Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXX (1925)
- Issue
- Heft 46 (12.6.1925)
- Date
- 1925-06-12
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 410 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr, 48 ff Wort „Ich arbeite für den Baum" fand der palästinensische Arbeiter den Ausdruck für die Religion der Akbelt, die in den Herren der Chaluzim brennt. Arbeit in Palästina ist für sie ein religiöses Erlebais, der tietste Antrieb ihres Lebens. Ich weid nicht, ob es Zufall Ist oder symbolische Bedeutung ha», daß Utl, al* er wegen seiner körperlichen Schwäche die physische Arbeit aufgeben mußte, die Religion der Algert mit der Arbeit für die Religion vertauschte. Heute sitzt dieser einstige Kwiizah-Chnssid in einer der Jeschiwotli in Jerusalem und studiert Tag und Nacht. Der Pionier wurde zum „Mathmid", zum studierenden Einsiedler. In Wirklichkeit besteht eine Aehnlichkclt zwischen den beiden Typen: der Mathmid sammelt all seine Kräfte, um seine physiche» Bc« dürlnissc zu bekämpfen. Der Clialuz kämpft ebenso mit der äußeren Welt und mit seinem eigenen Ich: die ganze niederne überfeinerte Kultur des Westens verlockt Ihn siebenmal in der Woche, »eine Arbeit auf dem steinigen Hoden zu verlassen, und slehiigina! siebenmal ki der gleichen Woche stößt sie Um zurück und bei jeder Lockung und jedem Rückstoß streckt der Chalu* seine Muskeln und vertieft sich stärker als zuvor in die Arbeit. Weil die Arbeit de« Chaluz In Palästina einen so tlcl religiösen Charakter angenommen hat, kaben seine Ruhetag.?, seine S a b b a t Ii e u u d s c i n c I' c s t c eine II e d c u tung gewonnen, die sie niemals zuvor hatten. Nur wer in Palästina gewesen fst, hatte das Glück, den Sabbath und die Festtage in flirem vollen Glanz zu sehen. Man kfagt die Chaluzim an. den Sabbath zu entweihen, während gleichzeitig der Sabbath und die festläge das Höchstmaß ihrer historischen und sozialen Itcdeutung in Palästina erreicht haben. Und ebenso unbegründet wie die Beschuldigungen der Ssbbalhentwciliungg ist die Furcht vor der Verhetzung, dem Mangel [Cgcnseitlgcn Verständnisse?, der Erbitterung und dem Campfe, die durch den Zusammenstoß des religiösen Fanatismus von der einen und des fanatischen antireligiösen Dogmatismus vcii der andern Seite entstehen müssen. Diese Furcht it«t gänzlich grundlos, weil es heute in Palästina nichts derartiges gibt wie „fanatischen antireligiösen l>.>grinllsmn>". Wenn wir sagen, daß im Leben der Arbeiter in Palästina eine neue Religion sprießt — eine Religion der Arbeit und der Freude an der Arbeit, eine Religion der Sabbathc und Festtage, eine Religion rückhaltlosen Strebens nach Selbsterhöhung und nach Verbesserung der Welt, in der man lebt — so wollen wir doch nicht leugnen, daß viele rituelle und zeremonielle Gebräuche dej Judentums vernachlässigt werden, nicht aus Absiebt, sondern aus Mangel au Interesse. Grenzen für Spaziergänge am 'Sabbath, rituelle Bäder, Synagrgen mit Rabbinern, Kantoren und Tcmpcldicncrr» und oft selbst koschere Kücbcn mit Schächtern fehlen in vielen Kwuzoth. Und doch scheint es uns, daß dieses Abgehen vom Ritual und Zerimonialgcsftz bis zu einem gewissen Grade eine historische Notwendigkeit geworden ist. Jede Religion besteht naturgemäß aus einer Weltanschauung, einem O'aubcrt, einer Philosophie, einer Ethik, einem Oesetz. — und den Begleiterscheinungen ritueller und traditioneller Driuehe. Wenn eine Religion im Wachstum ist, wird das Wesentliche betont und der praktische Kultus zurückgedrängt. So war es in der glanzvollsten Zeit der Entwicklung der jüdischen rcligittsen Idee, in der Zeit der großen Propheten, die