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Jüdische Rundschau · 1935-07-19 · Heft 58 (19.7.1935) · page 14

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
40 (1935)
Issue
Heft 58 (19.7.1935)
Date
1935-07-19
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Seife 14 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 58, 19. VII. 1935 Ablehnung von Mischehen [ BrunoTTaMenwaldJ Die ״Deutsche Juristen-Zeitung“ vom 15. Juli weist in ihrer Rundschau über aktuelle Fragen des Rcchtslcbcns darauf hin, daß sich die Fälle mehren,'in denen Standesbeamte das Aufgebot /u arisch-jüdischen Mischehen verweigern. Es wird bedauert, dab das Kammergericht in der von uns in Nr. 54 der ״Jinlisdicn Rundschau‘‘ wiedergegebenen Entscheidüng noch nicht zur Sache selbst Stellung nehmen konnte, ohne Zweifel sei das in Frage stehende juristische Problem von fundamentaler Bedeutung, Wahrend das Standesamt Pforzheim für seine Ab- Jchnung das Verbot des Wehrgesetzes über die Eingehung von Mischehen lierangczogen hatte, stützte das Amtsgericht Wetzlar die ablehnende Entscheidung in dieser Frage darauf, daß gegenüber den bestehenden gesetzlichen Bestimmungen, die eine rassische Mischehe nicht verbieten, die ürund- Sätze des Nationalsozialismus herangezogen und berücksichtigt werden müßten. Diese, auch von einem anderen Amtsgericht ausgesprochene Argumentation stimme, wie die ״Deutsche Juristen-Zeitung“ ausiiihrt, mit dem geltenden Recht überein und entspräche dem nationalsozialistischen Rechtsempfinden mehr, weil sie es ablehnen, sich einer positiv-gesetzlichen Notbrücke wie des Wehrgezetzes zu bedienen. Im Anschlüsse hieran heißt es in den Betrachtungen der ,,Deutschen Juristen-Zeitung‘:׳ יי.«!., SS i;w, g;!,!1,, (;< ,׳,ו:׳, k,i״n in, mal, in•!!»׳(!!«.•!!, daß ,erlaubt ja, w.u!11׳ ht xu ׳,im׳׳k!1׳ ׳h verbot,.ut i-tk Die KnUehcklung über da■,!tu v•!!ki- <־ln-n Sinne Krkmb'e und damit auch rechtlich Verhängung von Schutzhaft Die ,,Nation,1ls״/i,1|:;!iscl1e Schlesische Tageszeitung“ veröffentlicht foigcmle Mitteilung der Staatspolizeistelle Breslau: ,Aon de! f ׳״U׳1;!:׳ o s* . p ,0 ...j H!־,'.׳! wurden an! Sam,tag. ״sog n w!0׳,:; U . ׳,: ס: ,׳ \ (■!■,■::,krüp nn! rinn 1 r mlbjrer Get.d.rTm.׳ •er ■ ' ,־־o :״״. iaH,,!1 e:;d (0 kor);,׳^ ׳p״,!׳ nu:mlü'be Jb•■■!• ■d.o;!:.nr I ei, 1!nh1:1״g in ein K 7 ת ״. e n! ra t i o n , I a ״ e r ein ״■)״!•; ■."!11 einem längeren Kommentar der ״Nationalsozialist!- sehen SchlesKlun 1 ages/eilung‘‘ zu dieser Maßnahme der Bresb!::er (ieheimc-11 Staatspolizei heißt e-■ unter anderem: ״l'kiiiii׳! ' r,om;i,׳br in mit ־ in i■׳!m!,h׳r Wb-io:■ von Staat, wegen dem Mtantimm I t, 1ו', a ar1 \ m n, ׳ ,maar Imwn :!■";"חי׳תס,־!׳ Ural ihrer Juden i'iogi■;■, : am ■a v..!,!>!;,!), Si, 1,,׳ M.1 lg hat diesem Wil. len (lim I״ v״b.׳״!׳׳..;. k.d.i t.i,;1׳ eri'g1, ׳”!וי׳;: ׳:b׳-itcl, .,ondem ,hm in der Frkann'w, ״l!ar Ki io i g.k m! t rix ,pp-1 1!׳ n. So beweist ,ich in dem (>;1t i<../i.dl■1 ״: ׳■ :׳! Y<,!k,״taai die t :׳■lirrvinst immun(? der innermi Kta:־r <!,׳■ \,,'k,-!!,:׳ Hm׳ ■ Cm'::■ timt timmilt. Wir können feats'cHcn, ilab;m׳■!! -in■ | ,1 m i 7, den K,>:»׳;( der artbewußtem Breslaue! iii'vulkmtui.; 11 bug v׳,!