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Jüdische Rundschau · 1925-04-08 · Heft 29-30 (8.4.1925) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXX (1925)
Issue
Heft 29-30 (8.4.1925)
Date
1925-04-08
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Kr.*"30 )UEDtSCHE RUNDSCHAU Seite 283-, Moses Heß i (Zum 50. Todestage, 6. April 1925.) pic Bedeutung Moses Heß' und seines Buches „Rom ,jj Jerusalem'* für uns ist noch lange nicht genug Würdigt worden. Hcrzls überragende Persönlichkeit jj . für eine Ocncration olle 6cinc Vorgänger in den Lhattcn gestellt und viele Jahre lang lebten wenigstens 1 restlichen Zionlstcn Im Olauben, die Ocschichtc L Zionismus beginne eigentlich erst mit dem Basier L„gfcfl. Heß wurde nur nebenbei mit vielen andern \ Vorläufer" genannt. "Heute sehen wir deutlicher. Wir sehen Hcrzls große Verdienste auf dem Ocbictc der Organisation des Volkes auf dem Felde der Politisierung der Bewegung, aber wissen auch, daß er für die gedankliche Beendung des Zionismus nichts getan hat, was an Tiefe 'l( (lRom und Jerusalem" verglichen werden konnte. I, dem 1862 erschienenen Buche von Moses Heß sehen 4jr die zionistische Bewegung eingestellt in den weitesten anschlichen Rahmen, der ihr gegeben werden konnte. Hohe freie Luft umgibt uns, wenn wir in den „Briefen" £CSCs Buches lesen: Unser alltägliches Tun erhält jjl einmal Ewigkeitswert, unsere nationalen Bestrebungen ^rcn auf, bloß national zu sein und werden Erfüllungen lt% menschlichen Geistes. Moses Heß lehrt uns, jen Zionismus als welthistorisches Er* (ignls verstehen, als eine der wichtigsten Stalionen des Wcllgcistcs auf dem Weg« zu seiner Vollendung. Heß, der Sozialist, der Naturforscher, hatte den Mut, die Mcssianische Lehre wieder aufzurichten und £c Rückkehr unseres Volkes in seine Heimat zusammen sit der französischen Revolution als das Zeitalter der Vollendung der menschlichen Ocschichtc anzusprechen, als den „Ocschlchtssabbat". Er sieht in der Weltgeschichte drei Epochen: Die „erste Offenbarung", die dem embryonalen Zustande zu vergleichen ist — das iüc Heldentum und Judentum — die zweite OHenbsrungsperiode — jene des mittelalterlichen Judentums, Christentums und Islamismus und das Zeitalter der Reife, in reichem das soziale Leben seine letzten Rassen- und Klassenkämpfe durchmacht, um zur Vereinigung aller Gegensätze, zum Gleichgewicht zwischen Produktion und Konsumtion und zu einen vollendeten Kreisläufe des Lebens zu gclangm, das überall das Manncsnlter charakterisiert. Und in diesem Zeitalter der Reife bedeutet die Befreiung des jüdischen Volkes einen entscheidenden Wendepunkt Solche Einteilungen in Epochen haben immer etwas willkürliches, und es ist unwichtig, ob wir heute diese Einteilung annehmen. Das Entscheidende für uns noch heute aber ist die tiefe historische Erfassung unserer zionistischen Aufgab:, die allein uns sichern kann dagegen, daß wir dem Nationalismus verfallen und aus Palistina ein „Jüdisches Albanien" machen, oder daß wir umgekehrt, um dem Nationalismus zu entfliehen, der die Pest unserer Zeit geworden ist, uns einem unhistotischen Kosmopolitismus in die Arme werfen. Nur wenn wir immer wieder nn die tiefen historischen Zusammenhänge unseres Volksschicksals mit dem der ganzen Welt erinnert werden, wird unser Werk sinnvoll sein. In letzter Zeit Ist es Mode geworden, die Welt geschiente als sinnlos anzusehen und Spengler hat mit seinem Buche „Untergang des Abendlandes", in dem er die Geschichte als abwechselndes Blühen und Vergehen von Kulturen hinstellt, großen Erfolg gehabt Wird die Ocschichtc so aufgefaßt, daß nicht ein Ge dinke und ein Ziel dem Treiben der Menschen zu frundc liegt? dann wird die »Menschheitsgeschichte auf die Stufe der pflanzlichen und tierischen