Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 3 (1905)
- Issue
- Heft 15 (14.4.1905)
- Date
- 1905-04-14
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 15. Es muß aber immerhin anerkannt werden, daß die Chassidim neben all ihren Fehlern viel Lobenswertes auch heute noch besitzen. „Eine gewisse .Freimütigkeit des Charakters und entgegenkommende Freundlichkeit, die äußerst anziehend wirken, sind selbst bei sven modernen Chassidim noch zu sinden. Auch ihneir noch bedeutet die Religion Leben oder Tod." (S. 93.) Auch darf nicht vergessen werden, daß verschiedene Zaddikim Gelehrte uild Denker von hervorragenden! Range sind. „Liest man die Werke eines S a l o m a n Lädier") oder eines Mendel Witepska* 3) aufmerksam und ohne westliche Voreineingenommenheit, so erhält inan sicherlich den Eindruck großer Originalität und Gedankentiefe. Am charakteristischsten aber ist dieser Autoren leidenschaftliche Sehnsucht nach dem Göttlichen; von der aufs Höchste gespannten Aufrichtigkeit und Glut ihres Gottesverlangens wird der Leser in Staunen und' Rührung versetzt." (S. 89.) „Soll der Chassidismus lebensfähig gemacht werden — schließt der Verfasser seine hübsche Studie über den Chassidismus — so darf seine Anbetung nicht länger Menschen gelten; sie muß wieder zu der Quelle aller Schönheit, aller Weisheit und aller Güte zurückgesührt werden." * Wir wollen nicht unerwähnt lassen, daß der Verfasser vielmehr die Chassidim — wie ja sein Buch sich nennt — und nicht den Chassidismus zur Zentralaufgabe einer Darstellung gemacht hat. Es ist! daher begreiflich, wen» wir in dieser Studie über jüdische Mystik sehr wenig vom Wesen der Mystik und vom poetischen Gehalt des Chassidismus zu hören bekonimen. Dagegen hatte der Verfasser den Vorteil, daß er sich mit der sehr interessanten, mit legendarischen Anekdoten »mwobenen Biographie des Baalschem ausführlich befassen durfte. , Das Buch ist jedenfalls von nicht geringem Wert, insbesondee fürr die w e st e u r o p ä i s ch e n Juden, die vom Chassidismus so gut wie gar nichts wissen; während unter der osteuropäischen jüdischen Intelligenz schon seit einigen Fahren eine, geistige Gährung besteht, die durch den Ruf gekennzeichnet werden dürfte: Zurück zum Chassidismus. Als Vertreter dieser Richtung in der inodernen jüdischen Literatur sind vorzugsweise zu nennen: Berd ytzewsky, Perez. Wir wünschen diesen! Buche Schechtcrs guten Erfolg.*) G Feuilleton. ® Kadimah (Ostwärts). Erzählung von Samuel G o r d o n. Frei übersetzt von M. P u l v e r m a n n. Nachdem Juda Engelsohn seine Eltern unter dem grünen Rasen des Friedhofes bestattet und seine einzige Schwester durch eine Heirat mit einem wohlhabenden Manne versorgt hatte, stand er frei und allein da, mit der ganzen weiten Welt vor sich, und init dem brennenden Verlangen, als Mitarbeiter in ihr einzutreten; nur war er sich noch nicht ganz klar, .wo tr seine' Arbeitsstätte aufschlagen und welcher Arbeit .er seine Aufmerksamkeit zuwenden sollte. Durch den Verkauf der ländlichen Molkerei- Wirtschaft, die sein verstorbener Vater — vor Jahren schon — von dem gräflichen Gutsbesitzer erworben hatte, besaß er die Mittel, ein auskömmliches, wenn auch nicht allzureiches Leben führen zu können. Und so verließ er denn eines schönen Tages seine vierfüßigen Wiederkäuer, die bisher seine Hauptgesellschaster gewesen und die, im Vereine mit ihren Vorgängern, gleichsam, die ersten dreiundzwanzig ' Jahre seines Lebens verschlungen hatten, und kam glücklich und wohlbehalten in Warschau an. Juda Engelsohn hatte jetzt einen bestimmten Grund, die polnische Hauptstadt zu seinem Aufenthalt zu wählen. In seiner früheren Einsamkeit und Welt¬ -) Aus Lady, Öoub. Mohilew. 