Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXX (1925)
- Issue
- Heft 23 (20.3.1925)
- Date
- 1925-03-20
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Se'te 210 TUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 23 Die hcülgcn Stalten Fraßet Welche Maßnahmen wurden von dem Mandatar bei der Ucbernnlimc der Verantwortung für die heiligen Ställen und religiöse» Oeb3udc und Platze getrolfen. elmchlicßllch der Verantwortung für die Wahrung begehender Rechte und für die Sicherung des freien Zutritt» zu den Heiligen Stätten, religiösen Bauwerken und Patzen und für die freie Ausübung des Gottesdienstes? Antwort! Die Verwaltung Palästinas hat die Verantwortung für die Heiligen Stätten und religiösen Bauwerke und Plätze als Nachfolgerin der türkischen Regierung Ober« nommen. In allen sich erhebenden Spexlalfragen hat sie den Status quo streng aufrechterhatten und die endgültige Entscheidung aller strittigen Fragen bis zur Einsetzung der in Art. 14 des Mandates vorgesehenen Kommission für die Heiligen Sutten hinausgeschoben. Die Feststellung der rein moslcmitischcn heiligen Stätten wird auch eine der Auf. gaben dieser Kommission sein. Die Regierung Sr. Majestät hat am 1 Januar 1022 dem Rate des Völkerbundes Vorschläge hinsichtlich der Konstituierung dieser Kommission unterbreitet, doch da eine einstimmige Annahme nicht erzielt wurde, hat sie diese Vorschlige zurückgezogen. Gewissensfreiheit Fraget Welche Maßnahmen wurden zur Sicherung von Rellglons- und Gewissensfreiheit getroffen? Wurde Im Interesse der Aulrcchtcrhalrung der öffentlichen Ordnung und Moral die freie Ausübung Irgendeiner Form des Oottesdicnstcs eingeschränkt? Welches sind die Folgen solcher Einschränkungen? Antwort! Im Interesse der Aufrechterhalrung der öffentlichen Ordnung und Moral wurde ein Zirkularschreiben an die Vorsteher aller Oemelnden versandt, das die Frage des Ucbcrtrltts von einer Religionsgemeinschaft zur anderen zum Inhalt hat. Die Frage wurde wichtig, well Konflikte in der Rechtssprechung entstanden In Angelegenhelten, welche den Qcrlchtsstand von Personen betrafen, welche Ihre Religion gewechselt hatten. Dieses Zirkular wurde später für ungültig erklärt und die Frage Ist Gegenstand weiterer Erwägungen. Die Intervention der Regierung In Angelegenheiten des Olaiibenswcchsels zielt nur darauf hin, daß eine öffentliche Bekanntgabe eines Wechsels im Personalstande erlotgen soll. Fraget Welche Maßregeln sind getroffen worden, um die Rechte der Gemeinden auf Erhaltung ihrer eigenen Schulen und Erziehung ihrer Mitglieder zu bewahren? Welche Anforderungen allgemeiner Art in bezug auf Erziehung werden von der Verwaltung gestellt?. Welche Maßregeln sind getroffen worden, um die Ausübung derjenigen Lieberwachung religiöser und wohltätiger Körperschaften aller Glaubensbekenntnisse und Nationalitäten in Palästina, die für die AufrechtcrHaltung der öffentlichen Ordnung und guten Verwaltung erforderlich Ist, zu sichern? Antwort! Die Gesetzgebung betreffend die Ucbcrwachung religiöser oder wohltätiger Körperschaften steht gegenwärtig unter Beratung. MflUfrfrageti Fraget Welches Ist die Form der mflltirUchen Organ)- •atlon und Ausbildung? Antwortt In Palästina gibt es keine militärische AusblkJung und keine militärische Organisation außer der der britischen Oarnison und der Oendarmerlepotizcl. Fraget Oibt es Irgendwelche