Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXX (1925)
- Issue
- Heft 31 (21.4.1925)
- Date
- 1925-04-21
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 280 JÜEDISCHE nUNDSGHAÜ Nr, 31 Ein Volk und seine Mission Unlcr diesem Titel brachte die bekannte große Londoner konservative Zeitung „DailyTelegraph" am2. April nachstehenden ersten Leitartikel. Wir geben aus der Fülle der englischen Prcsscäußcningcn diesen Artikel, der uns besonders charakteristisch erscheint, vollinhaltlich wieder. > Lord Ballon« Rede bei der Eröffnung der UiilversH.1t in Jerusalem war keine Enttäuschung für diejenigen, die erwartet hotten, daß sie eines so großen Anlasses würditf sein werde. Es Ist vielleicht ihr llauptverdlenst, daß sie vielen, die es bisher sich noch nicht ganz klar gemacht hatten, erst gezeigt hat, wie groß dieser Antat) war. Es handelt sich nicht nur darum, daß mit Berge Skoptm, mit dem Blick out Jcrtimilcm, Hörsäle errichtet werden, In denen die holfnuugsvoltc Jugend Palästinas den Vortrügen der Professoren lauschen und akademische Qrade in Medizin, Chemie, Jus und den humanistischen Wissenschaften erlangen kann, so daß ein Zustrom sein wird von im Lande ausgebildeten Fachgelehrten zum eigenen Nutzen wie auch zum Wohle der palästinensischen Bevölkerung. Das wird natürlich ein Erfolg der Universität sein iinil sognr ein sehr wertvoller. Aber wenn wir es recht verstehen, gehen die Ideen, welche die Ucgründcr dieses Institutes beseelt haben, darüber weit hinaus. Sic erstreben nichts gciingcresalsdicErwcckungdcrscrnlllschcn Völker des Ostens, Die hebräische Universität soll das Licht auf der Höhe werden — ein Licht, das mit klarer und ruhiger Flamme brennt und zu dem der Osten die Augen erheben wird, um sich dann mit einem ganz anderen Ausblick seiner Arbeit wieder zuzuwenden. Es ist einmal go schün gesagt worden, daß der Osten «aufhorcht beim donnernden Vorbeimarsch der Legionen und dann wieder in seine Gedankenwelt versinkt". Rom hat ihn niemals zivilisiert, wie es den Westen zivilisiert hat — au« Gründen, die dem Altertumsforscher wohl verständlich sind. Der Ansturm kam und der Schlag ging daneben, ohne eine dauernde Wirkung zu hinterlassen. Man kann auch nicht sagen, daß andere und spiitcre westliche Zivilisationen den Onten berührt luttten; sie sind dort bis zum heutigen Tage Fremde geblieben. Aber was sie nicht vollbringen konnten, das wird vielleicht einer Rasse und einer Kultur gelingen, dieselbst eine östliche ist, die aber Immer eine wundervolle Fähigkeit bewiesen hat, sich die Kulturen der Völker, unter denen ihre Angehörigen lebten, anzueignen, ohne dabei ihre Eigenart und Besonderheit cinzubOflcn. Nur. das jüdische Volk kann mit einer Aussicht auf Erfolg die Aufgabe unternehmen, den Osten zu erwecken, indem es Ihm einerseits den wissenschaftlichen Geist der Qegcnwort vermittelt, andererseits aber In den Juden selbst im Lande ihres Ursprungs das wiederschafft, was im weitesten Sinne des Wortes der „Geist der Propheten" genannt werden kann, der die fruchtbare .Quelle so vieler Religionen gebildet hat. Der Chief Rabbi sprach von der „Wiederbelebung der heiligen Quellen von Israels schöpferischer Energie", so, als wenn diese Quellen nur nuf Israels eigenem Boden strömen könnten. Und für den hier In Rede stehenden besonderen Zweck Ist dies wohl auch der Fall. Es Ist eine geschichtliche Tatsache, daß in Babylon die Harfen verstummten; es besteht die Hoffnung, dnO sie nuf jüdischem Boden mit edlerem Klang wieder ertönen werden. In beredten Worten sprach Lord Balfour von den wunderbaren schöpferischen Kräften, die jüdische Männer durch die Jahrhunderte hindurch in ollen Teilen der Welt entwickelt haben. In Fragen des