die Optcr und alle übrigen Ritualien und Zeremonien verurteilten. Der Prozeß der Rituallsicrung unserer Religion begann mit der babylonischen Gefangen.rhaft. Dieses ritucll-zcrcmonlclle Judentum wurde eine conditio sine qua non für die Bewahrung, Ja für die Fortcxlstcnz des jüdischen Volkes in der Diaspora. Für die Renaissance unseres religiösen, kulturellen und wirtschaftlichen Lcbcni in Palästina ist es eine conditio sine qua non, daß ela guter Teil dieses rituellen Ballastes Über l)ird geworfen wird, Der Chaluz, der aus der Diaspora floh. In der Hoffnung, sich von ihrem erstarrten, ritualisierten Judentum zu befreien, von einer Religion, der jeder frische Hauch der Wirklichkeit fehlte, von einem Judentum, reich an Gebeten über Zion, das aber nicht in Zion wohnen wollte, von einem Judentum, dessen Hauptinhalt Knschruth, rituelle Hader usw. geworden waren — kann sich nicht zu diesem Judentum hingezogen fühlen. Die Welsen sagten, ein Taliis. der ganz techclcth (blau) ist, brauche keine Zizith. Die Clnluzlm, die dem Judentum alles geben, was sie haben, Ihre Talente und ihre /ukuuftsaussiebten, ihr Herz und ihr Hirn, die Arbeit ihrer Hände und das Werk ihrer Knochen, brauchen keine rituellen Ucbungen, um ihr Judentum zu bewahren. Man erzählt vorn Baal Schern Tow daß er einst seine Chassidim zurechtwies, als sie sich über einen Hirten aufhielten und seine Ausschließung forderten, weil er im Oottcshausc gepfiffen hatte. „Der Pfiff dieses Hirten im Augenblick seiner Qortcsbcgcistcrting", sagte der Boal Schern, ,,lst dem himmlischen Vater wohlgefälliger als alle eure Ocbete". Jeder Jude, der mit reinem Herzen kommt, muß beim Anblick der Arbeit der Chaluzim dasselbe fühlen, wie der Baal Schern, als er das Pfeifen des Hirten hörte. Sogar der Frömmste. Rabbi Kuk, der fromme Oberrabbiner von Palästina, sprang, als er eine Kwuzah besuchte, plötzlich in die Mitte eines Kreises tanzender Chaluzim und Chaluzoth und tänzle mit ihnen. Es ist oft vorgekommen, daß fromme Juden die Kwuzoth besuchten und in tiefer Sorge waren festzustehen, ob die Gerüchte über den Mangel an Kaschruth berechtigt seien. Als sie aber kamen, gerieten sie in sorCTc Begeisterung über alles, was sie sahen, diß sie den Zweck ihrer Reise vergaßen. Daher halten wir die Furcht für unbegründet, d.iß die Ziomsten ..die Unterstützung der Bewegung einstellen" werden, weif die Chaluzim die religiösen Gebräuche nicht bis auf das letzte festhalten. Mr. Neumann ist der Ansicht, daß Palästina die „Führung des Diasnora-Zionismus in Bezug auf die religiösen f ragen" der Chaluzim braucht. Wenn er aher meint, daß diese „Führung" sich darin ausdrücken soll, daß Jene Kwuzoth, die zur Beobachtung rltuaJer Gebräuche ihre Zustimmung geben, bevorzugt werden, so würde das, praktisch gesprochen, bedeuten, daß die Chaluzim gezwungen werden, gtwmc Ocbräuche anzunehmen, unter der Drohung, daß sie sonst nicht als Kolonisten angesiedelt würden. Nein, In dem Streit über die religiöse Frage dürfen nur moralische Wrffen zur Anwendung kommen. Niemand hat cmals die Juden durch Qcwalt oder Unterdrückung zwingen können; und auch das Diasporajudentum wird nicht imstande sein, seine eigenen Pioniere in Palästina mit diesen Mitteln zu zwingen. Die (meiner Meinung nach) beste Antwort auf die Thesen Samuels, Ricgcrs und der Damen Sampter und Levensohn gibt in der „New Palestine" vom 13. Februar 1925 Rabbi Mcir Berlin unter dem Titel „Religion und Religioslt8t". Leider Ist seine Darlegung durch persönliche Angriffe und unberechtigte Beschuldigungen verunstaltet: er modelt sich, zum Teil, erst den Gegner so, wie er ihn braucht, um