Polizeikräfte, die von dem mit der Verteidigung des Landes betrauten Militär unabhängig sind? Welche Bedeutung hat jede dieser beiden Kräfte und welche Beträge werden dafür aufgewendet? Zusammensetzung dieser Kräfte nach Nationalität und Religion. Antworti Verweis auf die Berichte über die Palästina- Verwaltung, über Stärke der Polizei und ihre Zusammensetzung nach Religionen, über die palästinensische Gendarmerie und andere Berichte. Fraget Ergab sich eine Gelegenheit für die Palästina- Verwaltung, zu den Kosten der Aufrcchtcrhaltung der mill- (irischen Kräfte der Mandatarmaeht beizutragen? Und wenn, In welchem Ausmaß? Antwortt Nein. Frage i Hat die Mandatarmacht von ihrem Rechte auf Benützung der palästinensischen Straßen, Elsenbahnen und Häfen für Truppenverschiebungen und den Transport von Brennstoffen und Vorräten Oebrauch gemacht? Antwortt Ja. Fraget Wenn ja, welches Budget wurde mit den Ausgaben belastet? Antwort! Die mit Truppenverschiebungen Im Zusammenhang stehenden Ausgaben werden von der Reglerunir Sr. Majestät getragen. Offizielle Sprachen Fragoi Wurden die drei offiziellen Sprachen gleichzeitig gebraucht und sind sie bei der Gesetzgebung, ■ In den Pub«, kationen der Regierung und vor den Gerichtshöfen gWch- Wechtlgt? Antwcrti Bezieht sich auf die Berichte über die Palästina- Verwaltung; das Amtsblatt erscheint In englischer, arabischer «rt hebräischer Sprache. Feiertage Ei" Yer"ichni» der moslemltischen, christlichen und Irischen Feite sowie der offiziellen Feiertage wird vorgelegt. 1. Gemeinsamer Feiertag für alle Gemeinschaften: der' OiburUtag des Königs (am 3. Juni). m ,2-' Moslemillsche Feiertage: Rückkehr .von Neb! Musa fälliges Banner)•, 'Id al-Fitr (Sheker Bclram, drei Tage); '« al-Adha (Qurban Beiram, drei Tage); Maulud el-Nebi. hzu, C^riJtlicheI f«i«rt»ge (die nach dem Oregorianlschen iA. ~ch dcm Jull»"i«hen Kalender gefeiert werden)i Neu- £"«<enigstag, Karfreitag, Ostermontag, Himmelfahrt*. "«. Pfingstmontag, die beiden WeihnachtsUge. /»i.4- ^dl"he Feiertage: Peßach (zwei Tage), Schawuoth LalW .Neulahr (lwcl T*rt> v«r»°h.mingstag (eJn T|J) "uoliQUcnfest (zwei Tage). Die Bedeutung des „Ort"-Verbandes Im jfliilsclicn Leben Von Dr. R. Scllgmann. Ich glaube nicht fehlzugehen, wenn Ich die Behauptung aufstelle, daß wir heutzutage im Zelclien einer Art Renassauce- Epoche In einer neuen Auflage stehen; die Auflage Ist allerdings stark verändert; der Unterschied zwischen der Renaissance am Ausgange des sogenannten Mlttcla.tc-rs und der unserer Tage Ist unverkennbar. Da* Erwachen de» Individuums am Ausgange des Mittelalters bestand in einem Prozeß der Entladung von noch unverbrauchten und langsam herangereiften, aber unter dem Zwange einer kirchlichen Autorität und eines kirchlich-feudalen Reulmcs unterbundenen und an ihrer Entfaltung gehemmten Litcrgieit; das Erwachen des Individualismus in unseren Tagen Ist im Gegensatz hierzu dl: Folge von Erschöpfung und EntUuschung. Krieg und Rcvolulian haben das Unhaltbare aller weltumspannenden Ideologien sowohl auf dem Oehlcte des Sozialismus, wie auf dem des Nationalismus. Man Ist nicht mehr geneigt sich von weit ausholenden Plänen über die Köpfe der konkreten Eliirflncrfcoucn hinweg leiten zu lauen; man will nicht mehr Ideenfutter sein. Vielmehr Ist das ganze Sinnen und Trachten der heutigen Ocncration auf das Unmittelbare und Orelfbarc