Geistes und auf allen Gebieten künstlerischen Schaffens sind die Erfolge bemerkenswert und niemals auffallender als heutzutage. Lord Balfour erwähnt besonders die neue Theorie der schöpferischen Entwicklung, die neue Psychologie, die neue Relativitätstheorie — in all diesen Füllen sind die Begründer und hervorragendsten Exponenten Juden. Er fügte allerdings gleich hinzu, man solle nicht glauben, daß alle großen Leistungen der Welt In Wissenschaft und Philosophie von Juden vollbracht worden seien oder vollbracht werden würden — ist er selbst z. B, nicht Prcsbytcrianer? Er führe alle diese Beispiele nur an, um zu beweisen, was offenkundig ist: daß der jüdische Oclst gewisse Eigenschaften habe, die in hervorragender Weise für die Behandlung des „Theoretischen" im hesten aristotelischen Sinne dieses Wortes geeignet sind. Die Zlonlstcn erhoffen in Palästina eine Blütezeit des reinen Ocnlus der Rasse In jenen Höhen des Denkens, wo Philosophie und Religion In eins verschmelzen. Wir können nicht vorhersagen, ob diese Blüte kommen wird, aber wir wissen wenigstens, daß Saft und Kraft in dem Baume treibt, der auf dem Skopus neu gepflanzt wurde, wie Immer auch sein Laub und seine Früchte beschaffen sein werden. Der Chief Rabbi sprach von einem „geistigen Zentrum, durchglüht von Jener Leidenschaft der Juden für Gerechtigkeit, die Zlon wieder zur Mutterstadt einer neu belebten Menschlichkeit machen soll". Kein Ideal könnte erhabener sein; und. niemand weiß besser als Dr. Hertz, wie wesentlich es Ist, daß die neue Gemeinschaft jenen alten Oclst des feurigen, erlesenen Fanatismus wieder heraufbeschwört, der In den letzten Tagen der Jüdischen Unabhängigkeit nur allzu verschwenderisch geglüht hat — auf demselben Boden, welcher die größten Sympathien erweckt und das neue edle Evangelium der Selbstaufopferung hervor« gebracht hat. Für seine Erwähnung der Araber und Ihrer jetzigen Stirn- '"ung hitziger Feindseligkeit konnte Lord Balfour keine besseren Worte finden. Er appelliert an sie, sich zu erinnern, daß In den finstersten Tagen des finsteren Zeitalters Juden und Araber gemeinsam es gewesen sind, von denen die ersten Lichtstrahlen ausgingen, die diesen finstern Zeitabschnitt erhellen Rillen. Warum sollte das nicht wieder so sein können? Mimisch sind die beiden Völker nahe verwandt. Wir sollen »icht nur an morgen und übermorgen denken, sondern auch an die Zukunft, in der die Zwistlgkcitcn von heute wohl vergessen 6cin werden. Die Araber werden zweifellos die »thauptiing zurückweisen, daß die jüdische Rasse der ihren « »erlegen ist. Aber die Tatsache bleibt bestehen, daß ihr eigener Stillstand durch Jahrhunderte — was Immer auch «er Grund hierfür gewesen sein mag — ihre Unfähigkeit, weiterzukommen, ihr trüger Widerstand gegen jeden Fort- «nrltt, auf den Osten vernichtend gewirkt haben. Wenn die •«ßcnbllcklichc Stimmung in Palästina vorübergegangen sein Wird— und sie wird vorübergehen .«- und Palästina wieder <icn Pia»/: einnehmen wird, clor ihm während einer kurzen " «lt In d:iu großen Augenblick seiner Qcschlchte eigen *ar, dann lit auch Hoffnung, daß die Araber dem belebenden ''auch des jüdischen Inlcllcklcs nicht widerstehen und willig *J seinem Werke mitarbeiten werden. In dem verblüffenden Kapitel von Dlsraellt „Life of Lord Qeorgo Bentinck" stehen einige Sülze, die für diese Sachlage ganz außerordentlich passen. Er nagt dortt „Der Einfluß eines großen Volkes macht sich fühlbar: seine Orößc hängt nicht von Reiner Zahl nb. Diese Orößc Ist ein Resultat seiner Organisation, deren Früchte sich in seiner Energie und Uiiternohniuugslust, in seiner Kraft und seinem Willen und der Fruchtbarkeit seines Geistes erkennen lassen.... hie Juden verkörpern