ihn leichter zu bckKmpfcn. Berlin, bekanntlich einer der angesehensten Führer des amerikanischen Mlsrachi, schreibt: Es Ist sicherlich sehr erfreulich, daß nciieslcns die Frage des religHsen Lebens in unserem Hcimatlinde immer mehr AiifinnksamMt findet. Aber eines hätte nun wohl erwarten dOrfctt: daß die Frage, wenn sie einmal auf dl« Tagesordnung gesetzt wurde, mit vollem Ernst und VerslSndnl» behandelt würde. Eine gründliche Kenntnis des Gegenstände« Ist ebenfalb eine Voraussetzung, denn wie Immer man sich zur Frage stellen mag, muß man zugeben, daß die Religion eng verknüpft ist mit einer tief verwurzelten Lebcnsan» schaumig und daß die Tradition auf Lehren beruht, die Jahrtausende alt sind. Es ist eine Tatsache, daß alle Antworten auf die Frage des religiösen Lebens in Palästina auf ein und dasselbe hinauslaufen: religiöse Empfindungen; oder, um genauer zu sein, sie alle legen das Hauptgewicht nicht nut Religion, sondern auf Religiosität. Der Unterschied Ist erheblich und von grundsätzlicher Bedeutung. Religion tst clwas Objektives und Absolutes: Religion hat bestimmte Formen und einen prÄzfscn Inhalt. Wenn man von der Jüdischen Religio« spricht, so gibt es Bücher und Ucbcrlicfcrungcn in reichem Maße, was (in Einklang mit unserem Glauben steht tnid was nicht. Religiosität dagegen ist etwas Subjektive*, clwas Fließendes und Unbestimmtes. Religiosität hat keinen präzis wuMtfMmjimmiiwjtim'i Der Kcmgreß~ScI-ielfccl Per XIV. Kongreß tritt ain lß. August im In Wien nimm men. Pia Zahl der Dokterten der Zionistischen Vereinigung für PenUrhUnil richtet sieb nneh d«r Ansihl der »bgellffprtftn Hehnkslim. Irer<Hrt>knl UidasSymbol der/*.lonlr.tl«eb*nBewpjMinfr, de» nationalen Vortrupps de» jüdischen Volkes. Kr Ist das unentbehrliche flnrtnxtello Instrument für dlo Arbelt der y.lonlsliifhen Kicknllre. Kionl«Jtrnl Stommelt Heboknlhn, »lilrkt «in Or«r»nlr-stloo I Sorgt für rinn würdig« Vertrelunrr der'/ionl»tUchon Vereinigung für Deutschland auf dem Kongreß! /toiilNtent Im Monat .Toni sollen nllo Knerglen auf dlo Scli»kol«smmlunjr konrsntrlrrt nprdon, Zionistisch«) Vcrelnlaunp für Deutschland llcrlin W lft, Moinrtkeitrniso 10 matfjzxasusx faßbaren Inhalt. Darum gibt es auch liichl eine "judl-schc Religiosität und eine nichtiiklischc Religiosität. Ja, Religiosität kann manchmal Hand in Hand mit äußerst Irreligiösem Verhalten auftreten. Natürlich kann sich Religiosität In jeder menschlichen Handlung, insbesondere in der Kunst und Dichtung, aber auch im Kampf nun Ausdruck bringen; Religion aber ist das nicht. Daher ist es mehr als unbegreiflich, es ist geradezu schmerzlich festzustellen, daß, wenn wir in den neuen judischen Siedlungen in P.d.istina von Religion sprechen, uns Religiosität ah Antwort geboten wird. Aber der Klagrpunkt bleibt bestehen: religiöses Leben fehlt einem großen Teil der neuen Siedlungen in Palästina. Dies bedeutet, daß dort die Gesetze de* Sabbath, der Kaschruth, der Heiligkeit des Familienleben«; mangelhaft befolgt werden; mit einem Wort, daß all das fehlt, was man allgemrin unter dem Ausdruck ..jüdische Religion" versteht. Es ist wolü m'iglich, daß Religiosität vorhanden ist und Religion fehlt. Aber dann wird die Frage nur umso ernster; sicherlich Ist dies keine Antwort auf die zur Diskussion stehende Frage. Als ein Beispiel dieser Darstcltiingsnrr, die die ganze Frage verwirrt, sei es nun am Absicht oder aus Unfähigkeit klar zu denken, möchten wir Dr. Riegers Artikel „Kulo tceholelh" zitieren {nebenbei wurde die Frage, ob ein „tallth schekulah techclcth", ein ganz aus Wolle gefertigter Gebetmantcl, Zizith haben mfb'se oder nicht, zuerst von