gerichtet. Wenn wir uns der jüdischen Wirklichkeit zuwenden, und Insbesondere der jüdischen Wirklichkeit Im östlichen Europa, so werden wir finücn, das alles von uns Im Hinblick auf die psychologische Konstellation Im Üben der heutigen Völker Gesagte auch auf dl: jüdischen Zust'Jndc der Ocgcnwart zutrifft, und zwar in einein sogar erhöhten Mafle. Es muß Jedoch bemerkt werden, daß Im Falle des östlichen Judentums die Sache sich etwa« ander» gestaltete. Hier war es nicht Ermüdung allein, die zu stärkerer Oeltung des Individuums führte, sondern es mischte sich dem ganzen Prozesse ein entschieden positives Moment bei, das uns dazu berechtigt, von einer wirklichen Renaissance Im Sinne eines aus seinem Schlummer erwachten Triebes zu rcJcn, der ntutntis tmitandi in einer gewissen Hinsicht cl;ie Verwandschaft mit den Bestrebungen der Rcm>s$a.ice Ger clnütliehen Völker am Ausgange des Mittelalters aufweist. Es gilt dabei zu bedenken, daß du jüdische Mittelalter In den jüdischen Ghcltis der Vergangenheit sich gegenüber dem christlichen Mittelalter um cin ge Jahrhunderte verspätete. Das jüdische Mittelalter dauerte In seiner Macht geraume Zeit fort, als das christliche Mittelalter vom Schauplätze der Qeschlchtc bereits längst verschwunden war. Die Vorherrschaft IlKologlvhcr Ideen und Stimmungen behauptete Kielt innerhalb dir Östlichen Jmletihcit bis dicht in das zweite Viertel des vergangenen Jahrhunderts hinein. Die theologische Lcbeitsgestaitung innerhalb der jüdischen Gemeinschaften der Vergangenheit wurde von einer entsprechenden Form der Wirtschaft begleitet. Es ist schwer zu sagen, was hier Ursache und was Wirkung, was Orund und was Folge war, ob der thcologijche Habitus auf der Form der Wirtschaft oder di: Form der Wirtschaft auf dem theologischen Habitus nhf.irbte, oder auch ob heides insgesamt einem dritten, hinter ihnen stehenden und sie beide bcllngcndcn Faktor entsprossen, — aber dn rrcwlsscr Parallelismus Ist hier unverkennbar. Die jüdische wirtschalt cnthchrlc einer Verankerung in einer materiell greifbaren Grundlage, wie das jüdische Geistesleben einer Verankerung In einem anschaulichen Erfalirungssnbstralc ermangelte uinc HlitnclTiing zum AbstrakUm hie wie da. Allein es kam der Augenblick, wo die theologische Voihrrrsdiaft innerhalb der jüdischen Gemeinschaften im östlichen Europa bereits stark almtbrokcln begann,' während die jüdische Wirtschaft 'in ihren früheren Geleisen sich zu bewegen fortfuhr. Es Hegt eben In der Natur der Sache, daß Ideen sich lascher bewegen und rascher wechseln. a!<s di: ihnen entsprechenden konkreten Verhältnisse; die Vcrwcltlichung des Judentums auf dem Ocblelc des Geistes machte verhältnismäßig rasche Fortschritte, während eine entsprechende Vcrwcltlichung der jüdischen Wirtschaftsformen noch lange auf sich wa ten ließ. Diese Disharmonie zwischen veränderter Lcbcnsgestaltung und zurückgebliebener Wirtschaftsroim kenn'-e sich dem Bücke aufmerksamer Beobachter des gcscUschaft.ichcu Lebens lnnc:haib des östlichen Judentums nidt länger cntzlehsn; und in der Tat sehen wir auch, wie bei den Männern der Hasknla, diesen Bahnbrechern der Vcrwcltlkhung des Judentums, bereits die Erkenntnis aufzudämmern beginnt, daß es mit einer Säkularisierung des geistigen Lebens allein n.