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Jüdische Rundschau · 1935-07-19 · Heft 58 (19.7.1935) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
40 (1935)
Issue
Heft 58 (19.7.1935)
Date
1935-07-19
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 58 ו?. VII. 1935 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 5 Aus Bialiks Entwicklungsgang Von Ernst Simon זEhr entnehmen einem demnächst erscheinenden Buche von Ernst Simon, Jerusalem: ״Chaim Nachman Bialik, Eine Einführung in sein Lehen und sein Werk“ die nachstehenden Abschnitte, die uns der Schocken - Verlag, Berlin, zum Vorabdruck zur Verfügung gestellt hat. Der erste, größere Abschnitt behandelt ein Kapitel aus dem Leben des jungen Bialik, das für seine spätere Entwicklung von außerordentlicher Bedeutung geworden ist, die Lernzeit auf der Jeschi wa in dem litauischen Städtchen Wolozspn, während in dem folgenden Abschnitt Bialiks Beziehung zur hebräischen Sprache von Ernst Simon analysiert wird. (Red.) In Wolozsyn Bialik kam in die berühmte Jeschiwa nicht um des jüdisehen, sondern — im Gegenteil — gleichsam um des ״modernen“ Lernens willen. Aber die angebliche Modernität Wolozsyns erweist sich als eine Fabel und der Talmud gewinnt für eine Zeitlang wieder Macht über ihn. Ja, er hat in diesen intensiven Monate״, da ״das Meer des Talmuds“ gewaltig über ihm zusammenschlägt und er, wie der I leid seines berühmten Gedichtes, ein Matmid, ein imiumrährend Lernender wird, wohl das stärkste Erlebnis des spezifisch jüdischen Geistes, das ihm jemals vorher oder nachher, beschieden war. Damit erfüllt sich an ihm zum ersten Male ein höchst merkwürdiges Geschehen, das einige Male in seinem Leben wiederkehrt und ihm schließlich zum Schicksal wird: Biaiik möchte der Last und dem Druck des Traditionsjudcntums immer wieder entfliehen, aber mitten auf dem Wege in die Freiheit zieht ihn die Gewalt des geschichtlichen Ballasts stets aufs neue halb zurück. So wird er ein Umkehrer wider Willen. Nun also sitzt er, der atisge/ogeu war, um sich die ״sieben Weisheiten und siebzig Sprachen der Welt" zu erwerben, vor dem kleinen Bet- und L.ernpult. das er manchmal im schaukelnden Eifer des Lernens an sich heraii/ieht, um dann wieder mit dem cs beschwerenden Folianten vornüber zu sinken. Und so halten es auch die vielen anderen Jünglinge in dem großen Raum. Ein jeder lernt für sieh allein und keineswegs jeder dasselbe Pensum. Ihr merkwürdiger Si;11{-m׳r, jenes ״Summen der Thora'‘, das als akustische Interpunktion eines Frage- und Antworttexles ohne Satzzeichen ihn melodisch abteilt und verständlich macht und von daher sogar in die jiddische Umgangssprache übergegangen ist, erfüllt den Saal niit vielstimmigem Dröhnen. Manchmal treten nvei der ״ßachurim“ zusammen, tun eine besondere schwierige Steile gemeinsain zu klären, aber von irgendeinem systematischen Unterrieht kann mit Ausnahme ganz weniger Wacliensfmidcn keine Rede sein. Alles ist hier auf die eigene Tätigkeit der Schüler gestellt, die sich freilich in regelmäßigen ״Verhören־‘ vor den großen, an der Spitze der Jeschiwa stellenden Rabhincn über Ausmaß und Verständnis des Gelernten ausweisen müssen. Dabei erweist Cliajim Nachman Bialik sich als ein ganz besoliderer