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Jüdische Rundschau · 1925-06-23 · Heft 49 (23.6.1925) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXX (1925)
Issue
Heft 49 (23.6.1925)
Date
1925-06-23
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 434 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 40 Der Morgen Mit einigen prinzipiellen Bemerkungen Ober liberales Judentum. Von Hanl Kohn, London. Da» liberale deuUche Judentum hat sich In der neuen Zweimonatsschrift „Der Morgen" ein repräsentative« Auadrucksmittel geschaffen. Wir begrüben diese Zeitschrift. Das Judentum und Insbesondere das deutsche Judentum ist heute, nich dem zumindest zeitweiligen Verstummen des „Juden", nicht so reich an kulturellen Aussprachemöglichkcltcn, daß nicht jede neue Qründung willkommen wäre. Wir begrüßen den „Morgen" noch aus einem anderen Grunde. Er Ist uns ein Zeichen jener alle Kreise und Lander erfassenden Welle eines neuen Bewußtseins, die durch das Judentum geht, und die herbeigeführt zu haben vielleicht das größte Verdienst der Bewegung ist, die man als die der Zionslicbe bezeichnet, und deren Aufkommen in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts den Markstein des Beginnes der neuen Geschichte des Judentums bedeutet. Dem Judentum drohte damals völlige Auflösung In einer refonnatorischen Assimilation, die nur die Vorstufe zur Taufe jener war, die in der Blutleere dieses Reformismus keine Werte mehr entdecken konnten, oder Erstarrung In einer Orthodoxie, die es nicht wagte, der Wirklichkeit Ins Auge zu sehen, und dem Tode verfallen war, da die Jugend ihr entfloh. Die Zionslicbe brschtc einen neuen belebenden Strom In das Judentum. Sie stand nicht nur am Beginn der neuen hebräischen und jiddischen Literatur; sie bezeichnete den Beginn einer jüdischen Literatur in allen Sprachen; sie bereitete nicht nu,- die Bahn dem politischen Zionismus und der neuen nationalen und sozialen Aufbauarbelt in Lindern (üdiseher Masscnsiedlung, sondern an ihr entzündete sich auch von neuem die Lebenskraft des liberalen und des orthodoxen Judentums in allen Landern. Das Judentum ward wieder lebendig, weil es wieder zum Problem wurde. Durch die Zionsllebe wurde das Judentum auch im Westen aus einem Kultbegriffe wieder zu einer geistig.seclischen Wirklichkeit. Für das liberale Judentum war das Judentum vorher nur eine sehr verflüchtigte, sehr verschwommene und daher auch wenig verpflichtende allgemein menschliche Ethik geworden, die sich mit dem Lehen in den konkreten Staaten und In der konkreten Wirtschaftsordnung der Gegenwtrt sehr gut vertrug. Meute sucht das liberale Judentum ebenso zu den Jüdischen Quellen herabzusteigen wie die Zionistcn und wie der lebendigere Flügel der Orthodoxie und will bewußt als ein Glied in der Kette jüdischer Geschichte stehen. Die Sonderling der Wege ergibt sich nicht hier, sondern erst bei der Betrachtung des Morgen, der Mittel und Wege, diese jüdische Wirklichkeit'reicher, voller und dabei zugleich einheitlicher zu gestalten'). Als die Grundzüge des liberalen Judentums in seiner heutigen Form kann man seinen Eklektizismus ansehen und die Erkenntnis, daß das Judentum ein geistiger Prozeß ist, der srinc Einheit durch die Jahrtausende bewahrt und der heute noch nicht abgeschlossen ist. In diesen beiden Punkten stehen wir der liberalen Oruudanschauung nahe. Der altere Liberalismus hat aus seinem kämpferischen Gegensatz gegen die Orthodoxie heraus den Talmud bekämpft und verworfen