«ht getan sei, sondern daß Hand in Hand damit eine entsprechende Säkularisierung der bisherigen Wirtschaftsformen plntzgrcifctt müsse. Die Haskala-Männcr waren die Ersten, die den Ruf nach werktätiger Arbeit in der jüdischen Oeflcntlichkclt ertönen ließen. Von den Gedankengängen und Bestrebungen der Haska'a- Bewegung waren alle jene Anregungen ausgegangen, die schließlich zur Gründung Im Jahre 1SS0 einer Gesellschaft zur Förderung von Handwerk und Landwirtschaft unter der russischen Jiidcnhelt gctilhrt haben. (Diese Gesell tchaft, «He nachher unter ihrem abgekür/lcu russischen Namen „ORT" bekannt wurde, üt es eigentlich, von der die Rede In diesem Zusammenhange sein soll.) Dies der positive Faktar, der beim heutigen Erwachen des Individualismus innerhalb des osteuropäischen Judentums nach langen Jnhrcn von fiirdila.cn Erschütterungen materieller und geistiger Natur «Ich recht deutlich zu erkennen gibt. DI: jüdischen Parteien Oberhaupt und die soztitllstlschen Insbesondere haben, wie bereits erwähnt, diesen Zug wenig beachtet. Wenn der westeuropäische Sozialismus auf das gebieterische Drängen der Wirklichkeit hin sielt mehr und mehr gezwungen sieht, seinen Schematismus mehr und mehr aufzugeben, so fährt, wie bereits gesagt, der jüdische Sozialismus fort, eich in den Oclclscn der Abstraktion zu bewegen, da er von Anfang an eher die Frucht abstrakter Erwägungen als konkreter Lebensbedürfnisse bildete. Der jüdische Sozialismus mußte sich daher bereits in seinen ersten Ansätzen auf das Weltproletarlat einstellen, wSItrend der europäische Sozialismus von seinen ersten Anfingen an im Boden eines bestimmten Volkstums wurzelte und erst hinterher eine Anlehnung an das internatk»ialc Prolc< tarlat anstrebte. Diesem Ict/Iereit war und blieb der Intcr nallonnlismus Krönung und OlpfcI'Xinkt des Werkes, während er bei dem erstcren den Ausgangspunkt bildete. Daher auch seine Prln/ipienrcitcrcl und <jle sich daraus ergebende engstirnige Vcrbohrlhclt. Was das jüdische Leben brauchte war eine konkrete, auf dessen unmittelbare Bedürfnisse und Anforderungen zugeschnittene unparteiische Ocgcnwartsarbeit — und diese Bedürfnisse und Anforderungen tendieren nach einer Renovierung der ganzen bisherigen Lchensgcstallung auf der Orundlagc von werktätiger Arbeit. ' Die Haska'a Minncr, die auf einer Vcrwcltlichung der jüdischen Kultur, materieller wie .geistiger, hinarbeiteten, hatten diese Tendenzen mit richtigem Instinkte hcrauigcspürt. Aber nicht Ihnen war es beschieden diese Tendenzen In einem klar formulierten Arbeitsprogramm zu verkörpern und ihnen zu einer allmählichen Realisierung zu verhelfen. Sie gaben b'.oß den Anstoß und aus diesem Anstoß erwuchs die oben erwähnte Im Jahre 1880 gegründete Gesellschaft zur Verbreitung von Handwerk und Landwirtschaft unter den Judcu. Erst in dieser Gesellschaft gewann die Innerhalb des osteuropäischen Judentums reif gewordene Tendenz zur werktätigen Arbelt-zum ersten Male lonkrcte Gestalt. Die an der Spitze der- Gesellschaft stehenden Männer waren »ich ihrer Aufgabe vollauf bcwuSi will sagen, sie steuerten jeraden Wefces auf ihr z,C| Q ohne sich von irgendwelchen anderweitigen Paitcirürks'.chi.. btlrren zu lassen. Dieses Ziel war kein andere* und 2( rlngcres als die Realisierung des hier besprochenen jnnj." halb da östlichen Judciituu» herangereiften Strcbcns n«|i Erneuerung des ganzen bisherigen i u <j, sehen Habitus auf der Basis von werktätiger Arbeit Clcse Gesellschaft