Könner,!erstaunlich: dieser siidrussische Baeliur ״kann lernen‘־ wie der beste Litauer. Was lernt er mit solchem Eifer? Was ist dieser Talmud, der ihn früher wach sein und später ruhen lallt als all seine Kameraden, der ihn vom ersten Morgenrot bis in die tiefe Nacht in seine Lerncckc bannt, der ihn den Friilnvind in seinen Sehläfeuloeken und auf der blassen Stirn als Verführer empfinden läßt: Verführer wie die ganze Natur, wie die Liehe, wie fremde Sprachen und profane Bücher? . Der Talmud .ist ein einziges großes Streit- und Lehrgespräch, das mit den Sätzen der Bibel, oder gar noch vorher, mit Gottes vorweltlicher Gefährtin, der Weisheit, begonnen hat und sich so lange fort spinnt, als irgend Juden, miteinander oder mit sich selber diskutierend, sich an ihm beteiligen. Nur im technischen Sinne, nur als ein Kompromiß, nur von außen!1er (also: für de!? Ungelehrten) ist er überhaupt ein Buch, dessen Allfassung sich, mit seiner Grundlage, der Mischna, über mindestens fünf Jahrhunderte erstreckte, das Tausende von ״Cicsprächsprotokolien‘‘ über fast alle Gegenstände des Lebens, Denkens und Glaubens enthält, das in Traktate und Kapitel eingeteilt ist und in dem sich religionsgesetzliche (hnlachische) von frei erzählenden oder nachdenkliclien (haggadischen) Partien sondern lassen. All das ist aber nicht der wahre Talmud, nicht der des lebendigen Lerliens, sondern der einer versuchten literaturliistorischen Ein- Ordnung und Kategarisieriiiig. Der wahre Talmud kennt im Grunde keilte Einteilungen und Abgrenzungen, keine thematischen, keine zeitlichen und nicht einmal immer grammatisch-syntaktische. Er besteht aus iauter Gesprächssfücken, aber kein Punkt oder Fragezeichen macht ihre Elemente als Aussage oder Frage mit vollkommeper Sicherheit deutlich. F.r sucht die Gegenstände des Lebens in das Netz des jüdischen Gesetzes einzufangen, aber seine Logik ist!;eine systematische, sondern eine assoziative: ein Gegenstand zieht einen anderen nach sich, sei es ein beliachbarter oder einer, der nur zum Vergleich angezogen wird, der aber dann seine eigene sofortige Abhandlung verlaugt, als verwehre die ethische Haltung, die hinter einer wesentlich unformah•11, streng i 11 h a 111 i c 11 e 11 Logik atmet, irgend etwas mir zum Zwecke des Beweises zu mißbrauchen, statt ihm sogleich seinen Eigenwert zu gönnen. Der Name eines der vielen Hunderte von Lehrern wird genannt und gleich manches andere mi!erwähnt, was in seinem Namen überliefert ist — dies vielleicht ein mnemotechnisches Mittel aus der Zeit, da man sich noch an das Verbot halten konnte, diese ״mündliche Lehre“ nicht mi!/lischreibet!. I lalachische Erörteruiigen, oft in der hebräischen Gelehrieiisprache, wechseln mit aggallischen ah, die im aramäischen Volksdialekt, dem ״Jiddiscli“ der talmudisehcn Zeit, gehalten sind, gehen aber manchmal so plötzlich ineinander über wie, nach einem Vergleiche Bialiks, Eis in Wasser übergeht tmd umgekehrt. So erweisen rcligionsgesetzliche Dialektik und das freie Spiel der dialektischen, hcrniencutisclien oder auch poetischen Phantasie sich nicht als zwei verschiedene Sub.vtan7.cn, sondern nur als zwei Aggregatzustände einer einzigen. Von Gott ist viel weniger die Rede, als man denken sollte; der