״״.:׳! ׳;! iiai und sk.11 nicht mehr an den Buch׳,.';;;׳!! über leb׳ (! I’.a ״(.,;,!,m k'iainm.-rt. Kitaa ׳!er angoprangerten i-'r;>u<׳:!-j■< 1 -׳men hat!!׳ eine Klage angestrengt gegen zwei tler Aktiv!,tmg die in ,׳!er t .k'H'mitlirbilo'b dm׳! Kumpf gegen die Rassensrhainle tu!■!(־!!. I )a . f'< 1ז ׳ i e 11 t 11 a t d i e Klage a b g e w i e - sen und ft ׳!ge״'eilt» «ktü e, da, selb,tv-!.'r,tSnllirhe Rrn-lit der SA- Führer ist, für den 11 a' 1■ >n.1 im>/iaIi-!in Set,1t, der;1!, ein« der wesentlichen (■nindrleinente <n rade den Kampf 11m die Rassx-rcmheit ries deutschen Volkes in ״ein Programm gr-cLriebeii hat, in jeder Form zu kumptrn. I )er K e r r I ., e h e St r a t r e e 11 t s e n t ׳.'. u r f von 1933 wurde in die,er Urteilsbegründung erwähnt. In diesem Strafrei'h׳ -cntwiirt wird bereits das 'I aiut 11 zwisclieu Ariern und Nichtariern nt, R:1״׳.«׳1,׳f'11jtnU׳ her.eieliucl tinrl unter Strafe gedeih.“ Am Schlüsse des Artikels werden unter der Ueberschrift: ״Der Kampf geht weiter — Air den Pranger!‘‘ je vier weitere Namen von Nicht;tri ern und Aricrmiieii genannt. 4t Wie der ,,Volk. Beobachter“, Berlin, vom TS. 7. meldet, sind seit Ende lui I in Sachsen auf Anordnung des Sächsischen Innenministeriums 1 I brauen und ein Mann wegen rassenschänderi-clu n Bc/äflmiigcn mit Juden in Schutzhaft genominell worden. Die judi-mhen Partner wurden, soweit es siel! tun Au,!muhr handdf, des Reiches verwiesen. Die übrigen sind einem Kcui/ctnrattotidager zugeführt worden. Zulässige kann nur vorn Boden der nationalsozialistischen Weltanschau- UI1R au$ getroffen werden, die, wie die Beseitigung des Analogie- Verbotes im Strafrecht beweist, keine ,Lücken‘ iiat, in denen sich artfremder Geist breitmachen könnte.“ * Ein mecklenburgisches Amtsgericht hat, wie die ״Nationalsozialistische Parteikorrespondenz“ berichtet, durch Be- Schluß die Beschwerde eines jüdischen Kaufmannes über einen Standesbeamten abgewiesen, der sich geweigert hatte, das Aufgebot einer Eheschließung zwischen ihm und einer Arierin entgegenzunehmen. In der Begründung der Ent- Scheidung heißt es, daß zwar rein formalgesctzlich ein Verbot der Eheschließung zwischen Ariern und Nichtariem noch nicht bestelle, trotzdem aber ein Standesbeamter nicht gezwungen werden könne, die Eheschließung zwischen Ariern und Nichtariem vor/unehmen, da durch eine solche arisches Blut vermischt und für alle Zukunft vom völkischen Standpunkt aus betrachtet unbrauchbar gemacht werde. Eine derartige Ehe verstoße gegen die wichtigsten Gesetze des Staates, die in der Reinhaltutig und Pflege desdcutschblütigen Volk e s b e s t ii 11 d e n, und sei daher durch und durch unsittlich. Es könne von einem Beamten nicht verlangt werden, daß er zu einer solchen Handlung seine Hand biete. Kennzeichnung arischer Geschäfte Der Gauamtsleiter der NS-Hago in Hannover, Behme, veröffentlichte It. ״Frankf. Ztg.“ vom 17. 