Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXX (1925)
- Issue
- Heft 47 (16.6.1925)
- Date
- 1925-06-16
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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t V Seite 410 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 4? selbst in dieser Spanne Zeit »chon deutlich genug »ich ausgeprägt haben. Andererseits darf auch nicht verkannt werden, daß bei der Größenordnung der Zahlen, mit denen wir in der jüdischen Einwanderung und Kolonisation In Palästina bisher gerechnet haben, ein Zuwachs von einigen Zclmtausenden von Menschen im .Verlaufe von 1«/» J»hrcn eine relativ auOerordenllich schwerwiegende Größe darstellt, aus der — stets gemessen an den übrigen in unserem Jischuw Wirkenden Kräften — kolonisations p o Ii t i s c h e Konsequenzen gezogen werden können und müssen. Drittens sollte nicht allzu tclclit wiegen, daß die Zionistische Organisation, Ihr Kongreß und Ihre Exekutive, mit der Kundgebung Ihrer Kolonisationspolitik und mit ihrer voreiligen Neuwendung im Spiel der innerpoliti*chcn Machtgruppen gewiß nicht so lange werden warten wollen und können, bis ein abschließende*, wissenschaftlich exaktes Urteil gefällt werden darf. Man wird deshalb nicht umhin können, nach dem Mut zu sucheu, der an Hand von gegebenen Tatsache» «eine Konreption der Entwicklung — und sei et nur eine vorläufige Bewertung der Entwicklungstendenzen — gibt. Gewiß sind auch diejenigen im Recht, die behaupten, die vierte Alijah stelle an sich gesehen, gar keine völlige Einheit dar. Sie könne daher, weder positiv noch negativ, in Bausch und Dagcn abgeschätzt und beurteilt werden. Die vierte Alijah ist in der Tat kein einheitliche* und einförmiges Ganzes, so wenig, wie es irgend ein komplexes gescUschaftliches oder wirtschaftliches Phänomen Ist Auch wenn wir von kapitalistischer Gesellschaft, von der Arbeiterklasse, von einer Börsenkrisis, von Bctricbskonzentratlon reden, treffen wir nicht einheitlich und einförmig das Oanze der darin begriffenen Teilcrschcinungcn. Es gibt in Jeder kapitalistischen Oesellschaft Massen nicht kapitalistischer Elemente, in jeder Arbeiterklasse eine so außerordentlich weite Spannung differenzierter Stufen und Gruppen, daß sie jeder Definition spotten. Es gibt hei jeder ßörscnkrlsU glückliche Finanziers oder Gruppen, die von ihr nicht getroffen werden, und ganze Bctricbskomplcxe stehen außerhalb des Prozesses, dessen Tendenz zur Konzentration strebt. Was getroffen wird, Ist der tragende Typus einer derartigen umfassenden Erscheinung und das besondere dynamische Element, das ihrer Entwicklungstendenz zugrunde liegt. In diesem Sinne aber, und zwar nur in diesem, ist es möglich, auch von der vierten Alijah als solcher zu sprechen und ihre Analyse zu versuchen. — Es Ist also richtig, daß auch sie einen bestimmten Mengenteil von Elementen enthält, der außerhalb dieser Analyse bleibt. Es gibt Gruppen der vierten Alijah, dieser Alijah des „kleinen Mannes", die ohne weiteres mit der Absicht ins Land kommen, zur produktiven Arbeit, vielleicht sogar zur Landwirtschaft und Selbstarbeit in der Landwirtschaft, überzugehen. Es besteht keine Meinungsverschiedenheit darüber, daß sie uns willkommene Genossen sein werden, wenn man auch mit Recht besorgt sein kann, ob es Ihnen gelingen wird, den harten und außerordentlich mühevollen Weg zu gehen, den der jüdische Arbeiter gehen muß, bis er sich an die palästinensischen Arbeits- und Lebensbedingungen angepaßt hat. Es gibt andere