Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 39 (1934)
- Issue
- Heft 24 (23.3.1934)
- Date
- 1934-03-23
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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.934 1 Stoff Ofatj p׳p I <1 i 1* s»• ־״ von n^ch e!';tcs. 5יי gec£!mg 1•I'i's■ n- 1 ine י mul n von C (1 er rg.uij״ Arbeit dignt •«ruck. » laßt »Reit? (1 nur _ Frcz kimte st'ine ־.׳um'ri I die beifs. treten 1 auf starre tings. a die rnterh bei t der filier- Pränicht rbeit, möglieses oder :stnn is zu nrdihvver reine ,«rte, ekles enernios, ff oi 5 jklig n e s fühle m t- R» enge an konlolie des %e der rm• den, icris?re« iclit ben en• fdit och ru neu anu der mit *rm mß roll M) lis, er- 1itsei 1his!er ne ׳*'! er de it- 1d <י: •ic h 1• m re 1c EU RELIGION UND LEBEN Nr. 14. *S. MÄRZ 1*94 Die Stellung der Religion jm jüdischen Nationalismus V011 Rabbiner Dr. MaxWi euer Als Theodor I lerzl den modernen jüdischen Nationalismus!״.,,te, da empfand die Weit diese Tat als den Versuch, das;'jjfntlmi durch Säkularisierung zu erneuern. Indem das Juden-;Jfl wieder 7ur vollen um! tiefen Lebenswirklichkeit einer Volksvjindinlita» geboren werden sollte, mit eigenem Land, cigcl'(r Sprache, natürlich geschichteter (icsellschaft, eigenst,Hiulij.r Kultur, seliien das Gefüge allgemeiner nationaler Liestaljjj, 50n Schicks,11 zu werden. Religion bedeutete in diesem rinor nationale^ Wiederbegründung nicht mehr und nicht ,"4>י1ין ab in der Wirklichkeit des volklinften l.cbens jener ptrimle, des Zeitalters des europiiisdien Spätliberalistmis. Es '11 liier nicht mitcrsnrlit werden, oh und in welchem Grade die tiiulhmgcn, die die Welt seit vierzig Jahren erlebt hat, die (;dlnng der Religion im Oesarntleben der verschiedenen Voller verändert haben. Aber es ist wichtig, im Auge zu bc- ,.סו׳,, welche seelische Haltung im Zeitpunkt der Stiftung der Monistischen Idee die europäische Menschheit und ihre sprtichvfußten Repräsentanten ciiigciiommcn haben, weil ja eine -asfige Bewegung aufs nachhaltigste von den Intentionen ihrer ßtiinclcr Iieeimlruckt bleibt. Nun vergegenwärtige man sich das Judentum, das in den Pf0?cß cinging. Wir haben liier seinen 01ייהה• und westenro* ,!!!dien T.ipus im Auge, In ihm wurde — von liberalen oder iKscrvativen Wortführern — die Substanz jüdischen Seins als ׳:nt religiöse betrachtet. Das Positive, was in dieser Aussage jtrekt, läßt sieh schlechte.׳ kontrollieren als das Negative. In 1;r streu gen Orthodoxie, die, je lässiger die jüdische Umweit ä der i rfiiihing des k’cligionsgesetzes war, desto rigoroser in gm Ansprüchen an die Cicbotserfiilhing wurde, war gewiß ein reit grßßeror Teil des seelischen Interesses mit religiösen An- ׳;gm besetzt als hei den vielen Schattierungen der Neologic, icren radikalste (Truppe eine dei'stiseh gefärbte Morallehrc als וזRcd-jiuicntum hekimnte und als prophctiselic Religion auspb. Aber grundsätzlich war man doch von Samson Raphael pirsch bis zu lloldhcim und bei ihren beiderseitigen Nachfahren darüber einig, daß Judentum Religion und nichts als Religion sei, daß mithin — und das ist hier für uns die Hauptsache — der Jude tief in die weltliche Kultur seines Hfimati;indes einzutauchen habe; was er ja auch gründlich {ttan 11.11. Die Frage, bis zu welchem (Trade Religion und allgemeine Kultur sich voneinander trennen lassen, wurde freilich noch Um gestellt. Und doch hatte das alte, das voremanzipatorische Judentum gerade in dieser Feinheit des Totallebens ge* wurzelt; aber die Aufsclnnclzimg dieses