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Jüdische Rundschau · 1935-08-13 · Heft 65 (13.8.1935) · page 13

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
40 (1935)
Issue
Heft 65 (13.8.1935)
Date
1935-08-13
Page
– (sequence 13)
Language
German
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S«!!«T2 JÜDISCHE »ÜNDStJffAV Nr. 65, n VIIL T9M Ueber Assimilation Von Dostojewski Einer unserer lj?ser macht uns aufmerksam auf ein Kapitel im Tagebuch von D o s t o j ewsk y, worin dieser die Mentalität des russischen Volkes zur Zeit des Zusammenstoßes mit den europäischen Ideen charakterisiert. Auch Rußland hat im 19. Jahrhundert einen gewaltigen Gestaltwandel durchgemacht. Das russische Bürgertum suchte sein Vorbild im Westen. Die Kultur der westeuropäischen Völker wurde das Idol, auf das man starrte, während die Werte des eigenen Volkstums zurücktraten. Wir haben es hier mit Erscheinungen zu tun, die ganz ähnlich sind der Assimilation, der die Juden im 19. Jahrhundert erlegen sind. Natürlich ist bei den Juden alles vielfach verstärkt, weil sie nicht den Rückhalt eines Landvolkes und kein eigenes Staalswesen hatten, sondern unter dem Eindruck europäischer Ideen sieh vollkommen der Umgebung anzupassen bereit waren. Trotz dieses gewaltigen Unterschiedes der Situation gibt es aber erstaunliche Analogien, und daher empfiehlt der Einsender, einige Abschnitte aus diesem Tagebuch vom Januar 1877 hier abzudrucken, eine Anregung, der wir gern nachkommen. Die hier zitierte Stelle ist nicht die einzige aus dem Werk Dostojewskis, die für eine vertiefte Auffassung vom Wesen des Volkstums heigehracht werden könnte. Aber die tragische Haltung der Assimilation wird in der Tat in diesen Zeilen treffend charakterisiert, und es wird auch der für jedes Volk unausweichliche Weg zur Erfüllung seines eigenen Wesens gewiesen. Diese W'orte werden heule sicherlich hei rieten Juden in der ganzen Welt auf fruchtbaren Boden fallen. Red. ... Ihr habt mit einem planlosen Vagabundieren durch ganz Europa angefangen, vom gierigen Streben beseelt, euch in Europäer, und sei es auch bloß äußerlich, zu verwandeln. Während des ganzen a c 111 z e h 111 e n J a h r h 11 n - d e r t s haben wir nichts anderes getan, als uns die äußere F o r 111 an geeignet. Wir ׳gewohnten uns den europäischen Geschmack an und aßen sogar jedes Zeug, ohne das Oesiclit zu verziehen; ״Ich hin nun ganz wie ein Engländer: ich kann nichts ohne Cayennepfeffer essen.“ Ihr glaubt, ich mache mich lustig? Keine Spur, Ich weiß allzu gut, daß man anders gar nicht an fangen konnte. Schon vor Peter dem (!roßen, in der Zeit der Zaren und Patriarchen, legte sich ein damaliger junger Moskauer Stutzer die französische Kleidung an und liängte sich einen europäisciien Degen an die 1 lüfte. Wir müßten natürlich mit der Verachtung des Eigenen an fangen, und wenn wir dann zwei Jahrhunderte lang auf diesem Punkte geblieben sind, ohne uns vorwärts oder rückwärts zu bewegen, so wird das wohl die uns v־on der Natur bestimmte Frist gewesen sein. Allerdings haben wir uns wohl bewegt: die Verachtung gegen das Eigene wuchs in uns immer an, besonders als wir anfinget», Europa ernster zu verstehen. In Europa nahmen wir übrigens niemals an der scharfen Absonderung der Nationen und an der scharfen Abgrenzung der Volkscharaktere Anstoß. Wir fingen direkt damit an, daß wir ״alle Gegensätze abschaffen“ und den allmensclilichcn Typus des ״Europäers“ fanden, — d. h. wir stellten schon gleich zu Anfang das Gemeinsame, alle Europäer Verbindende fest, — das ist sehr charakteristisch. Als wir dann im Laufe der Zeit noch klüger geworden waren, klammerten wir uns direkt an die Zivilisation und glaubten sofort blind und fest, daß gerade in ihr das ״Gemeinsame“ Hege, das die Menschheit zu verbinden berufen sei Selbst die Europäer staunten, wenn sie uns, die Fremden, sahen, über unseren begeisterten Glauben, um so