und die Allcingültigkcit der Bibel verkünden wollen. Der neue Liberalismus naht der Bibel kritisch und hat in seiner Kritik am Talmud das Große und Oöttliclic auch in dieser ungeheuren Literatur erkannt. Dieser Standpunkt Ist in zwei Werken führender englischer liberaler Juden in der letzten Zeit zu vorbildlichem Ausdruck gekommen, in Gaude O. Montcfiorcs „The Okl Testament and aftcr" und in Israel Abrahams „Some permanent valucs In Judaism". Beide Bücher, Abrahams In einer selten schönen prägnanten Sprache, Montcfiorcs in größerer Ausführlichkeit und an der Hand vieler Zitate., suchen in den verschiedenen nacheinander folgenden Schichten der jüdischen Entwicklung, dem biblischen, dem hellenistischen und dem talmudischcn Judentum, die für das liberale Judentum bleibenden Werte aufzuweisen. Ihr Eklektizismus tritt vielleicht bei Montcfiore in sch5rferer und daher manchmal zum Widerspruch reizenden Form hervor. „Der liberale Jude steht in glücklicher und klarer Freiheit über den Tatsechen und über den Quellen, bereit auszulesen und zu wühlen, anzunehmen und zu verwerfen, anzupassen und anzueignen, auszuscheiden oder zu beschränken, zu reinigen oder zu verallgemeinern. Auf der Basis du Alten Testamentes oder, besser gesagt, auf der Basis des Besten Im Alten Testamente, wird das liberale Judentum mit Hilfe all der späteren Aasdrucksformen des jüdischen Geistes sein eigenes Gebinde errichten, ein Gebäude, immer mehr oder weniger vollendet, aber niemals zu Ende gebrach*.*' Aus dem Alten Testamente, dem Neuen Testamente, der rabbinischen Literatur und der hellenistisch-jüdischen Literatur sucht das liberale Judentum nach Montefiore die wertvollen Elemente heraus. Charakteristisch ist c«, daß er in seiner Schilderung Philo am meisten gerecht wird, am wenigsten trotz der Ausführlichkeit, mit der es behandelt, dem rabbinischen Judentum. „Es war ein Unglück, daß die großen intellektuellen Fähigkeiten der Rabbiner keinen Maßstab und keine Ausbildung fanden außerhalb der engen Bahn und des engen Horizontes ihrer eigenen Lehihäuscr. Dieser Mangel muß ein Orund sein, weswegen sie oft nicht das Große vom Kleinen, das Feierliche vom Alltäglichen unterscheiden können, oder warum so viel In ihrer Lehre so «Indisch und so absurd erscheint." Aus dieser Enpe hat glücklicherweise der Fortschritt das Judentum auf die Höhe des neunzehnten Jahrhunderts gehoben. „Wenn «las Judentum niemals mit Mcndclsohn In daa Licht der westlichen Kultur getreten wäre, bitte »c» die Gelegenheit verloren, welche es seither genießt, seinen rechtmäßigen Platz inmitten der systematisierten Kräfte der modernen Zivilisation •) Dies so auszudrücken, wie es Im vorliegenden Heft des „Morgen" auf Seile 130 geschieht: „Es ergibt sich daraus zunächst eine scharte Abgrenzung gegen die Zionistcn, die in der Hauptsache zunächst politische Arbelt wollen, wahrend die .Kameraden' kulturelle Ziele verfolgen. eine schwerere und. problematischere Arbelt, als es die der Zionistcn vorsieht. Jüdische Wirklichkeit ist Ihnen ein gclstlg-sccllschcr Begriff, keine Volks- oder Rasscnfragc", Ist wohl nicht ganz zutreffend. Das soziale Substrat, den Trager der gelstlg-sccllsehen jüdischen Wirklichkeit, wirtl man als Volk, Yasse, Stamm, Nationalität oder mit irgendeinem aThnllchen Worte ansprechen müssen, und jede kulturelle Arbeit Innerhalb einer bestimmten Oruppe wird auch danach streben, Ausdruck In fcLJ^ft^Vi*1 °««taLtun* mciucWlchta Zusammen leoens zu finden, d. h, politisch