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Neue jüdische Presse · 1905-04-14 · Heft 15 (14.4.1905) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
3 (1905)
Issue
Heft 15 (14.4.1905)
Date
1905-04-14
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Frankfurter Israelitische« Familienblatt. Aelle des Urteils komisch genannt, auch gesagt, wenn es sich nm einen Juden gehandelt hätte, würde der Amtsrichter wohl scharfsichtiger gewesen sein. Dieser Brief kam mit den Hand-Akten in die Hände des Gerichts, und wegen Beleidigung des Amtsrichters wurde Strafantrag gestellt. Das Landgericht hat festgestellt, daß der Angeklagte dem Amtsrichter Parteilichkeit und Oberflächlichkeit vorgeworsen und sich einer höhnischen Form bedient habe. Der Richter ist mit Rücksicht auf seine Abstammung in dem Briefe „Jerusalem" genannt worden. Das Urteil hebt hervor, daß cs dem Angeklagten nicht um sachliche Erörterung zu tun war. Die Absicht der Beleidigung gehe aus Form und Umständen hervor. — Die Revision des Angeklagten, der Verkennung des Paragraphen 193 rügte, wurde vom Reichsgerichte verworfen. Frankreich. Parts. Alliance Jsraelite Univ erselle. Das Zentral-Komitee bewilligte in seiner Sitzung vom 5. April 10000 Francs für die 'Notleidenden in Grodno und Minsk und für die in Moskau aus der Mandschurei eingetroffenen Verwundeten; ferner 1L00 Francs zur Beschaffung von Mazzoth für die in Japan internierten russischen Kriegsgefangenen. Der Auftrag nach Japan wurde sofort durch mehrere dort vertretene Firmen telegraphisch übermittelt. Jahrbuch II ver jüdisch-literarischen Gesellschaft.*) Von Dr. Philipp Frankl. (Schluß.) „Eine bibliographische Causerie" betitelt sich ein Aufsatz von dem gelehrten Professor Dr. A. Berliner- Berlin, nach einen. Vortrage, gehalten im Verein Dibuk Chawerim am Rabbinerseminar daselbst. Es ist für einen der jüdischen Literatur einigermaßen Kundigen ein wirklicher Genuß, diesen Aussatz, der des Lehrreichen so diel bietet, zu Ende zu lesen. Es ist dieser Aussatz ein Beweis mehr, daß auf dem Gebiete der jüdischen Wissenschaft noch unermeßliche Schätze ungehoben daliegen, die nur der geistigen Ätzt warten, um aus ihrem Schacht hervorgeholt zu werden. Prof. Berliner Hot in diesem Bortrage in äußerst gefäMger und zusammenfaßlicher Weise Stichproben von Büchertitcln, wie man sie in den verschiedenen Perioden der jüdischen Literatur und für die verschiedenen Literaturzwcige wählte, aneinander gruppiert. Wir ersehen aus der klcincu Auswahl, wie man, je weiter man in der Zeit zurückgeht, desto größerer Einfachheit und Bescheidenheit auch in Verfasserkreisen begegnet, indem die ältesten Denkmäler der jüdischen Literatur meist nur einen allgemeinen Titel tragen, der auf den Verfasser und auf dessen Namen nicht schließen läßt. Die Bücher trugen zumeist als Titel das Wort, mit welchem das Buch beginnt, später auch solche, die auf den Inhalt des Buches deuteten. Die Verewigung des Namens des Verfassers oder seiner Angehörigen in dem Titel ist erst späteren Datums. Dr. Unna-Mannheim schreibt eine kurze Abhandlung über einiges „Historisches aus den Responsen des R. Ivel Sirkes (Bach). Wir erfahren ans diesen so manch' Interessantes aus dem geschäftlichen und kulturellen Leben der damaligen Juden. Aus vtclcn dieser Stellen ist cs ersichtlich, daß die Lage der Juden in Polen schon vor dem Chmelniecki'schen Aufstande im Jahre 1648 eine prekäre gewesen ist. Der polnische Junker (Schlachzize), der sich des Juden zur Ausnützung des Bauern bediente, hat damit das Odium seiner Handlungsweise auf die Juden abgcwälzt und sie dann der Rache der gedrückten Bauern ruhig überlassen. Rabb. Dr. Eppenheim-Briesen, der auf eine reiche Schriftstellerarbeit auf dem Gebiete der semitischen Philologie zurückblicken kann, ist auch in dem vorliegenden Jahrbuche mit einer bemerkenswerten Arbeit vertreten. Seine „Uebersicht über die hebräischarabische Sprachvergleichung bei den jüdischen Autoren des Mittelalters, mit besonderer Beziehung auf die Geschichte der Exegese" ist eine Arbett, für die ihm vermöge ihrer geschickten Anlage auch Mchtfachleute Dank wissen werden. Sie wird durch den Umstand, daß die erwähnten Vergleichungen mit