7. eine Bekanntmachung, in der er sagt, es sei für Parteigenossen und Nationalso/ialisten selbstverständlich, daß sie bei Juden keine Einkäufe tätigten. Zuwiderhandlungen verstießen gegen die Parteidisziplin, und es bedürfe keiner Frage, daß sie parteigerichtlich geahndet würden. Von vielen Parteigenossen seien daher Maßnahmen angeregt worden, die es verhindern sollten, daß bei Einkäufen unbewußt gegen die Parteidisziplin verstoßen werde und der einzelne dadurch mit den Parteigerichten in Konflikt komme. Die NS-Hago habe sich daher entschlossen, die deutschen Kaufleute und Handwerker zu einer Kennzeichnung ihrer Geschäfte zu veranlassen. Diese Kennzeichnung sei im gesamten Gaugebict des Gaues Süd-Hannover-Braunschweig durchgeführt worden. Jeder deutsche Kaufmann und jeder deutsche Handwerker habe an seinem Schaufenster oder der l.adentür ein Schildchen mit dem Aufdruck ״Deutscher Kaufmann“ oder ״Deutscher Handwerker“ angebracht. * Der ״Oberhergische Bote“, Gummersbach, vom 11. Juli veröffentlicht einen Artikel der Kreisamtsieihmg der NS-Hago über das Thema ״Deutsches Geschäft“. In diesem Artikel wird mitgetcilt, daß vor einiger Zeit durch die Kreis- und Ortsgruppenamtsleitungen der NS-Hago Schilder mit der Aufschrift ״Deutsches Geschäft“ vertrieben worden sind. Der Artikel bedauert, daß es immer noch Geschäftsleute gibt, die den Sinn dieser Anordnung nicht verstanden haben. Der Zweck des Schildes sei, ein offenes Bekenntnis zur Deutsehen Arbeitsfront abzulegeii. In diesem Zusammenhang heißt es sodann: ״Die NS-Hago wird zur gegebenen Zeit nicht davor zurückschrecken, Gewerbet reibende, die aus egoistischen und sonstigen versteckten Gründen es nicht für nötig halten, unsere Arbeit zu unterstützen, in der Presse zu veröffentlichen und als das zu kennzeichnen, als was sie sich durch ihr Verhalten ausgeben: Judenknechte und liberalistisch-rcaktionär eingestellte Kreise, die nur des guten Tons und der eventuellen Geschäfte wegen zu uns gestoßen sind, und die cs mit!len Resten noch bestehender gleicher oppo- .,itioneller Gesinnungsgrüpprhcn nicht verderben wollen. Also, Ihr lieben Volk-.genusscn aus Handel und Handwerk, zeigt durch Euer einmütiges Bekenntnis, durch die Tat, daß auch Ihr eine geschlossene (;einem-Taft bildet als Schutzwall gegen Juden- und Schmarotzertum and zum Segen unseres heißgeliebten Vaterlandes.“ Wieder hat der Tod eine Lücke in unsere Reihen gerissen und einen der Besten und Treuesten von uns genommen: Rechtsanwalt Bruno Tannenwald, Kiel, ist nach monatelangem Leiden einem Schlaganfall erlegen und in der Nacht zum 15. Juli gestorben. Noch sehe ich ihn vor mir, wie er 1899 in den Kreis der V. J.St.er trat, 11m mit uns gemeinsarn den damals gerade beginnenden Kampf der jüdischen Studentenschaft an der Berliner Universität um ihre Selbstbehanptung zu kämpfen. Schon der junge Mensch fiel uns durch die seltene Lauterkeit seines Charakters und die Stetigkeit seines Wesens auf, die ihn zum Besten aller Kameraden machten und zu einem heiteren und gütigen dazu. Bruno Tannenwald war ein glühender Zionist, er ist zu mehr als einem Kongreß gefahren und hat, als keiner von uns noch daran dachte, bereits vor dem Kriege den Traum seiner Sehnsucht verwirklicht und Palästina gesehen. Dabei ־war er nicht ein einseitiger Parteizionist, dessen ganze jüdische Arbeit sich in Ortsgruppentätigkeit erschöpfte, sondern er hat alle Zeit Auge und Sinn aller jüdischen Arbeit offen