3) Aus Witepsk. *) Herr Rabbiner D r. I. Rabbinowicz - Mähr. W e i ß k i r ch e n teilt uns über Schechter's „Die Chassidim" folgendes mit: „Die Abhandlung über „Die Chassidim" von Salomon Schechter wurde seinerzeit über meine Veranlassung von Rahel.Friedmann, einer Tochter meines Schwiegervaters, des Herrn Lektor und Professor M. .Friedmann "in Wien, ins Deutsche übertragen und in der „Jüdischen Chronik", die von Dr. Simon Stern redigiert wurde, im Jahre 1893 abgedruckt." Frankfurter Israelitisches Familienblatt. abgeschiedenheit war hin und wieder ein undeutlicher Ton, An schwacher Nachhall von der großen Bewegung gedrungen, die unlängst sein Volk ergriffen und aus der tausendjährigen Erstarrung aufgerüttelt hatte. Nach und nach verdichteten sich die verschwommenen Klänge zu. bestimmten Gerüchten, die auch bald greifbare Form und Gestalt annahmen. Seine Seele hatte Feuer gefangen: Er wollte bei dem Ertvachen zugegen sein, um auch seine stimme mit dem Weckruf derer zu Vereinen, die wie mit Posaunenschall dem schlafenden Träumer zuriefen: Auf! Erwache, und erstrahle wieder in dem alten Zauberglanze, dessen man dich so viele Jahrtausende hindurch beraubt hatte! Juda fühlte, es sei eine Sünde, ein Verbrechen, noch länger untätig zu verharren, wo er war; abgeschnitten von jeder Berührung, von jeder Verbindung mit seinen Stammesgenossen; noch länger zu verbleiben in der Einsamkeit, wo man nur durch ein Wunder oder durch die Habgier eines schnapsliebenden Dorftyrannen daran erinnert wurde, daß man einer großen Gemeinschaft, einer herrlichen, gottgeweihten Bestimmung angehörte. In Warschau hatte er keinerlei Bekannte: aber er brachte einen Empfehlungsbrief an llriah Velinsky, den Vorsitzenden der jüdischen Studenten- Verbindung, mit sich. Am zweiten Tage nach seiner Ankunft suchte er diesen in seiner Wohnung auf. „Sie wollen also der zionistischen Sache helfen?" fragte Velinsky, nach der üblichen Berüßung seineu Gast neugierig und forschend anlickend. „Was können Sie denn leisten?" „Das weiß ich selbst noch nicht," antwortete dieser freimütig. „Wie könnte ich auch sagen, was ich tun will oder kann, wenn ich noch nicht einmal weiß, was noch zu tun i st?" „Alles," sagte Velinsky gedankenvoll; „wir sind nachgerade beim Anfang angelangt, und wir brauchen deshalb Männer, die uns noch weiter helfen; möglich, daß auch Sie Einer von ihnen sein werden. Haben Sie denn etwas gelernt? Das Russische sprechen Sie vorzüglich." „Der Hauslehrer beim Grafen in meinem Heimatsdorfe gab auch mir fünf Stunden wöchentlich," antwortete Juda bescheiden; „ich lese den Cicero; ich bin mit der deutschen und französischen Sprache wohl vertraut, und außerdem habe ich ein großes Interesse für die wichtigsten Tagesfragen, hauptsächlich solche, die mein Judentum berühren. Das sind meine angelernten Fähigkeiten; aber ich habe auch noch ein natürliches Talent — meine Liebe für Zion." „Das letztere ist uns stets willkommen, selbst wenn es einstweilen nur äußerlich erworben ist und noch nicht im Herzen tiefe Wurzeln geschlagen hat," fiel Velinsky ein. „Und das soll auch das Feld Ihrer vorläufigen Tätigkeit sein. Sie sollen Ihr Talent — wie Sie es nennen — vervielfältigen und auch andern davon einzuflüßen suchen." Juda sah den Sprecher fest an. „Ich wünsche inir nichts besseres und könute für jetzt auch nichts anderes verlangen. Und ich denke mir, nichts dürfte auch leichter