Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXX (1925)
- Issue
- Heft 29-30 (8.4.1925)
- Date
- 1925-04-08
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Kf.29'30 ijUEÜISCHE KUNDSCHÄU Seit« im Der Jude als Mediterran Von Arnold Zweig. Vorbemerkung: Dank des Entgegenkommens von Verlag und Verfasser sind wir In der Lage, die folgende Stelle aus einem neuen Buche von Arnold Zweig zu 15 neuen Stehizclchnuitgcu Hermann Strucks unseren Lesern schon jetzt zugänglich zu machen. Das Buch heißt ,,Da» neue Kanaan" und wird dieser Tage, in grobem Format und mit aller Sorgfalt hergestellt, im Verlag Horodlsch&Marx, Berlin, erscheinen. Es gibt ein Oesetz, und es ist noch nicht entdeckt, nach wdchem die Produktivität eines Volkes geheimnisvoll gebunden jjt an den Erdstrich, den es jung und nomadisch in Besitz mhm, um auf Ihm zur Seßhaftigkeit, zur Hcimatltehkcit zu dangen, Heimat, man wage diese Definition, Ist der Boden* und Himmelsstrich, der Individuen wie Volker mit den schöpfetischen KrSften speist Soviel Kolonien von schon bestehenden, schon starr gewordenen Völkern auch gegründet wurden: „Irgendwo sind auch die Begabtesten unter Ihnen im „Auslinde" zu geistigen und urtümlichen Gestaltungen gekommen, nur Im Mutter- und Vatcrlande gebaren sie große Oeisler. Zwischen Ihnen und jenem Boden, der Ihre plastische Epoche ijli und mitmachte, ermöglichte, inltsctutf, war ein Bund »richtet, der Heimat heißt. Wo sind die Schöpfer der Griechen nii(!crhaU> jenes Orlcchculnnds, das Im polnponncsl- «hen Krieg sich aufrieb, und dem Philipp ein Ende machte? Was an OroOcm haben Italiener außerhalb Italiens hervorgebracht? Und die Spanier in Südamerika, die Deutschen in den Vereinigten Staaten? Und die Franzosen außerhalb ihres Lindes? Die Holländer in Transvaal, die Engländer wo auch immer? Suchen wir keine Beweise; lassen wir diese Vorwegnähme überhaupt beiseite, gehen wir zurück zu dein Wege unserer Gedanken und zum Juden, daß er ein Mittelmccrmcnsch sct. Hier liegt ein Hügclansticg vor uns, zerteilt, «frischend unharmonisch. Wege ersteigen Ihn, von denen wir nicht sehen, nach welchem Oesetz sie geführt sind, Gebäude unterbrechen Ihn, ohne daß wir wußten, ob sie nur Reste sind von früher oder Vorhöfc zu dem großen Ibugcvlcrt, das ihn krönt, l'rctnd und hart, wie das Geometrische im Formenrclch der wilden Natur, bringt ein Mauerwerk Im Vordergrunde die einzige Wagorcchtc In dies kämpfende Steigen und die einzige Senkrechte. Und neben einem Baum, dessen Wipfel unser vertrauter Laubbaum ist, steht das konische Zelt, welches das Wahrzeichen des eben einwandernden Juden Ist, der diesen Boden zur Harmonie mit sich selbst bringen will, indem er sich und seine Arbeit ihm einfügt, so wie ein vielstimmiger Symphonicsatz plötzlich ginz klar wird durch eine neu hinzutretende Singstimme. Ins Mittcltnccrland tritt der Miltclmccrmcnsch; es beginnt die Rcmediterraflislcrung des Juden. Er hat In seinem vielgestaltigen Charakter niemals die Onmdnotcn verleugnet, die ihn In die Nachbarschaft jener Völker stellen, die wir nannten. Er sieht aus wie sie; in Hilien, der Türkei, in Spanien oder Südfrankreich ist der nordische Mensch zunächst „unter Juden", und fällt der Jwlc auf, so nur, wenn er blond Ist. Wie sie ist er von . flrund auf Redner. Sein Dcnlcorgan ist das Ohr. Er hört ' %c, Indem