Kornch gestellt, und es Ist nicht bekannt, welche Antwort er erhielt; woher weiß Dr. Ricgcr, daß die Antwort „nein" lautet?). Der Artikel spricht von Religiosität und sagt: „Wenn wir sagen, daß im Leben der Arlvciter in Palästina eine neue Religion snrießt — eine Religion der Arbeit und der Freude au der Arbeit, eine Religion der Sabbathc und Festtage, eine Religion rückhaltlosen Ströhens nach Selbsterhaltuug und nach Verbesserung der Well, in der man lebt — so wollen wir doch nicht leugnen, daß viele rituelle und zeremonielle Gebräuche des Judentums vernachlässigt werden, nicht aus Absicht, sondern aus Mangct an Interesse. Grenzen für Spaziergänge am Sabbath, rituelle Bäder, Synagogen mit Rabbinern, Kantoren und Tcmpctdicttcrn und oft selbst koschere Küchen mit Schächtern fehlen vielfach," Mit anderen Worten: der Verfasser gibt zu, daß die Idee, zu dein Schöpfer zu beten, verworfen wird, daß die wesentlichsten Voraussetzungen für die Heiligkeit des Familienlebens nicht existieren, daß Kaschruth aus der Mode gekommen ist. Nichtsdestoweniger ist der Ton des Artikels so, daß der Eindruck erweckt wird, der Verfasser trete für Religion du und glaube sie zu finden — wo? in religiösen Gefühlen, die sich In der Arbeit und der Freude an der Arbeit ausdrücken. Sicherheitshalber nennt dies der Verfasser eine neue Religion: wann aber, wenn ich bitten darf, haben die Juden ihre alte Religion abgeschafft und eine neue angenommen? Und selbst wenn wir uns zu diesem Glauben bequemen, muß nicht auch eine neue Religion bestimmte Formen besitzen und nicht bloße Ocfülilc? Und wenn wir uns daran erinnern, daß der Verfasser, der an eine neue Religion glaubt, der Religiosität und Religion vermengt, der obenhin über Sabbath und Knschruth, über Gebete und die 1 lilligkcit der Familie spricht, ein Lehrer und Erzieher der jungen Generation in Palästina ist, wird die ganze Sache noch viel schmerzlicher, denn es wird 2leichzeitig klar, warum in einem Teil Palästinas ein so eitruktiver Geist herrscht. Wir brauchen eine echt jüdische Erziehung In den zionistischen Schulen in Palästina: dann wird die ganze religiöse Frage dort rascher als auf irgendeinem anderen Weg gelöst werden. Gleichzeitig mit dem Artikel fvkir IktUns vcroiScrrt.- lichtc die „New Palestine" einen zweiten Artikel Dr. Ellcscr Ricgcrs, der das Problem wirklich tief fallt und vor allem durch die vielen Einzelheiten nus dem Leben der Siedler bemerkenswert ist. Der Artikel heiflt: „Die Moral der Chaluzim"; sei» wesentlichster Inhalt ist folgender: Religion und Religiosität, sagt Rabbi' Berlin, sind nicht ein und dasselbe. Das ist eine Binsenwahrheit. Iii meinem ersten Artikel zog ich die Linien weit schärfer. Ich unterschied zwischen Religion und religiösen Gebräuchen und kam zu nachstehenden Folgerungen: die Religion Ist im neuen Palästina frischer und lebendiger als Irgendwo anders und die wesentlichen religiösen Gebräuche werden allgemein und mit großem Eifer befolgt Zum Beispiel der Sabbafh. die Festtage, die Milah usw. Andere Ucbungen werden nicht so allgemein beachtet. Aber junge Leute, die Im Gallith entweder antireligiös .oder vollkommen Indifferent waren, sind in Palästina Immer mehr und mehr religiös geworden. Es beweist einen völligen Mangel psychologischer Einsicht, von modern und radikal denkenden jungen Menschen, die den langen Weg von der überfeinerten europäischen Kultur zu einem Leben als Arbeiter und Bauern zurückgelegt haben, zu verlangen, daß sie alle religiösen Vorschriften und Gesetze erfüllen wie ein Kassriliwkcr Jude. AUc Anzcich™ deuten ober darauf, daß In Zion nicht nur die jüdische Reli>>£„ sondern