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Neue jüdische Presse · 1905-04-19 · Heft 16 (19.4.1905) · p. Seite 5

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
3 (1905)
Issue
Heft 16 (19.4.1905)
Date
1905-04-19
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 16. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Seite 5. nehmen — die Ahnung einer großen Gefahr, die schon während der langen Wagenfahrt sich seiner bemächtigt, mutzte sicherlich an. Größe zunehmen, sollte er noch länger in der Nähe dieses schönen, edlen und mutigen Mädchens bleiben. Er schämte sich zwar seiner Furcht, die, im Grunde genommen, doch recht kindisch war. Um sich daher die Selbstachtung zu erhalten, übersetzte er sich seine Angst in die Notwendigkeit, Vclinsky sofort sprechen zu müssen. Mit wenigen Worten sprach er daher dein Bankier seinen Dank aus, zugleich das Bedauern, für jetzt ablehnen zu müssen, da er zu einer wichtige» Besprechung erlvartet werde. „Das tut mir wirklich herzlich leid," sprach Kronemann, ihm worin die Hand drückend: „doch hoffe ich. Sie werden mir bald Gelegenheit geben, unsere Bekanntschast weiter zu pflegen. Bertha," fuhr er zu seiner Tochter sort, „willst Du nicht als Wirtin Herrn Engelsohn bitten, uns recht, recht bald wieder zu besuchen?" „Soll dieses eine «träfe ihrer Sünden sein?" fragte Juda lächelnd. Doch in der Art und in dein Tone, mit dem Bertha sich ihres Auftrages erledigte, lag durchaus nichts, was darauf hindeutcn könnte, das; sic dieses als eine besonders schwere «träfe betrachtete. „Bitte, lassen Sie uns ivenigstens Ihre Adresse hier," sprach sie, ihn schelmisch anblickend: „wir könnten sie vielleicht als Mahner nötig haben." Juda gab ihr seine Karte mit dem Bewußtsein, daß er dadurch schon eine große Bresche in die Mauer geschlagen, die er zwischen sich und dein Mädchen erst errichten wollte. Auf der Straße angekommen, holte er tief Atem. Jetzt mar er ja wieder allein und hatte darum keinen Grund, seine Furcht noch länger zu verbergen. Er sträubte sich gewaltig, dem Zauber einer Frau zu unterliegen — „Sich verlieben", wie man eS im gewöhnlichen Leben bezeichnet. Er hatte schon oft gehört, daß dieses das schwerste Unglück sei, das einem Manne begegnen kann. Für ihn ganz besonders wäre dies ein nie wieder gut zu machender Fehler gewesen. Er hatte ein großes Werk zu vollbringen, das er unter allen Umständen und glänzend vollbringen mutzte, und jede Ablenkung würde den Erfolg beeinträchtigen und von vornherein in Frage stellen. — Belinsky wartete seiner bereits mit der g'önten Ungeduld; er hatte von dem inzwischen stattgehabten Vorfall einen konfusen Bericht erhalten und wollte darum über den Hergang und über die Dame etwas Genaueres wissen. „Und wer ist das Mädchen eigentlich?" fragte er, nachdem Juda ihm den wahren Sachverhalt mitgcteilt. „Ich will eS Ihnen sage» unter der Bedingung daß es zwischen uns beiden ein Geheimnis bleibt; es >var Bertha Kronemann." „Was?" ries Belinsky, vom Stuhle aufspringend; „die Tochter vom Bankier Heinrich Kronemann?" Juda nickte. Es dauerte eine ganze Weile, ehe Belinsky sich von seiner Ueberraschung erholte. „Aber, Menschcnskind," rief er fast beleidigt. „Bertha Kronemann, das schönste und reichste Mädchen Warschau's! Und Sie sprechen es so gelassen aus, als wäre es der Name Ihrer Waschfrau!" „Wünschen Sie vielleicht, daß ich dabei in Krämpfe fallen soll?" Vclinsky sah seinen Besucher kopfschütttelnd an. „Offen gestanden, Engelsohn," sprach er weiter seinen früheren Platz wieder einnehmend, „ist mir Ihr Gebühre» unbegreiflich! .Haben Sie denn gar kein Verständnis, gar keinen Blick für unsere Zukunft? Können