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Jüdische Rundschau · 1925-04-24 · Heft 32 (24.4.1925) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXX (1925)
Issue
Heft 32 (24.4.1925)
Date
1925-04-24
Page
– (sequence 3)
Language
German
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JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 203 jU»» Pessachtaqe jdlungea - Zwischenfalle In Nablus - Konferenzen Von unserem palästinensischen Korrespondenten. , A.O. Tel-Awlw, 15. April 1925. Die Pcssachwoche brachte In einer Reihe von Kontern und Sitzungen, von Danketten und Ausstellungen den |(jsklang der Feste der letzten zwei Wochen. \ Jahrhunderte hindurch war Jerusalem das Ziel und der titelpunkt für das Pcssachfcst. An der Klagemauer saht- '.dien «Ich Pl'ßer, Juden aus aller Herren Länder. | [i der Konzcntricrung des neuen" Jischuw im Lande und IjI dem Wachstum von Tcl-Awlw, beginn» auch der Schwer- ''i;tt dieses Festes nach der neuen jüdischen Stadt zu /<cn. Wont «ammelt sich nach wie vor in der „heiligen zur Pcssachzeit das fromme Judentum, um an den ^i, Tempclstcincn zu beten. In diesem Jahre jedoch strömte t Tcl-Awlw in dieser Woche eine größere Zahl von Gästen ,,i allen Gegenden des Landes zusammen, denen sielt noch (i1t große Anzahl von Touristen zugesellte. An die Stelle großen Bazars von jüdischen Produkten Palästinas („Tozc- Haarcz"), die im wirigen Pcssach auf großes Interesse „l( sind in diesem Jalirc eine Reihe von Kunstausstellungen je die von Tcppcr, von Awadiahu, von Zuckcrmann und in flsalcm die der Jcwish Artist Association . getreten, die ,tn Ucbcrbllck über die Ansätze der bildenden Kunr.t im usde geben. Von besonderem Werte und Interesse ist das jlnicum der Landcsprodukte, das in letzter Zeit eingerichtet und für die Zukunft so manches verspricht. Der Vorabend des Pcssachfcstcs brachte einen kleinen konflikt, der jedoch keine besondere Bedeutung und auch Int weiteren Folgen hatte. Bei Nablus, auf dem- Berge Or.tirr, feiert die Sekte der Samaritancr nach uraltem Brauch tihrlich das Pcssnchopfcr. Die ganze Qcmclndc von zirka Iii Menschen zieht für eine Woche auf da» Plateau des Etrges und wohnt In Zelten zur Erinnerung an den Auszug is Aegypten. Die Opfcrzcremonic, die in der Vollniondnacht den Bergen Samarias nach einer tausendjährigen Tradition utogcn wird, begann in den letzten Jahren ein großes P.Mikum anzuziehen, daß dieses Schauspiel — eines iir seltsamsten, das sich bis heute erhalten hat — genießen rJ. In diesem Jahre wurde eine besonders große Anzahl wi Besuchern erwartet. Kurz vor dem Feste beschlossen tober aus Nablus, eine Feier am Grabe eines Scheichs, Iis sich ebenfalls auf dem Berge Orisin befindet, abzuhalten i.n3 erhielten von der Verwaltung von Nablus die Erlaubnis um. So sammelten sich am Tage vor Pcssach außer den iwitancrn und den jüdischen Gästen Tausende von Arabern m Nablus auf dem Berge. Dabei kam es zu einem kleinen Zusammenstoß, bei dem gegen acht Juden durch Steinwürfe itiwundct und einige ausgeplündert wurden. Die Polizei md eine Abteilung englischer Soldaten stellte die Ruhe sofort ieder her, so daß sich das Pcssach-Opfcr dann ohne jede Störung vollziehen konnte. Auch beim Abstieg um Mittcrexht fiel nichts weiter vor. Die Araber erklärten auf Befragen, sie hätten sich vor großen alljährlichen Zusammenkünften der Juden in Nablus wäiern wollen. Der Zwischenfall hat keine weiteren Folgen [diibt und ist nur lokal zu werten. Die Pcssachtagc wurden in Tet-Awlw zu einer Reihe w Konferenzen und Sitzungen ausgenutzt. Alle diese Begehungen, sowohl die der allgemeinen Zionistcn wie die Itrtammenkünfte Weizmanns, Sokolows und der Palästinatukutive mit leitenden Persönlichkeiten aller Länder, wie it Sitzung des Waad Hapoci der