Natur heruntergedrückt Diese Geschichtsauffassung ist der entscheidende Angriff auf das Judentum. Der Olaubc an die Kontinuität des Geistes in der Geschichte Ut das Ocschcnk des Judentums an die Menschheit. Diese „genetische" Weltanschauung hat Heß in innige Verbindung mit unserem Volksschicksal gebracht — und es sei gegenüber denen unter uns, welche'geneigt sind, die Familie und ihre Bedeutung zu unterschätzen, daran erinnert, daß Heß diese Idee aus' der jüdischen Familie und dem starken Zusammenhang zwischen Vätern und Kindern ableitet. Es ist merkwürdig, wie aktuell „Rom und Jerusalem" heute, 67 Jahre nach seinem Erscheinen wirkt. Seine Ausführungen über das politische Schicksal des deutschen Volkes seit dem Bauernkriege, über den „Abfall" (des deutschen Volkes von der deutschen Revolution), wie überhaupt das ganze Kapital „Ein Stück Ocschichtc", scheinen heute geschrieben zu sein. Wenn er im 12. Kapitel davon spricht, daß die Umschichtung der Juden zu Arbeitern erst in Paliistina gelingen kann, weil „die Juden im Exil sich solchen Arbeiten, wenigstens der Mehrzahl nach,, niemals widmen können, weit ihnen die erste Bedingung zu denselben, der vaterländische Boden fehlt", so hat er manche spätere Begründung des sozialistischen Zionismus vorweg genommen. Und wenn er im selben Brief davon spricht, daß die Voraussetzung für die Wiederbelebung des Judentums „die Gründung von jüdischen Gesellschaften für Ackerbau, Industrie und Handel nach mosaischen, d. h. sozialistischen Grundsätzen" ist, so spricht er eine Forderung aus, um die noch heute der Kampf geht. Die tiefe Fundicrung unserer Bewegung, die in diesem kurzen „d. h." ausgesprochen wird, ist auch heute im Zionismus weder rechts noch links in ihrer Bcdsutung eingesehen. Zu „Rom nni Jerusalem" Von Dr. Hugo Bergmann, Jerusalem. Moses Heß hat im Bewußtsein der Zionlsten, die seinen Namen der Vergessenheit entrissen haben, dennoch nur eine halbe Auferstehung gefeiert. 1862 war „Rom und Jerusalem" nach dem Worte Zloclstis — des Herausgeber« von Hessens kleinen jüdischen Schriften — in den totenruhigen, morastigen Teich der Jüdischen „Öffentlichkeit" wie ein Stein hlnrlngefallen, der Kreise zog und Wellen schuf; aber das Duett wurd^ dennoch bald wieder vergessen, als die Wellen sieh beruhigten. Der Zionismus hat es dann wieder In Erinnerung gebracht, aber „Rom und Jerusalem" wurde in den großen Topf Jener „Vorläufer" geworfen, auf die man »Ich nur in der Einleitung zionistischer Vortrage berief: „Schon 1862 . . ." usw. Und die jüngste zionistische Ocncration icheint Heß überhaupt nicht mehr zu kennen, trotzdem sie gerade auf viele ihrer eigenen Fragen sich bei ihm Belehrung und Anregung holen könnte., Zwar schon als bloßer „Vorläufer" de« Zionismus Ist Heß von einzig dastehender Tiefe der Auffassung und Wärme des Gefühls. Seine Ausführungen über den Chassldismus stehen turmhoch über allem, was zu seiner Zcl* und noch lange nachher über das Thema gesagt wurde. Seine Worte an die Ostjuden Im fünften Brief, das nilil von der Narbe Im Antlitz der Geliebten (II. Brief) sind von hinreißender Gewalt des Gefühls. Ich möchte hier aber vor allem auf die Gedanken hinweisen, die Heß In den Oelsteskampf des Judentums geworfen hat und die heute mehr denn je wert sind, lebendig zu wirken. Der Grundgedanke ist: Die enge Verbindung des Judentums mit der Zeit und dem Werden. Während die heidnische Auffassung des Menschen es nicht wagt, dem Weiden ins Auge zu sehen, während daher das Ideal der Oriechen die Ruhe, die vollendete Schöpfung ist, beherrscht den Juden „die Agitation ifür alle«, was in der menschliehen Welt sein soll, der Wclt,*dle noch nicht vollendet Ist „Einerseits der weise Oenuß der Oegenwart, andererseits die feste Hoffnung