treffenden Ausführungen, an die sich eine rege Debatte schloß. London. Die Jüdische Kolonialbank, vor 3 Jahren in London mit einen: Kapital von 5 Millionen Mark begründet, veröffentlicht ihren Geschäftsbericht prq 1904. Unter den Aktiven figurieren Wechsel- und Devisen-Konto mit 23/4, Korrespondenten-Nostro mit 1, Loco mit % Millionen. Der Bruttogewinn betrug' 300000 Mk. Nach reichlichen Abschreibungen und nach Verstärkung der Reserven bis zu 175 000 Mk. verbleiben zur Verteilung ca. Mk. 125 000, gleich 2,5 Prozent Dividende. Die Bank dient in erster Reihe nicht dem Gelderwerb, sondern der Verwaltung der Finanzen sämtlicher zionistischen Institutionen (Schekelgelder (jährliche Kopfsteuer), Nationalsond, Herzl-Nationalsti,tung usw.); ferner widmet sich die Bank der Begründung von Unternehmungen im Orient, der Beschaffung und Sammlung aller Materialien, die sich auf die wirtschaftlichen und sinanziellen Verhältnisse von Palästina und Syrien beziehen. Die Bank ist also in erster Linie das finanzielle Instrument der zionistischen. Bewegung und zieht deshalb die absolute Sicherheit der anvertrauten Kapitalien großem Gewinn vor. Eine Tochtergesellschaft der Bank, die Anglo Palestine Co., hat Niederlassungen in Jaffa und Jerusalem; Konsortialbeteiligungen: Palästina-Jmportgesellschaft zu Hamburg und Deutsch-Lcvantinische Baumwoll-. gescllschaft. _ Personalien. - Frankfurt a. M., 16. April. Herr Heinrich Gottselig, Schüler der unter Leitung des Herrn Prof. Beer stehenden Malklasse des hiesigen „Städelschen Instituts", erhielt bei der diesjährigen Schüler- Ausstellung für seine hervorragenden Porträtschen Ehrenpreis. Die von dem erst zwanzigjährigen Künstler ausgeführten Gemälde zeugen ebenso sehr von dem hingebenden Fleiße, als von der großen Begabung und Begeisterung des Herrn Gottselig für seine Kunst. Berlin. Professor Dr. Mendel erhielt das Ehrenkreuz I. Klasse des Hohcnzollernschen Hausordens. Hamburg. Generaldirektor Ballin wurde der Stern zun: Kronenordcn II. Klasse verliehen. Ans den Vereinen. Frankfurt a.M. Der Verein zurSpeisung durchreisender Israeliten am Sabbath und an den israelitischen Feiertagen versendet soeben'den folgenden Aufruf: „Ew. Wohlgeboren! Von jeher hielt es die jüdische Gesamtheit für ihre Pflicht, sich bedürftiger Genossen tatkräftig anzunehmen und ihre besondere Fürsorge denjenigen zuzuwenden, welche durch das Schicksal einer Heimat beraubt, ihr Leib von Stadt zu Stadt tragen mußten. Unser Verein — einer der ältesten jüdischen Vereine Frankfurts — hat seit Jahren die Aufgabe erfüllt, diesen Aermstcn der Armen, wenigstens am Sabbath und Feiertagen eine nach den Entbehrungen der Woche so dringend notwendige, stärkende Nahrung zu reichen. Während cs uns früher möglich war, dieser Aufgabe in ihrem ganzen Umfange gerecht zu werden, haben sich durch die besonders auf dem Lande verschlechterten sozialen Verhältnisse die Anforderungen so sehr gesteigert, daß die vorhandenen Mittel nicht niehr hinreichen, und wir fast allwöchentlich gezwungen sind, dringend berücksichtigungswürdige Bittsteller schweren Herzens abzuweiscn. Um dieser traurigen Notlage abzuhelfen, appellieren wir an den bewährten Wohltätigkeitssinn unserer Glaubensgenossen und richten auch an Sie die ergebene Bitte, unsere Bestrebungen durch einen Beitrag gütigst zu unterstützen. Hochachtungsvoll Der Vorstand: Jac. Ettlinger, Vorsitzender, Uhlandstraße 50. Meier Selig Goldschmidt, Friedberger Anl. 25. Meier Nutzbaum, Ostendstraße 31. : H. Birnbaum, Kassierer, Ostendstraße 22. Gcrson Jgersheimer, Fricdberger Anlage 13." Wir hoffen, daß der Appell den gewünschten Erfolg finde. Frankfurt a. M. Am Schluffe des Jahres 1904 befanden sich in der Israel. Waisena n st a l t 38 Zöglinge, die durch Schulunterricht U’.ii;

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.