Hitachduth, sind bereits Vetbercitungcn zum 14. Kongreß. In allen Kreisen werden hute die Fragen in den Mittelpunkt gestellt, die auch den Kongreß vor allem werden beschäftigen müssen: Welche Etdürfnisse hat die neue Einwanderung? Wie können sie Wricdigt werden? In welcher Richtung ist die neue Ein inderung zu leiten, damit sie sich als produktives Kolo »atktnselcment im Lande eingliedere? Um es vorweg zu nehmen: Eine detaillierte, praktische Beantwortung dieser Fragen in Ihrem vollen Umfange ist bis heute noch nicht gegeben worden. Weder von einzelnen, noch von Gruppen. Und auch der Kongreß wird — wenn nicht unterdessen große Acmlcriingen eintreten diese ausführliche Antwort für die Praxi* nicht bringen, Von den verschiedenen Seilen und Gruppierungen werden verschiedene Forderungen aufgestellt: Betonung der Industrie oder der Landwirtschaft, stärkere Unterstützung der bemittelten oder der unbemittelten Elemente und was dergleichen Alternativen mehr sind. Die Diskussion über die Verwendung: «kr Gelder in der Kolonisation setzt allerdings zuerst einmal die Beschaffung der finanziellen Mittel in genügendem Umfange voraus. Und es ist heute völlig klar, daß wir mit einem Budget, wie wir es dieses Jahr haben, nach dem Kongreß nicht weiter wirtschaften können, wenn wir überhaupt vom Flecke kommen wollen. In der Sitzung, an der sich Vertreter aller Landsmannschaften, die Paläilln.vExckutlve, sowie Wclzinnnn und Sokolow beteiligten, wurde die Frage der Beschaffung von Geldern gestreift. Im Anschluß an die Frage der Jcwish Agcncy und au deren Konstitution, deren Entwurf jetzt von Leonhard Stein in Amerika vorbereitet werden soll, gab Wcizmann der Meinung Ausdruck, daß wir zwar vor unbegrenzten Gefahren in der neugeschaffenen Lage stehen, zugleich aber auch vor unbegrenzten Möglichkeiten, und daß er es ab seine Aufgabe betrachtet, diese Möglichkeiten zu realisieren. Wie dem auch sei, ist es klar, daß ohne ein sehr viel größeres Budget im kommenden Jahre nicht daran zu denken ist, die neue Alijalt wirklich zu leiten und wirtschaftlich nutzbar zu machen. Ruppw wies In derselben Sitzung sehr richtig darauf hin, daß man das gegebene Geld in Palastina wohl ökonomisch ausnutzen, es aber nicht vervielfältigen könne. Auch die beste Kolonisation*- lcltung könne nicht aus „2x2-^10 machen". Die Erkenntnis, daß nur durch Beschaffung von großen Mitteln In einem Umfange, wie sie bisher noch nicht beigestellt wurden, das Problem unserer Kolonisation zu lösen ist, dringt mehr und mehr in allen Kreisen durch. Die Frage wurde nicht nur in der Sitzung des Waad Hapoel der Hitachduth, die bereits seit langer Zeit die Frage der Natlonalanlcihe (Projekt Arlosoroff) erörtert, sondern auch in der Konferenz der „Allgemeinen Zionismen" tauchte dieses Mal dieses Projekt auf, freilich in einer sehr allgemeinen und nicht konkreten Form. In allen Beratungen jedoch spielte die Frage der Gcldverwenduug und damit die Met ho denfrage der Kolonisation für die kommende Periode die Hauptrolle. Wir haben uns in den letzten Monaten mchrlach bemüht, die Kriterien, die Urteile und Gefahren der „vierten Alijnh" aufzuzeigen. Die leitenden Instanzen arbeiten Jetzt daran, den neuen Verhältnissen gerecht zu werden, in der richtigen Erkenntnis, daß keine unserer Institutionen den neuen Maßstäben gewachsen ist. Wie man diesen Verhältnissen Rechnung zu tragen hat, ist heute noch eine heiß umstrittene Frage. Ihre Lösung setzt voraus, daß wir die Einwanderer in ihrer sozialen und wirtschaftlichen Struktur wirklich k c<i n c n. Wir wissen heute noch nicht, wozu sich der Jude, der mit 500 Pfund und ohne Vorbereitung für körperliche Arbeit ins Land kommt, entwickeln wird und entwickeln kann. Wir kennen die potentiellen Kräfte noch nicht, die in dem