ebenso sehr auch die jüdischen religiösen Gcbrautii ihre Renaissance erkben werden. Gerade aus diesem Grunde ist ci so bedauerlich uSft engherzige Dramatiker die religiösen Gefühle der CImI,,,,,, mit heftigen Forderungen an ihr Gewissen mißhandeln. lj„', Frage mochte ich gern an Rabbi Berlin stellen: ist es rcli"i,> I ja ist es auch nur ehrlich, mir zuzumuten, Ich hätte",,,'' gestanden, „daß die wesentlichen Voraussetzungen für «j Heiligkeit des Familienlebens nicht existieren"? Das »t reine Erfindung, denn ich berührte den Gegenstand mit keinem einzigen Worte. Damit man aber nicht glaube, ich hätte gc schwiegen, um irgend etwa9 zu verheimlichen, will ich jci/i sprechen. Es Ist natürlich nicht sehr vergnüglich, dein iiiicider ücffcntiichkcit den intimsten Teil Im Leben «i„c. Mcnschcn zu enthüllen. Doch Ist es besser darüber zu sprecht,! nl« zuzulassen, daß das beleidigt und beschmutzt wird, was voll Schönheit und Reinheit ist Wieviel unbestimmten Redensarten, wie vielem Flüstern Zischeln und Augenzwinkern begegnet mau ifleht in grwii! rrhaftlirlirn 'ZiisaiiunciiMiiificn. wie freut man sich an /Wll. driitigcn Witzen! Keine Spur davon findet mau in der Kwuzah Niemals habe ich dort ein unanständiges Wort oder eine i obszöne Bemerkung gehört Die sexuelle Frage wird «i„fl j immer in reiner, würdiger, ja in allzu ernster Weise behandelt Denn die geschlechtliche Haltung des Chaluz \%\ erfüllt von einem schweren, düsteren Eruit, Ich mothie sogar sagen, von Tragik. Ich nahe keine statistischen Dilcu zur Hand, a! r glaube, ich entferne mich nicht sehr von der Wirklich'»™ wenn Ich annehme, daß Li den Kwuzoth die Zahl der! Mädchen nur 20«Yo beträgt. Und unsere Chaluzim können mit den Mädchen, die da sind, wegen der schwierige» wirtschaftlichen Lage keine Familien gründen. Es gibt auch noch andere Faktoren, die an manchen Stellen die Situation verwickelt haben. Die Chaluzim (!<-., Mattweiß und des Ha«Immer llazair haben die Ideen d-r I liigendktiHur von Wynckeii, Joel und anderen mitgebracht Diese „Jugcndkiiltiir" fordert, daß Knaben und Mädchen unter einem Dach ohne Absonderung in unbeschrankter Freiheit und unbeengt von jeder Prüderie erzogen werden sollen, Vor drei oder vier Jahren fanden diese Ideen einen | wichtigen Verbündeten in dem Mangel der primitivsten Unter, bringiingsmöglichkcitcn in Palästina. In Bcthanli schliefen I fast hundert Chaluzim und Clinlu/oth monatelang in einer Baracke. In Um cl Alck (jetzt Tel Zur) lagen Dutzend' von ihnen 'fieberkrank in einem St dl. Die Zeil bracht«-1 eine Besserung der äußeren Lebensbedingungen in de Kwuzoth und damit begannen die erwähnten Wynrkcnschcn I Ideen zu schwinden. Jetzt ist diese Sitte mit Ausnahme von ganz wenigen Fällen aufgehoben worden. Die Formen für die Eheschließungen unter Chaluzim sind noch nicht präzis festgesetzt. Sehr ott h<<-. sich Chalu/paare durch einen Rabbiner trauen — meist allerdings aus Rücksicht auf ihre Eltern. Hochzeit in der Kwuzrt | i-t immer ein Anlaß für grolle Freude. Ks wird feierlich verkündet, daß der und der Chawcr und jene Chawcrnh verbunden wurden, tind es wird ihnen ein besonderes Zeit | zugewiesen. Man tanzt unermüdlich Stunden um Stunden und zur Feier des Tages werden Frctidcnschüssc in die Luft abgegeben. Während man tanzt und singt, werden SQfli;-1 keilen verleilt (ein für die Mehrzahl seltener Gvnull) um! | mit der Begeisterung von Kindern aufgenommen. Treue Liebe verbindet das Chaluzpaar; vereinigt in gemeinsamem Streben für die nationale und soziale Erlösung, arbeiten sie an ihren schweren täglichen Aufgaben wie z\ui gute Kameraden. Sic sind gleich In ihrer