Sie sich denn nicht die Tragweite davon ansmalen? Verstehen Sic eS denn nicht, in den Sternen zu lesen? Sie haben jetzt bei Heinrich Kronemann frei.n Zutritt: er ist Ihnen zu Dank, zu großem Tank verpflichtet: soweit ich Sie kenne, besitzen Sic die Kraft, einen Stein in's Leben zu reden: glauben Sie mir, wenn es Ihnen gelingt, Heinrich Kronemann für uns zu gewinnen, dann können wir getrost „Viktoria, Sieg" ans unsere Fahne schreiben." „Einen Augenblick dachte ich selbst daran," erwiderte Juda kühl; „möglich auch, daß ich es versuche; doch ist es sehr zweifelhaft, ob ich noch einmal hingehen werde." Vclinsky sah ihn durchdringend an, doch sprach er kein Wort. Er hatte es bereits gelernt. Juda Engelsohn als ein Elementar-Ereignis anzusehen, und wußte daher im Voraus, daß hier jede Bemerkung überflüssig sei. Eine Woche folgte der anderen, ohne daß sich irgend etwas Nennenswertes ereignet hätte, das Juda von seinen zionist. Bestrebungen abzulenken geeignet gewesen wäre. Die Kronemann-Episode, wie er jenen Vorfall zn bezeichnen pflegte, fing nach und nach an, aus seinem Gedächtnisse zu schwinden. Manchmal freilich tauchte plötzlich Berthas Gestalt und Stimme vor ihm ans; aber er suchte sich selbst ein Gegengewicht zu schaffen, indem er sich um so tiefer in seine Arbeiten versenkte. Nach etwa vier.Wochen jedoch kam jenes „Erinnern" — das er zwar nicht begehrte, aber ihn dennoch mehr erfreute, als er sich selbst einzugestehen wagte. Die Botschaft lautete: „Geehrter Herr Engclsohn! Sie machen mir mit Ihrem Fortbleibcn kein schönes Kompliment; zumal ich Ihnen, wie ich mich jetzt erinnere, für Ihre edle Tat noch nicht einmal gedankt habe. Ihrem ausgcprochcncn Wunsche gehorchend, suchte ich die Dankbar- :eit in Freundschaft nmzwandeln. Doch allem Ancheine nach liegt Ihnen an keiner von beide», und dieses tut mir aufrichtig leid. Bertha Kronemann." Nun mußte er hingehen, obwohl er im Voraus wußte, was für ihn daraus folgen werde. Und er hatte richtig geraten. Von diesem Besuche nahm er die Ueberzeugung mit sich, das; er jetzt au der Scheidegrenze seines Lebens angelangt sei, daß das Zünglein 'einer Schicksalswage haarscharf in der Mitte stand, und ein Hauch, ein einziges Atemstüubchen konnte es nach der einen oder anderen Seite spielen lassen, ob er fortan sich selbst oder ihr gehorche» sollte. Seine Empfindung lies; sich jetzt nicht mehr durch Arbeit abschrecken, sie fing an, sich gar mächtig zu empören, sie war zum Kampfe gerüstet. (Fortsetzung folgt.l Bücherschau. Tie Familie Zwie. Tragödie in vier Akten von David P i n s k i. Genf Verlag des Bundes.*) 77 S. Was ist mannigfaltiger, als die Zerrissenheit innerhalb des Judentums: da sind viele schöne Kräfte vorhanden, aber alle streben nach einer verschiedenen Richtung und heben sich gegenseitig ans, oder vielmehr ein negatives Ergebnis ist die Folge. Immerhin hat bei näherem Zusehen in den letzten Jahren das Anarchische der sich betätigenden Kräfte abgenomincn. Man ist sich darüber klarer gelvorden, was man will, die Zeit und die Erfahrungen haben das ihrige dazu getan: um bestimmte Forderungen haben sich fest organisierte Gruppe» gebildet, die hinaustreten, um zn kämpfen, jede von sich überzeugt, daß ihr die Zukunft gehört. Wenn wir von Gruppierungen innerhalb des Judentums spreche», so richtet sich unser Blick vor allem nach Rußland, dem Sitze der Hauptmasse des jüdischen Volkes. Vier Hanptgrnpven sind es, die wir aktiv auf dem Kampfplatz antrcssen: Tie Orthodoxie, die Assimilation, den „Bund" und den Zionismus. Ein Bild dieser mehr oder weniger sich entgegenwirkenden Strebungen sucht uns der Verfasser in der genannten im