mehr, als sie leider schon damals ihren Glauben an ach allmählich zu verlieren anfingen. . . . Wir achteten übrigens den russischen Volks- Charakter nicht nur für nichts, sondern leugneten überhaupt die Existenz eines Charakters bei unserem Volke. Wir hatten ganz vergessen, an das Volk zu denken, und waren mit voller despotischer Ruhe davon überzeugt (ohne auch nur die Frage aufzuwerfen), daß unser Volk sofort alles annehmen werde, worauf wir es Hinweisen, d. h., was wir ihm befehlen. Und was haben wir erreicht? Sonderbare Resultate: vor allem das, daß wir von alten Menschen in Europa mit Hohn, die besten und zweifellos klügsten Russen aber mit hochmutiger Herablassung angesehen werden. ... Je mehr wir ihnen zum Gefallen unsere Nationalität verachteten, um so mehr verachteten sie uns selbst. Wir scharwenzelten vor ihnen, wir bekannten unterwürfig unsere ״europäischen“ An- Behauungen und Ueberzeugamgen, sie aber hörten uns in ihrem Hochmut gar nicht zu und sagten gewöhnlich mit einem höflichen Lächeln, als wollten sie uns möglichst schnell los werden, wir hätten dies alles bei ihnen ״falsch verstanden“. . . . Dabei können wir uns unmöglich von Europa lossagen. Europa ist unsere zweite Heimat, — ich selbst bin der erste, der es leidenschaftlich bekennt und immer bekannt hat. Europa ist uns allen fast ebenso teuer wie Rußland; in Europa wohnt janhets Stamm, unsere Idee aber ist die Vereinigung aller Nationen dieses Stammes, und sogar noch weiter, viel weiter, bis zu Sem und Cham. Was sollen wir nun anfangen? Zunächst und vor allen Dingen müssen wir Rassen werden. Wenn die Allmenschichkeit eine russische National- Idee ist, so muß ein jeder von uns vor allen Dingen Russe, d. h. er selbst werden, und dann wird sich alles gleich heim ersten Schritt ändern. Russe werden, heißt sein eigenes Volk zu verachten aufhören. Sobald der Europäer sieht, daß wir angefangen haben, unser Volk und unsere Nationalität zu achten, so wird er auch selbst uns sofort zu achten anfangen. In der Tat: je stärker und selbständiger wir uns in unserem nationalen Geiste entwickelten, einen um so stärkeren Widerhall würden wir dann in der europäischen Seele finden; wir würden ihr verwandt und sofort auch verständlich werden. Dann würde man uns nicht mehr so hochmütig den Rücken kehren, sondern uns anhören. Dann würden wir auch äußerlieh ganz anders werden. Wenn wir einmal wir selbst geworden sind, so werden wir endlich ein Menschenantlitz statt eines Affengesichts bekommen. Wir erhalten das Aussehen eines freien Wesens, und nicht eines Lakaien; man wird uns dann für Menschen und nicht für ein internationales Gesindel, für Hanswiirste des Europäismus, Liberalismus und Sozialismus halten. Wir werden mit ihnen sogar klüger als jetzt reden, denn wir können in unserem Volke und in seinem Geiste neue Worte finden, die den Europäern sicher viel verständlicher sein werden. Wir werden dann auch selbst verstehen, daß vieles von dem, was wir an unserem Volke verachteten, nicht Finsternis ist, sondern Licht, nicht Dummheit, sondern Klugheit; und wenn wir das verstanden haben, werden wir den Europäern ein Wort sagen, das sie noch nicht gehört haben. Wir werden uns dann davon überzeugen, daß das wirkliche soziale Wort niemand anders in sich trägt als unser Volk, daß in seiner Idee, in seinem Geiste das lebendige Bedürfnis nach der menschlichen All• Vereinigung enthalten Ist, nach einer Allvereinigung mit der vollen Achtung für die nationalen Persönlichkeiten und für ihre Erhaltung, für die Erhaltung der vollen Freiheit der Menschheit und mit dem Hinweis darauf, worin diese Freiheit besteht, — eine Vereinigung in der Liebe, garantiert durch die _T1t; durch das lebendige Beispiel, durch das wirkliche Bedürfnis der wahren Brüderlichkeit, und nicht durch die Guillotine, nicht durch Millionen abgehauener Köpfe. Vor 70 Jahren Ein Freund unserer Zeitung stellt uns ein in