bildete das Embryo des heule tä'.l „ORT".Vcrbandcs, der In 14 Ländern vertreten ist und ufV 57 ZwcIgorganisatlDtien verfügt. Ucbcr die b es: h ekle im« Anfänge dieser Gesellschaft können wir hier ruhig hlnw«. selten — zwischen diesen Anfängen und der au*,geJehntcn und weitverzweigten Tätigkeit des h-ulgcn „ORT-Verbandes liri die Periode des Weltkrieges und der russischen Revolution nut «II deren furchtbaren Begleiterscheinungen und all aus ihnen erfolgten politischen unet wirtschaltilchcn Umwälzungen. Die eigentliche Arbeit der „OR^'-Gesellschaft bcgnrt erst nach Krieg und Bürgerkrieg, als die Verhältnisse « n einigermaßen zu stabilisieren begannen. Und da zeigte jiCh der ganze Umfang der Zerstörungen sowohl in mitcrieüer wie in moralischer Hinsicht. Es gab keine Werkst ittni, «J gab keine Werkzeuge, es g,\b keine Läden, und an vit'ei Orten auch keine Wohnhäuser mehr. Alles mußte von Neutra geschaffen werden. Auch das Mcnschenmatcrlal, das da Hilfe durch werktätige Arbeit so dringend beJurfte, wir stark angefressen; es krankte an den Folgen der überst-indcnen Erschütterungen; es war physisch geschwächt, seelisch deprimiert und moralisch durch allerhand Spekulantenttim unterhöhlt. Vor der „OKf-Geaellschaft tat sich aut diese Weise eine doppelte Aufgabe auf: die zerstörte jüdische Wirtschilt auf renovierter Grundlage neu zu errichten und den Sub- Ickten der Wirtschaft Mut und Arbcitslrettdigkclt clnzii('.ö[len Es muß jedoch gesagt werden, daß innerhalb der jüdischen Bevölkerung nach der Periode des Bürgerkrieges, die es wirtschaftlich und auch moralisch wiederaufzurichten galt, e.r.e recht starke Strömung sich bemerkbar zu machen begann, die den Absichten der Qescllschalt fördernd entgegenkam, Es war dl:s der Drang nach rein persönlicher Bctitigim^ » der Richtung von werktätiger Arbeit, sei es in der Werk- Stätte, s:l es auf freiem Felde. (Was speziell de landwirtschaftliche Arbeit betrifft, so war sie dem östlichen Judentum kein ganz neues Gebiet. Das russische Judentum verfügte bereits lange vor dem Kriege über 3s Kolcnicn in den Ocgenden des südlichen Rußlands. Wahrend des Krieges waren fruchtbare Anfänge in der Richtung der Laudwirisclid auch In den westlichen Zonen des gewesenen Russi chei R l.hcs gemacht worden). In der Nachkriegszeit mit ihrem allgcnuln fühlbar gewordenen Mangel an Verbrauchsmitletn des elementaren täglichen Bedarfs, und insbesondere an Lebensmitteln, wurde der Zug nach dem Lande zu einer allgemein verbreiteten Erscheinung unter dem osteuropäischen Jm'cntun Aber, wie bereits gesagt, nicht um landwirtschaftlich; Beschäftigung allein handelte es sich hier, sondern um werktätige Arbeit überhaunt. Es erwachte unter den JuJen der Drang nach produktiver Arbeit mit ihren handgreiflichen Ergebnissen, die in einem so wohltuenden Gegensatz iu der Unsicherheit der übilehen wurzellosen Beschäftigungen standen. Der allgcm:l!i In der Weit sich kundgebende Individualismus, insbesondere auf wirtschaftlichem Gebiet, erfuhr gerade hier eine besondere Steigeruns; und Verschärfung, weil dl: ost-curopäische Judcnhclt mehr als alle andere von großmäuligen Parteiprogrammen gegängelt und bevormundet wurde. Dieser Zug der Zelt wurde von der ,,ORT"".OrMnisatlon schärfer als von allen anderen gesellschaftlichen t>trömutigen und Richtungen hcrausgcsplirt. Ich weiß nicht, ob die Männer des „OR J'^-Vcrbaiiucs