das semitische Prinzip, alles das, was geistig ist. in unserer Natur. Sic sind die Treuhänder der Tradition uuu die Bewahrer des religiösen Elementes." Hoffentlich bringen sie diese Eigenschaften nach Palästina mit, zusammen mit dem Geist der modernen Wissenschaft. Was wird aus dieser Mischung entstellen? Das wird die Zukunft lehren. Natürlich gibt ch Zyniker und Zweifler In Menge i aber Lord Hnlfour gehört nicht m Ihnen. Er sprach von seinem „höchsten Vertrauen" lu die Zukunft der neuen Universität; und dieses Vertrauen wird von allen Jenen geteilt, die jemals ernsthaft über die Oeschlchte des Jüdischen Volkes nachgedacht habon und die In der Feier vom letzten Mittwoch ein welthistorisches Ereignis erblicken. Baltours ErSUiiuiiprede Wir brachten bereit* einen kurzen Auszug aus der Ö-oßen Ansprache Lord Balfour« bff Eröffnung der ulvcrsltiit. Wir geben heute den vollen Worttaut gemäß der Veröffentlichung des zionistischen Zentral« organs „The New Judaca" (London) wieder. Gestatten Sie mir, Ihnen zu allererst für den freundlichen Empfang zu danken, den Sic mir soeben bereitet haben. Ich wünschte, ich könnte hebräisch zu Ihnen sprechen; aber Sic werden sich mit der Sprache zufrieden gehen müssen, die mir die vertrauteste ist, und ich hoffe, auch vielen von Ihnen, zu denen zu sprechen Ich die große Ehre habe, nicht ganz fremd, Was ist es, das diese große Versammlung hier zusammen« geführt hat? Sie kommen aus allen Teilen der Welt, Ihre Muttersprachen sind einander vielfach ganz fremd, und Sie alle bilden hier ein <«Im?I<(cs Ganze — welch großes und einzig dastehendes geschichtliche« Erc'gnls fi einem Lande. In dem sich auf Sclulit und Tritt, von Norden nach Süden oder vou'Ostcii nach Westen, historische Assoziationen dein Geiste aufdrängen. Es ist nicht die Großartigkeit des Lnndschaftsbifdcs, das sich hier vor Ihnen ausbreitet. Es Ist das Bewußtsein, daß dieses Ereignis eine große Epoche einleitet in der Oeschlchte eines Volkes, das dieses kleine Land Palästina zum Mutterboden großer Religionen gemacht hat und dessen geistige und sittliche Bestimmung nun vom nationalen Gesichtspunkte aus zu .neuem l.rbcn erwacht; und der Tag, den wir heute ff lern, wird einen der großen Mcrksteiuc In seiner zukünftigen Laufbahn bedeuten. Vor einigen Minuten machte mich ein Freund dsrnuf aufmerksam, daß Sie von Ihren Plätzen die Stelle sehen können, von der aus die Kinder Israels zum erstenmal das Gelobte Lana betraten. Ich erzählte dies einem anderen Freunde und er wiederum erklärte mir, daß von diesem Berge, dem Berge Skopus, der römische Zerstörer Jerusalems die Belagerung leitete, die einem großem Kapitel In der Oeschlchte des (üdlschen Volker, ein Ende setzen solllc. Kann c« eine historische Stätte geben? Dieser Hügel sah den Anlang und das I rule der jüdischen VolkhgoiiicliiKcIiafl oder das, was das Ende der Jüdischen Volksgemcluschnft und Ihrer Vcrknüpflhcit mit dem Luide, das sie berühmt gemacht hat, zu sein Fehlen. Nun, eine neue Epoche hat begonnen. Eine große Kultur« tat, die vor vielen hundert Jahren in Palästina ihr Ende gc« funden hat, soll in der alten Heimat des Volkes von neuem bcgönnen werden; Ich will nicht einen Augenblick behaupten, daß in dem langen Zeitabschnitt von der Zerstörung Jerusalems bis zur Austreibung der Türken die jüdische Kultur zu bestehen aufgehört halte. Weit entfernt davon. Sic war nicht unterbrochen, aber sie war zersplittert; es war nicht mehr die Kultur des Innerhalb der traditionellen Grenzen des Landes, welches es berühmt gemacht hat, lebenden Jüdischen Velken. Es waren einzelne Leistungen einzelner Gemeinschaften, Per« sonen, Wissenschaftler, einzelner Theologen oder Phllonophen, die über die ganze