festen Blockes war (ben das Werk der Assimilation. Mochte man also von der linken bis zur Rechten verschiedener Ansicht darüber sein, iv» vom ehemaligen Judentum iibrigblicb, wenn man es auf mm ״religiösen“ Charakter begrenzte, — daß man außerhalb ,fieses ״Religiösen“ nichts als Europäer war, Deutscher, Frauiv.t, I'11g!;i11(ler, — das war allen gewiß. Mithin bedeutet die zionistische Wandlung dem Ideal nach die Wiederherstellung der vollen Lebensfunktionen, und zwar weit hinaus über das, womit die vormetulclssohnschc Zeit sich zufrieden gegeben hatte. Nur mit dem Unterschiede״ diR das bis Mendelssohn reichende jücische Mittelalter alle seine Gedanken und kulturellen Anliegen mit tiefem Ernst und einzigartiger Opferbcrcitsehaft als den Ausdruck totaler relipmer Verpflichtung erlebte, während der Zionismus, darin 'oliig das Kind des 19. Jahrhunderts, der Haltung des kill tu* Klleu Liberalismus folgte. Die Richtigkeit dieser Feststellung wd gerade durch die Stellung des religiös-konserva* Hven Zionismus bestätigt. Denn wenn ein Misrachi das Aufbauwerk im Oeist des Religionsgcselzcs geleistet sehen '111. so heißt das auch nichts anderes, als daß der Kern des Judentums als eine sich allseilig auslcbendc Volksindividuali- W betrachtet wird, innerhalb deren Grenzen der religiösen; Forderung!׳in angemessener Beilitigungsraum zu verstatten ist. 1^1* Qualität des Judentums als einer primär nationalen Größe wird dadurch nicht an gelastet. Abstrakt zu Ende gc- Ficht würde das bedeuten, daß innerhalb des Judentums die Rdigfrm keine andere Stelle eiuzunehmen hätte als innerhalb «ms anderen nationalen Ganzen, wobei wir uns nur beim Schicksal zu bedanken hätten, daß in unseren Reihen keine konfessionelle Spaltung die Einheit stört, auch wenn faktisch «InolLtc Unterschiede von hingehender Erfülltheit bis zu dezi• •hcrlcin Unglauben Schwierigkeiten bereiten. freilich ergibt sich bei näherem Zusehen ein anderer Sachverhalt. Fs ist vielleicht möglich, Menschen jüdischen äiniiiics, durch ein gleiches Schicksal zu starker Solidarität zu•!,1"׳niongcsilnycißt, durch den Glauben an eine gemeinsame Zukunft ,ineinander gefügt, von ähnlicher Seeieiihnltung und Wstvsirt als Einheit geprägt, zu gemeinsamem Aufbauwerk J!ul nationaler Wiedergeburt zu begeistern, ohne daß die tra* '■:tinueiie Religiosität dabei eine schwerwiegende Rolle spielt.! Uiiuiglicb aber ist es, aus der geschichtlichen Religion def juacn, wenn man sie nicht vollständig entstellen und entker* Se" «ill, den nationalen Charakter auszu scheiden. Und wir jetzt vom nationalen Charakter der Religion sprechen, *0 meinen wir nicht die Selbstverständlichkeit, daß sie wie!eJes seelische Gebilde den Erdgeruch des Ursprungs in einer konkreten eigengeprägten menschlichen Gemeinschaft trägt. 011Gern wir denken an die einzigartige Beziehung, die hier dia ’״'«schliche Haltung zum Göttlichen mit einem bestimm* .,Cn Volke cinpcgaiigcn ist. Erwählung und Offenbarung, c"Kmnsgcsetz, Mcssinsglnubcn, Land der Verheißung, die '[Öffnung eines Volkes und seine Verzweiflung, die ganze nie ׳uiünitciuio Afinosphiirc der Frömmigkeit, das alles wurzelt ot|l'f im Bekenntnis zu einem Volkstum, daß die Religi• ״sMi[f;,ss-11״g j״s Wesenlose zerstiebt, die diesen Kerngehalt 0?reformieren will. Erst auf Grund der Anerkennung dieses U||dame״ts ergibt sich die gewiß nicht fehlende all um- ,Ss°׳ule Liebe zur Menschheit, der jüdische UnicrsallS1m1s. Der Zionismus hat das wohl gesehen und ün ״wpf gegen Auffassungen, die der echten