sein in dieser großen Stadt, wo jeder dritte Mensch, den ich ansehe, mit mir doch schon ohne dies verbunden ist durch die gemeinsame Erinnerung an die Ruinen Jerusalems. Ich werde von Eineni zum Anderen gehen; ich werde auch geeignete Mittel finden, mir Gehör zu verschaffen; ich werde ihnen sagen." „Gemach, mein Freund," unterbrach ihn Velinsky lächelnd; „Sie meinen so eine Art reisender Moralprediger oder Wanderredner?! Rein, nein; wir gehen doch etwas mehr planinäßig, etivas mehr methodisch zu Werke, als Sie in Ihrem schwärmerischen Feuereifer anzunehmen scheinen. Hören Sie mich jetzt ruhig an. Wir sind jetzt ungefähr ei» Dutzend Männer, die sich für die heilige Sache verpflichtet. Unser Wahlspruch ist: Kadimah, Ostwärts. Wir haben das Streben nach Gut, nach irdischen Ehren abgeschworen, und jeder, der uns angehören will, muß dasselbe tun. Wir haben uns mit Leib und Leben, mit Geist und Seele Zion verpflichtet, und solange unsere Pulse noch eines Schlages fähig sind, solange unsere Vernunft noch eine» Gedanken zu formen vermag, wollen wir im Dienste Zion's arbeiten. Und fürwahr, sie braucht viele Mitarbeiterviele Mithelfer! Ich glaube. Sie würden ein wertvoller Rekrut sein. Wollen Sie uns beitreten?" Juda blickte schweigend zur Erde. „Kadimah," sprach er endlich leise, wie zu sich selbst; „ostwärts, dem Sonnenaufgang entgegen! Ja, ja; dahin sollten wir steuern — dahin, wo ein neuer Tag für uns aufgeht, wohin die Schatten sich fürchten zu folgen, Kadimah, Sonnenaufgang! Es wird uns wohl tun, wieder etwas Sonnenschein zu haben, nachdem wir so lange, ach, so lange in der Kälte gefroren und gezittert. Und Sie fragen mich erst," fuhr er dann mit erhöhter Stiinmc fort; „Sie fragen inich, ob ich einer sein will, der den Weg dorthin zeigt? Nein, ich slehe darum, daß mir dieser Vorzug, dieses Vorrecht gewährt wird! Ostwärts! O, mein Zion! Wie bangt mein Herz nach Dir! 0, könnte mein Blut zu neuem Leben Dich erwecken!!" Und so kam es, daß Inda der Kadimah beitrat, oder besser, daß die letztere zu ihm herantrat. — Seite 5. Als nämlich Juda vorhin seine Fähigkeiten und Eigenschaften ausgezählt, war er doch, wenn auch selbst noch unbewußt, etwas ungerecht gege» seinen Schicksalsstern. Er hatte bald Gelegenheit, eim gabnng in sich z» entdecken, die ihn selbst >tu-. mehr überraschte als die Andern. Bei der ersten Zusammenkunft der Vereins-Mitglieder, der er beiwohnte. stand er auf, um einige nicht besonders wesentliche Vorschläge zu machen. Er hatte geglaubt, daß einige wohlgesetzte Worte genügen werden, um diese zum Ausdrucke zu bringe» und zu begründen; aber, es war bereits eine halbe Stunde vergangen, und er sprach noch immer: ihm >var es, als könne er die Flut seiner Beredsamkeit, die aus der Herzenstiese herausqnoll, nicht mehr zügeln oder znrückhalten, und gälte es auch sein Lebe» zu retten; mit jedem 'Atemzuge nahm sie zu an Kraft und Ausdehnung, um schließlich zu eineni Wirbelwind überzeugender Kraft überzugchen, zu einem Sturm leidenschaftlichen Feuereifers sich auszuwachsen. Er merkte es gar nicht, daß seine Zuhörer, mit offenem Munde, verblüfft und erstaunt zu ihm ausblickten. Er sah sie überhaupt nicht mehr: er sprach eigentlich gar nicht zu ihnen, sondern mehr zu sich selbst. Und was er sprach, war ja nur eine Wiederholung seiner nächtlichen Traume, seiues brennenden Verlangens bei Tag: das waren ja die Gedanken und Empfindungen, die seit langer, langer Zeit sein Herz bewegten, immer wieder sie zurückdrängend, eisersüchtig sie bewachend, fort und fort sie anhäufend, bis kein