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Neue jüdische Presse · 1905-04-19 · Heft 16 (19.4.1905) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
3 (1905)
Issue
Heft 16 (19.4.1905)
Date
1905-04-19
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Eeitr 2. vom Fesselgeklirr In Eisen geschmiedeten Duldenvom Lrdenrande zum Lrdenrand — Dann dröhnts aus den flammenden Wolken Zwischen Purpur, Kristall und goldenen ^Gluten Mit dem Schalle -es brausenden Sturms: „wenn das Geschlecht ist erstanden, Das Geschlecht, das Erlösung ersehnt, Das Geschlecht, das Befreiung will, Das Geschlecht, das zur Freiheit si ch b i l det, Zur Freiheit aus Banden der Schande und Schmach, Zur Freiheit aus Banden des Jeizer Hora, Dann ist -ein Schicksal erfüllt, Dein Volk und auch Du, Ihr seid frei!" Pesach-GeLauke«. Von Rabb. Dr. M. Kahuin EHlingen. Unter Len Büchern unserer Bibel besitzen wir eine kleine, wenig umfangreiche Schrift, die aber eine Fülle der Lieblichkeit, die Vollendung der Anmut selbst ist. Es ist das Lied der Weder, Schirhaschirim, das Hohelied". Welche Innigkeit der überquellende» Empfindungen der Liebe und Hingebung tönt aus seinen Worten uns entgegen, welche Wärme jugendlicher, zarter Liebe strahlt uns an, wenn wir dieses liebliche Büchlein öffnen und seine leichten, wie Süßtrank flüssigen Verse genießen. Ein Hauch des Frühlings weht uns an, wir vermeinen unter blühenden Bäumen, in der Pracht anmutig sich öffnender Blumenkelche zu stehen. Das sproßt so kräftig, das Grün der Auen ist so saftig und ftisch, die Lust so rein und so warin, der Himmel so blau, die Sonne so mild und so gut, der Aether durchduftet vom feinen Aroma des blühenden Weinstocks. Kurz, ein herrlicher Frühling, ein Fest der Natur, ein Paradies mit hurtig dahineilendcn Antilopen und Hirschen, erfüllt vom Gesang der Vögel, durchzittert voin Summen der Bienen. Welches Gemüt ist so trocken, welches Gefühl so alt, daß es nicht wieder empfände und sich erfreute des Frühlings, das Nicht neu durchschauert und verjüngt wird vom Hauche der Jugend, darin nicht sich dehnte und sich höbe und aufwalfte die Kraft und die Frische und die Hoffnungsfteude des Jünglingsalters. So wird es unswenn wir das Hohelied hören, es ergreift uns die Wonne der sehnenden und ahnenden, der beglückenden und beseligenden Liebe und Hingabe. Und nicht allein wir, auch unsere Alten haben dieses Juwel unseres Schrifttumes wohl zu schätzen gewußt. Und well sie es für das höchste und schönste Erzeugnis menschlichen und jüdischen Geistes hielten, „für das Lied, das über allen Liedern steht", darum haben sie es dem Schöpfer gewidmet, darum haben sie in dem Geliebten ihren Gott, in der Braut die Gemeinde Israels, in der Liebe, die aus jedem Laute klingt, die Hingabe Israels; in der Freude und der Seligkeit des Jünglings die Freude und die Liebe des Herrn und des Beschützers, des Vaters aller Menschen erblickt. Und so sind ihnen die Lieder der selig sich Liebenden: Wechselgespräche zwischen Gott und Israel, Beteuerungen und Versicherungen des liebenden Einverständnisses, die Schritte und Wege des Paares: die Spuren der Fürsorge und der Führung Gottes, die Pfade und die Wandlungen der Braut: die Antworten des Vertrauens und der Zuversicht der frommen Tochter des israelitischen Volkes. „Die Stimme meines Liebsten, siehe, da kommt er, springend über die Berge, hüpfend über die HügA,'" Es hebt mein Geliebter an: auf. Du, meine Traute, meine Schöne und gehe. Denn siehe, der Winter ist vorüber, der Regen ist geschwunden, ist gewichen. Die Blumen erscheinen im Lande, die Zeit des Gesanges ist gekommen und die Stimme der Turteltaube wird gehört in unserem Lande, der Feigenbaum würzt seine Früchte, und die Reben setzen Knospen an, spenden ihren Dust, auf den», gehe meine Traute, meine Schöne und schreite voran." Dies herrliche Wort, auf was anderes beziehen es unsere Erklärer denn, als auf den Ruf unseres Vaters, den er an die Stämme ergehen ließ, heranszuschreiten aus den Banden der Knechtschaft, denn Frankfurter Israelitischer Familienblatt. vorbei ist der Dienst, dahin die Bedrückung, der Klang der