Talmud ist das ungeheuere Zeugnis vom Glaubcnsleben eines ganzen Volkes, aber nur an verhältnismäßig seltenen und gerade den nicht zentral wichtigen Stellen ein ausgesprochen religiöses Dokument. Er verfolgt sein eines großes Ziel: die Nachahmung Gottes, das Nach formen seines menschlichen Ebenbildes, das Nachdenken seiner Gesetze mit heiliger Nüchternheit bis in die letzte kasuistische Möglichkeit hinein, weil er sich und seine Aufgabe ganz ernst nimmt1)• Sein sehr unkritisches Geschichtsbewußtsein zieht die biblische Grundlage für seine Deutungen ganz in die eigene Gegenwart hinein und kennt auch keine zeitlichen Schranken zwischen deip Generationen, die sich an dem Gespräch beteiligen. Das Gespräch quillt über die Ränder seines eigentlichen Textes, saugt Kommentatoren und Superkommentatoren bis in die neuste Zeit und schließlich auch den letzten eifrigen Schüler in sich hinein, dessen neuerndes Wort ebenfalls noch als dem Mose am Sinai offenbart gilt. Die Jahrtausende Israels sind nun gleichzeitig geworden, sind versammelt auf einem Blatt bedruckten Papiers und von dem mosaischen Satze, der etwa zur luterpretation steht, bis zu einer Randbemerkung zum Beispiel R. Akiwa Egers aus dem neunzehnten Jahrhundert vereint sie alle, und auch dich, den heute Lernenden, der Atem eines Gesprächs, Israels unendliche Melodie. Biaiik ist, wenn auch vielleicht nur für einige wenige Monate mit ganz ungeteiltem Herzen, ein leidenschaftlich gebanntcr Partner dieses Gesprächs gewesen. Er hat sich dann später abgewandelt und abzulösen gesucht, aber auch diese neue Flucht ist ihm nur sehr teilweise gelungen. Es wird für das geistige Gesicht seiner Dichtung und Lehre tief bedeutsain bleiben, daß er in empfänglicher Jugend die drei großen geistigen Bewegungen des Judentums seiner Zeit: Chassidisnius, Flaskala und Talrnudismus tief erlebt hat, den Talmiidismus zuletzt und am tiefsten, weil in seinem Höhepunkt schon nach den ersten Zwei (ein. Diese Zweifel aber lassen sich nur eine Zeiflang niederkämpfen; bald kommen sie, stärker, wieder. Der Rausch des Lernens erscheint künstlich, der Talmud muß seine Alieinherr- Schaft aufgeben; manche Stunden des Tages werden verbotenerweise zur Erlernung des Russischen und der Anfangsgründe des Deutschen, vor allem aber zur Tätigkeit in einer gelieimcn Organisation der Bacliurim benutzt. Diese Organisation war, längst vor Theodor Flerzls Auftreten, zionistisch, und zwar auf einer Linie, die sich zwischen der orthodoxen (später: inisrachistischen) Ideologie des Geschichtsschreibers Secw Jawitz und dem rationalen, entwicklungsgläubigen, aber auch inhaltlich jüdisch betonten Volksgeist-Nationalismus des großen Moralisten Achad Fi a a m bewegte. ״Wer, wenn nicht ein Wolozsyncr Bachur, konnte diese Gegensätze vereinen?