Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 3 (1905)
- Issue
- Heft 16 (19.4.1905)
- Date
- 1905-04-19
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2692297-2692409-2692425--01578-3518490- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Ceite 4. Frankfurter Israelitischer Familienblatt. Nr. 16. Oesterreich-Ungarn. Wie». Mittwoch Len 12. April fand im Tempel der Seitenstettengasse die Trauung der BaronesseMarievon Springer, Tochter des Freiherrn -Gustav von Springer, mit Herrn Eugen Fonld-Paris statt. Punkt 11 Uhr intonierte Oberkantor Sin g er mit seiner immer noch mächtigen und modulationsfähigen Stimme 'und begleitet von dem von Prof. Joseph Sülzer trefflich dirigierten verstärkten Chore den Eröffnnngsgesang Mal, towu in künstlerischer Weise, worauf Ober r abbin er Dr. Güdemann in einer wohldnrchdachten Ansprache die rühmenswerten Traditionen der beiderseitigen Familienhäuser des Brautpaares und die idealen Eigenschaften von Braut und Bräutigam selbst in trefflichen Worten zeichnete. Die Tradftionen der beiderseitigen hervorragenden Familienhäuscr zeichnete der ehrwürdige Redner bis zu den Urgroßvätern hinauf in prägnanter, wahrheitsgetreuer und den bedeutungsvollen Verhältnissen entsprechender Weise worauf der eigentliche Trauungsakt und die Uebcrreichung des üblichen schlichten Ringes an die Braut erfolgte. Hierauf stimmte Oberkantor Singer die siüben Scgcnssprüche an, nach deren Beendigung vom Chore eine von Pros. Joseph Sulzer zu diesem Anlasse komponierte herrliche Trauungshymne zum Bortrage gebracht wurde, welche allgemein ausgezeichneten Eindruck übte. Beim Trauungsakte waren anwesend: Fürst Karl Trauttmansdorff, Fürst Kinsky, die Fürsten F'-ain. Josef und Engelbert Auersperg, G^ekapitän Gene-al der Kavallerie Graf Alois Paar, Grat Adolf D bsly, Gräfin Misa Wydenbruck-Esterha'y, General Alerander, die Gemahlin des Sektionscheis Freiherrn Wladimir v. Beck, Baronin Beck, Gras Wodficki, Gräfin Mels-Colloredo, den Leiter der General-Intendanz, Freiherr von Plap«art, Charlotte Baronin Königswarter, Albert Freiherr von Rothschild samt Tochter, Baron Eugen von Rothschild, der Präsident der Kultusgemeindc, Dr. Alfred Stern mit dem Bi'epräsidenten Dr. Gustav Kohn und de» Vorstandsmitgliedern, die Freiherren Ludwig und Felix v. Oppenheimer, David Ritter v. - Gütmann, Othon Baron Bourgoing, Freiherr v. Biedermann, Georg Graf Stockau, Hofrat Regner v. Blcyleben,' Lofrat v. Mittag, Statthaltereirat Graf Lame'an, Stattbaltcreisekretär Dr. Guido Freiherr v Sommaruga, Kavitän v. Ritschl, der gewesene Abgeordnete Rud. Anspitz, Freiherr v. Apfaltrcrn, Frau Jenny und Fräulein Marie v. Glaser. Frau Irene Svanner-Sigl, Eugen Grimm v. Adelsbach, Genera'd-rektor Palme-, Generalkonsul Ritter v. Schneller, Julius Ritter v. Leon-Wernburg, Frau Klarjkie v. Lindheim, die Bankdirektoren Bauer, Otto Wiedniann und Wollh-ini. Maler v. Mehoiser, Generakrat Klei», Hofrat Pro'e'sor Dr. Monti, die Banräte Hellmer und R. v. Goldschmidt, kaiserl. Rat Wilhelm Pollak, kaiserl. Rat Sachs, Gcmeindcrat Zjffercr, viele Advokaten, Aerzte usw. Die Trauung, deren Einfachheit von inasgebender Seite ausdrücklich verlangt wnrde, übte aui alle Anwesenden eine mächtige Wirkung und wird sicherlich im Herzen Mer eine bleibende Stätte der herrlichsten Erinnerung sein. Czernowitz. Ei« jüdischer Bürgermeister. Da. der bisherige Bürgcrniciskcr Freiherr von Koch anowski infolge hohen Alters ans das Amt resignierte, mutzte für die restliche Funktionspcriode ein neuer Bürgermeister gewählt werden. Zwei Kandidaten kamen in Betracht. Der