werden. einzunehmen." Es Ist ober fraglich, ob da» liberale Judentum oder überhaupt das Judentum des neunzehnten Jahrhunderts eine wirkliche Stellung Innerhalb der Kräfte der modernen Zivilisation im jüdischen Sinne einnimmt, oder ob es nicht vielmehr die Nachwirkungen des biblischen und des talmudischen Judentums sind, die das ausmachen, was man den jüdischen Einfluß Im guten Sinne unter den Völkern heute nennen kann. * Israel Abrahams wurzelt tiefer Im historischen Judentum ats Claude Montcfiore. Bei aller Ihrer Kürze sind seine Vorlesungen über die ewigen Werte Im Judentum neben Dr. Leo Baecks „Das Wesen des Judentums" die beste Einführung in die gegenwärtige Form des liberalen Judentums. Für ihn Hegt der Wert des JuJcntuins darin, daß es eine geschichtliche Religion Ut, nicht eine bloße unltarischc Ethik. „Unser Ist ein Gott der Geschichte, und In unserer Vorstellung von ihm, unserer Liebe zu Ihm, unserem Gehorsam vor Ihm lebt und spricht unsere Geschichte; primitive Ideen sind in Ihr noch immer lebendig und bereichern unsere gegenwirtlge Vor. Stellung mit vergangenen Werten." Und gerade an« dieser Verwurzelung in der Geschichte erkennt er, daß das Judentum eine nationale Religion Ist. „Das Ergebnis war, daß der jftdlsclic Unlvcrsalisinus niemals die Sjwren seines Nationalismus verloren hat und vielleicht niemals verlieren kann." Aber in Abrahams wie in Montcfiorcs Darstellung werden die Mängel und Einseitigkeiten des liberalen Judentum« deutlich. Wir gießen immer unsere Gedanken in die Terminologie des Zeitalter». So sprachen die Rabbiner In der gleichen Art wie die christliche und die mohammedanische Scholastik, und die Mangel Ihrer Redeweise sind die Mängel Ihrer Zeit. Das liberale Judentum Ist ein Klnd^ des neunzehnten Jahrhunderts. Es spricht seine Sprache 'und hat «eine Mängel, seinen Glauben an Fortschritt und an die eigene Vollkommen, heit. Es nennt sich mit Stolz den Nachkommen de« 'prophetischen Judentums und will doch die Religion des guten Staatsbürgers sein und ist es. Der Vater des liberalen Judentums Abraham Geiger hat in seinem grundlegendem Buche „Das Judentum und seine Geschichte" diese Oleichsetzung in die Vergangenheit projiziert. Die Pharisäer werden ihm zu typischen Liberalen der 43 er Jahre und zu religiösen Reformern. „In Wirklichkeit waren sie der Kern des Volkes. Ihr Streben war die Gleichberechtigung aller Klassen, Ihr Kampf ein Kampf, der In allen Zeiten, wo es ein Tucbllges gilt, sich wiederholt, ein Kampf gegen Priestcrtiiiu und Hierarchie, gegen Bevorzugung einzelner Klassen, ein Kampf gerade dafür, daß nicht in der Acußerlichkcit allein der höhere Wert gesetzt werde, sondern in der Innern religiösen Oesinnung." Und diese unhisiorischc Perspektive, geboren aus den Bedürfnissen der eigenen Zeit, durchringt Geifers ganze Auffassung, „Luft und Licht verlangt das Judentum, und wo sie Ihm geboten werden, Ist seine Heimat, da fühlt er sich wie im Vatcrlandc, als wäre er seit Jahrhunderten daselbst eingebürgert. Das Judentum bewährt hier seinen umfassend menschlichen Charakter, überallhin seine Saaten zu tragen und Anteil zu nehmen an dein dortigen Volksleben." Dieser scheinbare Kosmopalitisimis, diese Wahl des ubl bene, ibl patria als Losung des Judentums klingt nicht mehr zu nationalistisch, aber tatsächlich handelt es sich diesem liberalen KosmopoUtismus und Unlvcrsalisinus nur um die Leugnung einer jüdischen National!'.