gehalten und in der Gemeinde seiner Heimatstadt Jahrzehnte hindurch eine führende Rolle gespielt. Der Schreiher dieser Zeilen, der mehr als vier Jahre in Kiel mit ihm gemeinsam arbeiten durfte, kann auch bezeugen, wie groß und ungeteilt das Ansehen war, das er überall in seiner Heimat genoß und das sich vor allem in einem Vertrauen äußerte, das ihm von allen Seiten der Bevölkerung entgegengebracht wurde. Daß ich selbst seiner Freundschaft allein es verdanke, daß ich 1907 meine ins Schwanken geratene Lebensbahn wieder ins Gleichgewicht bringen konnte, indem ich durch ihn nach Kiel geholt wurde, mag nur nebenbei bemerkt sein. Aber Freundschaft war eben der Grundzug seines Charakters, Bruno Tannenwald war ein Mensch mit Wurzeln, und wer ihm nahe kam, fühlte, wie diese Wurzeln sich alsbald in seinem innersten Wesen festzusetzen und zu vertiefen begannen. In einer Zeit der Unruhe und Haltlosigkeit wiegt der Verlust eines wahren Freundes doppelt schwer und unsere Bewegung hat i!1 ihm nicht nur einen tätigen Mitarbeiter, nicht nur einen Berater ihrer Jugend, sondern ein wahrhartes Freimdesherz verloren. Emil Bernhard Cohn Kana ein Jude Wirtschaftsführer sein? In einer so überschriebenen Abhandlung tritt Edgar Dack weiler in der Zeitschrift ״Jugend und Recht“ vom 15, Juli dem in der Presse mehrfach erwähnten Urteil des Reichsgerichts vom 11. Dezember 1031 zur Frage des Aus- Schlusses eines jüdischen Gesellschafters aus einer Handels״ gescllschaft (vgl. ״Jüdische Rundschau“ vom 12. Februar 1935) entgegen. In den Urteilsgründen war hervorgehoben, daß die durch die Arierfrage für Staatsbeamte geschaffene Regelung auf die Wirtschaft keine Anwendung finden, ja ein Jude sogar Wirtschaftsführer sein könne. Hierzu heißt es in dem angeführten Artikel u. a.: ״D an ach scheint es fast, als ob das Reichsgericlu die Arierbestimmung des Reichsbeamteng c s e t z e s als eine A u s n a h m e r e g c 1 betrachte, die weder einen a 1 1 g c m c inen I< c c 11 l s g c d a n k e n enthalte noch ausdehnender Auslegung fähig sei. Gerade das Gegenteil ist der Faß. Die Regierung sah sieh seinerzeit vor die Notwendigkeit gestellt, vorab und in erster Linie ihren Beamtenkörpcr von jüdischen Einflüssen zu säulwrn, ist er doch eine der tragenden Säulen des Staatsapparates. Völlig abwegig ist es aber, aus dieser Maßnahme, die ja nur der Anfang einer rassisch ausgerichteten Gesetzgebung war und sein sollte, den Schluß zu ziehen, daß diese Grundsätze für die Wirtschaftsstruktur unseres Volkes keine Geltung besitzen sollten, das würde im Endergebnis nichts anderes bedeuten, als daß die Wirtschaft trotz, allem doch ihre eigenen Gesetze habe. Der Höhepunkt dieser Auffassung ist der Satz, daß im heutigen Staat ,ein Jude sogar Wirtschaftsführer sein könne‘. Wäre dem so, dann wären alle bisherigen Anstrengungen und Erfolge vergeblich gewesen, dann wären alle Bemühungen, die nationale Wirtsciiaft von jüdischer Initiative und I’inamgebarung zu befreien, umsonst. Sicherlich wird — worauf das Auf . Dingen STEHT DIE WELT Erzählung von GERSON 57ERN 30. tnrlBft/un- Copyright Verlag hrich Hei«1, Barlin Abends kam mil den Ellern der ncllo Herr Gläser. Er kam im Gesellsehal Danziitr, er war breitschultrig, groß. Man sah ihm den Sports»tatin an und man erfuhr bald, daß er zu der Ruder-Maimselinft gehörte, die let/.thin in der großen Regatta sich den Preis geholt hafte. ,.Ja, ja,“ meinte Herr Bessinger, ״Sport i>f nolweiitlic. Jeder Mensch müßte Sport treiben.