Gruppen der vierten Alijah, die mit kleinen und schwachen Vermögen 'und mit gr-fltn Familien ausgestaltet ins Land kommen, da* kleine Kapital verzehren oder verlieren oder falsch anlegen und dann im Laufe einer kürzeren oder längeren Frist, vielleicht wider ihr Erwarten und ihre Absicht, gezwungen sind, zum Lager des arbeitenden jüdischen Jischuw zu stoßen. Es besteht keine Meinungsverschiedenheit darüber, daß ihnen mit Rat und Tat zur Seite zu stehen ist. Kann die Zentrale der landwirtschaftlichen Arbeiter, der Nationalfond» oder irgend eine andere Behörde etwas tun, um ihnen das harte Schicksal der Akklimatisierung an unsere Kolonisationsverhiltnisse zu erleichtern, so würe gewiß sündhaft, es zu unterlassen. Aber weder die eine noch dieandere Orappe ist die vierte Alijah. Weder aus der einen noch aus der anderen Gruppe geht ihr tragend sozialer und ökonomischer Typus hervor, weder die eine noch die andere kennzeichnen die Entwicklungstendenzen, die mit dieser Alijah unumgänglich verbunden sind Es genügt, den sozialen Habitus, die wirtschaftlichen Absichten, Wünsche und Vorstellungen derer, die die Misse dieser Einwanderung bilden, tagtäglich vor Augen zu haben, um das klar und eindeutig zu wissen. Stellt man nun aber die Frage nach der tatsächlichen ökonomischen und sozialen Struktur dieser Alijah und nach ihrer Bedeutung für die nationalen Perspektiven des jüdischen Jischuw in Palästina, so ist als erste Tatsache festzuhalten, daß ihr tragender so/Jalcr Typus und die Bedingungen ihrer Entwicklung unmittelbar mit der Stadt, mit städtischem Leben und Erwerb verbunden sind. Ziffern und Tatsachen werden beweisen, daß diese Tendenz, zur Stadt, von der Einwanderung der letzten Jahre getragen, bis zur hitzigen Hypertrophie getrieben worden Ist. fiel Endo des Krieges, für Januar I01O ungefähr, gibt die Berechnung der brltlsdien MIHlHr.idmlnrstratlon für das ganze Land zirka 65000 Juden an, von denen sich etwa 55 000 In den Städten befunden haben dürften. Mir den Januar 1925 muß man nach der Berechnung Ruppins für Palästina zirka 108000 Juden, davon zirka 01 500 in den Städte« niiiicliinen. Von einem Gcsanitzuwnch» von -13000 Menschen sind also 36000 oder 80»/« als Zunahme der städtischen Bevölkerung zu verbuchen. Was Im besonderen die letzten 1 >/» Jahre anbetrifft, so berechnet man den Zuwachs zwischen Oktober 1022 und Januar 1025 auf 24 000 Seelen. Davon fallen auf die Städte 18600, gleich 77,5 «/a. Es ist unnötig, um das Ucbcrstclgcrtc und Anormale dieser Entwicklungstendenz klarzulegen, Kräfteverhältnisse zwischen Stadt und Land aus anderen WirtsclKiflsgcbictcn herbeizuholen, wie es z. B. Wllkanskl getan hat. Gleiche Proportionen drücken hier und dort völlig verschiedene Verhältnisse und Entwicklungen aus. Einer geringeren Landbevölkerung in Deutschland eder den Vereinigten Staaten steht ein produktives Aequivalcnt In einer blühenden und emporstrebenden Industrie gegenüber. In Palästina kann der einsame Schornstein einer kleinen Fabrik nicht über dasselbe statistische Zahlcnvcrlmltnls hinwegtrösten. Es genügt und ist zugleich eindringlich belehrend und mahnend, die Entwlcklungslinie des Kräfteverhältnisses /wischen Sladt und Land innerhalb des jüdischen Jischuw in Palästina selbst zu verfolgen. Statistisch gesehen stellt >Uh die Sachlage In dieser Beziehung, wenn mau etwa das laufende Jahr mit dem letzten Friedensjahr vergleicht, vielleicht ziemlich unverändert dar. 1013 wie 1025 haben wir etwa fV)",« der palästinensischen Juden