auf die Zukunft." So ilnd die Juden das klassische Volk der Wertung der Ocschichtc, wie denn überhaupt die Idee einer Menschheitsgeschichte ein Geschenk Judas an die Menschheit Ist. Nichts ist dem Judentum ferner als jene Ocschichtsverdrosscnhcl», die einmal Mcyrlnk mit den Worten mm Ausdruck brachte, was unsere Zeitungen uns als „Neuestes" erfahren lassen, sei dasselbe, „was schon vor Jahrtausenden In blau genau so passiert Ist". In der glänzenden Parallele Hegels und Schopenhauers, die Heß In einer Note durchführt, erweist sich denn auch die geschichtliche, genetische Weltanschauung Hegels als die unserem Oeistc verwandte, während »ich Schopenhauers Jiidenfclndschaft hier wohl an ihrer tiefsten Wurzel enthüllt. Das Judentum ist Oeschlchtsrcligion, weil es das Oesetz Oottes In der Ocschichtc offenbart. Dieses Oesetz Ist bestimmt durch »ein Endziel: das inessianlsche Zeitalter, den „Geschieht«- sabbath*'. Man wird wohl, seit den Juden die frühere Selbst- Verständlichkeit des mcssianlschcn Glaubens verloren gegangen Ist, dies als Maßstab der OröQc eines Juden aufstellen können: wie innig und fest, be'cmunah »chlcmah, er an das Kommen des messlanlschen Zeltalters glaubte. Und man wird mit tiefer Ehrfurcht die Sicherheit bewundern, mit der Moses Heß, der Sozialist, an die Vorsehung, an das Judentum als Religion der Vorsehung und an das nahe Kommen des Vorgesehenen, des Oeschlchtssabbath, glaubte. Heß' Stellung zur jüdischen Religiosität scheint mir gerade für viele von uns, die den Anschluß an die Substanz des Judentums, seine Tradition, suchen, ohne ein Opfer Ihres Intellekts bringen zu können, vorbildlich. Indem er das Judentum als historischen Prozeß aulfaßt, dessen einziges Dogma, die Einhcltslchre auch wieder kein starres, äußerlich gegebene» und darum unfruchtbares Urteil, kein toter Glaube, sondern eine stets von neuem dem Oeistc des Judentum» gestellte Aufgabe Ist, gewinnt er die Freiheit, lieh dem Judentum zu unterwerfen und dennoch frei zu bleiben. Die Erkenntnis Ist Ocwisscnsangclcgenhcit des Einzclnen. Das gemeinsame Gesetz aber handelt nicht von dem, was man denkt, sondern von dem, was man tut. Dieses vom Oesetz vorgeschriebene Tun wird als „jüdische Volkstradltion" aufgefaßt, die lebendig erhalten werden soll. Hierdurch gewinnt das Verhältnis zum Rcligionsgcsctz jene Elastizität, die — obwohl sie dem Strenggläubigen ein Gräuel sein wird — dennoch nun einmal notwendig ist, wo nicht mehr die Sicherheit ungebrochenen Glaubens, sondern dai reflektierende freie Bewußtsein entscheiden soll. Es Ut eine Schmiegsamkeit der Auffassung, die ein Leben im Oclste des Volkes erlaubt, ohne den Geist des Individuums zu vergewaltigen. Meß* Stellungnahme zum Christentum ist durch die Grundgedanken bestimmt, daß das Judentum eine soziale Religion ist, der christliche Individualismus dagegen für die Bedürfnisse einer Zeit geschaffen wurde, in welcher die soztaten Bande sich gelöst hatten Und das Individuum elend, Jedes sozialen Bandes bar war. Will dennoch das Christentum den Menschen in den Schoß der Oesellschaft zurückführen, so muß ei wieder nur im Judentum Wurzel schlagen. Hier spricht Heß über die jüdische Auffassung der Individualität und der Unsterblichkeit tiefdurchdachte Worte aus, deren historisch wichtiger Kern gewiß nicht wenig dadurch bekräftigt wird, daß In unserer Zelt der von ganz anderen Prämissen ausgehende Achad Haam zur selben Auffassung gelangt. Für das alte Judentum existiert das Problem der individuellen Unsterblichkeit und Erlösung nicht, well es da kein Isoliertes Individuum gibt; der Einzelne ist nur Teil de» sozialen Ocblklcs, dessen Erlösung der Mcsslanisinus bedeutet. Heß spottet Aber das egoistische chacun pour soi der christlichen Unstcrblichkcitslchrc. Ob