“, scherzt Biaiik selbst rückblickend. In Wahrheit entwickelt er sich ziemlich schnell von seiner Jawitzsehen Ausgangsposition zu Achad Haam hin, der ihm zeitiebens ״der Lehrer“ blieb. Das zionistische Erlebnis des Ostjuden ist voti dem des Westjuden wesentlich verschieden: während diesen «las Herzlschc ״Wir sind ein Volk, ein Volk“ abstößt, erschüttert und schließlich beglückt, hat der Ost jade an dieser ihn! eingeborenen Wahrheit niemals ge/.weitelt: sein Zionismus ist deshalb, genau genommen, eher ein soziales und säkularisicrendes als gerade ein nationales Erlebnis. Der Protest gegen das!.eben im ״Städtcl“, gegen dessen schmutzige Gäßchcn, schiefe Häuser, seinen ewigen Herbstregen, seine Nichtstuer und Schnorrer, gegen die Enge des Raums und die Leere der Zeit, gegen das abgestumpfte Gebet und die Knechtgesinnung gegenüber Mensch und Gott, vor allem aber gegen seine schimpfliche Armut, Oede und Langeweile, und dann wieder die Sehnsucht nach Natur, Freiheit, Liebe, weltlicher Bildung und werktätiger Arbeit, nach Raum zum Atmen und nach dem Ertrag des eigenen Feldes, nach dem Segen des ״Brotes im Schweiße deines Angesichts“ — das alles ist Östlicher, ist auch Bialikschcr Zionismus. Man sieiit sofort, daß genau die gleichen seelischen Motive vor hundert Jahren * *in Westeuropa zur Emanzipationsbewegung mit all ihren innerjüdisehen Folgen, im modernen Osteuropa zugleich mit dem Zionismus auch zum jüdischen Sozialismus geführt haben. Allerdings: das Land Palästina gibt nun allem Richtung und Farbe, und seine selbstverständliche offenbar ohne langes Schwanken vollzogene Bejahung durch Biaiik zeigt dasselbe Schwergewicht der historischen Elemente, das auch die kämpflose Entscheidung für das Hebräische herbeigeführt hatte. Mit der Wendung zum Zionismus war die Trennung von der Jeschiwa — sie mußte, dem Großvater verheimlicht, als Flucht erfolgen — ebenso entschieden wie das Ziel des Weges bestimmt: Odessa. Dort* lebten die großen geistigen Führer eines neuen Judentums: Mcndale Modler Sfarim, der ״Großvater“ der hebräischen Literatur, ein ״Erster“, wie Biaiik ihn viel später charakterisiert hat. als Schöpfer einer neuen Sprachform, als Erlöser des Hebräischen aus dem Zitatenstil der ״Meliza“ als Bundesstifter zwischen Jiddisch und Hebräisch, als Schi!- derer des Ghetto mit kritisch-ironischer Liebe; dann Achad Fla am, der nie eine Zeile ohne innere Nötigung schrieb, das lebendige Gewissen der ״Zionsfreunde“. der unerbittliche Kritiker aller Faulen und Unehrlichen im eigenen Tätigkeitskreise, aber auch der tröstende Enveckcr der Herzen irnd Organisator des Bundes der ״Söhne Mosis“; Lewin ski, dessen Feuilletons der Sprache Grazie und Beweglichkeit gegeben hatten; schließlich Rawnitzki, der junge Talente in seinen ״Pardeß“ — so hieß eine Zeitschrift — freundlichst einlud, und noch mancher andere. Nach diesem Odessa zog es Biaiik mit aller Macht, und er kam nicht mit leeren Händen. Neben einem Aufsatz über die Ziele jenes Vereins der Zionsfreunde auf der Jeschiwa, neben anderen poetischen Versuchen, die ihm die Bewunderung der Kameraden eintrugen, brachte er vor allem ein Gedicht mit, sein erstes vollkommenes Gedicht, das noch heute jede Ausgäbe seiner Schriften eröffnet: ״An den Vogel“. ]) Eia führender orthodoxer Rabbiner Deutschlands, Joset Carlebach, bezeiclinete mir, gesprächsweise den Talmud als die Welt ohne Pathos; ähnliches bezeugen vor allem auch die sich an verschiedenen Stellen findenden Aeußertmgen Franz Rosenzweigs. Es ist ein Sehiisuchtsljcd an den!leimkehrenden Zug- Vogel, der im Lande Israel bei den befieiten Brüdern war. Es ist ein Zionslicd und zugleich ein Lied der Natur. Das gebundensle aller