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Neue jüdische Presse · 1905-04-19 · Heft 16 (19.4.1905) · page 9

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
3 (1905)
Issue
Heft 16 (19.4.1905)
Date
1905-04-19
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Beilage zu Nr. 16 des Frankfurter Israelitischen Familienblattes. Inhalt der Beilage: Artikel: Etwas von der echten Frömmigkeit. — Zur Geschichte der Synagoge in Moskau. — geuilleton: Gras. — Aus der zionistischen ewegung. — Personalien. — Aus den Vereinen. — Büch er s ch au. — NeueBücher. — „Ja d i s ch e Ingen d." — „S ch u l e *u ti b Haus. — Etwas von der echte« Frömmigkeit. Demütig und gebückt wandelt die echte Frömmigkeit durch die Lande. Auf der Höhe des Sinai ward sie geboren, ein Königskind, ragend und gewaltig sich entwickelnd, von Morgenluft die der dunkeln Welt zugekehrte Stirn umspielt, das Auge hoffnungsfreudig der Sonne zugewandt. Heiteres Licht breitete sie aus, wo sie auch stand, leuchtende Glut entfachte sie, wohin sie'trat. Und doch — wie beugte sie willig und gerne den Nacken: Zum Lasttragen nicht nur — denn gebotene Erdenlast war ihr verheißene Himmelslnst. Und so trug sie denn das, was Anderen Last dünkte, durch viele Jahrhunderte init frohem und gepanzertem Sinn. Mer auch im Bewußtsein ihres Unwertes, in Erkenntnis ihrer Nichtigkeit senkte sie das Haupt. Ein Königskind war sie — wohl: Allein Königskindern blühen nur erhöhte Pflichten — so wie den Rosen die Dornen blühen. Und wer vermochte, wer vermöchte diesen unendlich vielen, diesen oft unsagbar schweren Pflichten ganz und rein zu genügen? So ganz und so rein, daß kein Rest mehr bleibt, das; ein völliger Einklang entsteht zwischen Geschöpf und Schöpfer, zwischen Untertan und Gesetzgeber? Darum war die echte Frömmigkeit bescheiden und wars sich nimmer in die Brust. Und die Bescheidenheit vor dem Herrn lehrte sie Bescheidenheit vor den Menschen. Ueber Staubgeborene sollte sie sich erheben? Sie, die selbst staiibgcborener Menschen bedurfte, um zu weilen, um zu wirken? In die Hoheitsrechte des Königs aller Könige sollte sie vermessen eingreifcn, der allein „Sich mit Stolz umkleidet"? Mit Fürstemmantel sich schmücken, die von Jahrhundert zu Jahrhundert immer kümmerlicheres Gnadenbrot genoß? Nein und dreimal nein! So beschied sie sich denn, lieber getretene Schwelte zu sein, als aufgerichteter Pfosten, besser liebreiche Gesellin als tyrannische Herrscherin. Und weiter schwebte sie in grauem Gewände, unter dem's allerdings blitzte und funkelte von tausend und abertausend Sternen, weiter schwebte sie — dahin, dorthin, überallhin. Müttern brachte sie Glückseligkeit — ein jüdisches Kind geboren! Siechen brachte sie Krücken — Er wird schon heilen! Verkommenden brachte sie Ermunterung — Er wird von Leidenschaft retten. Lallenden öffnete sie die schwere Zunge, Blinden lichtete sie die müden Lider, Eingeschnürten weitete sie die gepreßte Brust. Und alles das — wie sanft, wie mild, wie weich! Nicht mit rauhen Bärentatzen, sondern mit zarten Mutterhänden. Und alles das, wie heimlich, wie versteckt, wie verborgen! Nicht auf klingenden Schlitten, sondern staubigen Fußes. Was ging's die Welt an, was sie tat? Lebte sie denn dieser zu GefaUen? Lag's ihr denn auf, vor dieser sich großzumachen, zu protzen? Was ein Kind unter vier Augen seinem Vater anvertraut; wie ein Kind seinen Vater liebt, seinem Vater lebt — sind das Weltdinge? Nein, nur zwischen Vater und Kind sind's Dinge, nicht vorhanden und nicht erstrebt, um Anderer Wohlbehagen zu erlangen, ja sogar schamhaft verborgen vor fremden Blicken. Einmal, zweimal freilich, da durste die echte Frömmigkeit säen mit freigebiger, offener Hand, da rang sie in edlem, ösfentlichen Wettbewerb um den höchsten .Preis, um des Höchsten Gunst. Das war damals, wie sie ihr Volk nur für sich, nur unter sich