freilich dieser Spott berechtigt war, ob nicht viel mehr die durchgängige Auffassung des Individuums als Teil der Gesellschaft dem Werte der Persönlichkeit Abbruch tut, ob wir daher In der nach- Jüdischen Entdeckung der Persönlichkeit einen höheren Orad der Gesittung erblicken sollen — dies möge der Leser sich selbst beantworten. In unserer Zeit waren es gerade junge Juden wie Franz Werfet (in seinem Essay „Che christliche Sendung"), die sich gegen die nur soziale, nur politische Wertung des Individuums In gewissen modernen Gesellschaft*- Der Schwarzkünstler Line Peßachgcschlchte von Moses Waldmann. Meine Kinderjahre habe Ich in einem podolischen Dorfe »«bracht In dem nur sehr wenige Juden lebten. An nach- »tehend genannte erinnere Ich mich noch: Isser, den Obst- »rtenpächter, „Vetter" (Ocvattcr) Woljc, der keinen eigentlichen Beruf hatte, Leibo, den Milchhändlcr und Schabse, den StJllschaffcr. Die vornehmste jüdische Familie waren wir. '"gesamt zählte das Dorf neun über 13 Jahre alte Juden, » daB In den meisten Fällen kein Minjan vorhanden war, *«nn steh nicht Irgend ein armer Jude aus dem benachbarten Städtchen 'eingefunden und die Gastfreundschaft einer der Wischen Familien In unserem Dorfe m Anspruch genommen Jlttt. Im Sommer wir unser Dorf leicht zu erreichen und wum hatten wir an Samstagen in unserem Hause mindestens «ei Schabbesgäste zu Besuch, die den fehlenden Rest zum «Ifijan reichlich auffüllten. Wenn jedo:h! n Winter der dort mimische Frost von 30 Oradcn herrschte und die Land- "raUcn unkenntlich unter meterhohem Schnee begraben lagen, w konnte keiner der armen Stammgäste unseres Dorfes» 111 uns gelangen und das gemeinsame Oebct mit Minjan 'n,"cl. In meinem siebenten Lebensjahre war der Winter sehr "irt- Nicht einmal Reb Chajim aus Probuschna, der regetm*a'j? aji jedem Freitag zu uns zu kommen pflegte, um, wie " "Rte, In unserer Brennerei seine Pfeife mit Hilfe einer '»Kehle Feuer" aus denr Kessdheizraum anzuzünden, — er mt1f>te den Oratis-Branntwein und nicht die Feuerkohlc — ^"fsochte sich zu dem beschwerlichen Weg zu entschließen, "a'um unterblieb das Schabbcsmlnjan während dreier langer MonMf, wu von den Juden Im Dorfe sthr hart empfunden *urde. . n AI» der Frühling Jenes Jahres nahte und mit ihm der ,rD«h, da war die festliche Erwartung noch viel lebhafter i~ ki den vorangegangenen Nhvtn-M naten. Diese frohe rjjmung wurde nicht einmal dadurch getrübt, daß wie In h7°!|w selbstverständlich, Wege und Stege einen abgrund- Mi M°f"t bildeten, In dem man bis über die Knie versank. U ld« üblichen Umständlichkeit ging man in allen jüdischen "»«»»m daran, Stuben und Küchen zu säubern und für das *•* würdig herzurichten. Zu diesem Zwecke wurden aus der Stadt Aufwartefrauen gcltolr, die sich sonst als Leichen- Wäscherinnen und Klageweiber zu hct'itlgen pflegten. Diese „Sarwcrlnnen" standen unter dem Kommando eines nltcn Juden, namens Reh Itzlg, der seinen Beruf, als „Mischnajcslcmcr" in Traucrhäuscm, vor Pcßach in den eines „Kaschcrers" verwandelte. Im Ofen wurden hclflc Steine geglüht, mit deren Hilfe die Kaschcrung aller Behältnisse, des Was-scrfasscs, der Schubladen, der Tische, Bänke und anderer Möbelstücke vorgenommen wurde. Alle Stuben und Küchen wurden ausgeräumt und Im Hofe begann zwei Tage vor Pcßach die große Zeremonie des Koschcrns. Zunfichst wurde alles gründlich geschrubbert, dann wurde das Pcßachgcschirr vom Dachboden geholt, im Teich „gctoiwclt" (gebadet) und schließlich mit siedend heißem Wasser gekaschert. Einen Tag vor Pcßach wurde der Nachbar Ostap, ein alter ukrainischer Hauer, geholt, der jedes Jahr als Ocneralkäufcr für den Chomez fungierte. In weitschweifiger und gründlicher Welse, als ob es »Ich um einen ernstgemeinten Handel drehen