Lebewesen, der Jeschiwa-Bachur, klagt seine Sehnsucht dem freiesten der Geschöpfe. Vom Fenster aus — ein großer Teil der Binlikschen Lyrik ist Fensterlyrik, denn sein Standort bleibt das Zimmer, sein Naturgefühl vornehm-!ich Sehnsucht — spricht er mit dem Rückkehrer; aber alle frohe Kunde wandelt die trübe Orundstinimung■ nicht: Ich denke der Tage, da ich wie sie ehrst blühte, Doch nun ward ich ein Greis; die Kraft ist geschwunden. So spricht der Achtzehnjährige! Das ist nicht der übliche Weltschmerz dieser Jahre, sondern die tief jüdische Vertäu« schling des Lebensalters, die unsere Kinder so abgründig wissend, unsere Greise so heiter und seidig macht: trägt doch der Jude neben seinem eigenen, gar nicht so belangvollen Lebensalter immer noch die Last der Jahre unserer gesamten Vergangenheit; aber ihr Druck wird geringer, je länger wir sie zu tragen lernen. Diesen Jüngling läßt sie seiner Jugend nicht froh werden, laßt ihn vor der Hoffnung nicht auf die Erfüllung verzichten, die ihm nicht bestimmt sein kann. Auch dieser Versuch, der zionistische, sich der zwingenden Gewalt der jüdischen Vergangenheit zu entziehen, ist mißlungen, ehe er recht begann. Als Biaiik, arm und beziehungslos, in Odessa einzieht —׳ beinahe wie einst Mendelssohn in Berlin — da ist er im Entscheidenden fertig: er hat das Leben noch vor sich, aber die gestaltenden Erlebnisse liegen hinter ihm. Aus dem Kapitel: In Odessa Uebcrdenkt man die Stellung, die Biaiik der hebräischen Sprache im jüdischen Geistesh ben anweist, so scheint einem cm rein formaler Begriff des NationaiFmus entgegenzutreten; doppelt befremdlich hei ihm, der die Inhalte des jüdischen so sorgsam behütet und so treu überliefert hat. Spricht er aber über 1 letiräisdi, so i-t ihm nicht nur ein Wort des Lobs zu hoch, sondern auch keines des Tadels gegen diejenigen zu scharf, dir durch das Aufgeben des Hebräischen zu ״Tiiuflingen des Geistes“ geworden sind. Besonders ergrimmt ist er gegen die Träger der ״Wis^eii-cliatf vom Judentum in fremde Sprachen“, und auch sie rechnet er zu jenen ״Täuflingen“. Auf den Inhalt scheint es dabei gar nicht an/ukonmien; alles Hebräisdi darf als jüdisch, alles NiehthehrnDdi muß als unjüdisch gelten. Diese schroffe Stellungnahme wird sofort (zwar nicht richtig, aber) verständlich wenn man bedenkt, welches Hebräisch Biaiik meint: sein eigene-.. Diese seine Sprache ist in der Tat keine bloße Form mehr, oder ist es höchstens so, wie die I laut, durch die man atmet, nicht wie das Kleid, das mau wechseln kann. Form des Körpers ist. Fine Sprache, die solche Massen und solche Werte traditionellen Gutes mit sieli führt und stetig aktualisiert, deren Träger sieh so eiltschieden gegen den Barbarismus des neuen Straßenhebräisch abgegrenzt hat, ist zwar selbst immer noch kein Inhalt, aber sie bedingt Inhalte und konfrontiert mit Inhalten. Und noch ein Doppeltes kommt hinzu: einmal hält in der Meinungsverschiedenheit, die über das innere Verhältnis der jüdischen Wahrheit zur hebrai-eheii Sprache und deren metaphysischem Rang zwischen GabiroF) und Jeliuda Flalevy3) einerseits und Maimoiiides1) andererseits besteht, der Dichter es mit den Dichtern und nicht mit dem Philosophen. Zweitens aber bedarf es zum Verständnis des