Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 3 (1905)
- Issue
- Heft 15 (14.4.1905)
- Date
- 1905-04-14
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2692297-2692409-2692424--01558-3518468- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Rashi 1× ep/1002670
OCR text
Seite 2. Daß das Volk auch Heim Auszug ans Egypten sich nicht gänzlich Passiv verhalten hat, geht besonders daraus hervor, daß laut Chasal bloß ein Fünitel der egyptischen Judenheit ausgezogen war (siehe Raschi Beschalach zun» Satz „Wachmuschim". Nach Rabbi Neheiroi Midrasch rabboh, Schmaus 20 und Bau 31, zogen nur 2 aus einem Ribau (10000) aus, die übrigen dagegen wollte», — teils ans Unglauben, teils infolge ihres Wohlstandes — nicht ausziehen und gingen infolgedessen zu Grunde). Die wenigen Gojtvertrauenden waren es, die zuerst ins Meer bis zur Nase gingen, und auch tapfer mit Amalek kämpften. Auch der Stamm Levi, der in Egypten eine teilweise Freiheit genoß, beniühte sich laut Midrasch um die Gtzuloh. Zweifelsohne hatte unsere Väter das Bewußtsein, daß sie nach ihrer Heimat ziehen, viel zum kühnen Auszuge angespornt. Das sichtbare Eingreifen Gottes in jeder Phase ihrer Befreiung und Sein Versprechen, ihnen ein Land zu geben, hatte ihren Mut gestählt. Die Bluttragödie . . . Gedankensplitter. Jacob ben Elijah. Lu Oriente lux! Im finstern Rußland bricht endlich der Morgen an. So lautet jetzt die Parole der Geschichte. Und gar Viele jubeln und jauchzen ob des heranvrechenden Morgens und bereiten sich vor für den Empfang des neuen Tages; und doch gar Biele wüten und rasen ohnmächtig ob der vergehenden .Finsternis und stimmen Klagelieder an auf die sterbende Nacht. Und es kommt Md es naht sich das Licht, das Morgenlicht. — Rote Fäden durchblitze» die schwarzen Wolken; und die zitternden Fäden verbinden sich zu langen und breiten Streifen; und die furchtsamen Streifen steigen aus der Tiefe des Horizont immer höher und höher empor und greifen immer mehr und mehr um sich und erobern Stück um Stück die finstere Masse — und bald zerrinnen die schwarzen Wolken in der glühenden Röte. Und es rinnt das glutrote Blut. — Und es rinnt das Blut und es badet in ihm das Licht, das Morgenlicht. Und Sonnenlicht erwärmt das Blut — und Las Blut kocht und siedet und summt so stolz ein Lied dahin, das Liedder Freiheit. Und jeder Blutstropfen schreit nach neuem Blut, nach heiß-frischem Blut. Und in den wallenden und rollenden Blntstrom — da funkeln die Sonnenstrahlen und flimmern und schimmern; und sie winken so geheimnisvoll und sie locken so teuflisch — zum Blutmecr . . . Es ist der Anbruch des Tages. Es erwacht das Volk, das so lange schlief; das man einschläferte. Und es erwacht und steht um sich: es ist noch Und nun rafft sich das Volk auf zur Tat, zur Tat: es will nicht mehr schlafen und den Morgenstern ruhig abwarten. Nein.' Ein Volk erzwingt sich den Morgen, erkämpft sich die .Freiheit. Und schon sprach das Volk: cs werde Licht! — Und doch — Doch ist die .Finsternis zu dicht, als daß sie bald verschwinden könnte.- ' Die Sonne ist dort noch nie aufgegangen. Und die Menschen glauben daher an sie nicht und hören es als eine wundersame Legende an, wenn man ihnen von der Sonne und ihrem Licht erzählt. . . . Nur manchmal fragen sie verblüfft und traumverloren, wie aus einem tiefen Schlafe eben aufgerüttelt: wo ist sie? . . . Und sie suchen verworren nach einem Lichtstrahl und stammeln und lallen neue Worte — und bald verstummen sie und versinken in ihren Schlaf. Noch herrscht die N'acht. — Und tief ist die Finsternis: der Mensch sieht sich selbst nicht mehr. Frankfurter Israelitischer FamNenklatt. Und mit jedem Atemzuge saugt er ein Stück verseuchender Finsternis ein. Noch herrscht die Nacht — Noch herrscht die Bestie über den Menschen. Noch frißt sie gierig Meuschenfleisch und trinkt durstig Menscheublnt — nur zappelt sie sich.jetzt und knirscht mit den Zähnen... Noch kriechen die Parasiten am Volkskörper herum. Noch herrscht die Nacht — Und siehe! — Blut fließt — und cs wird bald heller und Rot ist der Himmel. Und die Vögel singen Morgenlieder. Und es ertönt die himmlische Posaune: Erwachet, Schläfer! Erwachet — es ist die „höchste Zeit! Und die Eingeschläserten erwachen und die Nachtwächter gehen schlafen . . . Es dämmert schon. Und cs donnert und brüllt die Stimme des Volkes: Durch Blut zum Licht! — Denn jeder Lichtstrahl, den die Menschen sich eroberten — jeder Lichtstrahl ist von Blut durch- Und cs erhebt sich das Volk und schüttelt ab das Joch — und es atmet frei auf und singt ein Lied, ein .Frühlingslied. Und es pocht das Herz, das eingekerkert war — und es schlägt immer höher und höher.. Und es schmilzt die eingcschrumpfte Jugendkraft — und sie ergießt sich in alle .Fasern des Herzens und befruchtet die verdorrte Seele. Es dämmert. — Und da wird nun des Morgens an allen Straßen gefegt — und