Kandidat der christlich-deutschen — wje sich hier die deutschvolklichen nennen -— Felix Baron F ü r t h »nd der bisherige Vizebürgcrmcister Regicrungsrat Dr. Ed. Reiß, der zwar von keiner Partei kandidiert wurde, aber von den Jude» als der ihrige auf ihr Schild gehoben wurde. Die Juden verfüge» über 18, die Deutschen über 19 von 50 Sitzen. Keine Gruppe hat daher die Majorität. Dos Zünglein an der Wage bildeten die 7 Rumänen, da die übrigen kleinen Gruppen erklärten, für Dr. Neig, -eine» anerkannt integren und obiektive» Mann zu stimmen. Es gelang Mg. Dr. Straucher ein KompromiS mit den Rumänen zustande zu bringe», indem er ihnen die freiwcrdende 1. Vizebürgermeistcrstelle zur Verfüqung stellte. Damit war die Wahl Tr. Reiß ge- Diesc Wahl hat für die Juden im Lande eine ziemliche politische Bedeutung. Damit ist die von den Deutschen in der Bukowina im Jahre 1897 eingeschlagene judenfeindlichc Taktik, sich von den Jude» zu sondern, aufs Haupt geschlagen. Die Jude» sind in diesem Kampfe erstarkt, zum großen Teil durch die Führung Dr. Strauchers. Tie Deutschen flöten schon heute Friede», während sic bisher versuchten, die Juden politisch zu erdrücken und bei Seite zu schieben. Jetzt wird unsere Stellung in absehbarer Zeit niemand mehr anfechten, wir habe» uns als Machtfaktor erwiesen. Auch der Versuch der Klique Aurel Oncinl — der Mann ist in Brünn sehr vorurteilslos, in Czernowitz aber wacht er fleißig über gewisse riiiiiänischc Traditionen — die Juden im Gesetzgebungswege aus den Gemeinden zu vertreibe», ist mitz- . glückt. Die famose, reformierte Gemcindeordnuug, die der Bukowinaer Landtag beschlossen, wurde nicht der -Sanktion unterbreitet. Außer in Czernowitz sind noch jüdische Bürgermeister in Radautz — Dr. Burnstein, Storozynetz — Dr. Katz und Wiznitz — Larisch, überdies noch in vielen Marktflecken und Dorfgemeinden. Rußland. Samarkand (Kaukasus). Die väterliche Fürsorge der Negierung für das Wohl der Jude n. Der Gouverneur erteilte den Bürgern das Recht, Waffen z u h a l t e n zum Zwecke der Selbstverteidigung : ausgeschlossen von diesem Rechte werden nur dieJudcn. __ Hierzu bemerkt die Zeitung „«amarkand"/ cs wolle ihr nicht einleuchtcn, warum die Juden von diesem Rechte ausgeschlossen worden sind. Wer solle denn in der gegenwärtigen Anarchie die Juden verteidigen, deren Leben sicherlich doch ani ehesten und am meisten gefährdet ist? Es sei doch gar nicht denkbar, daß die Regierung, die, wo es sich um die Ehre Rußlands handelte, 40 000 Juden auf den mandschurischen Kriegsschauplatz schickte. Bedenken haben sollte, ihnen Waffen anzuvcrtraucn. Aus vielen Plätzen Rußlands kommt die Nachricht von der Organisation der Juden zur Selbstverteidigung, den» es wird seit Wochen systematisch im Verborgenen gegen sie gehetzt; und die Juden Rußlands haben jetzt keine Lust mehr, sich wie in Kischinew wehrlos abschlachten zu lasse». Petersburg. Statistik. Der „Regierungsbote" bringt einige statistische Zahlen über die Bevölkerungsverhältuisse in Rußland. Er gibt die Anzahl der Juden mit 5 215825 Seelen (gleich 4,1°») an, von denen 5 063 156 den Jargon und nur 152 649 russisch sprechen. Wenn mau auf Grund dieser, ivenn auch wahrscheinlich ungenauen Zahlen ein Urteil fällen darf, so darf man wohl behaupten, daß demnach die russischen Juden ihr Eigenleben noch bewahrt haben und von einer Assimilation im Sinne des Wortes vorläufig nicht zu reden ist. Rumänien. Bukarest. Massenauswanderung russischer Juden. In Galatz traf der Dämpfer „Bnlgaria" aus Odessa mit der ersten Gruppe jüdischer Auswanderer ein. Diese machen einen