Ranges, den Biaiik dem Hebräischen anweist, eines Rückgriffs auf seine Philosophie der Sprache überhaupt. Sie gehört zum Tiefsten seiner denkerischen Leistung, ja nur in und an der Sprache wird er ganz echt zum Denker. Biaiik hatte dem ungeheuren Anhauch der Sprache produktiv standgellalten mul in ihm seine großen Gedichte empfangen. Nun war der Sturm vorüber; die Linien des festgewordenen Besitzes ließen sich sicher abzciclmen, aber gerade von ihnen aus schweifte der Bück nur um so gebannter auf die Unendlichkeit des scheinbar chaotischen sprachlichen Werdens und Vergehens, die durch keinen ihr mühsam abgertmgenen begrenzten Neulamlgewinn weniger unendlich geworden war, Und während bislang die Sprache gleichsam nur ihr Strandgut, nämlich ihr nicht auf den ersten Blick wesensmäßig verbundene objektive Inhalte und Werte angeschwemmt hatte, die sie scheinbar mir eben mit sich trug mul umschloß, so bot sie sieli min, da dieses Gut geborgen war, selber in ihrer Nacktheit und Eigenheit der Betrachtung dar, drangt sich dem Erlebnis auf. Betrachtung wie Erlebnis führen zur gleichen üherwältigcmlcn Erkenntnis: die Sprache gleicht einem lebendigen Wesen. Sie läßt zwar einen gewissen kaum für mechanische Erweiterung, die um ihre zeifgebumlene Notwendigkeit und Begrenztheit weiß, aber als (ianzes muß sie wachsen wie ein Geschöpf de־ organischen!.eben11 ,־ml ihn׳ Grammatiker haben ihre Geset/e nach ehrfürchtiger Befruchtung lernend naebzuzdehnen, nicht etwa sie ihr gesetzgeberisch aufzu/.wiu- . Biaiik sieh, im Widerspruch zur t(ilvcrlehemligung jn der Bc- Schränkung auf jüdische Inhalte (Achad I faam), leidenschaftlich einsetzte — ist deshalb die Sammlung und vergleichende Handhabung des bisher vorhandenen Sprnchgntes. Wenn die Brüder Grimm aus einer ähnlichen Sprachtheorie zur Begründüng ihres großen ,,Deutschen Wörterbuches“ gekommen sind, so gelangte Biaiik von der seinen her zu der Forderung eines ״hebräisch-hebräischen Wörterbuches“, in dem jedem Wort seine bisherige Geschichte abzulesen ist. Bialiks 1 )iciituiigen selbst erfüllen, wie alle klassische hebräische Dichtung, einen Teil dieser Funktion; denn in sie gehen die Wörter und Wendüngen mit ihrem ganzen fruchtbaren Ballast ein, dem nur meist eine kleine, neuernde Gewichtsverschiebimg einen ver- 'iinülen Sinn gibt. In dieser Erkenntnis hat Iiialik später sein® exiKaIische< Forderung auf Spc/ialwürterbüclicr für alle Meister der hebräischen Sprache ausgedehnt und ein derartiges Werk für Oabirol angekündigt. Vermutlich wird Biaiik selbst der s) Vgk dessen (nur im Eingangsteil erhaltenes) Lehrgedicht der licliräisehen Sprache ״Anake“ (״Kette“); in Bialiks Aus• gäbe, Bit. i, S. 173 ff., besonders die Verse 75 ff. 8) Kusari II, 68, 72; IV, 25. *) Kommentar zum Mischnatraktat Awoth I, 17. 11j Biaiik befindet sich hier in einer ihm wohl unbekannt gewesenen Uebereinsfimmung mit Jakob Grimm, der durch die oben dargelcgte Theorie die große Wendung in der Geschichte der deutschen grammatischen Wissenschaft herbeigeführt hat. ywwi/i/vwwwwi/wwvM/wi a Palestfne «fc Orient; "Lloyd 3as XIX. Zionlsten-Kongresses üü&feciu^ üSer (JeietlfcAafo- Berlin W15, Meinekestr.2 J1 Bismarek 7303

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