dem Arabischen nur Motte, die in der Bibel Vorkommen, zum Gegenstände haben, von Jedermann, dem diese bekannt ist, umsomehr begrüßt werden, *) Jahrbuch 11 der jüdisch-literarischen Gesellschaft (Sitz: Frankfurt a. M.) 1904 — 5665, Verlag I. Kaufmann, Franksutt a. M. 1904, S. 407, Oktav. da sie über so manche unverständlich scheinende Bibelstelle Ausschluß erteilt. Der Verfasser, zählt eine lange Reihe von Sprachforschern vom 9. Jahrhundert bis auf Abarbanel auf, die viele Worte der Bibel auf das Arabische zurückführen. An erster Stelle wird da der Schüler Saadia's und hervorragende Grammatiker Dunasch b. Labvat genannt. Zum Schlüsse irrt der Verfasser auch der Methode der Sprachvergleichung Erwähnung, wie diese in Bezug auf das Hebräische und Arabische von den heutigen Hauptvcrtretern der semitischen Philologie gehandhabt wird. Rabb. Dr. Lewin-Pinne berichtet über „Neue Materialien zur Geschichte der Vierländersynode (Baad 4 Arozaus). Das handschriftliche Material, das einem künftigen Bearbeiter dieses in kulturgeschichtlichcr Beziehung so wichtigen Momentes aus der jüdischen Geschichte als Quelle dienen kann, liegt in dem Archiv der jüdischen Gemeinde Posen, die auch in den Bereich der Vierländersynode gehörte. Die Akten haben zumeist Bestimmungen über die Organisation der Vierländershnode, zivilrechtliche Verfügungen — vorwiegend Meßangelegenheiten — zum Gegenstände. Von weiteren Aufsätzen sind zu nennen: „Ein alter Frankfurter Wohltätigkeitsverein", unter welchen; Titel Pros. Dr. Sulzbach über die Entwickelung und Wirksamkeit eines unter dem Namen „Rodfe Zedokoh" vor etwa 150 Jahren begründeten und noch heute segensreich wirkenden „Vereins zur Verteilung von Holzmaterial" berichtet. Die Geschichte des Vereins ist auch insofern von Interesse, als sie ein getreues Spiegelbild der allgemeinen -Veränderungen ist, die das 19. Jahrhundert auf allen Gebieten hcrvorgebracht hat. Weiter referiert Rabb. Dr. Bamberger-Hanau über 9 Veröffentlichungen aus dem Mischnakommentar des Maimonides (im vorigen Fahre besprach derselbe Verfasser 5 neue Editionen). Die allgemeinen Bemerkungen über die äußere Anlage der Editionen, die mehr Rücksichtnahme auf eine endgültige einheitliche Zusammenfassung des Ganzen empfehlen, werden in den interessierten Kreisen ihren Eindruck nicht verfehlen. Prof. Barth's Bericht über 2 neuentdeckte Siegelinschriften, die aus der Königszeit des nordischen Reiches Israel stammen solle», Blumgrund's Aussatz „Zur hebräischen Lexikographie des Talmud" und eine Notiz von Dr. Lerncr-Altona, bilden den Abschluß in der Reihe der reichhaltigen Aufsätze und Publikationen des 2. Jahrbuches. Die jüdisch-literarische Gesellschaft hat sich mit der Herausgabe dieser Arbeiten nicht nur ein großes Verdienst erworben, sondern sich und ihre Publikationen der wissenschaftlichen Welt wieder um ein Bedeutendes näher gebracht. Eine Vereinigung, .die nach kaum dreijährigem Bestände schon solche Leistungen aufweist, kann mit Recht den Anspruch erheben, daß ihren weiteren Veröffentlichungen mit größtem Interesse entgegengesehcn werde. > / Ueber Chassidismus. Salomon Sch echter: Die Chassidim. Eine Studie über jüdische Mystik. Aus dem Englischen übersetzt von Dlga Tausig-Leipzig. (G. 93. Jüd. Verlag, Berlin 1904.)' (Schluß.) Leider kam der Chassidismus bald in Verfall. „Die Schuld hierzu lag fast ausschließlich an der gefährlichen, übertriebenen Entwicklung eines einzigen Punktes der Lehre Baalschems. In dem ursprünglichen Glauben bedeutete dieser eine Punkt, — die Ehre, die Dir dem Göttlichxu im Menschen schulden — ja nur einen verhältnismäßig untergeordneten Glaubensartikel; — der spätere Chassidismus hat ihn verzerrt und ihm eine fast alles übertviegende Bedeutung verliehen, die ganz außer Verhältnis zu manchen erhabeneren und wesentlicheren Teilen der Lehre .Baalschems steht, bis schließlich das Charakteristische des modernen Chassidismus nur eine fast abgöttische Verehrung seiner zeitweiligen Führer geworden ist." (S. 73.) Die Lehre des Baalschem von dem Vermittter und Bindeglied zwischen Gott und Menschen' — in der Person hes „Zaddik" (Gottergebene) — artete nun in eine» Personenkultus aus. „Unter einem Chassid verstand