herzzereitzenden Eindruck. Sie erzählen, die Furcht vor Massak-cs während der herannahcnden Ostern, sowie die Revolution habe sic fortgctrieben. .Die russischen Behörden sind überaus streng gegen die Juden und fordern von ihnen Mittel zur Deckung der inneren Kriegsanleihe. Die russische Schiffahrt-Agentur in Galatz verständigte das Hafenkapitanat, daß noch 5000 Auswanderer auf russischen Dampfern anlangen, welche weiter nach Wien befördert werden, um über Hamburg sich nach Amerika zu begeben. G Feuilleton. G Kadimah (Ostwärts). Erzählung von Samuel G o r d o n. Frei übersetzt von M. P u l v e r m a n n. Der Trunkenbold da unten rührte sich, stand aber bald wieder bewegungslos, aufhorchend still — jemand kam die Treppe herunter. Juda beugte sich weit vor, um besser sehe» zu können. Eine junge Dame trat aus dem Hause, das Gesicht verschleiert, in eleganter Kleidung: sicherlich gehörte sie nicht den hier wohnenden Familien an. Einen Augenblick blieb sie verblüfft stehen über den häßlichen Anblick, der sich ihr darbot. Schon aber stolperte Iwan fluchend und schimpfend auf sie zu; er hatte das Knistern von Zranengewändern vernommen, und in seiner blinden, unzurechnungsfähigen Wut glaubte er bestimmt, seine Frau vor sich zu sehen. Racheschnaubcud stürzte er auf. die Dame zu, die, als sie die Gefahr erkannte, laut anfschrie, an dem Menschen vorbeistürmte, um die Gittertüre zu erreichen. Ei» einziger Blick jedoch überzeugte sie, daß diese verschlossen war, und daß auch keine Zeit vorhanden sei, um die schweren Riegel zurück zu schieben. Sie wendete sich um, mn wieder in den freien Hof zu gelangen, doch da stand der Wüstling schon vor ihr, ihr den Weg versperrend. In einem Augenblicke übersah Juda dir ganze Lage: da am Hause links stand eine kleine Türe ossen; er wartete nur noch, um die Dame da hineinfküchtcn zu sehe», nm sofort die Treppe heruiiter zn stürmen, fünf Stufen aus einmal nehmend. Als er im Hose ankam, hatte Iwan gerade seine Hand unter der Jacke hervorgcnomme», und ei» blitzendes Messer ivurde sichtbar. Juda wußte, daß die kleine Türe zu einer Bodenkammer führte, die keinen weiteren Ausgang hatte, so daß die Dame unrettbar in die Hände ihres Verfolgers fallen mußte; er selbst hatte sich schon einmal dorthinein verirrt. Jwan's schwankender Fuß hatte bereits die Schwelle überschritten; doch Inda war bereits hinter ihm. Mit festem Griff ersaßte er ihn am Kragen, schlug ihm das Messer aus der schlaffen Hand, und durch einen einzigen kräftigen Stoß fuhr der Betrunkene, wie ein Kreisel sich drehend, auf einen weichen Düngerhaufen, wo er stumpfsiiinig, plump wie ein Mehlsack, der Länge nach hinfiel. Es war dies das Werk von kaum einer Minute. „Sie können jetzt getrost herauskommen," rief Juda der Dame zu; „die Gefahr ist vorüber." Schüchtern kam sie an Juda heran, der jetzt erst bemerkte, daß er ein ganz junges Mädchen vor sich hatte, dessen bildschönes Gesicht unter dem dichten Schleier kreidebleich war. Ein Zittern überlief ihren ganzen Körper, als sie nach Iwan hinsah, der jetzt, auf seinen Ellbogen gestützt, heulend und winselnd dasaß. „Ich danke Ihnen," sprach sie einfach und bereits wieder gefaßt, als Juda den schweren Torflügel, der nach der Straße führte, für sie geöffnet hatte. Aus dem Ton ihrer Stimme konnte Juda gar nicht entnehmen, wofür sie ihn, eigentlich dankte: daß er ihr den Ausgang frei gemacht oder daß er ihr das Leben gerettet. Er lief; es für beides gelten. „Darf ich Sie nach .Hanse führen?" fragte er, ein wenig mißtrauisch und zagend. „Der unangenehme Vorsafl hat Sie sicherlich erschüttert." „Ja, wenn