als Stadlbevölkerung, und einen Prozentsatz, der um 14 oszilliert, als Landbevölkerung zu rechnen. Auch das ist an und für sich gesehen eine recht bedenkliche Proportion, wenn man, wie schon erwähnt, die Schwäche der palästinensischen Industrie in Rechnung setzt. Aber die statistische Untersuchung reicht keinesfalls aus. Liegt doch zwischen 1013 und 10Jr» eben der Krieg, als dessen Folge der Verfall des alten jüdischen Jischuw, die Verkümmerung der heiligen Orte der Chalukkah, das durch Abwanderung, Scurlicn und Tod verursachte starke Zusammenschmelzen der jüdischen Stadt auf beinahe die Hüllte der Frledcns/iifcrn zu buchen war. Um das Vorkriecwcrh.Ütnis zu erhallen, mußte es nlso wiederhergestellt werden, mußten, neben dem natürlichen relativen Wachstum, alle diese Kräftcverlustc nachgeholt werden, mußte daher, wie auf der Hand liegt, eine weit ü b e r verhältnismäßige niuwaiiderungswcllc in die städtischen Bc/Irke strömen. In der Tat zeigt sich, dynamisch gesehen, in der Kräfteproport'on zwischen Sladt und Land-innerhalb-de*» jüdischen Jischuw ein -Prozeß andauernd fortsehrcllender Verschiebung des Verhältnisses zu Ungunsten des nichtstädtischen Elementes. Beobachten wir unter diesem Gesichtspunkt die Jahre seit der englischen Besetzimg, so können wir diese Bewegung etwa über die folgenden Etappen hinweg zeichnen: Bei Kriegsende ist de Ziffer für die landwirtschaftliche Bevölkerung in unserem Jischuw auf etwa 15,4 *,'« anzusetzen. Dann kommt die Chalutim-Alijah und die Emck- Kolonisation, und der Prozentsatz der nichtstädtischen Elemente steigt aul 18,1 »,«■ an, der höchste Grad, den wir bisher im Verlauf unserer Siedhingsarhclt erreicht haben. Darauf setzt unmittelbar die vierte Alijah ein, und die Kurve, die eben erst Im Anstieg begriffen war, biegt sofort scharf um. [>ic landwirtschaftliche Kolonisation stockt aus Mangel an Mitteln. Der Prozentsitz geht bis 1021 auf 15,7 zurück, er kann für den 1. Mal 1925 auf keinen Fall höher als mit 14,4»,'« angenommen werden. Der Rückzug dauert an. / Es muß hier hinzugefügt werden, daß auch diese Zahlen noch ein zu günstiges Dikl bieten insofern, als In Wirklichkeit ja die Oleichsetzung der nichtstädtischen Bevölkerung mit <je. landwirtschaftlichen nicht ohne weiteres gestattet Ut ti gewisser, nicht geringer Tci4 der Immigration, der in ^] Kolonien — vornehmlich in den großen PlantagcnkoSonien Wurzel faßt, ist bekanntlich durchaus nicht auf dicc-, K>,m" zu rechnen. Audi diese größeren Kolonien zeigen stei-trv«, Ziffern für Händler, Plantagen- und Gnindstücksar;C'n!cn Beamte und Klclniintcrnchmcr verschiedenster Nuancen. Durch diese Entwicklung wird nun da« volkswirtscnih liehe Ocwicht bestimmt, das das jüdische Sledlungswerk gejr,, über der nlchtjüdlschen ökonomischen Umwelt be^it/i'.V es sich Im Lande gegenübersteht. Es wird so ein srhrehW Mißverhältnis geschaffen, da», diejenigen am wenigsten ti Ins Gedächtnis zurückrufen, die am lautesten unsere pr>litl<eht- Phrasen im Munde führen. Stellen die Juden nämlich "Cfjc;, wärtig im Lande etwa 15',; "> der Orsanithcvölkcruug «Vi denen 81'/» •/« Araber gcf.'iiiüherstehen, so strheu iinu'-rlijn', der landwirtschaftlichen Bevölkerung 3,ü e,<i Juden <j5,t«' arabischen Landwirten gegenüber. Der Ocsamlhc\i,ikcrn.> des Landes gegenüber bilden die jüdischen Landwirte nur wärti kat»i l.ord«, itt(, L-ndcV Uli'1 der f.itc' kvttf s' '.