Jargon geschriebenen Tragödie zu geben. Gelungen ist ihm dies durchaus nicht, da cs dem Autor vor allem an der dazu notwendigen Kraft, so wie auch an der nötigen Objektivität zu gebrechen scheint. Das Ganze soll ein Tcndenzstnck für den „Bund" sein; bas ersieht man daraus, daß der den Bundismus vertretende Rüben das letzte Wort hat: „Vorwärts, Brüder, vorwä ts, wir siegen!" und ferner daraus, daß das Buck; vom „Bund" herausgegeben ist. Man muß sich an diese äußern Zeichen halten, denn der Verfasser läßt die Vertreter der verschiedenen Richtungen, mit Ausnahme desjenigen der Orthodoxie nur sehr wenig spreche», sodaß uns ihr Standpunkt durchaus unklar bleibt. Saftlos, wie das 'ganze.Büchelchen, so sind die einzelnen Helden; der Assimilant ist gar kein rechter Assimilant, er wird stutzig und schwaukcnd am Tage eines „Pogroms". So sind in Wirklichkeit unsere russischen Assimilanten nicht, ihnen würde es einen Verstoß gegen das Prinzip der Liebe zur allgemeinen Menschheit (d. h. die Juden ausgenommen) bedeuten, wenn sie nicht mit gleicher Gemütsruhe jüdisches Blut wie etwa armenisches stießen sehen und irgend eine allgemeine Erklärung dafür finden würden. Ter Zionist ist dem Autor einfach ein Schwärmer, ein Gemütsmensch, der ein recht warmes Herz hat, begeistert von Volk und Volksbewegung spricht, Vernnnftsgründe aber geradezu verabscheut. Wie wenig kennt der Herr Verfasser den Zionismus und das Ergebnis der wenigen Jahre der Tätigkeit, wenn er ihn sich ans so unsicheren Füßen ausgebaut denkt. Toch nicht weniger schwächlich wird der Bnndismus vertreten, wenn auch dessen Held mit dröhnender Sicherheit einherickireitet, einer Sicherheit, die hier nur als eine Folge der Beschränktheit erscheint, da er nichts weiter als einige beliebte Ausdrücke von Masse» und Klassen, vom Borwärtsschreiten und auch von Natioilaljudenlum, zn dem er die Worte aber nicht den Inhalt dem Zionismus entlehnt hat, um sich ivirst. Wie konimt es nun doch, daß der Bundismus die Wahrheit und das wahre Judentum ist? Ten Beweis leistet der Verfasser sich indirekt. Etwas anderes har aufgehört, die Wahrheit zn sein, folglich muß es nun doch der Bundismus sein! Tiefer Logik bedient sich der Verfasser. lim zn seinem Zweck zu gelangen, läßt er die einzige sympathische Figur in dem Stücke, Rabbi Mosche, de» Wortführer der Orthodoxie austreten. Tiefer ist cs, der noch ein warmes Herz für das *) Allgemeiner jüdischer 'Arbeiterbnnd von Litthancn, Polen und Rußland. religiöse Judentum sich bewahrt hat, für da» er bereit ist Gut und Blut einzusetzen. 'Er besindct sich in dem Wahne hinter sich das ganze Volk zn haben: am Tage des „Pogroms" ist sein Platz in der Synagoge, >vo er überzeugt ist die Gottesstreiter anzutreffen» die mit ihrem Leben die heilige Stätte vor Verunreinigung und vor Beichimvsnng durch die rohen Bande» schützen werden. Aber an diesem Tage des Schreckens haben sich alte die Gehetzten in die tiefsten Schlnpswinkel verkrochen, wo sie für ihr Leben uicd' ihre ivenige Habe zittern. Vergebens hofst Rabbi Mosche noch bis zum letzten Augenblick, daß die Kämpser für Gottes Ehre doch schließlich ans dem Plan erscheinen iverden, um dann, aufs bitterste enttäuscht, in der höchsten Verzweiflung zusammenzubrcchen. Er und mit ihm die von ihm vertretene Sache habe» ihren Geist nusgegeben; er war der „Einzige und der Letzte". Tas alte ist abgelebt und muß verschwinden, das neue dringt mit Macht herein, eS nennt sich „Bundismus" und tritt die Erbschaft an. So schief das Problem angefaßt ist, so schics ist es auch dnrchgeführt. ES soll nachgewiese» werden, daß die Zeiten der religiösen Begeisterung und Aufopferungssreude