sieh dessen auch vo'l hewußt sind. Aber sie wirken in der Richtung des allgemeinen Zuges der Zeit, wie des besonderen Zuges der jüdischen Wirklichkeit, und Insofern kann man cetfost sagen daß der „ORT"- Verband auch dl: Zukunft für sich hat. Wollen wir aber die Zukunft aut sich beruhen las-en und In aller Kürze erwähnen, was der ,,ORT"-Verband bis'ier bereits geleistet hat. Der „ORT"-Verband untcrstü;zte und unterstützt 4C00 Werkstätten, an denen 180D5 Arbeiter beschäftigt sind und Ihren Lebensunterhalt verdienen; er errichtete 120 Lehrwerkstätten, in denen Tausendc von Lehrlingen unterrichtet werden; er gründete 75 Handwerkerschulen, ein Technikum In Wilna und eine meclianisclie Weberei In Lodz; er gründete landwirtschaftliche Siegelungen In Süd-Rußland und Litauen, in denen 15 000 Familien sich von der Frucht ihrer Arbelt ernähren; er errichtete Gärten an den Schulen, In denen Tausende vom Kindern im Qarlcutau unterwiesen wurden. In letzterer Zeit ist auf die Initiative des „ORT"-Vcrbandcs schon in London ein Aufbau-Fomh Gegründet werden, der sich das Ziel stellt, den jüdischen Handwerker mit dem erforderlichen Arbeitsgerät und den lüdlschcn Kleinbauern mit dem nötigen Inventar auf dem Wege des Kredits zu versorgen. Zum Schlüsse möchte Ich zu einer Frage Stellung nehmen, die auf den Linnen manchen Lesers die ganze Zeit «schwebt haben mag. Wh verhalt steh die Arbeit d:s ..ORT"-Vcrbatidcs zu der des Zionismus? Der „ORT"-Verband an sich Ist nherparlellsch, als Mitglieder des Verbandes können sich Anhänger der verschiedensten Ocsellscli.ift-klarsen und Partclrlchtunge-n betätigen und betätigen sich in der Tat. Es Ist aber von höchstem Interesse sich darühcr klar zu werden, Inwiefern die Arbelt des „ORT-Verbandcs und die des Zynismus sich berühren. Und da wäre es vielleicht-am Platze einen der militlrisehen Praxis entnommenen Vergleich zur Aufklärung heran zuziehen. Die Arbeit des „ORT".Verbandcs verhält sich zur Arbeit des Zionismus wie die Hinterfront zur Front. Die Diaspora des östlichen Europas Ist unsere Haupt-Hinterfront, Palästina unsere Front. Je gesicherter und in si-h u'clcstigier dl: Hinterfront, desto sicherer die Front. Der ..ORT".Vcrbnnd bringt Ordnung In die Zustände der Hintcttrant vwl vatftl für die erforderliche Ausrüstung des Mcnschcnmatcri.ils der Reserven. Nicht alle Reserven brauchen an die Front worfen zu werden, »b*r der Tel1, der an die Fr uit .ihgolit. muß sich Jedenfalls In einem guten nmtcrlcllcn und mor.ilinlKU Zustande befinden. Gewiß liegt es nicht In der Alui ht des ,,ORT"-Verbandcs ein für die zionistische Front gcek'neto« Menschcnmaterlal vorzubereiten, aber er tut es Tatsächlich und das genügt vollständig. Die „Gelibren" der PilislinawMdcrono für Lttaarn Kowno. (J.T. A.) Das litauische Regierungsorgan „Ltctuwa" veröffentlicht einen Artikel über die Gefahren, die eine jüdische Auswanderung nach Palästina für Litauen mit sich bringt. Im vergangenen Jahre reisten au« Litauen etwa 1000 Personen mit einem DurchschnittsvermSgen von 500 Pfund nach Palästina; das bedeutet für Litauen einen Verlust von 23 Millionen Ut. Für dieses Jahr bereiten sich weitere Tausende zur Reise nach Palästina vor. das könne eine Wlrtschaftskatatttrophe herbeiführen. Es sei ein Oesetz notwendig, das die Ausfuhr von Kapital verbietet oder, eine solche Ausfuhr mit' hoher Steuer belegt. , *