hatte, wie sie' noch nicht verschlagen und versprengt war in fremdes, unheimliches Machtgebiet. In ein Machtgebiet, in dem sie mit Kot beworfen wird, in dem das' Elend ihr die Luft benimmt, in dem jhr die Sehnen müde werden vom Wandern, Wandern, Wandern, in dem sie, in trüben Dunst gehüllt, vergrämt, verhärmt, verlassen einherwankt. Und in dem sic sich — o der wunderbaren . Kraft! — trotzdem aufrecht erhält und, wenn gesunken, stets wieder emporhebt, oft selbst an entfremdeter Hand cmporhebt, und anfschluchzt zu ihrem Vater: zu Gott! Zur Geschichte der Synagoge in Moskau. 'Am 23. September 1892 hatte der Kaiser nach dem Vortrag des Ministers des Innern über die eigenmächtige Erösfnung der Synagoge in Moskau durch den Rabbiner Minor und den Vorsteher Schneider Allerhöchst zu erkennen geruht: 1. Der Moskauer Rabbiner Minor wird von seinem Amte entfernt mit Verweisnng zum Aufenthalt im jüdischen Ansiedlungsgebiet und mit dem Verbot für immer, Gegenden zu betreten, die außerhalb dieses Gebietes liegen. 2. Vorsteher Schneider wird aus den Grenzen Moskaus und des Moskauer Gouvernements auf zwei Jahre verbannt. 3. Der Moskauer jüdische» Bctgemeinde kundzutun, daß, wenn bis l. Januar 1903 das auf der Soljanka erbaute Gebäude der Synagoge nicht verkauft oder in eine Wohltätigkeitsanstalt umgewandelt sein sollte, es durch die Moskauer Gubernialverivaltung zur Versteigerung gelangen werde. Und so wurde die Synagoge, welche mit Ge - « e h in i g » n g der kompetenten Behörde g e b aut worden und zirka '200 000 Rubel, die mühsam gesammelt waren, gekostet hatte, nicht eröffnet. Im März 1894, am Vorabend des Passah, erfolgte im Einverständnis mit dem Moskauer Generalgouverneur, Großfürst Sergius, und dem Minister des Innern die Schließung von 9 Bethäuscrn, wobei nur die an Raum unbedentendsten und sanitätswidrigsten erhalten bliebe». In den nun noch geöffneten 5 Bethäusern gab es 816 Plätze, während mau in Moskau allein 1500 jüdische Soldaten zählte. Das sich zeigende Gedränge und die Unmöglichkeit zu beten, gab Anlaß, im Juni desselben Jahres um Genehmigung nachzusnchcn, diese Bethänfer zu erlveitern, und im selben Monat verständigte der Oberpolizeimeister die Bethausverwaltung, daß bezüglich des Gesuches wegen der Bethäuser von ihin Seiner k. Majestät Borstellnng gemacht worden sei, demzufolge die 5 Bethäuser als ausreichend crkan'ut worden seien. Das Gedränge in den Bethänsern nahm einen solchen Umfang an, daß die Verwaltung genötigt .war, ihr Ansuchen auch sür die folgenden Feiertage zu wiederholen, aber jedesmal erhielt sie abschläglichcn Bescheid. In Erfüllung des Allerhöchsten Befehles vom 23. September 1892 wurden ins Synagogengebäudc bis 1. Januar 1893 zlvei Schulen verlegt, die Alexander-Gewerbeschule und die Waisenschule unter dem Namen „Talmud Thora". — Es wird hinreichend sein, nur der Reihe nach die Dokumente bezüglich der Erösfnung und Schließung dieser Gründungen anzusühre», um ohne Kommentar die wahren Tendenzen der Verfolger zu durchschauen. „Der Minister des Innern hat im Einvernehmen mit dem Moskauer Geueralgouverneur und laut dem Gutachten des Unterrichtsministeriums es fiir angemessen gefunden, die in Moskau nach einstweiligen Statuten bestehende jüdische Gewerbeschule abznschaffen und der ökonomischen Leitung zur Pflicht zu machen: 1. Vom Tage der Kundmachung gegenwärtiger Verordnung die Aufnahme von Zöglingen in die genannte Schule einzustellen, 2. die in der Schule studierenden im nächsten Jahre aus keineit Fall in ein und derselben Klasse zu lassen. Besagter Besehl bezieht sich bloß^auf die jüdische Gewerbeschule und nicht auf die Waljenschule." Nach Schließung der Alexander-Gewerbeschule sollte die Waisenschule ins Synagogengebäudc verlegt werden, wozu nach behördlicher Vorschrift das Gebäude im Innern zu Schulzwecken uingebaut werden sollte. Der Plan wurde