er denkt und wenn er schreibt; sein Schreiben »t inneres Reden. Das Tempo seiner Sätze und Ihre Gliederung Ist rhetorischer Art; der Klang der Sprache und ein Schmuckwille der inneren, auch der einsamen Rede kennzeichnet »inen Stil. Er ist sachlich, indem er zugleich prägnant spricht oder pointiert oder antithetisch oder dekorativ oder schön, erhaben, rollend. Sein Pathos, so gewiß es aus tieferen als nationalen Elementen kommt und daher seine großartige Rauhelt zieht, empfängt dennoch von ihnen seine schwingende ^este. Und Geste Überhaupt ist ein Wort, das zu weiterer» Klarheiten leitet. Diesem mit Mitteilung geladenen MenschenlvP genügt die Sprache nicht. Zwischen ihm und dem Mitmenschen Ist die Luit nicht dick, sonden gleiten machend; <r wird von innerer Qcladcnhcit ebensosehr in Schwung gebracht wie die herzhaft und umfassend zugegebene Existenz ^>u Mitmenschen, von Nachbarn ihn ermuntert, auf diesen Nebcnnicnschcn einzudringen — der sich gleichartig zur *'fhr setzt oder einstimmt. So wird ihnen der Körper zum 'Prcchorgan, die Hand mit ihren Fingern zu einer Zunge ""dir, und in der Gestikulation erst, oft erheiternd anzusehen, blendet »ich die Wortseitc seines Wesens. Sic trägt ihn iber weiter. Da sich aus dem ungehemmten Körper eben- »sehr Ausdruck ablesen läßt, ist ihm der Nebcnmcnsch ,udi kein versiegeltes Buch wie im Norden, wo die Sprache «ni Verbergen der Gedanken dient und die natürliche Haltung <c* Körners stille „Haltung" und Abwehr ist, aus Mißtrauen "gen das Leben und die Härte des Lebens. Die Geste, «treu Dcdcutung er wie einen Buchstaben des Alphabets >rn efccncn Leibe erfährt, trügt ihn hinein In fremde Ichc, die Spiclfreudc kindlicher erhaltenden Klimas, unge- "«mint machender Ocffcntllchkclt verführt ihn, mit Lust sich verwandeln: er wird Schauspieler, er ist der geborene ^hauspiclcr, nicht well er viele Ichc hat, wie der Ncurotikcr, J'ndcrn well er sein Ich so selbstverständlich fest hat, ™ er jederzeit in andere hinübertauchen kann, die ihm nur Rätsel bieten als zur Verlockung nötig ist. (Auf Melier Basis wird er im Anlyslcrcn Psycholog und im Sozialist.) Dies gilt für Caruso und Zacconi wie für ^"nenüial, Palenberg oder die Bernhard. Hier wurde schon ^aCt, wie sehr Ocffcntliclikclt die Seele entlastet i dem ^»uspiclcr ist sie die vierte Wand, dem Redner das Echo J!u der Stoff, den er bearbeitet, dem Sozialisten der freie **S zum Nachbar hin — alle drei erzieht die Straße, u n|eht „lediglich dem Verkehr" dient, sondern die dem;;c"«chcn des Mltlclniccrs ein Teil, ein Haupltcll der Wob s "C ist; und wir werden über all das noch einmal zu hjmi i00 na!)cl,( wenn es sich um Ocmclnschaftsbilduug . DO«'« wird. Aber hier lassen wir nur einen Blick fallen AlL*? cln 5*au8> wur"'fT un*l 'höh und In sparsamen hjlh iCn gliedert wie dieses, mit einem Baum als Nachbar, ..