ich bitten darf, begleiten Sie mich nach unserer Wohnung," erwiderte sie frenndlich; „sicherlich wird mein Vater Ihnen seinen Dank persönlich aussprechen wollen. Er Ivurde gewiß schelten, wenn ich Sie nicht mitbringen sollte." Inda rief eine Droschke herbei, war aber nicht wenig erstaunt, als er die Adresse hörte, die sie dem Kutscher angab; aber er glaubte, sich bestimmt verhört zu haben. Es war eine lange Fahrt, die fast schweigend zurückgelcgt wnrde, und Juda vertrieb sich - die Zeit damit, daß er das Gesicht seines Gegenübers verstohlen, aber aufmerksam studierte. Das Studium gefiel ihm sehr wohl; dann aber sing er von neuem an, sich zu wundern, als der Wagen endlich vor einem palastartigen Gebäude in der Vorstadt Praga still hielt. Er wußte, weni das Palais gehörte. So hatte er vorhin doch richtig gehört. Es war also die einzige Tochter des reichen Bankier Heinrich Kronemann, des angesehensten Juden Warschau's, die er vor einem entsetzlichen Schicksal bewahrt hatte. Einige Minuten später saß er in einem mit fürstlicher Pracht ausgestattrten Salon; kaum aber hatte er ans die int Zimmer herrschende Pracht einen Blick geworfen, als die Türe eilig aufgcrissen wurde und sein Schützling und ihr Vater vor ihm standen. „Sie also sind der Held, der meine Tochter vom sicheren Tode gerettet," rief Kronemann, mit einem Versuch, zu scherzen, dem jedoch das Zittern seiner Stimme und das feuchte Schimmern in seinen Augen ganz und gar widersprach. Er erfaßte Juda's Hand, die er krampfhaft drückte. „Mein Herr," sprach er jetzt mit vollem Ernst; „ich habe viele, viele Millionen Rubel, doch — nur ein einziges Kind! Wie kann ich Ihnen für Ihre Tat danken?" „Indem Sic es mir ersparen. Ihnen mit gewöhnlichen Phrasen zu antworten," entgegnete Juda, selbst gerührt; „die Dankbarkeit erlangt einen höhere» Wert, wenn sie unausgesprochen bleibt." „Darin liegt eine gewisse Wahrheit," sprach der Bankier gedankenvoll; „ich will daher Ihrem Wunsche Nachkomme» und nicht weiter darüber sprechen, Herr-" „Engelsohn," ergänzte dieser. „Es wäre sehr leicht, unter diesen Umständen aus Ihrem Namen ein hübsches Wortspiel zu machen," sagte Kronemann lächelnd, dann zu seiner Tochter sich wendend, nahm seine Stimme einen ernsten, fast traurigen Klang an. „Wie gewöhnlich ist es wiederum Deine Schuld, daß ich mich in solcher Aufregung besinde. Ich habe Dir doch schon so oft streng verboten, bei der Ausübung Deiner geheimen Wohltätigkeit nicht ohne Begleitung auszugehen und Dich keinen Gefahren auszusetzen. Du hast es doch schon erfahren, daß das Amt einer gütigen Fee eine gar gefährliche Sache ist in den unbekannten, dunkeln Straßen Warschau's. Du hast meine Warnung wieder in den Wind geschlagen, und ohne Herrn Engelsohn wäre es zu einem traurigen, schrecklichen Ende gekommen." „Papa, Anette war fort, Marie erkältet und Johanna sehr beschäftigt, und die arme Familie — hungerte," suchte das Mädchen, mit lächelndem Munde, aber tränenden Augen sich zu verteidigen. „Antzer- „Nun, fahre fort," sprach ihr Vater, schon halb versöhnt; „außerdem?" - „Außerdem darf man manchmal schon ein klein wenig ungehorsam sein, wenn es gilt, einen'guten Zweck zu erfüllen." „Klingt das nicht gar zu jesuitisch. Du kleiner Trotzkops?" fragte Kronemann lächelnd, zärtlich ihren Kopf streichelnd. „Doch, wir wollen es jetzt unterlassen. Deine Trugschlüsse zu widerlegen, da ich jetzt etwas viel Wichtigeres zu tun habe: ich will Herr» Engelsohn bitten, zum Frühstück da zu bleiben." Inda antwortete nicht gleich. Eine innere Stimme slüstertc ihni zu, die Einladung nicht anzn-