vorüber sind. Ter Verfasser übersieht nur, daß die Möglichkeit ihrer Aeußerung jetzt nicht mehr vorhanden ist. Tenn die Zeiten der religiösen Verfolgungen gehören der Vergangenheit an. Ter heutige „Pogrom" ist nicht der fanatische Ausbruch der gläubigen christlichen Menge gegen den ungläubigen Juden, nicht gegen jüdische religiösen Güter richtet sich die Wut, sondern gegen das nackte jüdische Leben, dem wie die Tinge nun einmal liege», nichts anderes übrig bleibt, als hinter Mauern Schutz zu suchen. Von der also gehetzten Menge den Märtyrertod in der Synagoge verlangen, in einer Zeit, wo Güter der Religion garnicht auf dem Spiele stehen, ist ein eben solcher Wahnsinn, ivie die Folgerung, daß, da die Märtyrer nicht erscheine», auch die Religion etwas überlebtes ist und mit Stumpf und Stiel verschwinden »ins;. Von der gleichen Qualität ist dann die ganz ivillkürliche Folgerung, daß das neue Judentum sich ans Marxismus, Klassenkampf und materialistischer Geschichtsansfassung aufbaucn muß. Marx soll an die Stelle von Moses treten, und Reaktion und Finstcrnis ist alles, was noch an diesen erinnert. Nein, Herr PinSki, das ist keine Antwort auf die jüdische Frage. Es e r w e i st sich, da tz a l l das Gerede des B u n d e s vom Nationalj u d e n t u m ein purer S ch w i n d c l i st, den man einfach gegen das siegende Vordringen des Zioiiismiis versuche» muß. Wenn nicht Schwindel, so ist es ein unverzeihlicher Irrtum zn glauben, daß es jemals der Sinn einer vernünftigen Entwicklung sein kann, daß ein altes Kultiirwerk der Nation, das der ganzen Welt geistigen Inhalt gegeben hat, eines schönen Tages mit Stumpf und Stiel ausgerottet und von etwas völlig Fremdartigem ersetzt werden kann/ Tie Betonung des Judentums ist da nur eine elende Ausflucht, eine augenblicklich notwendige Handhabe, her Pfeiler weist, wenn diese überhaupt möglich ist, zur Assimilation hin. Wer im Namen des jüdischen Volkes kommt, der vermesse sich nicht, die freche .Hand an das Schönste im Judentum anzulegcn: nicht Vernichten, sondern Weitcrbanen muß die Parole des Judentums lauten. Weiterbauen und altem neues Leben einhanchen, Wiederausrichten das indische Volk, das jüdische Land, die jüdische Lehre, das muß der Kampfruf wahrhaft jüdische» Strelens sein, eS ist der Kampfruf des Zionismus. Z. O. R a ch t. K l e i n , T r., H e r m a » n. Tie ethischen Strömungen der Gegenwart und das Jndciitum. Mainz 1904. r»5 Seiten. Der 7. Gcselljchaslstag der „Teulschen Gesellschaft für ethische Kultur" und die dort mit besonderer Schärfe hervvrgehvbene Tendenz der ethischen Kultur, alle religiösen Momente und alle religiösen Motive in dem ethischen Leben der Menschheit zu bekämpfen, gibt dem Verfasser Veranlassung zu einer grundsätzlichen Allseinandersetzung mit den modernen ethischen Strömungen. Er führt den Nachweis, daß die Frevel, die im Namen der Religion verübt wurden, und die ihr von gegnerischer Seite znm Vorwurf gemacht werden, nicht ans dem Wesen der Religion hervorgehen, wenn sie im Sinne des Judentums ausgefaßt 'wird, und daß ferner Menschenliebe ohne die Grundlage des Gottesglaubcns keinen Bestand haben kan». Auch im Dienste des Humanitätsideals wurden Grauian:- keiten verübt, wie zur Zeit der französischen Schreckensherrschaft, »nd man darf nicht dw Idente sür ihre Träger verantwortlich machen, wenn man nicht alle Ideale verwerfen will. - Jede philosophische Ethik muß notwendig formalistisch sein: das Judentum aber gibt eine inhaltlich bestimmte Ethik. Abgesehen von einzelnen llebertreibnngen in der Beurteilung von Nietzsche, hat es der Verfasser ver-

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