*!. Dagegen verträgt sich ihr Universalismus sehr wohl mit dem Nationalismus, ja Chauvinismus anderer Völker. „In meiner Religion darf es nichts geben, was meiner Staatsbürgerschaft zuwiderlauft", sagt Claude Montcfiore. Und hier ist es, wo das liberale Judentum trotz aller seiner Versuche, ernstlich um Religion zu rliigen, am stärksten fehlt. Es errichtet sich eine Norm, die mit Religion nichts zu tun hat, die des guten Staatsbürgers. Religion aber meint ein göttliches Gesetz, das In seiner Absolutheit sich über das Staatliche erhebt, es richtet und, wenn nötig, verwirft. In jeder wahren Religion ruhen die Elemente, die der Staatsbürgerschaft zuwiderlaufen. Arnos, Jeremia und Jesus auf jüdischer, Jesus, Tcrtullian und August!» nus auf christlicher Seile machen es Jedem liberalen Rabbiner oder Pastor schwer, seinen Frieden mit dem Staate und der bestehenden Gesellschaft zu machen, wenn sich der Rabbiner oder Pisfor ats Nachfolger in ihrer Linie wissen will. Und Iii dieser Vcrstaatsbürgerlichung liegt die größte Oefahr des liberalen Judentums. Israel Abrahams sagt In seiner Definition des liberalen Judentums in Hastingx Eucyclopacdia of Religion and Ethics, daß das liberale Judentum „an eine geistige Kontinuität der Zeitalter glaubt und die Gesamtheit der jüdischen Offenbarung als eine geistige Erfahrung betrachtet, die alle Generationen der Juden, einschließlich der gegenwärtigen, miteinander verbindet". So bleibt dem überalcn Judentum die Einheit in der Zeit gewahrt, die Verbundenheit mit ihrem Volke rückwärts gewindt. Was Ihm aber, in verschiedene Staatsbürgcrschnltcn gcUllt, entgleitet, ist die Einheit im Räume, der Zusammenhang mit dem ganzen lebendigen jüdischen Volke und die gegenseitige Befruchtung und Anregung durch alle lebendigen Keime, die in ihm in einer bestimmten Zeit sprießen. E» war wiederum das Verdienst der Zionslicbe, diesem Mangel, der die Auflösung des Judentums und seine Zersetzung in viele absterbende Judentümer zur Folge gehabt hätte, abgeholfen zu haben, Indem sie auf das einigende Band hinwies, das vom Zlonsgcdankcn aus das Judentum nicht nur in der Vergangenheit zusammenbindet, sondern es auch In Ocgcnwart und Zukunft wie mit einem lebendigen Strom zur Einheit umschifft. Dennoch hat das liberale Judentum seine große Bedeutung In unserer Oeschiclite. Es hat die Starrheit der letzten Jahrhunderte des Ghettos zerbrochen. Es hol uns In einen lebendigen Zusammenhang hineingestellt, der wächst und flutet, wenn es auch nicht den Mut halle, dieser seiner eigenen Kühnheit ins Auge zu sehen. Prof. Ismar Elbogcn konnte mit Recht bei der Abraham Qciger-Gcdüchtnisfcler im vergangenen Jahre sagen: „Geiger erbüdet In der Ocgcnwart das Produkt der Vergangenheit, in dem, was ist, das Gewordene, da« Gewachsene, und er setzt dem Begriff einer einmaligen mechanischen Offenbarung den einer «ich organisch entwickelnden Tradition gegenüber. Die Tradition Ist die Kraft der Entwicklung, wclclic im Judentum fortdauert als eine unslcht. bare Schöpferin, als ein gewisses Etwas, das niemals seine volle Ausprägung erhält, aber Immer wirkt und schafft. Die den Körper belebende Seele ist Innerhalb des Judentums die Tradition. Sie ist die ebenbürtige TochteT'der Offenbarung. Sic schwankt nie und wird nicht schwinden innerhalb des Judentums. Sie ist der Stempel, der die Zeit befruchtet und bei Jeder Berührung mit der Außenwelt, Je nach den B«. dürfnlssen auch neu gestaltet werden muß." Jn dieser Hinsieht stehen wir entschieden «rt den Schultern dieses frühen liberalen