bewohnbare Erdoberfläche verstreut waren. Sie haben ihren Anteil zu den Fortschritten der Zivilisation beigetragen. Es ist ein grundlegender Irrtum, zu glauben, daß jüdische Männer nicht ihren Anteil, ihren vollen, ganz, großen Anteil an den Fortschritten der Wissenschaft, an dem Wachstum der menschlichen Kultur In der ganzen Welt gehabt hätten. Sic haben Ihn gehabt, trotzdem die Dinge so lagen, daß sie zwar Im Geiste vereint, aber tatsächlich zerstreut und nicht In der Lage waren, ihren besonderen nationalen Genius (und Jede Nation hat ihren Genius) auf die gemeinsame Aufgabe zu kon« zentrieren; und doch haben sie schon in der Vergangenheit daran mitgearbeitet und werden, das hoffe Ich zuversichtlich, in Zukunft eine noch viel wertvollere Hilfe feisten können. Infolge dieser besonderen Umstände stehen wir nun vor der Aufgabe, westliche Lehrmethoden und die westliche Form einer Universität dem asiatischen Boden und einem In einer ösf. liehen Sprache durchzuführenden Erzlchiiugssystcm anzupassen. Das ist ein neues Experiment. Es Ist niemals zuvor unter Um« ständen, die denen, von denen hier die Rede Ist, ähnlclt wären, versucht worden. Meine Damen und Herren, wenn Ich die Zeichen der Zeit nicht mißverstanden habe, wenn Ich über den Genius des jüdischen Volkes nicht In einem tiefen Irrtum befangen bin, dann Ist diesem Experiment ein unausbleiblicher Erfolg bcschicdcn. Nicht nur Juden, sondern alle diejenigen, die an der allgemeinen Weltkultur teilhaben, werden Omud haben, sich zu beglückwünschen. Wenn Ich auch In diesem Ton hoffnungsvoller Zuversicht spreche, so dürfen Sic doch nicht glauben, daß Ich die Schwierigkeiten unterschätze, mit denen Dr. Wclzmann. Sir Herbert Samuel und der Nachfolger Seiner Exzellenz bei der Durchführung ihrer Aufgabe fraglos zu kämpfen haben werden. Glauben Sic nicht, daß Ich die Schwierigkeiten uittmcUMie, die notwendigerweise jedes große Unternehmen bedrohen und sicherlich auch dasjenige bedrohen werden, an dem Sic «He ein gemeinsames Intcrcsao haben. Ich will die praktischen Schwierigkeiten, mit denen die Begründer und Leiter der Universität zu kämpfen haben werden, hier nicht Im einzelnen aus« führen. Eine davon, welche Jedem, der sich mit dem Problem beschäftigt, Ins Auge fallen muß, Ist das Sprachcnprohlcm. Es Ist wahr, daß hebräisch niemals eine tote Sprache gewesen (st; aber es M eigentlich bis vor kurzem keine allen Phasen der modernen Entwicklung angepaßte Sprache gewesen. Es ist eine große Sprache, Ich kann das kühnllch behaupten, trotzdem Ich selbst nicht hebräisch kann; aber Ich weiß, daß alle englisch sprechenden Personen mit einer englischen Übersetzung des hebräischen Schrifttums aufgezogen worden sind; und «lese Ucbersetzung (st eine der großen literarischen Schätze aller Jener, die die englische Sprache sprechen. Es tut nichts zur Sache, welchen Glaubens sie sind oder welches der historische Wert der hebräischen Bibel sein mag! wenn sie etwas von der großen Sprache verstehen, deren Erben »Ic sind, co werden sie Ihnen ausnahmslos sagen, daß die Ucber- Setzung des hebräischen Schrifttums einen großen literarischen Einfluß auf die Entwicklung Jener Sprache gehabt hat, von der Ich wohl behaupten darf; daß sie In Ihren literarischen Am- Wirkungen keiner Sprache In keinem Zeitalter nachsteht, Wenn schon d/e Übersetzung aus dem I Icbräivi,* diesen großen Einfluß auf die englische Sprache gehabth,? so bin Ich wohl berechtigt, zu sagen, daß die Sprach* ,?1 welcher die Uebcrsctztmg stammt — wie alle Sprachen » denen Ucbcr«elz.iingen gemacht werden —, höher •tchcn'iw als die Ucbcrsetzung, der sie das Leben gegeben hat f" Ist also klar, daß das jüdische- Volk Erbe eines großen Wert zeug» literarischer Inspiration Ist, eines Werkzeugs, d.vt tsi.