■trän'';::en .einet t ,- M >i;J*siS , AI1 '•e l;i ■und» . i-\T,;.!;iilcr; huf l Jcr K >uf j< ' 6-, ir 2,5»'». Das heißt, anders ausgedrückt, daß wenn ge^ii'.ljf - irtig Im Lande ein Jude auf 5,4 Araber kommt, Pctm, , m 1 i l'M « , iic '», ,:«»<" der / /■ Hui <;,; hand'i' ilso -' nin£' »uf 3 nfllin <tättc , 102 F t als l,i l'rühj1 Ii arabische Ackerbauer auf einen jüdischen entfallen, in dt( Ocsamtbcvölkcrung des Landes steht ein jüdischer Ackerbauer gar 41,5 Einwohnern gegenüber. Das ist der Status quo, zu dem wir gcl.uigi <inj während die zionistische Kolonisation cimlcini;: und mit ilirt ganzen Kraft auf die landwirtschaftliche SU-dlun; cm;;cMc!;; gewesen ist während sie im wichtigsten Teil ihre verlu-! baren Mittel in diese Hauptfront geworfen hat. Ist abzusehen was geschehen soll, wenn unseic Kolonisationspolitik j>v noch ihren Kurs nach der vierten Alijah und ihren Rf. dürfnissch richten wird? Heißt es nicht wieder das uns a., jedem jüdischen Galuthland altbekannte. Bild unserer <>V',;y mlschen Struktur erneuern, unsere große soziale Pyramide auf ihre schmale Spitze stellen, die jeder Wind und Jedctmanns zehn Finger umwerfen können? Wie sn|| auf dicit: Basis rrar die Bildung einer sich selbst tragenden „natiniwu- Heimstätte", eines jüdischen Commonwealth, gedacht werden-... Soll man sich dieses Commonwealth wieder einmal nach 1 i dem geläufigen Muster eines Städteblindes denken? |fjnde't mK' es sich um eine vorderasiatische Dctailiisten-HansaV Aber nicht genug damit! Um die wirtschaftliche um soz.i.ilc Entwicklungstendenz näher zu bclcudilen, muß <j>- zweite Frage aufgeworfen werden. Die Einwanderuui; <.lrtw in städtische Zentren. Was geschieht mit ihr in den Städtenf ür die analytische Behandlung dieser Frage ist « notwendig, die Entwicklung der Verhältnisse in Tel Aw,,. , ., , ins Auge zu fassen. Vom Standpunkt der vierten Alijah i„. ycii, ,' ist Tcl-Awlw ja nicht eine Stadt unter Städten, Tcl-A«,-, lnvclf hat zwischen 1922 und 1021 von dem 21000 Mensel,? betragenden Zuwachs des iüdischen Jischuw 12000. »U genau die Hälfte, allein aufgesogen. Von der Alijah dt letzten Jahres sind sogar regelmäßig J'i In das Rcscrvvon Tcl-Awiw geflossen. Es ist also eine Schlüssclpo^iiir: der vierten Alijah, Für den Beginn des laufenden jüdischen Jahres z.ci«t tlc Bcrufszählung der Stadtverwaltung, dieser ersten rein indischen Munizipalität,- dasfolgende Bild der inneren StruVftr Tel-Awiws: Bei. einem Stand von zirka 22000 Einwohnern «eis' die Statistik 1627 selbständige Berufstätige auf, abgesehen von den Arbeitern, die besonders im Baugewerbe beschällijt sind und zu jener Zelt etwa 3000—3500 gezählt haben dürften. Diese 1627 Wirtschaftseinheiten zerfallen auf dverschiedenen Erwcrhszwrigc in der Weise, daß davon d<~ llandclswirtschaflcn, 580 handwerkliche Betriebe, 110 gewerbliche Unternehmungen, 153 Angehörige der freien Beruf; und 87 Acmter und behördliche Büros sind. Stellen wfr um diese Bcrufszusammcnsct/rung In graphischer Zeichnung vor, so zeigt sich, daß nahezu die Hälfte der Strukturshille die Farbe des Handels trägt. Ocnau gesagt sind 42,5 «> dieser Wirtschaftseinheiten Handelsbetriebe, 35,7"» Handwerke;. 7,4 gehören zu den gewerblichen Unternehmungen. vv.ihrer.d freie Berufe und Acmter zusammen 14,7 "/o umfassen. Schoo diese Darstellung zeigt, zu welcher Zusammcndrängung und Uebcrbesetzung in Handels- und 1 laiidwcrkszwclgcn es hier gekommen ist. Es mag auch in anderen Ländern Städte geben, die durch ihre besondere Lage, durch geschichtliche liieitd iMittci, [ringe Ii, Ijuf ". , jVcrh * '. Idcr doppr1 .