es fegt das Volk sein altes «Leben weg. Und es erhebt sich ein Staubwirbel, der Staub von dem morschen Leben — Die Lust wird geläutert — es fließt neues Es wehen frische Winde — und sie bringen aus der .Ferne warmes Sonnenlicht. Und es crweitet sich die zusammengeschnürte Brust — und gierig schlingt sie die glitzernden Luftwellen. Und es erquicken sich die Lusthungrigen und es erquicken sich die Lichtdurstigen. Es atmet auf das Volk — Und es riecht das Volk den starken Duft der Freiheit — und es zerbricht die Ketten und es reißt von sich fort die Maulkörbe . . . Und schon hört man dort eine neue Sprache. — Und cs tobt und cs ivütet die Volksmenge — und es dröhnt die Erde unter den Füßen der Kämpfer, Her Volkskämpfer. Und es tobt und es wütet und es knallt und es kracht — und rote Rauchwolken erheben sich von der Erde und steigen auf zum Himmel. Ein dunkelroter Rauchwirbel, blutdurchtränkt — Es kämpfen die Helden und fallen auf dem Schlachtselde — und jede ausgehauchte Seele schafft neue Helden mit erftischtem Mut. Und es knallt, die Kvsakenpeitsche und es stampfen die Pferde über die Leichen — und noch sträubt sich die tote Brust gegen die Hufe... Und es tobt und wütet die Volksmenge: Vorwärts! Vorwärts in den Tod für das Leben — für das Leben in Freiheit... Und es rauscht und braust das Blut, das heiße Jugendblnt. Und es donnert und blitzt — und es kracht die alte Burg ... Und nach dem Gewitter — Die Luft rein und sanft — und aus den totblassen Wolken guckt die Sonne siegesbewußt hcr- Frühling — So kämpft ein Volk für seine Freiheit — und Es muß siegen, weil es als ein Volk kämpft; es muß siegen, weil es für seine Freiheit kämpft. _Nr. 15. Und unter dieser heldenmütigen Volksmenge — da kämpfen gar viele Helden, die nicht zu diese,» Volke gehören. Und geineinsam fließt in einen Strom — Arierblut und Jndenblut. — — — — Und cs kämpft das Volk für seine Freiheit — und siegt. Es muß siegen, weil es als Volk kämpft; es muß siegen, weil es sür seine Freiheit kämpft. Und unter dieser heldenmütigen Volksmenge — da kämpfen gar viele Helden, die nicht zu diesem Volke gehören- Werden auch die siegen? Gleichberechtigung! — So lautet ihre Kampfparole. — — — Werden auch die siegen?- Und haben sie auch das erkämpft, wofür sie nun kämpfen — haben sie denn gesiegt? Gleichberechtigung — Dieses schöne Wort hat schon gar viel darunter gelitten, daß es auf Juden angewendet wurde: es wurde seines Inhalts leer. Und spricht man jetzt von Gleichberechtigung — so gebraucht man bereits dieses Wort in seiner neuen Bedeutung: in seiner Unbedeutuug. . . Und cs hat nur noch den Wert einer Geschäfts- Etikette für den Welthandel mit der Kultur . . . Ja, wir werden jic schließlich erbetteln — aber für lange? Und wisset: wenn wir auch jetzt für sie kämpfen und sie endlich erzwingen werden — so werden wir doch schließlich um sie betteln müssen. Und immer wird der Jude der liebe Nachbar bleiben, den der Hauswirt so lange behält — als er ihn nötig hat. Und inimer tvird der Jude ein Fremdling bleiben, weil er es ist — solange er seine Seele nicht ermordet... Und immer wird der Jude wie ein Zigeuner über die Welt herumirren und heruinwandeln — und wird sich schon glücklich schätzen, wenn er eine erträgliche Herberge gefunden. Immer! — so lange der Jude kein Judenland hat. Und auch jenes Laich, wo jetzt gar viele jüdische Jünglinge jür die Freiheit kämpfen — das Land wird nie ihr Land sein und die Freiheit nie ihre Freiheit. Andere werden die Ernte des Schlachtfeldes geniesen — Und auch nach dem Siege: — jenes Land wird wohl bloß ein Nachtasyl für die Juden sein können. Und sie bezahlen schon im Daraus allzu teuer Ein geistiges Imperium in Imperis — eine solche Forderung^ ist weder gerecht noch erfüllbar. Und ein Volksleben ohne ein Volksland! — Darum ist ein Volk unter den Völkern nie gleichberechtigt — wenn es Gleichberechtigung nur erhalten und nicht auch gewähren kann . . . Das ist nicht die Würde eines Volkes. Ja! Es ist schon die höchste Zeit, daß das Judenvolk nicht mehr um Gleichberechtigung bettele oder kämpfe — sondern sie Anderen gewähre. . . Dies kann aber nur in einem eigenen Lande sein. -Und es tobt und cs wütet und es knallt und es kracht — und rote Rauchwolken steigen auf zum Himmel. Und es knallt die Kosakenpeitsche und es stampfen die Pferde über die Leichen. Und cs donnert und cs blitzt — und es kracht die alte Burg. .... Und es rötet sich der Himmel und es zerrinnen die Wolken in der Glut — und es strömt das glutrote Blut. Und in dem rollenden und wallenden Blutstron, fließt auch das heiße JiGenblut. Und es rauscht und es braust das Blut: Rache! Rache für die Kischinews! — Und es flüstert leise dahin: — auf einem fremden Lande — Und es scheint gar: das Blut — es weint. , . „Wie soll ich singen auf einem fremden Boden?" Und es seufzen die ausgehauchten Seelen der Kämpfer: Ach!