^Presse und halb Poppcl, kubisch vor die schwingende Jlxt, gestellt, die zur Rechten in den Berg übergeht, den vj. "'cht sehen: wo stehen solche Häuser? Nur in Palästina? Iii"1 auch auf den Halbinseln Europas, die In da» glück- '«Uff, eintauchen, um ewig jung zu bleiben? Wer wollte tj), ,tn,' daß Jede von Ihnen Ihr Besonderes hat, auch Palästina, Aber I ''B">iii>cl, sondern eine lauge, »teile Küste Ist, i!», ." seiner gestreckten Flanke donnert das Meer ~ und •treu .,clK)n raachl ou* <*cm Judcn« d" '« «einem Atem- 6b«'u »uiwäclut, ein neue» Ding..Iiuwlschen Ist der Jude wo er aus sich heraus leben kann, Straßenmensch geblieben, z.B. Im jüdischen Osten Europas, aber selbst In modernen Großstädten de9 Nordens, Ungehemmt zum Nachbar hin, läßt er slclis nicht einfallen, sich zu verstecken auch mit Qcfühlsausbrüchcit oder dramatischen Szenen, bei denen der Nordincnsch sich vor Scham windet, wenn er zufällig Zeuge wird, und bei denen der Italiener oder der Piovcucalc sich nicht einmal hin- oder wegwenden würde, Und wenn Deutsche oder Polen dem Juden nachsagen, er Hßc gern Lauch und Zwiebeln, so hat er nur bewahrt, was von antiken Tagen her die Völker dieses Garten meers unserer Ctxlliiilltc zu essen gewohnt »lud: Qarlcitfruchlc, leichte Nahrung, die diesem Klima ebenso entsprechen wie die Flcischniillilcr des Nordens der anderen Zone. Aber wie jene Ist auch er ein Freund des Lachens und der Spüßc; In seinen Witzen und in der genußvollen Hingabe an sie und ihr Gelächter liegt außer allem anderen noch das Klima der Komödie, des Mimits, der Saturualicn und all der Buffoncrien, die uns im Norden sehnsüchtig nach soviel Leichtigkeit und Lcbcnsclan machen. Er Ist chi Lacher und Spaßfreund geblieben, der Jude, und vor allem auch gegen sich selber: kein Ernstiichrucr seiner selbst, kein feierliches Krokodil, solange er auf natürliche Art In seiner Haut steckt, und daher auch kein Mann der Feierlichkeit gegen rindere: ein Polemiker, der mit Lachen seine Pfeile versendet wie Heine, wie Korr und seinesgleichen, lachenden Zorne» fähig gegen die Uehcl »einer Zeit, an deren AhBtellbnrkelt er Inbrünstig, glaubt, well er, Seefahrer und Kniifmniiii, vieler Menschen Art und Lebensweise gesehen hat und weiß, daß die Leute hinter dem Berge auch richtiggehende Leute sind, wenn sie auch ganz ander« leben — vor allem aber, well er an den guten Willen und die Macht des menschlichen Verstandes glaubt wie alle Völker Jener Zone. So Ist er Aufklärer wie Italiener, Franzosen oder Griechen, Logozlst, dessen Denken unter hellen Oesetzen steht, 00 sehr, daß er die Irrationale Seite des Menschen darum vernachlässigt •—• so sehr, daß er der Irrationalen Seite des Menschen dort, wo sie am dunkelsten verschlossen ist, die Wissenschaft vom verdrängten Leben abgekämpft hat, die hellende und großartige Psyclwanalyse. Und eben darum Ist er kein bequemer Untergebener, ein Skeptiker und Vcriludcrcr der menschlichen Zustände und Rcwlullonär auf lauge Sicht, zu sinnvoll gestaltetem Zusammenleben der Menschen, zu echter Pentokrntk' hin, zu einem Oclfcnlaiäcu jedes ahnenden Menschen, soweit er freies Spiel und Raunt für fair play beanspruchen darf. Haben wir hier den Juden beschrieben - - oder den Franzosen, den Italiener, den antiken Hellenen? Ist cln Gruudtypus herausgestellt worden, den alle Völker des Mittelmeers, jedes nach seiner Art variiert haben? Es braucht nur «weh das Wort „Musik" gesagt zu werden, um da» Bild zu beenden: wie Jene Völker Ist der Jude In ihr ein Sinnenmensch eher als ein Scelciimcnsch, ein schwelgerisch Singender eher als cln inbrünstig Versenkter, und seine Größe, BIzcls, Maliters, Mendelssohns Größe, näher der von Verdi, Ist von anderer Art t>h die tiefere, wclthaltlgcrc, grandiose jener einzigartigen, der deutschen Musik, die das ganze Innen des Menschen in