Rauni mehr vorhanden war, sie noch unterzubringen. Und darum sprach er jetzt: alles, nichts zurückhaltend, weil die Aussprache für ihn das war, was dem Erstickenden die reine Himmelslnft ist. Als er sich endlich glühend, erhitzt und erregt niedersetzte, herrschte ein Augenblick tiefes Schweigen, dem aber bald eine kurze, flüsternde Beratung der Anwesenden folgte. Endlich nahm Velinsky bas Wort: „Sie können nicht länger mit uns zusammen arbeiten," sprach er einfach. „Wie? Wa — warum denn nicht?" fragte Juda, außer sich. „Weil Sie zu gut, zu stark für uns sind. Wollen wir ein gemeinsames Ziel verfolgen, so wollen wir nicht m i t Ihnen, sondern unter Ihnen arbeiten. Denn Sie — ein Fremder, ein Neuling in unserer Mitte — haben uns gezeigt, daß Sie in Minuten sertig bringen können, was wir in Jahren vergeblich angestrebt. Wir habe» ja Männer unter uns, die diese,» Ziele das Mark ihrer Jugend, die Spannkraft ihres Lebens geopfert — und keiner mehr als ich — doch alle müssen sie jetzt zur Seite treten. Soll unser Vorhaben gelingen, so muß der Unbedeutendere neidlos dem Besseren Platz machen, ohne Murren, ohne Klage, denn nur der Beste und Fähigste soll befehlen und. regieren dürfen. — Und darum, Engelsohn, seien Sie unser Führer; willig und bereit werden wir Ihrem Banner folgen!" Auf diese Weise kam cs, daß die Kadimah zu Juda übertrat. Es dauerte auch gar nicht lange, und sein Ruhm drang weit hinaus über die engen Grenzen des kleinen Vereins. Wo immer er sich blicken ließ, auf den Nalewka's, in der Franziskanergasse, oder wo sonst die schmalen und engen Plätze von de» Tausenden seiner Brüder bevölkert waren, jeder blickte ihn, mit Bewunderung nach, und man flüsterte hinter ihm her: „Da geht Juda Engelsohn". Jeder, der den mächtigen Löwenkopf mit der breiten Denkerstirn, mit den furchtlos und feurig glänzenden Augen bemerkte, wer den aufrechten, kühnen Gang und den festen, dröhnenden Schritt wahrnahm, wer die Entschlossenheit Und das Zuversichtliche seines ganzen Wesens betrachtete, der sprach befriedigt zu sich selbst: „Ja, ich dachte es mir gleich, nur so, und nicht anders kann Juda Engelsohn aussehen." Etwa sechs Monate später ging Juda zu Velinsky, um einige Vereins-Angelegenheiten mit ihm zu bespreche» und zu ordnen. Sein Freund war nicht anwesend: da er aber bald zurück sein wollte, entschloß sich Juda, auf ihn zu warten. Velinskys Wohnung befand sich im zweite» Stock, durch deren Fenster man den ganzen viereckige» Hofraum, der durch hohe Seiten- und Hintergebäude ganz abgeschlossen war, gut übersehen konnte. Dieser lag jetzt völlig still da und kein Laut regte sich: die Männer — meistens Handwerker — waren bei der Arbeit, die Frauen in der Küche und die Kinder noch nicht aus der Schule. Juda hörte, nachdem er eine ganze Weile gedankenvoll aus dem Fenster gesehen, die vordere Gittertüre geräuschvoll aufschließen, und gleich darnach wieder zuschmettern, und aufblickend sah er den rothaarigen Iwan, den Hausknecht, dessen pockennarbiges Gesicht unheimlich glühte, schwankend, mit unsicherem Schritt, den Hofraum betteten. Inda bemerkte sofort, daß der Mensch schwer, sinnlos betrunken war, aber er konnte sich nicht erklären, was der schlaue, blutgierige Blick in seinen Augen zu bedeuten habe, oder was er so beharrlich und geheimnisvoll unter seiner geflickten, unsauberen Jacke zu verbergen suche. Juda sah gespannt dem Gebahren dieses unheimlichen Menschen zu. Er wußte nicht, daß heute Jwan's Nainenstag war, den er dadurch zu feiern pflegte, daß er über den gewöhnlichen, alltäglichen