- ist, die höchsten Ausblicke für eine schöngeistige und II? dankenrclclic Literatur zu bieten. Aber folgt daraus auch jaö hebräisch für die modernen Zwecke geeignet Ist? E< u» ,; großer Unterschied zwischen Jcsaia und der Mikrobiologie i,. die Poesie und Imagination der Sprache Jcsaias geeignet fü die l.aboralorJumsarbclt, die diese otättc berühmt iimelien «oliv Ich hatte eine »ehr skepllscho Antwort auf diese l'r.if.» Cf wartet, wenn Ich nicht von zuständigen Sachkennern erfahren hatte, daß durch das Qcnlc vor allem eines einzigen Manne« die licbräliicho Sprache ausgebaut und auf eine Stufe der Ent Wicklung gebracht worden Ist, die sie so biegsam so reich und so anpassungsfähig für jeden neuen Gebrauch, für jede« I Wachstum in den Bereichen der Wissenschaft gemacht hat' wie Jede andere Sprache, in der die menschlichen Gedanken ausgedrückt werden können. Damit Ist wenigstens dicie Schwierigkeit glücklich und wunschgemäß überbrückt. Eine andere Schwierigkeit, vor der Ich eine gcwi-.se Sn?%\ linde — nein, Ich nicht einmal, aber manche Leute hatten Angst davor war die, .ib entsprechende L c Ii r c r getunden werden würden, die den ganzen Umkreis, das stetig wachsende und 6ieh ausbreitende Gebiet menschlicher Wissenschaften beherrschen. Nun. Ich glaube, diejenigen, deren Skepsis «ich |„ dieser Form Ilufiert, brauchen bloß einmal zu betrachten w«, Männer hchriilschcn Ursprungs gerade nuf jenen Arbeits, gebieten geleistet haben und noch leisten, denen Ihre Univcrsltät in erster Reihe gewidmet sein soll; ihre Furcht wird vcrtchwimlcn und sie werden das Vertrauen teilen das die meisten von Ihnen und sicherlich auch ich in die Zukunft setzen. In den letzten Jahren (ich will im folgenden bloß eine Illustration für die Leistungsfähigkeit jüdischer Männer auf ihren speziellen wissenschaftlichen Gebieten geben) sind drei Theorien entstanden, die verschiedene Gebiete der i Wlssensclult behandeln und die Aufmerksamkeit der Laien erregt haben. Sie haben ohne Zweifel auch ziemlich viel verständnislosen Gorcdc begünstigt; aber nichtsdestoweniger haben sie In der ganzen Welt bei allen wissenschaftlichen Gc. Seilschaften einen ungeheuren Eindruck hervorgerufen. Die eine davon Ist die philosophische Theorie, die allgemein als die Theorie der „schöpferischen Entwicklung" bekannt ist: ihr Begründer Ist mein Freund Bergson, ein großer Philo, soph und ein Jude. Eine zweite vielbesprochene Theorie oder besser eine gnnzo Gruppe von Theorien Ist die sogrnaimtt neue Psychologie. Ihr Begründer ist mein Freund und ■ -.t auch Jude (Sieginund Freud). Die dritte Theorie, die um. fassend»!?, originellste und bedeutungsvollste von ollen, in die Relativitätstheorie. Diese Ist, wie wir ja wissen, dat Werk Einsteins, eines mathematischen Genies ersten Ranges, der ebenfalls Jude ist. Ich will selbst vor dieser Versammlung nicht behaupten, daß alle großen wissenschaftlichen Leistungen der Welt Juden vollbracht haben oder vollbringen oder In Zukunft vollbringen werden. Das Ist sicher nicht der Fall; aber diejenigen, die das Ideal einer der wissenschaftlichen Forschung gewidmeten jüdischen Universität In Palästina voll Zweifel und Skeptizismus betrachten, sollen darauf hingewiesen werden, welchen bedeutenden Platz die luden In unseren Tagen im Hinblick auf die wichtigen Proflleme, welche die gchililrte Mrnnchhclt beschäftigen, einnehmen. Darum wiederhole ich, daß diese Schwierigkeit auch die ZweifcbüchtigHen und Nervösesten nicht zu beunruhigen braucht. Vom arabischen Standpunkt aus wurde die jungte Entwicklung In diesem Lande stark kritisiert und es wurde behauptet, daß in einer hebräischen Universität die Araber nur eine