sehnsüchtig-erhabene Ströme »cclcnhnftcr Schönheit nach außen treibt dank Jenen beglückenden und leidenden Nordmciischcit, die der menschlichen Seele ebenso viele neue Zungen und Ohren gaben wie hier Namen genannt werden als Dank: Bach, Beethoven, Schubert, ßrahms, Druckner, Gluck, Händel, Mozart, Wagner; keiner denkbar ohne die Aullockerung und Lehre, dlo Ihnen aus Süden kam, und jeder ganz gewachsen In sielt selbst und seinem Volke, seiner Zelt und »einer hcrb-herrllchen Landschaft. Ueber die Gestaltung eines zionistischen Festes Von Fritz Noack, Ootha. vor wurde.) (Auszug aus einem Referat, das am 11. Januar 1025 der TM " "" hüriiigcr Zionistischen Gesellschaft gehalten Es Ist eine charakteristische Erscheinung der Asslmilationsepochc, daß die Beziehung zu den jüdischen Festen eine immer geringere wird. Diese Erscheinung beruht auf Innerer Notwendigkeit; denn wie die Beziehung zum Judentum sich mehr und mehr lockerte, schwand mich da» Bedürfnis, Judentum nachschöpfcrlsch zu erleben. Die Feste, die heute noch in liberalen jüdischen Häusern gefeiert werden, sind ledig* lieh eine Inkonsequenz, sind innerlich unwnhrhaltlg (man hält noch etwas „aus Pietät" oder „wegen der Kinder"), sie bilden keine Ruhcpunktc im Leben, Ihre Gestaltung wird nicht durch eigenen Ausdrucks willen neu beeinflußt, sie entbehren jeder persönlichen Beziehung. Man übernimmt bestenfalls einige .'innere Symbole, empfindet ein Fest in der Regel als unliebsame Störung, oder aber — was noch schlimmer ist — benutzt es nur als Vorwaud für Jccro Amüsements, „Vergnügungen". Von einer reinigenden, befreienden Wirkung eines Festes Ist nichts zu spüren. Dein stelle man gegenüber die Bedeutung, die die Feste stets bei allen Völkern gehabt haben. In der Gesetzgebung der Thora nimmt das Statut für die Festtage eine hervorragende Stelle ein, und es Ist doch gewiß auffallend, mit welchem Ernst, mit welcher Gründlichkeit die Lehrer und Kommentatoren des Talmud die Form und den Sinn der Festtage erörtert haben, Sic stehen damit nicht allein; c» wäre kulturgeschichtlich von großem Interesse, an dieser Stelle zu erörtern, welche Bedeutung die Feste In der Antike, in der christlichen Klrcho und im Islam gehabt haben. Ja, sogar moderne Bewegungen wie die französische Revolution oder das deutsche Kaiserreich von 1871 haben versucht, aus eigenem Geiste Feste zu gestalten. Die «Iculschc Revolution von 1018 kämpft heute noch um die Anerkennung der Von ihr proklamierten Feiertage wie. um hochpolitische For« derungen. Wir Juden stehen — wie mir scheint — allzu verständnislos dem Elfer gegenüber, mit dem In Deutschland um den 1. Mal oder den 9. November gekämpft wird. Die zentrale Stellung der Feste Im Kulturleben der Völker geht besonders daraus hervor, daß die bedeutendsten Künstler sich um ihre hochwertige Ausgestaltung bcmUhlcn und da durch die Welt um Ihre wesentlichsten Kunstlcistungcn be reicherten. So Ist das ganze griechische Theater eine An« gclcgenhelt der Feste gewesen. Dlo bildenden Künste fanden im Bau und in der Ausschmückung von Tempeln, Kirchen, PcsthaUcn größte Entfaltungsmöglichkeit. Das Jüdische -Volk verdankt »einen Festen nicht nur Dichtungen wie dlo Psalmen und die Gesänge der Pcittulinj »I« haben auch Im hohen Orade zur Erhaltung der hebräischen Sprache überhaupt beigetragen. Welche politische