Einwandererstrom verborgen Hegen, und wissen nicht, wohin sie zielen. In der Konferenz der allgemeinen Zionistcn lieferte einer der Referenten eine heiße Schlacht für die Landwirtschaft, wobei er sich, auf Zahlen und Beweise stützte, die tags vorher in der Sitzung der Hitachduth zur Sprache gekommen waren. Auf der anderen Seite wurde die Stützung der Klein- Industrie verlangt, Selbstverständlich kam es weder zu einer völligen Klärung noch zu einer Ucberbrückung der Gegensätze. Die Kosten frage in der Kolonisation spielt eine wichtige Rolle. Ruppln wies allen Einwänden gegenüber nach, daß wir nicht teurer kolonisieren als andere Länder und daß in den bisherigen Industrien Im Lande cm Arbeiter genau so viel kostet wie in der Landwirtschaft (nämlich zirka 1000 Pfund). Wir werden diese Diskussion vermutlich bis zum Kongreß und danach noch häufig zu führen haben. Einen besonderen Standpunkt in der Frage „Städtische oder landwirtschaftliche Kolonisation" nahm In der Beratung der Hitachduth Arlosoroff ein. Er bewies ebenso wie Kuppln, daß Industrialisierung keine Vcrbllllgunß der Arbeit bedeute. An Hand der heutigen Statistik von Tel-Awi-w zeigte er weiterhin, daß wir bei einer weiteren Verschlechterung der Proportion zwischen ländlicher und städtischer Bevölkerung zur Schaltung von jüdischen städtischen Inseln im Meere der arabischen Landwirtschaft gelangen müssen. Sdton heute deckt die Produktion unserer landwirtschaftlichen Betriebe nicht den städtischen Markt. Bei einem Wachstum der städtischen Einwanderung ohne entsprechenden Ausbau der landwirtschaftlichen Basis, würden wir nur der arabischen Produktion einen Markt schaffen, ohne uns selbst im Lande zu verwurzeln, Es ist dies das erste Mal, daß die Konferenzen verwhlcdencr Gruppen in Palästina selbst abgehalten werden konnten. Die Verhandlungen standen unter dem Eindruck des Landes selbst und waren deshalb viel weniger theoretisch und schematisch. Es fehlte der Blick aus der Perspektive, der aus der Ferne alles so gut zurechtrückt und für glatte Formeln reif macht. Der nächste Kongreß wird mehr Mitglieder zählen, die In Palästina gewesen sind, als je. Das ist ein großer Vorteil. Audi der beste Kenner, der seine Informationen aus schriftlichen Quellen schöpft, wird vieles blaß oder verzerrt sehen. Aber C9 soll sich niemand, der ein paar Wochen im Lande gewesen, einbilden, Palästina zu kennen. Dicso Kenntnisse sind dilettantisch. Und es passiert hier oft, daß man die ungeheuerlichen Urteile von Oästen hört, die seit fünf Tagen im Lande sind. Palästina liegt heute «ehr viel näher bei Europa als früher, aber es will mit Ernst betrachtet und geprüft sein. Lehrerslrelk In PalSstlai? Wie der „Vossischen Zeitung" unter dem 20. April aus Jerusalem gemeldet wird, streikt seit Sonntag, den 19. d. M„ die hebräische Lehrerschaft, weil trotz1 öfterer Versprechungen zwei ausstehende Monatsgehälter nicht bezahlt wurden. Die zionistische Exekutive erklärte, Ihren Anteil am Schulbudgct mit 60 500 Pfd. bezahlt zu haben. An der Nichtzahlung der Ochällcr seien die rückständigen Schulsteuern schuld. Professor W e i z m a n n verweigerte den Empfang einer Deputation der Lehrer, solange sie streiken, und reist dieser Tage nach Europa ab. Felix M. Warborg IQr die gestrandet« Flüchtlinge New York. (J.T. A.) Der gegenwärtig auf einer Europa- Reise begriffene Felix M. War bürg hat an das Rcttungskomitec für die in den europäischen Halen gestrandeten jüdischen Flüchtlinge ein Telegramm gerichtet, in welchem er mitteilt, er habe die Häfen, in denen die Flüchtlinge, die infolge des Elnwandcruitgscinschränkungsgcsctzcs nicht mehr nach Amerika kommen durften, weilen, besucht, und das Elend schlimmer gefunden, als es geschildert wurde. Es sei sofortige Hilfe