Judentums, Die Entwicklung des liberalen Judentums war unzwellel. halt in den letzten Jahren In England und vor allem In Arne, rlka sehr stirk. Sic hat dort ein neues Interesse und eine neue Lebendigkeit In jüdischen Fragen geweckt. In der Zeit, schrill „Der Morgen" findet nun auch das liberale deutsch« Judentum einen Mittelpunkt für seine Oedankenwelt und ihre Auswirkung. Das erste Heft, das vorliegt, steht auf einem außerordentlich hohen Niveau und repräsentiert würdig die jüdische Oruppe, für die es steht, was aber bei aller Vorzügllchkclt der einzelnen Aulützc zu fehlen scheint, Ist eine gemeinsame geistige Atmosphäre, wie t* Zeitschriften eigen ist, die aus dem Leben einer ringenden Gemeinschaft selbst geboren werden. Bei aller Vorzüglich, keit der einzelnen Aulsätre könnten alle diese Aufsatze auch anderswo stehen. Es ist keine Notwendigkeit für Ihre gc. mclnsamc Verbindung da und es ist nirgendwo etwa«, du mit Entschiedenheit einen neuen Willen, ein Morgen an. kündigt. Zu bedauern Ist, daß die Jugend darin so wenig zu Worte kommt. Wenn sie von Ihrer jüdischen Not und von ihrer Jüdischen Besinnung spräche, so würde es sich zeigen, wie viele Voraussetzungen dieser liberalen Jugend mit einem großen Teil der zionistischen Jugend und dem Judentum in allen Undcrn gemeinsam sind. Der Heraus, geber der Zeitschrift sagt In seinem Programm: „Wir sind nach Abstammung und Religion Juden, nach Kultur und Vaterland Deutsche. Unsere schlcksalsniißig gegebene und bejahte Lebensform als .geeinte Zwlcnatur4 soll nicht durch unfruchtbare BegrifUtUmclel ausgestattet werden. Wir wollen aussprechen, was wir sind." Unfruchtbare Bcgrlffstümcleicn sind sicher zu verwerfen. Aber auch das Wort .geeinte Zwie. nntur1 erscheint uns als ein unfruchtbarer Begriff. In irgendeiner Weise ist jeder nicht ganz primitive Mensch eine Zwienalur, oder mehr noch eine Verbindung mehrerer Naturen, und dabei doch geeint. In diesem Sinne unter, scheidet sich der deutsche Jude In nichts vom französischen, englischen, amerikanischen oder russischen. Das Problem der Auseinandersetzung des Juden mit seiner deutschen, Iran, zösischen oder anderen Umwelt ist unzweifelhaft ein wich, tiges und ein interessantes Problem, und es wird uns freuen, wenn „Der Morgen" zu dieser Auseinandersetzung beitritt. Das Judentum hefindet sich seit hundert Jahren in ein-m Gestattwandcl, ähnlich wie die ihn unigebende Welt oder vielleicht in noch höherer Weise. Diesem Gcstaltwandel nach, zugehen und zu untersuchen, wie er uns bccinllunt und wie wir uns in ihm wandeln und doch die gleichen bleiben, ist eine wichtige Aufgabe. Ich selbst habe versucht, ihr in Studien über deutsche, französische, tschechische und amerikanische Juden nachzugehen. Das Ergebnis war, «Lifl. so groß auch auf der Oberfläche die unterschiedlichen Nuancen scheinen mögen, im Grunde ihres Wesens alle diese verschiedenen Juden aus verschiedenen Ländern und Kulturgebieten dennoch jüdisch sind und die gleiche Sprache reden. Das Erbe der Jahrtausende bleibt überall so entscheidend, daß von einer Zwlcnatur im Wesenhaften kaum die Rede sein kann. Ein Bcilrarj von Dr. Leo Baeck „Kultur, zusammenhinge" In dem vorliegenden Heft des „Morton'« gibt gleichzeitig Antwort auf dieses Problem. Die Kulturzusammenhänge des Menschen sind nath Baeck dreifach. An Bedeutung voran sieht der vertikale Kulturzu.sammrnhang. „Das Individuum, das aus einem geschichtlichen Boden erwächst, Ist vor Jahrhunderten geboren. Seinen Erdenweg