man nicht mehr einen Mann, der über Theologie und Religion diese oder jene Anschauung, hatte, sondern einen Zaddikgläubigen, einen Menschen, der sein Seelenheil durch die Verehrung des Zaddik ansttebte. Alle anderen Lehren des Chassidismus w-urdew mit größter Schnelligkeit in den Hintergrund gedrängt und übersehen." (S. 77.) . - - ' Treffend schildert Schechter diese Menschenanbetung, die immer mehr unter den Chassidim an Ausdehnung und Macht gewann. „Lebte in der Stadt selbst ein Zaddik, so brachte der jugendliche Chassid so viel Stunden als nur möglich in des Zaddiks Gesellschaft zu, um diese , menschgewordene Thora möglichst ununterbrochen be- . obachten und studieren zu können. War kein Zaddik in der Nähe, so wurden von Zeit zu Zeit Pilgerfahrten nach seinem Wohnorte veranstaltet. Endlos waren die Erzählungen von des Zaddiks wunderbarer Weisheit und seinen erstaunlichen Taten." (S. 82.) „Wenn ein Zaddik reiste, trug er kein Bedenken, um Wohnung oder Unterhalt im Hause irgend eines Chassibs zu bitten. War er in Geldverlegenheit, so stand ihm seines Gastfreundes Börse zur Verfügung, und reichte diese nicht aus, so wurde sie durch einen Zuschuß aus der Gcmeindekasse ergänzt. Weber bei dem Geber noch beim Empfänger galten derartige Gaben als Wohltätigkeit; sie wurden dem Zaddik Largebracht, dem gegenüber alle Chassidim sich als Schuldner betrachteten. Zuweilen kam es sogar vor, daß ein Zaddik befahl, der Sohn irgend eines reichen Kaufmannes solle die Tochter eines armen Schullehrers heiraten; und beide Teile beeiferten sich gleich freudig, dem Wunsche des geliebten Oberhauptes nachzukommen." „lleberall da, wo in den Gemeinden die chassidische Partei, die Oberhand gewann, wurde der Rabbiner seines Amtes enthoben, und, wenn irgend möglich) an seiner statt ein Zaddik gewählt." (S. 83—84.) Es ist selbstverständlich) daß die Chassidim durch ihre Neuerungen und ihr Verhalten zu den Rabbinen den Zorn der orthodoxen Gemeinden herausfordertcn. „In vielen Städten wurden die Chassidim in den Bann getan, in anderen ihre Führer öffentlich gepeitscht und in den Stock gelegt; ihre Bücher wurden verbrannt und ihre Synagoge gewaltsam geschlossen. Alle Verfolgung jedoch zeitigte nur, das in solchen Fällen gewöhnliche Resultat: die Sekte nahm zu an Selbständigkeit und an Zahl der Anhänger. Durch ihre Leiden wuchsen die gegenseitige Treue der Chassidim und die Liebe für ihre Sache ins Ungemessene. Ein hervorragender Zaddik war bei der russischen Behörde des Verrates angeklagt und ins Gefängnis geworfcu worden. Bekanntlich hat aber in Rußland das Gold eine gewaltige Macht, und nach Zahlung eines großen Lösegeldes erhielt nicht nur der geliebte Zaddik seine Freiheit wieder, sondern, wie leicht begreiflich; vergrößerte sich dadurch sein Ruf: der Tag seiner Befreiung wurde alljährlich festlich gefeiert." Bon jener Zeit ab beobachtete die Regierung eine vollkommene neutrale Haltung gegen die neue Sekte, und nicht lange währte es, so ließen auch, die Orthodoxen von ihrer Verfolgung ab." Aber bald entstanden Spaltungen in der Sekte selbstdie zur Gründung von besonderen Gemeinden führten. „Und als Korruption und geistigcr- Niedergang einmal ihren Anfang genommen hatten, fanden die falschen Zaddikim es bald in ihrem Interesse, diese Unterscheidungen und Besonderheiten noch zu verttesen. Jeder einzelne Zaddik strebte danach, eine besondere kleine Sekte für sich zu haben, die ihm ungeteilte Einkünfte gewährleistete; jede durch solchen Betrug neu entstandene kleine Sekte aber rühmte sich des ausschließlichen Besitzes des wahren Zaddik." Und dieser Verfall reicht noch bis an unsere Tage heran. „Bei der heutigen Chassidim befindet sich, nicht einer, unter zehntausend, der auch nur die blässeste Vorstellung von den erhabenen Ideen hätte, die Baalschem und seine unmittelbaren Nachfolger begeisterten. Noch immer liegt es im Interesse der Rädelsführer des weitverbreiteten chassidischen Betruges, jede Spur von Ueberlegung und Denken niederzuhalteu und auszutilgen, um desto ungehinderter mit den Gewissen und den Geldbeuteln ihrer Anhänger nach, Herzenslust schalten und walten zu können." (S. 92.)

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