Bedeutung man den Festen beimaß, kann nachgelesen werden Im ersten Buch der Könige, Kap. 12, Vers 27—33, wo sehr instrukllv erzählt wird, wie Jerusalem aus Sorge vor der propagandistischen Wirkung der Feste In Jerusalem eigene Pcstc in Bcth-d und Dem vcranstalt-te. Aber Im allgemeinen sind Feste elementare Angelegenheiten, die sich nicht zwangsweise von oben her einrichten lassen. Ihre Gestaltung Ist weniger eine Angelegenheit der Politik als der Kunst, Es besteht cln Parallellsmu» zwischen der kulturellen Schöpftmgskraft einer Epoche und der Bedeutung, die die Feste In Ihr einnehmen. Ich glaube, daß der Zionismus, wenn er mehr ist als eine jxilltlsche Erscheinung, wenn er eine entscheidende geschichtliche Tatsache Im Leben des jüdischen Volkes Ist, sich auch Im Leben des Volkes zum Ausdruck bringen muß, daß er deshalb vor allein danach streben muß, die Jüdischen Feste In seinem Sinne zu gestalten. Ein Fest Ist Anlaß zur Selbstdarstcllung; des Volkes, seiner Stimmungen,v seines Onmdgcfühlsj es ist eine elementare Angelegenheit wie die Kunst, und mit Ihr vcrschwlstcrt und befreundet. Ist der Zionismus wirklich eine erschütternde, eine auf-' wühlende Angelegenheit, so muß er Schöpferkräfte Im Volke frei machen können; und woanders sollen sich die Schöpferkräfte bewähren können nl» bei der Formung einer Feier, die Künstler und Volk zu einer schaffenden Gemeinde zusammenfaßt. Man kann bisher nicht behaupten, daß die zionistischen Feiern eigene Gestaltungskraft verspüren ließen. Unsere Feste haben keinen eigenen Stil, sie befriedigen niemand, sie werden weder vom Publikum, «och von den Veranstaltern ernst genommen. Ihr tieferer Sinn liegt in der Ocldaiifbringung, und danach wird Ihr Wert bemessen. Eigene Befriedigung wird in Ihnen nicht gesucht, und es Ist kein Wunder, daß sie selbst dann nicht als Kimstlclstungcn erscheinen, wenn erste Künstler in ihnen mitwirken. Denn das „Niveau" eines Festen kann nicht durch eine Serie zusammenhangloser Kunst- Iclstungcn „gehoben" werden, ein Fest muß cln einheitliches Kunstwerk sein, einheitlich In der Idee und geschlossen In der Durchführung. Wotui Ich nun Int folgenden versuche, einige positive Gedanken über die Gestaltung einer zionistischen Feier zu linbeu, so gehe Ich dabei von den Erfahrungen aut, die Ich In gemeinsamen Veranstaltungen mit unserem Freunde Simon Kronberg gewonnen habe. Ich bin persönlich der Ansicht, daß diese Feiern, wie sie In Halle, In Leipzig und in Oolha stattgefunden haben, einen neuen Stil Jüdischer Feste begründen, und Ich werde diese Ansicht auch dann behalten, wenn mir nachgewiesen werden sollte, daß meine Begründung unzulänglich ist. Denn meine Ucbcrzcugiing beruht nicht auf logischen Erwägungen, sondern auf dem starken persönlichen Eindruck, den ich selbst und andere Menschen von diesen Festen empfingen. Zionismus ist eine zielstrebige Bewegung, und diese Bewegung hat Ausgangspunkt, Richtung und Ziel. Der Ausgangspunkt heißt „Gallith", das Ziel „Ercz-Isrncl", und damit ist die Richtung gegeben. Ein zionistisches Fest muß diese Richtung fühlbar werden lassen. Damit Ist Über Form und Stimmung des Festes ulchls gefaßt, sondern nur über die Spannung, die das Fest beherrschen muß. Wie diese Spannung erzeugt und. gelöst wird, Ist eine weitere Frage. Ich kann mir viele Möglichkeiten denken, so daß