jüdischen Religion e'nc verkehrte Humanisierung das Rückgrat zerbrechen °l״'n, immer betont. , Aber diese Stellung bleibt Polemik, bloße Abwehr, wenn Pn״vC^ Baisse Folgerungen in die Richtung der *ig*®*״ ״,^on hin ziel)» will. Ist uiwcrt Religio* *a.ti0®al dard► wachsen, dann kann offenbar ein Nationalismus, der mehr bewirken will als bloße Kolonisation, der sich mit vollem Recht auf das ,,heilige Land" zäh verheißt und die volle körperliche u 11 ח g e i s t i g e Regeneration des jüdischen Volkes erstrebt, Religion nicht als ״Privatsache“ betrachten. Denn man kann doch offenbar ein Volk zu seinem ureigenen Wesen nicht vermittels erfolgreicher Diplomatie, Allcrweltstcclmik und intcrnationaler Wissenschaft zurückführen. Sondern wie die reine Seele das Ziel aller nationalen Arbeit sein muß, so wird die Erziehung zu diesem Ziel nur durch die Kräfte vollbracht, die ihm seine geschichtliche Persönlichkeit gegeben haben und an die wir glauben. Nim ist es klar, daß die Erstarkung des in die Zukunft gerichteten Willens, der I loffnting des jüdischen Volkes, längst dm Sinn fi 11־ die Vergangenheit erschlossen hat. Und da die Gestalten uml Ereignisse unserer Geschichte, die tiefen Bemüliimgcii 11111 das alle Lchcnssphärcii durchdringende ReligionsgcM'i/, imi die Klärung der dem Judentum sich stellendm philosophischen Probleme, die sichtbar hei unsern Alten alles .überschauende Bedeutung der Bibel nicht gut aus ihrer religiösen Verstrickung heraus,gelöst werden können, so ha׳i der Nationalismus• natürlich auch das historische Interesse an unserer Religion geweckt, Aber ein anderes ist das Wissen um eine Vergangenheit, selbst um eine ehrfiirchlig ßdiegte, geliebte Geschichte, ein anderes ein helles, waches Weit erleben des Geistes, der jene Geschichte formte. Wir wollen niemanden zur Religiosität überreden, die in .der Tat zwar nicht eine ״Privatsaclic“, wie es halb ironisch heißt, wohl aber eine höchst persönliche Angelegenheit bleibt. Wir wollen uns aber bewußt werden, daß gerade der jüdische Nation,׳llgedanko sich nicht mit dem respektvollen Distanzgefüllt begnügen darf, das jedes Volk gegenüber den großen Toten abgckuifmer Jahrhunderte besitzt, denen cs Mausoleen, für deren Werke cs Museen baut, sondern daß ihm zwar keine endgültige Antwort, gewiß aber ein ganz aktuelles und höchst legitimes Fragen n a c h der objektiven Bcdeu* tu ng der religiösen Idee obliegt. Es geht nicht an, daß er die Eierschalen seiner Entstellung Immer mit sich itcrnmtriigt. Hat er sieh einstmals mit entschlossenem Ruck der Wcltiucimmg entgegengestemmt, die den Individualismus als letzte Weisheit empfand und die Eingliederung der jüdischen Einzelwesen in eine national mul religiös scheinbar indifferent gewordene Umwelt als höchstes Glück und mcsslanische Er* füllung, so muß er auch energisch den zweiten Schritt tun und von der Eigenart und dem Anderssein der Juden nicht bloß in abstracto reden, sondern klar, verantwortungsfreudig und he«■ gründet darlegen, worin diese Besonderheit besteht. Das ist nicht damit geschehen, daß mail mit dem Zauberwort national, das doch mir die Tatsache der Untcrschicdcnheit einer Nation Von der andern und die allgemeine Summe der Besonderheiten׳ bezeichnet, sich der Pflicht einer sauberen Rcchcnschaftsable* gung entzieht; mich nicht damit, daß man offenkundige Entßlcisimgcn auf der Seite der Assimilation festnagclt, was ge* wiß auch notwendig ist. Sondern es geht darum, daß man, ohne selbst in den Fehler zu verfallen, den Teil für das