“ Ifedda hörte zum ersten Male von der Sportl)c1rri$ten1ng ihres Valers. Herr Gläser wandle sich häufig an Ifedda. ,,Das gniidige Eriiulein (reiht auch Sport, natürlich, selbstverständlich.“ Iledda war sehr still. Die Müller warf ihr ofl eitlen Blick zu. Als die Nachspeise kam, sagte sie: ״Eine Spezialifiil meiner Tochter.“ Herr Gläser verbeugte sieh zu Iledda hin: ״Ganz vorzitglich, natürlich, selbstverständlich.“ Der Abend verlief nicht so anregend, und Herr Gläser verabschiedete sieh früh. Bessinger sagte zu Iledda: ״Deine Bildung hat so viel gekostet, daß man wohl l>eynspruchen dürfte, auch einmal etwas davon zu scheu.“ Auch Berthchen schien unzufrieden. Iledda saß int Arbeitszimmer ihres Vaters. Sie öffnete ein Fach, eine Mappe fiel ihr in die Hand, und als sie darin blätterte, erschrak sie, denn es handelte sieh ntn sie, um nichts als sie. Es handelte sich darum, daß man sie »nbol, ausbot. Es waren Schriftstücke von Damen und Herren, die anfragten. Sie fragten auch nach dem Preis. Die Höht: der Mitgift wurde von Bcssinger abgest 11 ft. Er hatte einen Tarif, nach dem er die Herren cinsrhätzte. Iledda stieß auf Herrn Gläser, den netten Herrn Gläser, dessen Vater Fabrikant von Damen Strümpfen war; tler Sohn balle den besonders hohen Tarif. Die Fntrüslung, die in Iledda aufkmn und anfänglieh! Staunen utul allmähliches Begreifen ablöstc, wuchs und wuchs. Sie meinen es gut, sicherlich meinet! sie es gut, beschwichtigte sie sich, aber bin ich denn eine Ware? Darf man über ein!.eben verfügen? lieber mein Leben? Ist ihre Grenze meine Grenze? Sie schlagen einen tot mit ihrem Gutmeinen! Zwei Tage später sprach Iledda mit den Eltern. ״Ich halte es hier nicht aus, laßt midi gehn.“ Bcssinger war glücklich gewesen, daß Iledda mit solchem Eifer gearbeitet hatte. ״Sie nimmt Vernunft an,“ hatte er zu Berthchen gesagt. ״Bei mir nimmt jeder Vernunft an.“ Er war froh und stolz. Er hatte Hcddas Worte nicht mehr erwartet, sprang auf: ״Du hältst es hier nicht aus? Bei deinen Eltern nicht aus? Du willst fortlaufen, wie irgendeine, «ine — Von Haus? Von den Mensehen, zu denen du gehörst? Weißt du, was man von dir denken wird, von dir sagen ■wird?“ Berthchen hatte sie in den letzten Wochen beobachtet Iledda war so blaß geworden. Es war nichts geblieben von der Lebendigkeit ihres Wesens. Ich weiß nicht, was Iledda will, ich weiß nicht, warum das sein muß, ich weiß nicht, was kommt, ich kann nicht mehr helfen. Bessinger sagte: ״Nein!“ Berthchen sagte: ״Sollen wir sie uns entfremden? Ist es nicht besser, Iledda geht mit uns als gegen uns?“ Bcssinger sagte: ״Nein!“ Iledda begann ihre Sachen zu ordnen, zu packen. Bcssinger schrie: ״Nein, wenn du —״ Seine Worte wurden erstickt, Berthchen schrie: ״Ja, ja!