seinem Be• sitz befindliches Heftchen zur Verfügung, das von kultur* historischem Interesse für die hebräische Bewegung und in gewissem Sinne auch für die jüdische Stammesgeschichte ist. Es ist ein in L y c k (Ostpreußen) in hebräischer Sprache gedruckter Jahresbericht der Gesellschaft ״Mekize Nird a m i m“ (״Erwecker der Schlafenden“), der sich die Drucklegung hebräischer Handschriften und seltener Bücher zum Ziele gesetzt hat, aus dem zweiten Tätigkeitsjuhr 5626 (== 1866), In dem Bericht von Elieser Lipman Silbermann wird darauf hingewiesen, daß der in Aussicht gestellte Thora-Kommentar des Schedal (Sch. D. Luzzatto) nicht ver- Öffentlich! werden konnte, weil der Verfasser im Berichtsjahr gestorben ist. Luzzatto habe auch die Herausgabe des Divan des Jehuda Halevi nicht beenden können, weil er ganz von der Arbeit an der italienischen Bibelübersetzung in Anspruch genommen war. Dem Andenken Schedals ist in dem Heft ein PoCtn des hebräischen Dichters Jehalel (Jehuda Löw Levin aus Minsk, gest. 1925), der damals 21 Jahr« alt war, gewidmet. Besonders interessant ist das Mitgliedervcrzeichni s, das die Namen bekannter jüdischer Familien in allen Teilen der Welt enthält. Juden in Deutschland, Rußland, Rumänien, England, Ungarn, Galizien, Böhmen, Holland und anderen europäischen Ländern, aber auch Süd- und Nordafrika und Asien sind vertreten. Das sephardische Judentum stellt gleichfalls seinen Anteil, so z. B. finden wir eine stattliehe Mitgliederzahl in der Stadt ״Bagdad in Syrien“. An bekannten Juden Deutschlands finden wir u. a. die Namen von Dr. Joel, Breslau, dem bekannten Prediger und Religions- Philosophen, Rabbiner Hildesheimer, dem Vater von Meier Hildesheimer, Dr. Baeck, I.issa, dem Vater des jetzigen Präsidenten der Reichsvertretung, Dr. Chaiin (Heinrich) Graetz, Breslau, dem Historiker, des Buchhändlers J. Kauffmann, Frankfurt, des Bankiers Feuchtwanger, München, des Textilfabrikanten Benjamin IJebermann, des Berliner Buchhändlers Poppelauer usw. Von ausländischen Namen finden wir u. a. Prof. Chwolson, den berühmten Petersburger Semitisten, Moses Montefiore, MauUmer in Groß-Meseritz, Rabbi Margulies in Rrody, Rabbi Alkalay in Scmlin und viele ande re Namen. Baruch Hakohen Herzl in Semlin ist ein Großvater von Theodor Herzl; es findet sich auch ein Peßaeh Herzl, Darschan in liisenz (Mähren). In Leipzig ist u. a. Dr. Lotze (der Name ist mit lateinischen Lettern gedruckt) Mitglied, wohl der bekannt« Philosoph. Durch den Buchh&ndler Ascher & Co. in Berlin bezogen je ein Exemplar Prof. Lasinio und David Castelli in Pisa. Dieses kleine Mitliederverzeichnis gibt uns Einblick, wo vor 70 Jahres uden wohnten, die sich für kulturelle Angelegenheiten in* teressieren, und wie das geistige Band sie über Weltteile hin zusammenhielt,. Altpapier Herbert Cohn Barlln NW 40, HeldutraBe 20/21 S.nnael«Nr. C5 H&n>a 6216 Asphaltierungen Ballo ä schoepe, יי״׳: Leo Kaplan jejr. 1878 / flr.d.U.O. B. B. IDtchu. Asphaltarbeiten Bln.־Wilm.,Trautenaustr.18 I! 7. י® ו ROBER1 WOLEERS 11׳ iS, Kurfürttcndamm 46/49 j 2 Oliva 47$6 Pflasterungen Aufzüge ■rast pisciier. Fahrsluhila&nK WM, Kalmblcfc.r Str. 8, iS 4 B.r, 7851 /52, Nachtruf G 3 Licbtrri. 775^. Rep&r, 1 ed Ar!, Pflege, FahrstuhWeile. Aelteste jOd, Firma dieser &f*flehe, Lief*r, u. .Mtlk'i■ d. Jüd.üem. HM N4i 1 Am Nordhaf.n 5 / 0 6 5224 Aufzüge )oder Art «•paraturen aller Syiicraa UmbauU;n. Seiierneuf rung.o Auto-Reparatur Hill Autodienst Ehrenhaus Pallasstraße 28, Ecke Potsdamer StraBe Autoreparaturen jeder Art Llohl-ZUndung - Sterterb.tterl.n B 7 Pallas 5087 Auto -Tankstellen TanKstslle Kaufmann öl•, Feste, Betriebsstoffe WilmenSdOPl, Osnabrücker Str. 2-4 Auto-Vermietung AutoVermietung Beutgepft. Wagen jeder Großa Mejrereon, G 1 Stephan 0773 1 Bauwesen Wohnungsleilnngen Umbeaten / Fenedenpati and ■Amtlich• Malerarbeiten Biugoachüft H. 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