kleine Rollen spfclcn und daß sie nur geringe Vorteile daraus ziehen könnten. Es kann kein Zweifel darüber bc stehen, daß diese Universität eine hebräische Universität sein muß. Es kann kein Zweifel darüber bestehen, dafl die Sprache der Universität die hebräische sein muß; aber es wäre ein großer Irrtum, zu glauben, daß aus dicsmi Grunde die arabische Bevölkerung des Lindes nicht alle jene Vorteile genießen könnte, die eine Universität ihrem Laude zu geben vermag. Ich hoffe, die Araber werden sieh daran erinnern, daß hi den dunkelsten Tagen de*, dunkeln Zeitalters, als die westliche Zivilisation fa<t aur.r.'clösc!it und unter barbarischen Einflüssen erstickt zu sein schien, die Juden und Araber gemeinsam es waren, die in gemeinsamer Aibeit dazu beigetragen haben, daß diese düstere JVtiod* von den ersten Lichtstrahlen erhellt wurde. Wenn im zehnten Jahrhundert Juden und Araber gemeinsam für die Erleuchtung Europas arbeiten konnten, worum sollten sie nicht auch honte In Zusammenarbeit mit Europa vereinigt dahin wirken, daß diese Universität nicht nur zu einer großen palästinensischen Universität wird, sondern zu einer, die allen Kreisen der palästinensischen Bevölkerung intellektuelle und seelische Vorteile bietet. Meine Damen und Herren, Sie haben dieses Lind gewonnen, das, wie ich Ihnen bereits in Erinnerung gerufen habe, das Mutterland großer Religionen Ist. Darauf vor fillem beruhen seine unsterblichen Ansprüche auf die Dankbarkeit der Menschen; aber wie wir alte wissen, wurde gerade dadurch dieses kleine Land zum Schauplatz endloser Dispute, endloser Zwistlgkcitcn, endloser Kämpfe und Unruhen. Der Anblick der Türme und Dome, der unzähligen kirchlichen Denkmäler in Jerusalem Ut eine geradezu erschreckende Mahnung daran, wie sehr religiöse Streitigkeiten die Menschheit zu entzweien vermögen. Daruni wiederhole Ich, daß diese Schwierigkeit überlegt werden muß. Und doch — wenn nur die Menschen ein wenig tiefer blicken könnten, so würden sie finden, daß es grundlegende Prinzipien, grundlegende Vorstellungen gibt, in denen sie alle übereinstimmen. Ich weiß sehr trut, daß Differenzen unvermeidlich sind. Wir sollten sie möglichst verkleinern, aber w|r können ihre Existenz nicht lctiRnen und wir dürfen nicht hoffen, daß sie nicht andauern werden. Aber was die Bestrebungen, zu denen wir jetzt vereinigt sind, so beglückend macht, ist, daß sie nicht trennend wirken; der Versuch, eine neue Universität auf würdiger Grundlage zu schaffen, soll unter keinen Umstanden von jenen alten Quellen der Zwietracht beeinträchtigt werden, die die Menschheit so unheilvoll gespalten hat. Die Wissenschaft wenigstens steht außerhalb dieser Sektenuntcrschicde. Sie verändert steh, sie schreitet fort in dieser unserer Zeit mit einer ungeheueren Geschwindigkeit; aber In jedem Augenblick eines Jeden Zeitabschnittes In der Entwicklung der Wissenschaft werden Sie sehen, daß — tillgcmcln gesprochen — olle führenden Männer darin einig sind, was zwar nicht die endgültige Wahrheit, aber doch diejenige Wahrheit ist, zu der man nach bestem Wissen gekommen ist; und von dieser Tatsache rührt alter Fortschritt her und bildet neue Grundlagen für neue Wege. Die Forichungen der modernen Universität geben keinen Anlaß zu Streit und Entzweiung. Sic sind ein einigendes Hand. Die Wissenschaft Ist ein Band, das auf dem Wege gleicher Lehren In der ganzen Welt alle Menschen einigt. Sic schafft eine gcmclniame Grundlage des Denkens, welche gemeinsame Hoffnungen für die Zukunft hervorruft. Sie bietet gemeinsame Interessen, ttnd Jeder Forscher an jeder Universität weif, daß er. nicht nur in seiner nichsten Umgebung Genossen hat, londern daß sich auch in fernen Ländern, auf der anderen