würde, wurde der Kaufvertrag aufgesetzt, Ostap mit einem Wasserglas sechsundneunziggrädigem nicht cntfuse'.tcn Sei naps traktiert und die Kaufurkundc dann von den anwesenden Juden mit vollem Namen, von dem schrelbunlciindigcn Ostap etwa nicht mit einem Kreuze, das wäre auf einen GlK>mcz-Katifvertrag unschicklich gewesen, sondern mit einem Abdruck seines Daumens gefertigt Ostap gab einen Kreuzer Handgeld und war laut dem Kaufvertrag verpflichtet nach Peßach den festgesetzten Kaufpreis zu erlegen, widrigenfalls der Vertrag null und nichtig und das Handgeld für verfallen erklärt würde. Nachdem das geschehen war, holte man dje sofort nach Purin» vorbereiteten Märzes, die in der Stadt von „Vetter" Woljc für alle jüdischen Dorfinsassen zubereitet worden waren, da unsere Juden allesamt „Schmlrculks" waren, das heißt nur „Schmira-Mazzcs" aßen, die unter besonderen Vorsichtsmaßregeln betreffend Fcrnhaltung von Ch i.iez .i lwcl ct waren und In Aussehen und Ocschmack sich von den anderen Mizzcs unterscheiden. Gleichzeitig wurden aus dem Schuppen die Weinflaschen geholt, die dort, schon seit dem Herbst in Häcksel verpackt, unter Siegel Verschluß In einen großen Korb gelegen hatten. Jetzt schritt man an die Säuberung des iußeren Menschen. Alle Kinder wurden gewaschen, Ihr Haar war schon tagsvorher mit Bo rechts ch (eine Art Kwai aus* gegorener Kleie) „gezwugen" (gekämmt) worden, jedes Kind bekam neue Wäsche und neue Kleider, die alljährlich zu Peßach für das rmuc Jahr gekauft zu werden pllcgten. Am Peßach-Vortrag wurde bei uns nicht mehr Chomez gegessen. Mazz«: bekam man auch nicht, denn das war vor der „Moire" am Scdcrabcnd streng verboten, es gab nur Kartoffeln, reichlich mit ORuscschmslz durchtränkt und ein wenig Oänscklcln. Am Nachmittag ging die Mutler daran, den Seder herzurichten. Das lebhafteste Interesse erregte bei uns die Zubereitung der „Charoisscs". Oierig lugten wir nach den Ingredienzien dieser Speise, die den Lehm versinn-, biklllcht, den unsere Ahnen vor Jahrtausenden lür Pharao' In Mizralm kneten mußten. Selbstverständlich durften wir vor dem Scdcrabcnd von den Charoisscs nichts bekommen. Ich gestehe jedoch, daß es mir damals gelang, erstens von der Mutter unbemerkt einen Teil der Charoisscs zu stehlen und zweitens die Mutter zu bewegen, mir freiwillig davon zu geben, natürlich gegen das Versprechen, nichts davon den anderen Kindern und setton gar nicht dem Vater zu erzählen. Ich nehme Jedoch an, daß meine Mutter allen Kindern vorzeitig von den Charoisscs unter den gleichen Vorbehalten zu kosten gab. Nachdem Kräuter,*Charolsse»; gekochte Eier, Hühner- N halsknorpcln und die anderen für den Scdcrabcnd notwendigen Dinge und symbolischen Speisen hergerichtet waren, wurde der Scdersltz gebettet, die Mazzesschüsscl aufgestellt, die großen Leuchter postiert und die Pcßachbechcr au( den Tisch gestellt. Dann schloß man die große Stube ab und wir erwarteten sehnsüchtig den Anbruch des Abends. In funkelnagelneuen Kleidern saßen wir alle in seliger Spannung um den Scdcrtlsch versammelt: Der Vater, die Mutter, die Kinder, Reb Itzlg, die Sarwerlnncn, die IMcnstmädchen und auch die christlichen Dienstboten, die auf einer Bank im Hintergrunde Platz genommen hatten. Der Vater hatte gerade den „Aflkojmcn" (eine halbe Mazze) unter einem Kissen versteckt und aus dem „Hu lachmu anju" den Satz „Jeder Hungrige trete ein und esse mit" gelesen, als Im Hausflur Schritte hörbar wurden.. Ein Dienstmädchen stürzte zur Tür, um nachzusehen, wer der späte Ankömmling sei, und führte bald in die lichtcrheilte Stube einen glattrasierten, etwa 40-Jährlgen Mann mit einem großen Reisesack, Alle Teilnehmer am Sederabend "hatten sich erhoben, um dea

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