üc 1 ■;• l'rodijt Butte. ZCStilJ ,1 des l| , und . brenr Üetri' ► •'s »n .'' dem ' n Ecisp '([ seelai'i; ficwi! l ' nn r-,r k'omi' , ^" ,< sert", «" lihrij;, 1 Mild'1 kons\, •■ valn; i sich der C'" Stirnzu vi,, (zirki (den,1 1 hOti Min.f zwcii , den ncnni Straf Lieh*. durc: sinn,1 lorcr'- oricr'' Pt >ti ihrej. nich! , Fraiii Mjßji daß I Fort!' f'cef b,x I Sinn , strci das j »cht * die ». Wuß' Ästü, hatt, vcrl ,?e»r' Stic: ecb 'kh <l(n. ««h, Zuk, Von Mensch zu Mensch Von Helene Hanna Cohn. Es gibt keine zweite Stätte so grenzenloser Einsamkeit wie Jerusalem. Eingesprengt ah kleiner Tropfen in einen See verschiedenartigen Menschentums geht man durch seine Umwelt und weiß nichts von ihr; weiß nicht, nach welchen-Gesetzen das Leben dieses Bcturbantcii, jener hinter undurchdringlichen Schleiern Verborgenen abläuft, weiß nicht, was hinter jenen Klostermauern für Erlebnisse von Menschlichem und Ucbcrmcnschllchem verborgen liegen, weiß nicht, was diesen persischen Bettler, jene russische Landfrau, diesen europäischsten Europier hierher getrieben hat. Das Wort „Menschenbruder" wird zum leeren Schall und zur Lüge, denn vom Menschen zum Menschen führt keine Brücke, den Menschen trennt vom Menschen das tödliche Schwert des Rassenhasses, des Klassenhasses, des Rellgionshasscs, sie trennt die Furcht. Versinkend In der Angst der Einiamkcit streckt man die Hände aus nach der Gemeinschaft der Gleichdenkenden und Olelchfühlendeii — wo sind sie? Ilcl den Volksgenossen, den aus gleichem Lande, gleicher Sprache, gleicher Ocwohnhcit Entstammten? Ein kleines Stück Weges geht man mit ihnen zusammen, dann verschwindet der eine hinter Klostermaucrn, der andere im Ocwölbc einer Kirche, der dritte Im Volksgewühl seiner Synagoge und jeder von Ihnen Ist allein, ist verschlungen von einer anderen Gemeinschaft, die der des Landes und Stammes feindlich gegenübersteht, so reißt es auch den Arabern der Moschee fort vom Stammesgenossen, welcher der Kirche angehört. , Dann wendet man sich denen zu, die den gleichen Olaubcn bekennen, und hofft, mit ihnen das Erleben zu teilen. Wo aber ist dieser gleiche Olaube? Im Christentum Ist er gespalten in mannigfache Bekenntnisse, und zwischen den einzelnen Kirchen liegen Welten der Verschiedenheit, Abgrunde des Hasses. Aber der Jude? Ist da nicht nur ein einziges Judentum und verbindet nicht «He Sprossen dieses Ober die Erde verstreuten Volkes und Bekenntnisses der gemeinsame Names Jude? In Wahrheit: dieser gemeinsame Name Ut nur der Schleier, der sich über unendlich mannigfaltige Menschcjiirten breitet, streng geschieden voneinander In Zügen und Ocstaltcn, In Sprache und Sitten — und dennoch geeinigt durch den gleichen Gott? Der Gott des von aller Tradition losgerissenen westeuropäischen Juden, des russischen Chassld, der im verwunschenen Jerusalcmcr Winkel Erwachsenen, der Qott des persischen Bettlers, der nidit einmal die Lettens seiner heiligen Schrift zu lesen weiß, der Gott des von Mystik durchleuchteten Jemeniten — ist es derselbe Gott? Ist das Bekenntnis zu ihm derselbe Glaube? Und Ist dieser Olaube cht so festes Band, daß er alle Verschiedenheiten des Körpers und Ödstes überwindet? Es gibt Menschen in Jerusalem, die unlcr keiner Einsamkeit so tief leiden wie der, die sie angesichts Ihrer eigenen Stammes- und Dekcniitnisgcnosscn überfällt, die voller Sehnsucht dem Chassid Im leuchtenden Talar, dem unwissenden persischen B*tikr, dem von Irctnüem Licht durchglühten jemenitischen Handwerker nachschauen und «Ich schmerzerfüllt gestehen, daß sie nldits