Freiheit wird gehört, es winkt die Erlösung und die Liebe singt ihre» Sang. Aber ach, die Liebste kann nicht folgen dem Ruse. „Schwarz bin ich," .ruft sie klagend, „sehet 'mich nicht an. Gefenget hat mich die Sonne; die Söhne meiner Mutter, meine Menschenbrüder sind in Haß gegen mich entbrannt." Ach, Israel war noch nicht würdig der Erlösung, es hatte sich selbst noch nicht gefunden, es war noch nicht reif „vor Kürze des Geistes und Schwere der Arbeit". Es war selbst noch befangen in dem Wahne, daß es zur Knechtschaft geboren sei, daß es nur zur Arbeit hier aus Erden gesetzt sei. Daß cs zu dienen und frohnen den Aegyptern berufen sei und daß ihm nicht das Recht von Gott und der Natur geworden, das eigene Selbst zu entfalten, für sich selbst eine Nation zu bilden, sich unterscheiden und abheben zu dürfen von der Menge der umwohnenden Wohl hatte» sie Moschch, als er kam und ihnen von dem nie schlafenden und immer wachen Gotte ihrer Väter verkündete, Glauben geschenkt, wohl der Hoffnungsfreude Raum im Herzen gegeben und dein Erlöser vertraut, als es aber daran hielt, selbst mitzutaten, hinzutreten vor Pharao und im Namen des Gottes des. Rechtes Freiheit und Selbstbcstimmung zu fordern, da sahen sich Moschch und Aron alleiir, „aber die Aelteften, die anfangs bei Moschch und Aron waren, hatten sich einer nach dem anderen hinweggeschlichen, bevor sic an den Palast des Königs kamen, weil sie sich fürchteten, hinzugehen." Es war also der Mut, der ihnen fehlte, das Selbstbewußtsein, das ihnen abging. Jenes Gefühl, das ihnen hätte sagen müssen, daß für eine edle, große Sache sie stritten und litten, daß ihr Beginnen eine hochherzige Tat war, für ihr Volk sich zu wehre», für ihre Nation an den Stufen'des Thrones Widerfpruch zu erheben gegen die Vergewaltigung der Tyrannen. Aber nein, im Drange ihrer eigenen Geschäfte und Bedürfnisse, ganz eingenommen von der Sorge um ihre' eigenen Personen und deren kleine und kleinliche Angelegenheiten, hatten sie den großen, freien, weiten Blick verloren. Der Sinn für das Ganze und das Große war erstorben, die Begeisterung, die einen Abraham beseelte und erglühe» hatte lassen, und ihn, den Einzigen, der^ganzen Welt hatte.gegenübertreten und cntgegcnstehen lassen, diese Abrahamstugenden waren bei jenem schwächlichen Gcschlechte nicht mehr zu finden. — Und doch wollte der vorsehende, weise Gott sein Volk nicht eher erlöse», als bis dieses selbst sich der Erlösung für. würdig gezeigt hätte, bis es jene große Tat ausgeführt hätte, durch die es bezeugte, daß sie wahre Nachkommen von Slbraham, Jsak und Jakob seien, von Männern, die einzig nnd allein ihrer Zeit widersprochen haben. Und nun, nachdem Gott die Größe seiner Macht durch Wunder und gewaltige Ereignisse gezeigt hatte und Aegyptens Hochmut gedeinütigt worden war, da regte sich auch in Israel die Liebe zu seinem Schöpfer, da trat hervor der nur eingeschlummerte und unterdrückt gewesene Geist Abrahams, der Inutige Sinn eines Israel. Da konnte Gott eine große Tat verlangen — und sie wurde geleistet. „Und Moschch rief alle Aeltesten herbei und sprach zu ihnen: Nehmet und wählet Euch ein Lamm für Eure Familien und schlachtet das Pesach." Ein Lamm zu nehmen? Sonst ein leichtes Beginnen, hier aber eine einzigartige Heldentat! Denn das Lamm war eine Gottheit der Aegypter; galt ihnen als hellig und unverletzlich. — Da sollte nun eine jede Familie in Israel ein solches herauswählen am 10. Msan. Das verachtete Sklavenvolk sollte es zur Schlachtung bestimmen, 4 Tage ausbewahren und offen vor den-Aegyptern, den bösen Drängern, zeigen; ja sogar sollte erklären, daß es eine heilige, eine gottgefällige Handlung vollbrächte. Wahrlich zu dieser Heldentat eines ganzen Volkes mit seinen Männern und Frauen, seinen Jungen und Alten war eine feste, unerschütterliche Ueberzeugung nötig. Ja groß, unendlich groß war die Tat. Sic bedeutete die 'Selbsterlösung. Israel hatte sich selbst gefunden, sich selbst erlöst. Die Geliebte hatte dem Rufe ihres Freundes Folge geleistet, sie hatte sich erhoben/ war treu und voll Vertrauen seinem Worte gehorsam und bekannte vor Nr. 16. der