“ Da ereignete es sich, daß Bessinger auf einen Stuhl niedersank und vor seinem Kinde weinte. * Ilodda durfte nicht an diese letzten Stunden denken. Sie konnte ihren Eltern nicht zurufen: Ich gehe hier zugrunde. Ich gehe zugrunde neben euch, Ihr müßt mich freigeben, wenn ich leben soll. Dr. Nathan Kalz war Oberarzt an der Klinik von Professor Runger. Iledda stand einer Schwester gegenüber. ״Herr Doktor ist nicht vor 11 Uhr zu sprechen.“ Als Hedda zurückkam, wurde sie in einen Warteraum geführt, in dem viele Frauen saßen. Es dauerte lange, bis sie vorgelassen wurde. Nathan machte Notizen, als Hedda einlrat. ״Bitte nehmen Sie Platz.“ Hedda setzte sich. Nathan sah auf. ,.Ileddal“ Nathan hielt sich zurück. Er wäre sonst aufgesprungen. Das war Ilodda? Dieser Best einer Jugend war Ilodda? Iledda entging Nathans Blick nicht. Sie sagte nur: ״Ja“. Aber dann wollte sie erzählen. Nathan wehrte ah, er wollte nichts hüten. ״Ich komme nicht als Patient,“ sagte Hedda. Nathan wurde erregt: ״Du sollst den Mund hallen. Ich untersuche dich.“ Er ließ ihr Bl ulproben abnehrnen und untersuchte sie. ״Der Geheimrat ist verreist,“ sagte er schließlich, ״ich habe wenig Zeit Sei um ein Uhr zurück.“ Nathan stand schon 1m Ucbcrmantel, als Hedda eintrat. ״Ich habe dreißig Minuten Zeit,“ sagte, er. Sie standen auf der Straße, Nathan rief ein Taxi, Iledda stieg ein, Nathan sagte dem Fahrer irgendetwas, das Auto begann durch Berlin zu rasen, ״Nun erzähle.“ Hedda dachte: dreißig Minuten, — wie kann man in dreißig Minuten die Qual eines Lebens zusammenfassen? Sie begann mit knappen Sätzen, Nathan verstand rasch, ״Und Weiter?“ fragte Nathan. Iledda sprach von der Rückkehr aus der Pension und von jener Nacht, als Weiter von Ellen Crailinger gekommen war. ״Und nun?“ fragte Nathan. ״Ich will arbeiten“, sagte Hedda. ״Ich will eine Verantworlung haben und arbeiten. Ich möchte, wenn es möglich ist, in deiner Klinik oder irgendwo lernen und selbständig werden. Arbeit und Freiheit.“ Nathan lachte: ״Meinst du, daß Arbeit Freiheit heißt? Arbeit ist ein strenger, ein rücksichtsloser Herr.“ Das Taxi hielt, Hedda sah sich um. Da war ein breites Haus mit vielen Fenstern, es stand allein, rings von Föhren umgeben, und Liegestühle standen im Vorgarten und zwischen den Bäumen. ״Bitte sehr,“ Ein junges Mädchen in schwarzem Kleid und mit weißem Häubchen öffnete. Sie führte Iledda und Nathan auf ein Zimmer. ״Setz dich“, sagte Nathan. ״Ich muß mich kurz fassen. Du bist in einem unmöglichen Zustand. Es ist ein Skandal. Entweder man bringt sich um, oder man sorgt für pich. Zum Sichumbririgen hast du noch Zeit. Du bleibst drei Wochen hier.“ Hedda wollte etwas sagen. Nathan schlug mit der Hand auf den Tisch. ״Du bleibst drei Wochen hier. Es ist alles angeordnet. Drei Tage bleibst du im Bett Dann machst du eine Liegekur. Ich komme zweimal in der Woche. Alles weitere besprechen wir später.“ ״Ich habe doch kein Geld“, rief Hedda. ״Ich wollte kein Geld, Hundert Mark habe ich.“ ״Du bist wahnsinnig!“ Nathan schwieg einen Augenblick, dann entschied er: ״Ich lege es aus.“ Iledda wußte nicht, wie die drei Wochen hingeglitten wäre». Es war ein Siehwiogeulassen, ein Einsinken in die Stille der Zeit. Iledda sollte noch eine weitere Woche bleiben. Nathan

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