vorgelegt,'die Gubernialverwaltung und der Generalgouverneur bestätigten ihn und 8000 Rubel wurden fiir den Umbau ausgesetzt. Die mit der Aufsicht betraute Kommission erhob an Ort und Stelle keine Einwendungen, sondern hinterbrachte dem Moskauer Generalgouverneur, daß, wenn auch in den Arbeiten keinerlei Mweichung vom gutgeheißenen Plan zu bemerken sei, dennoch aus dem ganzen Charakter der Umänderung die deutliche Msicht spreche, dem Bau ein solches Aussehen zu geben, damit falls in den Ansichten der Regierung ein Umschwung eintreten sollte, derselbe neuerdings ohne durchgreifende Aenderung in die Synagoge nmgcwandelt werden könne. Ein solcher „llmweg" erscheint fast verbrecherisch für die reinen Herzen der Beamten. Am 24. Oktober 1897 kam ein neuer Erlaß des Oberpolizcimeisters im Aufträge des Großfürsten Sergius zur Schließung der Waifenschule und zur Umwandlung des Gebäudes in eine andere Anstalt mit folgendem Beisatz: „Zugleich beauftrage ich Sie, die Verwaltung im vorhinein aufmerksam zu machen, daß die Nichterfüllung des Erlasses in der angegebenen Frist und ebenso die Zulassung irgend welcher Abweichung beim Umbau des Gebäudes sür seine neue Bestimmmnng, gleichsam eigenmächtig zugelassen von der Verwaltung bei der Einrichtung desselben für die Aufnahme der Waisenschule „Talmud Thora", unverzüglich de» Erlaß über die Aiisführuug des Allerhöchsten Befehls vom 23. September 189-2 „ach sich zieht, kraft dessen das zur Synagoge bestimmt ge-- wescne Gebäude inr Versteigerungswege zu veräußern ist. Der Revers der genannten Verwaltung über die Bekanntmachung und Berpslichtung zur genauen Erfüllung des ganzen Obigen ist mir vorznweisen, vom dortigen Amt eine strenge Beobachtung über die seinerzeitige Erfüllung des Gesagten einzuführen und über den Verlauf zu berichten. In Vertretung des Oberpolizeimeisters: Oberst T r e p o w. Kanzleileiter Belgard." Nun ist Sergius nicht niehr — Generalgouverncur von Moskau, und ein Bittgesuch an den Zaren hat genügt, die Pforten der Synagoge den Juden zu öffnen. Vor 6 Wochen wurde die Synagoge von Moskau eröffnet. Ter erste Gottesdienst war ein Trauergottesdienst für den „verstorbenen" General» gouverneur Großsürste» Sergius. Feuilleton Gras. Ein Frühlingsgedicht in Prosa. Bon Morris Rosenfeld. Uebersetzt vo» Jacob b. Elijah. .... Gras! Wir erblicken junges Gras — und jugendfrische Freude durchzittert die Seele. Es grünt auf dem Felde,, es grünt im Herzen. Frühling in der Natur, Frühling in der Brust. Ein Paradies ans Erden, ein Paradies im Herzen. lind ans den Tiefen der Seele rust geheimnisvoll ein Kuckuck: „Ku-ku! Ihr werdet ewig lebe». . . . Ku-ku! Es gibt keinen Tod .... Ku-ku! Die Gräser verkünden »u» die Toteiiauserslehnng .... Ku-ku, ku-ku, ku-ku! ..." * ' Ach! wie traurig, wie öde ist die ganze Natur, wen» ihr das Gras fehlt — der Reiz der Berge und die Zierde der Täler. Wie herrlich doch sind die Wiese», wenn sie grünen! Die Blumen, sie prange» und kokettieren, die Gräser aber sind bescheiden und keusch. Ach! wie prachtvoll ist ja der grüne Teppich, den die Natur über den Schemel Gottes ausbreitet. — Wo GraS, dort Leben! * * * Und Jhr, liebe Vögel. — 5köstlich ist Euere große Hymne für die grünen Spielzeuge des jungen Frühling. — - Es kam zu mir ein Kind, die Hände voll ausgerissenen Grases. Und es fragte mich: was mag denn dies sein? Konnte ich. aber ihm antworten, dem Kind? Was das Gras sein mag — ich weiß es ebensowenig wie das Kind. * Doch meine ich: das Gras sei das Symbol meiner Gedanke;», durchwebt mit grünen Seidenfäde» der Hoffnung. . . . Und vielleicht ist es gar das Taschentuch des Schöpfers, das von oben für uns als ein Geschenk herunterfiel; und das nun irgendwo in einer Ecke die Initialen seines Eigentümers trägt, damit wir sie lesen — und fragen sollen:

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