ganzen Welt sich zu Ihm und nur zu Ihm sich Doch wozu führe ich Verhältnisse aus längst vergangenen Tage» an? wozu längst verflossene Regungen und Handlungen? Ist nicht Mut. und Standhaftigkeit, Kühnheit und Tapscrkeit nicht auch ein Erfordernis in unseren Tagen? Muß nicht auch uns die . Kraft der Ueberzeugung beseelen, die Macht des Glaubens nnd des. Bekenntnisses durchdringen und das Vertrauen-zu unserem Gotte in uns leben? die Liebe zu unserem Volkstum in uns weben? die Begeisterung für unsere Religion und unsere Lehre uns tragen und treiben, vorwärts drängen zu Sieg und Triumph?! „Zurück, zurück, o Sthlamlith, kehr zurück", kehr zurück in Deine Häuser, Deine Familien! Besiegle aufs neue den Bund mit Deinem Gotte, feiere das Pesach nach altgewohnter, herrlicher Sitte. Versammle Deine Kinder, Teine Hausgenossen, unter Heller- Lichter blendendem Scheine und erzähle vom Pesach, erzähle -von der Erlösung der Väter, feiere auch Deine Erlösung vor der Welt und gehöre Dir und Deinem Gotte, Deinen, Volke und seinem Geiste an. Das Chomez, das Gesäuerte, hast aus dem Hause Du geschafft, bringe Mazzoh hinein, jene von fremde» Beimischungen reinen Stoffe und iß sie in reinem Geiste und reiner, gehobener Festesstimmung. Fühle Dich als. Jude, bekenne es Dir selbst und Deinen' Genossen im Hause und Deinen Mitbürgern in der Stadt. Denke Deiner Eltern und Großeltern, an deren Tische sitzend. Du einst Pesach feiertest in kindlicher Andacht, kindlicher Frömmigkeit.- Diese schaffe Dir wieder. Und neu erblüht Dir der Frühling und neu ersteht Dir die Jugend. Wieder sprießen die Blumen des Glaubens, und wieder werden sie Früchte jener edlen und zarten Regungen der Liebe, des Vertrauens hervorbringen. Ein Borstoß gegen die Schechita in Bayern. Auch im lieben Bayernlande, das im ganzen sich noch eines guten Rufes inbezug aus antisemiticis erfreut, regen sich die Judenfeinde neuerdings mehr und mehr. Zwar sind es nicht Lorbeeren, die da geerntet werden und die etwa die Quelle neuen Mutes und frischen Unternehmungsgeistes zu bilden geeignet erscheinen. Im Gegenteil, man könnte so manche Schlappe registrieren! Das entmutigt jedoch die Herren keinesfalls, und nach dem alten Worte calumniare audacter, semper aliquid liaeret, wird's immer von neuem probiert. So hat man es denn für gut befunden, wieder einmal die tierschützlerische Kappe über das antisemitische Hirn zu ziehen und sein warmes Herz für die Leiden der Ochsen, Kälber und Schafe aller Welt zu offenbaren. Die Sch la ch t-h o fver w alt» u'g zu Straubing versandte vor einigen Wochen in ganz Bayern einen Fragebogen, der sich, mit der Schechita in den öffentlichen Schlachthäusern befaßt und von dessen Beantwortung ein heftiger Vorstoß gegen das rituelle Schlachtverfahren der Israeliten zu erwarten ist. Der Fragebogen stellt 25 Fragen an die Verwaltungen der Schlachthäuser. Die Fassung der Fragen ist jedoch derartig, daß die antisemitischen Beweggründe vorsichsig verschleiert erscheinen unter einer Menge von offenbar nebensächlichen Dingen, die mit der Materie in nur losem Zusammenhang stehen. Man hat es offensichtlich auf einen Bauernfang, hier Metzgerfang, abgesehen. Hat man erst Tausende von Stimmen der christlichen .Fleischer gegen die Schechita beisammen, dann ist das immerhin ein hübsches Agitationsmaterial, selbst wenn von einem momentanen Erfolge abgesehen werden müßte. Vox populi, vox dei, wird man mit Emphase dann ausrusen und die freie Schweiz als ein Eldorado in dieser Beziehung hinstellen. Zwar sollen die Fragen zunächst wohl von de» Tierärzten und Schlachthofverwaltungen beantwortet werden. Was jedoch von den Veterinären zu erwarten steht, das weiß jeder in Bayern öffentlich wirkende Schachet gut zu sagen. Es sei nur daran erinnert, daß in Bayern dank der tierärztlichen Aufsicht und „Vorsicht" jetzt viele große Schlachthäuser dem Erlernen der Schechita verschlossen sind. .Die Schlachthäuser sollen keine Hochschule sein für das jüdische Schächten, wenngleich man jedem halbwüchsigen Bauernburschen, der das Metzgerhandwerk erlernen

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