Armut, gleich I In Ihrer sozialen Einstellung. Eine Clialtizah sieht auf dm wohlhabenden jungen Bourgeois herab: niemals würde sie j ihren Bachur für einen dieses Schlages tauschen. Eines der reizvollsten Kapitel des Cbaluzlcbcns ist die | außerordentliche Sorgfalt, die man den Kindern zuwendet. Selbst wo alles in Zelten wohnt, wird für die Kinder e.ne I besondere Baracke gebaut. Eigene Pflegerinnen, die aus den ] sachkundigsten Chahizoth ausgewählt werden, haben die Au! sieht, gewöhnlich eine Frau für je zwei oder drei Kinder. Die Etiinltungskostcn für ein Kind In der Kwuzah belaufen sich auf 20 bis 25 I>dlar monatlich, während die Erwachsen» sich nicht einmal die Hälfte leisten dürfen. Nirgends in der Welt wird die Sittlichkeit selbstloser geübt als in den Zellen der Chaluzim. Professor Auhagen, einer der hervorragendsten Palästinakenner, verbrachte vor nicht langer Zelt Wochen religiöser Ekstase in den Kwumth. Ucbcr die Chaluzim befragt, antwortete er, er sei glücklich daß er begnadet war zu selten, wie der heilige Boden von heiligen Menschen bearbeitet wird. , . . Krauchen wir di nichtjiidlsche Anerkennung? Ocnügt es nicht, daß Chaim Nachman Bialik ehrfürchtig von ihnen geschrieben li.it „Ich will der Staub unter den Sohlen eurer bloßen, heiligen i nfU' sein!" Und was Bialik in so prägnanten Worten abdrückte, wurde tatsächlich von jenen Weckern des Natioinlgevvisseus geübt, den hebräischen Schriftstellern J. M. Brenner und A. D. Gordon, die selbst «in die Kwuzoth gingen, um als Genossen der Chaluzim zu leben, ihre Mulicr zu teilen und ihr Dasein zu verschönern. Es ist darum gar nicht sonderbar, daß die Chaluzim für ihre Verächter d» nachdenkliche philosophische Liebeln haben, das der alte Sokratcs seinen Richtern zeigte, als sie ihn anklagten, er verführe die Jugend. Jugend ist ein uiigezähinter Bergslrom, der loht und rast, seine Ufer wegreist, die Felder überflutet, Häuser zerstört und eine Spur von verstreuten Brettern und zertrümmerten Einrlchtungsgcgcnständcn hinter sich läßt als Zeugen seiner Ocwalt. So Ist auch die Jugend. Da sie freche Energien und Lebenskraft in sich trägt, muß sie ihren Ckfühlen heftig Ausdruck geben, muH sieb entlasten. Was Ihr Im Wege steht, wird rucksicht-d^s beiseite geworfen und zerstört. In unserer modernen .Welt muß die Jugend sowohl bei zivilisierten als auch bei un/ivilisicrtcii Volkern ihre unerschöpftcu Energien in geschlechtlichen Au^cUteiUnvgen austoben. Oanz andern in Palästina. Der Ingenieur reguliert den Bergstrom, Indem er tief wurzelnde 'Bunne an seinen Ufern pflan/t, das Flußbett verlieft und I.im:s seines Laufes Wasserfälle schnitt. Daun kann er das Wa.s-.er über eine Mühle leiten, wo die Energien ausgenützt werden können, Unser nationales Hehn In Palästina ist solch s-lne Mühle für den Bergslrom der Chaluzjugciid, Die mächtisc Idee nationaler und sozialer Wicdervcriüngung hat den Strom reguliert, sein Bett vertieft und die überströmenden jugendlichen Kräfte für den Aufbau des jüdischen nationalen llcimes ciugcfangen. Alle jugendlichen Kräfte der Chaluzim, auch die erotischen und geschlechtlichen, ihr ganzes Drängen nach Selbstbejahung und Sclbstdurchsctzung, sind In einen mächtigen Strom aufbauender Leistung verwandelt, die Palästina zu einem gesegnten Land macht. Zur Wahlordnung Im § 5 der In der vorigen Nummer der „J. R." veröffentlichten Wahlordnung Ist hinter Abs. l folgender Passus einzufügen: Jedoch Ist die Zugehörigkeit zu einer besonderen Richtung dann ohne Bedeutung, wenn «las Ausscheiden von zu Delegierten gewählten Bewerbern infolge von Doppclwahl erfolgt." Die Hauptwahlkommtislon der Z. V, f. D. 1