von Jenen wißsen — nichts. Diese Frauen etwa, die man In tlen Straßen von Jerusalem trifft, Ankömmlinge aus Bagdad und Ninlve und Urkasdlm, in den Lumpen chicr fremden Tracht und den Trümmern eines fremden Schmuckes, sie selbst Trümmer m einer Zelt und Raum fremden orientalischen Welt. Diese unwissenden, unbewußten Ocschöpfc. Wir fragen sie nadi dem Ort Ihrer Herkunft und fragen «le, wni sie nach Jenmnlrm geführt hat Und unwelgerlldi erhalten wir die gleiche Antwort! „Nun, Erez Israd!" Im gleichen Ton des Erstaunen«, fast ein wenig des Vorwurfs gegen den Frager. Als wir zuerst diese Antwort erhielten, durchzuckte es uns: Wie? Audi hier, bei diesen ganz Elenden und Unwissenden dasselbe Erlebnis wie bei dem «elstdurchtränktcn Chassld? Audi hier die Vereinigung mit Oott In seinem eigensten Lande? Auch hier das Verlangen, «Ich von der Helligkeit des Hclniatbodcns durchdringen zu lassen? Aber wie wir Ihnen nur ein wenig naher kamen, da ruckte uns der Sinn dieser Antwort ki Immer nebelhaftere Femen. „Nun, Erez Israeli" — hieß das nicht ebensowohli das Paradies der Bettler, in dem man von Fremden erhalten wird, ohne selbst arbeiten zu brauchen?. HleB et nicht: das Wunderland, von dem die Generationen einander erzählen, ii dem der Jude keinen Hunger und keine Verfolgung zu erdulden braucht, well eine höhere Macht, der Messias, ihn nährt und schützt? Aber Ist nicht auch in diesem kindlichkonkreten Glauben ein Stück des uralten Judentums, «las sein." Kundschafter aussandte, daß sie ihm die Ricsenfrüchtc des verheißenen Landes brächten, so wie in dem unirdisclun Glauben des Chassid an die Vereinigung seines Geistes mit dem Oottcsgcist ein Stück des Urjudcntums Ist? Diese selben unwissenden orientalischen Jüdinnen, zu denen wir Jeden Tag gehen — kennen wir sie denn in anderen Bezirken Ihres Lebens? Wissen wir, ob irgendeine» ihrer Erlebnisse unseren eigenen Erlebnissen entspricht? Wenn wir sie um uns sehen In ihrer feinen, rücksichtsvollen Art, die sich nie ein rohe», unanständiges Wort entschlüpfen läßt, die Ircundlkh-hcitcr und dankbar und zurückhaltend bleibt auch an der äußersten Orcnzc der Lcbcnsnot, dann sind wir ganz überzeugt, daß wir nur durch Acußcrlichc» von ihnen getrennt sind, daß nahe Verwandtschaft des Blutes und Oeistc« uns eint. Aber dam» — Jenes Orundclemcnt-. Ihre Liehe falls es nicht Spott Ist, ernc Beziehung so zu nennen, in der aller Oclst, alle Seele zu fehlen, In der nur unbewußter Trieb, stumpfe Unterordnung unter cm Ocbot zu herrschen scheint. So wie uns dieses! „Nun, Erez Israel" immer aufs neue In Nachdenken verseukt, so Ist es uns Immer ein neues Wunder, daß In dem elendesten Viertel von Jerusalem, in dem m.mchef der Männer ein TrliOeer, ein Spieler, ein Dieb ist — daß hier die Frauen ein Leben der Keuschheit und inneren Klirhe führen, wie kdn anderes Elendsviertel der Welt c< k- " Wohl, sie heiraten als Kinder, wenn das Blut noch kaum i<i rauschen begonnen hat, sie noch gar nicht in Versuchung führen konnte. Aber es gibt doch auch andere, Jungcrblühtc. die bettelnd m den Straßen der Stadt jedem Zufall ausgesetzt sind oder die aus Herbergen und Schenken stammen, in denen sie Abend für Abend von oetrunkener Männlichkeit umgeben sind. Und die anderen, die als Kinder ungefragt an Irgendeinen verheiratet v/urden, einen Alten, Bünden, Kraltlosen — was ist es, das sl« veranlaßt, jahraus jahrein bei dem Zufatlsgattcn auszuharren, ohne daß eines Tages ihr Blut einem anderen entgegenbraust und sie die Fessel sprenge« \