notwendig, um den Untergang dieser Menschen zu vermeiden. Auf Grund dieses Telegramms erließ der Vorsitzende des Rcttungskomitccs Louis Mars ha 11 einen Aufruf, in welchem es u.a. heißt: „Die Verzögerung des Gcsctzcsprojcklcs über die Einreiseerlaubnis für 8000 Flüchtlinge, die bereits amerikanische Visa haben und die jetzt in Antwerpen, Bremen, Hamburg, Danzig, Libau, Riga und Southnmpton ein trauriges Leben führen, hat die Lage dieser Unglücklichen aufs Acußerstc verschärft. Es ist unbedingt notwendig, die 500000 Dollar, die das Komitec aufzubringen beschlossen hat, sofort zur Stehe zu schaffen. Bis jetzt sind erst 251 000 Dollar aufgebracht worden." _ Der jüdische Oclchrte Dr. Henry Malter, Professor der rabbinlschen Literatur am Dropslc-Colleg zu Philadelphia, Ist dieser Tage Im Alter von 59 Jahren gestorben. ["bcn. Eine halbgcdcckte ist mit dem prallen Licht auf «' Steinmauer, den Farben und dem vielen Inncnllcht mit seiner schönsten Stücke. Ein schönes Aquarell von ifusalem wirkt wie Porzellan gemalt. Und vor allem »I ein großes Oclbild einer Straße in Jerusalem ein lebendiges wek Orient. Der Gcdankcnkünstler des Nordens legt Indes??* auf Mystik Wert, obwohl die natürliche Mystik der Mbbala, wie sie der ostjüdischc Maler Kahn besitzt oder fybak, in Pcysaks sonstigem Schaffen vorläufig nicht zum Jusdruck gelangt. Seine Klagemauer Ist unbeschadet der ^gcstaltung mehr ein farbig gesehenes Nachtbild und ein p«tcll „Jerusalem bei Mondschein" bringt mit einem Hellten Qlanz und Widerschein gut zum Ausdruck, aber man f<t überall die Natur. Nein, Mystik im Sinne des Ostens 1" « nicht. Aber sein „Mose als Knabe", dieses uralte Rltl<i mit <icm bohrenden Schmerz des Gedankens zeigt das gliche Acqulvalent; die heroische Gestaltung — Georg f'»nd« nennt nicht umsonst Griechenland das heilige .lf|d .... _ die heroische Landschaft der Seele, wenn Peysak auch immer der Tcäutuct die Oberhand behalt, nur '«'erweckt ran dem Palästina der Farbenschnsucht. Auch ich sagte vor einem der sonnenglühenden Bilder: f ir> bekommt Sehnsucht nach Palästina". „Das Ist der '»eck mcincr Bilder," sagte hierauf Peysak. „Jeder, der i\l w»r, will dahin zurück. Meine Bilder sollen werben für '««tina." Er will aus diesem Orunde auch selbst Re-;.'°<h*lionen seiner Bilder herstellen, «o erschwingbar, daß in ^naluz sie besitzen kann. {i, D« Weg dieses westjüdischen deutschen Juden Peysak *°t aber in Ansehung seiner früheren Arbelten zum mindesten denken. Weggewischt ist der frühere Strich bis zur n*ccnntlichkcit. Mit den Augen des Orients sieht er dieses d" europäische Sehen war erst zu vergessen. Oroß, te« itCmmt die Linic untJ dic Ocstaltung. Auch die Menschentj i 1,U"K wurde anders, wenn sie auch besser vorbereitet war. Jse Köpfe sind Im breiten Strich sogar ostjüdlschcn Wesens- "genähert. Der deutsche Jude als Produkt eines ü|'cn* erscheint somit dargestellt als lokale Begrenzung, freu *' 8ucn def Jüdische Europäer läßt Erwartung offen, wir uns, daß wir noch «o Jung werden können I Auch roP» wird davon nur Nutzen haben. RuthMorold. Das mcssianlsclic Mysterium Wortrag Martin Bubcr in Berlin am 6. April.) Wir haben bereits einen kurzen Bericht über die Berliner Feier anläßlich der Eröffnung der Universität Jerusalem veröffentlicht. Wir geben nachstehend eine zusammenfassende Darstellung des Gedankenganges des Vortrages, den Dr. Bubcr bei diesem Anlaß hielt. Buber begann mit dem Wunsche, daß Innerhalb der neuen Universität auch eine Stätte für eine selbständige Religionswissenschaft und Rellgionsphllosophic erstehe. Religion ist die reale Beziehung des Menschlichen zum Göttlichen, dic, in der Wirklichkeit des religiösen Lebens, in dic Gegenseitigkeit des Göttlichen und Menschlichen eingeschlossen Ist. Die Wissenschaft löst