trat es an, erfüllt von dem Leben vor ihm. Der Mcn«ch der Kultur hat als seinen Lebcnshesltz das Leben der Generationen, von denen das seine ausgeht. Es ist ein Eigentum, das er nich» ablehnen und aus dem er sich nicht herauslösen kann." In dieser Welse Ist unzweifelhaft Jeder einzelne von uns in seinem vertikalen Lebenszusammenhang ausschließlich Jude. Und bei einem Volke, das seine Geschichte mit einer solchen Iniensivitit erlebt hat, wie wir es taten, Ist dieser vertikale Icbenszusinmenhang von doppelter und dreifacher Stärke. Bei uns mußte die eigene Kultur „nicht bloß wie bei anderen übernommen und erworben werden, sondern sie mußte erstritten und errungen sein und nur, wer das vermochte, konnte sie besitzen. Das Eigentum verlangte oft ein Heldentum. Dieses Eigentum war zudem das Innerste und Tiefste, es war ein Eigentum an den ewigen Gütern, den Kampf dafür forderte das Gottesgebot. So'erhielt das Leben der Jahrhunderte ßcine Intensi\i(ä', «eine Energie, die den Einzelnen immer entschiedener bestimmte." Und Dr. Baeck findet sehr schöne Worte, wie dieses Schicksal der Jahrhunderte, das dem Individuum die stärkste Lebenskraft und Lebenssicherheil gibt, es zuweilen wie Lehenszwang bedrücken und daß daraus die Tragödie des Kamples des Individuums gegen die Jahrhunderte, aus denen heraus es geboren ist, entspringen kann und häufiger noch die Tragikomödie dieses sich befreien wollenden Menschen, Diese vergeblichen Bemühungen, sich den Jahrhunderten zu entziehen, haben den Juden des neunzehnten Jahrhundert» manchmal zu einem Menschen gemacht, der vor seinem eigenen Leben flieht. „Diese vertikale Linie bezeichnet den stärksten Zusammenhaut». Alle Verbundenheit hat aber auch ihre Erstrcckung in die Breite, ihre horizontale Linie." In dieser horizontalen Linie sind wir auch zuerst durch Familie und Freundeskreis mit dem Judentum verbunden. Es Ist ein jüdisches Milieu, In dem wir leben, und erst In weiteren Kreisen schließt sich daran die Kulturwelt, In deren Gegenwart wir stehen, die deutsche, die französische, die englische oder eine andere, und an Ihren Rändern schließen sich .wieder gar viele andere Kulturwellcn an, je nachdem wie breit unser Wissen und wie weit unsere Anteilnahme am allmcnschlichcn Geschehen ist. Diese horizontale Ebene unserer Zusammenhänge, aus verschiedenen Elementen gemischt, steht aber In Stärke weil zurück hinter dem eindeutigen vertikalen Zusammenhang unseres Lebens. Wir können sie ändern, indem wir reisen. Aber die Oeschiclite können wir nicht umgestalten. In dlcsea beiden Lcbcnszusammcnhöngcn sind wir Juden alle eins, wie wir uns auch nennen mögen. Die Scheidung beginnt erst bei dem dritten Elemente unseres Lebcnsiusanimcnhangcs, «Ins wieder ein vertikales Ut, das dynamische Element der Richtung. „Die beste Lebenskraft ist einer Kultur gewährt, wenn zu jener Senkrechten und zu jener Wagrechten noch dieses Weitere tritt, die Richtung, oder was dasselbe Ist, der Zukunftsgedanke, die messianische Idee. Der Judischen Kultur ist diese Richtung, diese Verbundenheit mit der Zukunft — und sie Ist wohl die wirksamste Verbundenheit — eigentümlich." Dem liberalen Judentum fehlt dieses dritt« Element. Es kennt keine Richtung In die Zukunft, die aus der jüdischen Vergangenheit käme. Es kennt keine jüdisch« Zukunft Denn es kann keine deutsch-jüdische, englisch- Judische, französisch-jüdische oder Ihnllchc Zukunft geben, «.1 'i i l 'i I 'A

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