Oanze auszugeben, mit Ernst und mit Treue den totalen Oeist jfldlsrher Volkshoschnficuheit auszuscliöpfcn sticht, ln ihm wird man, wie auch der Schreiber dieser Zeilen des öfteren schon aufzuzeigen sicli bemüht hat, ein durchaus nicht auf der Hand liegendes Verhältnis zwischen den im engeren Sinne religiösen Anliegen unfl dem Nationalen, d. ht. verstandigerweise dem Totalgehalt dieses Geistes, finden. Also sind folgende Aufgaben zu erfüllen, an denen diese Blätter mitarbeiten wollen: t. Die jüdische Religion ist ln Ihrer vielseitigen Verflechtung mit dem jüdischen Oesarntleben zu erfassen; wobei die Hinkehr zur Geschichte wollt ein Hilfsmittel zur Klärung vieler Fragen sein wird, die Archäologie aber nicht Ersatz fiir erstorbenes Leben werden darf. Der Zionismus hat, indem er die jüdischen Menschen vor ein gewaltiges Zukunftswerk gestellt hat, die Spannung zwischen den ernst zu nehinenden religiösen Richtungen gewiß nicht überbrückt, aber stark gemildert. Wir halten es für möglich, daß auf dem gemeiiisamen Boden der Bejahung des Judentums eine fruchtbare Aussprache zwischen getrennten Gruppen stattfindet, die zunächst einmal ihre Differenzen auf eine klare Formel bringt, und zwar vom Grundsätzlichen her. Keine Vermitthmgsthcologie wird angestrebt, sondern die Ermittlung der Wahrheit. 2. Es soll nicht heim theoretischen Gespräch bleiben. Fragen der religiösen Praxis, der Rcligionspädagogik im weitesten Sinne, der Gestaltung von Gottesdienst und Predigt, der jüdischcn, mul zwar der r e li g i ö s - jüdischen Erziehung in der Öffentlichkeit wie in Schule und Haus müssen von jener Grundlage lur in Angriff genommen werden. Was jetzt schon in unseren jüdischen Schulen auf diesem Gebiete geleistet wird, soll bekannt gegeben und im Austausch der Erfahrungen zum wertvollen Gemeinbesitz erhoben werden. Denkt man nur daran, daß der I laupfanstoß, den das positive Judentum an der Httirgischen Reform genommen hat, in der Ausmerzung des nationalcn Gehalts einschließlich der Zurücksetzung des Hcbräischen beruht, so wird klar, wie breit die Basis gemeinsamer Arbeit beim Wegfall jener Stürungsquellcn sein kann. 3, Hrezjisrael fesselt unser!! Blick; aber es bezaubert ihn nicht in kritiklosem Entzücken. Nach dem alten Satz soll seine Luft weise machen. Wir können aber an diese Weisheit nur glauben, wenn die Stärke und Eigenkraft unseres alten Geistes sich in dem neuen Gemeinwesen offenbart. Im Gallith kann es auch für den ehrlichsten Willen nur ein fragmentnrisch-jüdisches Lehen gehen. Zu dem totalen, das — wie wir hoffen —, dort aufwachsen soll, gehört die Besinnung auf linseren religiösen C.li.irakter. Wenn gerade auf diesem Gebiet Heimat und Diaspora sieh gegenseitig beschenken könnten, so wäre es ein herrlicher Gewinn. Doch die nächste Aufgabe ist cs, daß beide voneinander wissen, was sie wollen. Aber zuerst muß das Eis gebrochen sein; denn es kann keinen Sinn haben, das Oottcsbuch, Propheten und Psal* tnisten, die Lehrer des jüdischen Gesetzes, Rcligionsphiloso* phen, gottrunkenc Sänger, Mystiker, heilige Märtyrer, ja schließlich ein ganzes Volk, das mehr als irgendein anderes um seines Glaubens willen gelitten und geblutet hat, sozusagen als die kostbarsten Inventarstücke mit Stolz im nationalen Re* gister aufzuführen״ wenn wir nicht selber von dieser Art einen Hauch verspüren. Das ist der ״nationale* Instinkt, der unsere Arbeit erfülle* muß. Palästina unter ilieoloflischem Aspekt Von Rabbiner Dr, Max Elk, Stettin , F),1s Verhältnis ״Jüdisches Volk — Religion'׳ ist heute wieder zum Problem geworden. Die neuere theologische Besinnung hat theoretisch die unlösbare Verknüpfung zwisehen dem jüdischen Reli üonsbcgriif und dem voiksnegriff erkannt. Der Zionismus, der Aufbau des Volkes im eigenen Lande, wurde so als Voraussetzung einer religiösen Neubclcbuitg. betrachtet. So klar und deutlich aber der theorctixchc Zusammenhang zwi-dien Religion und seinem spczlfischen Träger ist, so problematisch ist dieser Zusammenhang . in der pal.istinensi׳.dien Realität geworden. Welches ist die Stellung, die das religiöse!.eben im werdenden Palästina cinnimint? Die Zeit der bewußten und betonten antireligiösen l'iiistcilimg scheint vorüber zu sein. Aber* gerade bei den aidliauwilligsteii Teilen des Jischuw, bei den Arbeitern lind Lhaluzhn, fehlt häufig die positive Wertung der religiösen Uchcrlicferung. Iler Wandel zu einem aktiven Leben, die Reaktion gegen das Leben im (ialuth, das in seiner Passivität immer mit der Last einer religiösen lieberlieferiitig verknüpft erscheint, mit einer Gesinnung, die alle vitalen, aufbaiidriiiugenden Kräfte hemmt, das Verfallet««!) au eine, fiir uns längst überholte volkstümliche Aufklärung: all da* wirkt zusammen, um ein Verständnis, geschweige denn׳ ein positives Verhältnis zum religiösen Leben unmöglich zu machen. Der Gedanke, daß unserer religiösen Welt vom neuen Palästina aus eine BcKTumg in neu erfüllter Sitte und in neuen reli pösen Formen zuteil werde, hat sich bis jetzt nicht bestätigt. Ls werden schone Feste dort gefeiert, Purim, Lag b com er, Chainischar-assar bischwat; liier sind Ansätze zu einer neuen Fcstgcstaitung gegeben. Aber die großen nationalen Feiertage, Feste, die zugleich eng mit dein Lauf der Natur verbunden sind, sind noch nicht in das lebendige Leben cingetrcten, ganz zu schweigen von jenen Tagen, die vor allem zur Seele des Einzelnen sprechen. Die Feier des Schahbath kann darüber nicht wegtäuschcn. Das Sabbaterlebnis in Palästina ist etwas großes. Aber der siebente Tag ist etwas ganz aiulcrcs geworden, als der Sabbat, wie wir ihn liehen. Für die meisten ist er der soziale Ruhetag allein, der Tag der körperlichen Ausspannung, des Sportes, der am Werktag zuriiekgesteilten Arbeit usw. 111 den Oncg Schahbath- Nachmittagen versucht man ihn inhaltlich neu zu erfüllen, aber auch das ist zunächst ein Beginnen, das sich auf einen begrenzten Kreis beschränkt. Die religiöse Indifferenz kennzeichnet gerade jene, die ihrer Leistung und ihrem Typus nach dem Lande den Stempel aufdriieken. Trotz alledem, wer das Land besucht hat, spürt ein Gefühl des F r 11 0 h c n s c i n s, für das kein anderer Vergleich paßt, als der ans der religiösen Sphäre. Wenn sieh das Gefühl des Ein/elnrn sonst am Geheimnis seines Schicksals entzündet, so hier am Lehens- und Schicksalsgeheiinnis seines Volkes. Wicdcraufcrstehen als Wirklichkeit! Als phrascnlosc und schmucklose Wirklichkeit. Auf einem Boden, der bei aller europäischen Zivilisation, soweit sie ihn überhaupt erreicht bat, das Geheimnis starken früheren Lehens trägt, der Gottrskämpfe und Oottesoffenbarmtgen früherer Epochen, ln einer 1 andschatt, die in ihrer Weite und Herbheit den Menschen bis zur Wurzel packt, in diesem Anferstelien, hier auf diesem Boden, in dem Wunder dieses neuen Werdens, liegt ein neuer religiöser (irmid. Daß der Einzelne zuriiektritt, zurücktrcfen muß, auch mit seinem tiefsten seelischen Begehren, gibt diesem religiösen Unterbau seine eigene Art. Wenn mir eine alte galizischc Jüdin von den