dic Beziehung des Menschlichen zum Göttlichen als das allein Erforschbare aus der Gegenseitigkeit heraus, wobei sie sich Ihrer Grenze bewußt bleiben nitifl. Die göttliche Offenbarung, selbst kein Objekt wissenschaftlicher Forschung, ist diese Orcnzc; ohne sie ist Religionswissenschaft ficli'v, leer und rlchtimgslofl. Diese Grenze ist zugleich dic Quelle der Vielheit der Religionen. Das Ochelmnis der Vielheit der Religionen Ist identisch mit dein Geheimnis der Zwcthclt von Religion und Wissenschaft, dic nur in der mcsslanischcn Welt überwunden werden kann. Als ein Beitrag zu einer jüdischen Religionswissenschaft, die sich dieser Zwcihcit und ihrer Bedeutung bewußt ist, will Bubcrs Vortrag Ober das mcssJanlsche Mysterium gewertet sein. Zwei Deutungen gibt es für das Wesen des Knechtes Gottes, dessen Leiden und Sterben im 53, Kapitel des Buches Jcsaja, in jenem Werke des namenlosen Propheten, das In das Buch Jcsaja aufgenommen wurde, geschildert wird. Die eine Deutung meint einen persönlichen Messlas; der christliche Theologe Albert Schweitzer sagte einmal von Jesus, er habe „Im Schatten des dcutcro-Jesajanischen Knechtes" gestanden. Diese Deutung hat ihre Parallele im jüdischen Schrifttum, wo schon sehr früh die Konzeption des leidenden Messias auftaucht und im Traktat Sanhcdrln unmittelbar mit der dcutcro-jcsajanischcn Schilderung in Zusammenhang gebracht wird. Die jüdische Mystik hat steh dieser Auffassung bemächtigt Ihr gegenüber steht jedoch die zweite Deutung, die von dem übrigen Inhalt des Buches ausgeht, wo wiederholt in unzweideutiger Weise da9 Volk Israel als „Mein Knecht" bezeichnet' wird. Der dcutcro-jcsajanischc Gottesknecht, der die Leiden der Welt auf sich nimmt und dadurch dic Erlösung der Welt verbürgt, ist das Volk Israel. Dies der Standpunkt der klassischen Exegese des Judentums, vertreten von Raschl, Joseph Caro, lbn Esra, Jehuda Halcvy, Mcnaschc ben Israel, S, D. Luzzatto. Dieser Deutung widerspricht aber der gewöhnliche Charakter der Lieder und man kann diesen Widerspruch auch nicht dadurch beseitigen, daß man eine repräsentative Figur der jüdischen Geschichte dafür einführt. Dic Schwierigkeit beider Deutungen entsteht dadurch, daß mau eine Alternative zwischen cschatologischcr und historischer Deutung annimmt. Diese Alternative ist abzulehnen. Dic Persönlichkeit des Oottesknechtes ist über allen Zweifel erhalten, aber sie Ist Individualität in demselben Sinne wie das Ich der Psalmen, sie spricht aus tiefster Verbundenheit mit Volk und Menschheit, sie ist eine repräscntatlvc Ocstalt, dic in ihrer Person darstellt, .was Oott mit Israel gemeint hat, als er Jacob diesen Namen für seinen alten gab. Bei der Betrachtung der falschen Alternative zwischen historischer und mcsslanlschcr Deutung werden wir hingeführt auf dic Orundfragc: ist der Messias die Aufhebung der Ocschlchtc oder ihre Vollendung? Dic wahrhaft jüdische Auffassung sieht in der Mcsslaswclt die erfüllte, vollendete Schöpfung, dic zum' Reich Gottes geworden ist. Sic bereitet sich vor In der Geschichte, und jedem Menschen ist es gegeben, an ihrem Kommen, also an der Erlösung der Welt, mitzuwirken. Diese jüdische Auffassung gibt auch den Schlüssel zum Vcrständis der Ewcd-Licdcr; „Wovon hier als einem Geschehenen berichtet wird, ist In Wahrheit geschehen, es Ist immer v/ledcr geschehen, und geschehen soll es, bis es in der Fülle der Zelt seine Erfüllung findet. Es hat die Form der Aflvcrgangcnhelt und birgt den Samen der Allzukunft." Dcutcro-Jc'saja lebte in dem Moment, da dic alte Welssagung. der Volksbcfrcluug, der Rückkehr aus dem Exil sich zu verwirklichen beginnt. Er aber knüpft an diese Erfüllung eine neue, lene weit überbietende Verheißung, die

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