jedes Fest individuell sein kann, unbeschadet seines typischen Orundcharaktcrs. Selbst der Stimmung ist ein weiefr Spielraum gelassen, je nachdem man den Schwerpunkt nach der Seite des „Oaluth" oder des „Erez-lsrael" verschiebt. Alle Darbietungen sind nach Ihrem Ocfühlswcrt In diese Spannung einzuordnen. Diese Einordnung ist bei weitem das Schwierigste und erfordert außerordentlichen künstlerischen Takt. Denn bei jeder Darbietung schwingen Assoziationen verschiedenster Art mit, die man In Rechnung stellen muß. Der Aufbau des Festes soll aus Jüdischen Forniclcmciilcn erfolgen, d.h. also solchen Formen, deren Darstelluiijj Assoziationen Jüdischer Art auslöst. Es Ist klar, daß eine Mcnorah ein jüdisches Symbol Ist, aber cln Weihnachtsbaum nicht; nicht well etwa die KuiMtform der Meuorah Irgendwie In einem absoluten Sinne jüdisch Ist Im Gegensatz zum Weihnachtsbaum, sondern lediglich wegen der an diesen Symbolen haftenden Erfahrungen, die Vorstellungen und Erinnerungen bestimmter Art wecken. Was Im Einzelfall jüdisch Ist, was 'nicht, Ist Sache künstlerischen Empfindens, ja, es kann sogar dieselbe Darbietung Je «ach dem Zusammenhang als jüdisch oder unjüdisch empfunden werden. Dlo dritte Forderung Ist, daß eine unmittelbare Beziehung entsteht zu unserem eigenen Leben; alle festlichen Darbietungen können nur Symbole sein für unsere eigenen Jüdischen Empfindungen, sie müssen deshalb, wenn nicht unmittelbar, m doch mittelbar, Ausdruck dessen sein, was in uns selbst lebendig Ist. Um diese drei Forderungen: die innere Spannung, die Verwendung jüdischer Formen und Symbole und die Hcr»lclluiig unmittelbarer llczlchuugcn zu unserem eigenen Leben, an einem Beispiele klar zu machen, werde ich Mo iiii der Pcnncti-Majcdc erläutern. Der' Seder beginnt mit folgender Erklärung (Ho lachtno anjo) „Dies ist da» Brot des Elends, das unsere Väter im Lande Aegypten aßen. Wer hungrig Ist. komme und esse, wer es nötig hat, koimnc und feiere mit uns Pcßach. Dieses Jahr hier, im nächsten Jahre In Ercz-Isracl. Dieses Jahr Knechte, im nächsten Jahre freie Menschen." In diesem kurzen Abschnitt sind bereits alle drei Forderungen erfüllt. Oanz klar tritt dlo „Spannung" hervor. Elend, I lunger, Knechtschaft, Oaluth auf der einen Seite — Pcßach, Freiheit, Ercz-Isracl auf der anderen, Und diese Stimmung ist ausgelöst durch das Jüdische Symbol der Maz/ah, das gewiß nicht nntiirhaft jüdisch Ist, aber »0 reich mit Tradition beladen, daß es ganz, bestimmte, starke, . historische Erinnerungen ohne weitere» wachruft. Und in ganz erstaunlichem Grade »lud In diesen wenigen Worten unsere eigenen Beziehungen hergestellt 1 Brot des Elond«, Hunger; wie früher In Aegypten, so jetzt hier; wie unsere Väter sich befreit haben, wollen auch wir bald frei «ein; iclwn das nächste PcÜachfest soll uns im Lande Israel sehen, . Prüft man unter diesem Ocsichlsptmkt die Pcßach-Hagada, so wird man staunen, wie stark diese Spannung den ganzen Seder beherrscht, Oft Ist dlo Erzählung unterbrochen: „Iii Jedem Ocschlccht erhob man »Ich, um» zu verderben" — „jede Ocncratbn soll Pcöoch sa feiern, als sei «le »clhst aus Aegypten gezogen," Lebendigste Gegenwart wird geradezu dramatisch wach, ,wenn man die Tür öffnet, und den Zorn Oottc» »uf dl« Helden herobflcht, die ihn nicht anerkennen. In Liedern werden historische Beziehungen her-