Ciialuzim einer Kwuzah gesagt hat: ״Was die arbeiten, ist wie dawnen“, so liegt darin die Kcnnzeichmmg einer religiösen Welt, einer aktiven, formenden, bauen* den. Ich sage religiöse Weit: es sind nämlich alle Impulse des religiösen Lehens, des Bctcns, des Wartens, der Erhebung, des Sidi-Vcrliercns eingegangen in diese Arbeit. Deshalb darf man, muß man die Arbeit des Aufbau» Religion nennen, so arcligiös, so antireligiös sie sich manchmal gebärden mag. Noch aus der antireligiösen Geste spricht die Sehnsucht nicii einem neuen!.eben. — Ganz, allmählich tritt dieses unbewußte Verhalten in das Bewußtsein der Menschen dort. Man tastet hier und da nach einer erneuten Beziehung zur Tradition, man fühlt mehr oder weniger klar die Notwendigkeit eigener urspihinglieber jüdischer Werte. Fs ist alles noch unbestimmt, noch im Halbdunkel neuer Erkenntnis. Fs scheint mir sicher, — und bessere Beobachter des Landes weisen darauf hin —, daß ein neues reli- K i ös cs Leben im Lande erwacht, daß früher oder später die einzelnen Elemente zu einem festeren Gefüge zusammentreten werden. Damit erhält dns theologische Denken eine neue Aufgabe, In welcher Weise kann die gcgebene jüdische Religiosität bei diesem Prozeß helfen? Kann sie helfen? Dabei kann nicht von der orthodoxen Priigung der Religion die Rede sein. Die Orthodoxie und der Misrocht mit ihren Schulen, Kolonien und Zeitungen bilden eine Enklave, aber sic beeinflussen nicht das leben der Kreise, von (lenen hier in erster I inie die Rede ist. Der objektive Beobachter siebt auch keine Möglichkeit, daß die vorhandenen religiösen Ansätze der Auffassung der Orthodoxie zustreben. Hier ist der grundsätzliche Gegensatz zu stark. Aber eine nicht-orthodoxe Auffassung der Tradition, die selber das Werden und den Wert, aber auch die auflerrelk'iöscn Bedingtheiten der _ Tradition anerkennt, kann eine solche Aufgabe erfüllen. Line Uebertragung der westlichen ״liberalen'׳ Religiosität kommt dabei nicht in Betracht. Sic ist zu sehr mit den sozialen Bedingungen de» westlichen Bürgertums verknüpft, mit den spezifisch geistigen Voraussetzungen des 10. Jahrhunderts, mit der poütisehen Assimilation der vergangenen Epoche. Daß aber auf der anderen Seite in dieser iiichtorthodoxcn Frömmigkeit Keime und Elemente eines religiösen Lebens auch für Palästina liegen, scheint außer Frage. Es ist bei aller Be- Wertung der Tradition die freiere Betrachtung da, die Möglichkeit natürlicher Verbindung mit den Forderungen und Gegebenheiten des Lehens dort. Die Rolle der theoiogisclien Wissenschaft soll dabei nicht überschätzt werden. Sie kann Religion nicht ,,machen". Religion wächst aus unbewußten Gründen, Sie kann aber darauf hindcuten, in welcher Weise vorhandene Keime entwickelt werden können, Probleme, deren Lösung schwer erscheint, gelöst werden können. Die Frage, die immer wieder auftaucht, ist die der religiösen Lebenspraxis, Iin orthodoxen ludcntum gibt cs darauf die eindeutige Antwort, daß die aus der Vergangenheit überlieferten Formen in ihrer Eigenart vollständig zu bewahren seien. Die liberale Theologie hat immer und immer wieder nach einem Kriterium gesucht, nach dem sie eine Auswahl in den Traditionsformcn treffen könne, ln dem Begriff des Volkes und des Aufbaus Ist ein eindeutiges Kriterium gegeben. Mir scheint, als ob hier einer grundsätzlichen Frage eine grundsätzliche Antwort gegeben wird. Das liberal-religiöse Judentum hat sich bemüht, da» Kriterium dafür 2a fmdeB, wa» ut Tradition lebendig bleiben kann, wu nicht.