Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXX (1925)
- Issue
- Heft 12 (10.2.1925)
- Date
- 1925-02-10
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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fette HO JUCDISCHC RUNDSCHAU Nr. 12 deutschen Juden wahrhaftig: nicht n« »erübeln, wenn »le Ihre geistigen und wirtschaftlichen Kräfte In größerem Umfange «Ii bisher den jüdischen Gemeinwesen In Palästina rur Verfügung stellen würden. Ob sie « tun werden, bleibt abzuwarten. Welch einen Schaden es für das deutsche Volk und alle anderen Kulturvölker bedeuten wflrde, wenn die Juden in ihrer Mitte «Ich plötzlich nur noch auf die Förderung des jüdischen .Staates' in Palästina konzentrieren würden, Ist gerade jetzt, wo wir alle mit unserer ganzen Kraft am seelischen, gclstl/jcn und wirtschaftlichen Aulbau unserer durch die Kriegs- und Nachkriegszeit zugrunde gerichteten Werte schaffen monten, kaum auszudenken. Die Antisemiten tun jedenfalls, was ale können, um es dazu zu bringen. Trotzdem sind aber bekanntlich sehr viele Juden mit dieser Lösung nJcht einverstanden." Nach einem Hinweis auf die Stellung von Oeorg Brandet heißt es dann weiter: „Freilich müssen auch die Juden ihrerseits, wenn sie sich fn die anderen Völker eingliedern wollen, Jenen Oeist des skeptischen HedonIsmus in Ihren Reihen bekämpfen, der von den Antisemiten als .typisch jüdisch' bezeichnet wird. Ob dieser Oeist wirklich .typisch indisch' ist, konnte allerdingt kaum entschieden werden, solauj'C den Juden nicht in einem neuen Ocmcinwcscn Gelegenheit geboten wurde, frei und ungehemmt eine neue bodenständige Kultur zu entwickeln. Viele, auch nichtjfldlschc Forscher vertreten die Anschauung, dafl diese Eigenschaften ni.r eine Folge der Diaspora und der rechtlichen Mcllung der Juden Im Mittelalter sind, die sie von allem Landerwerh und den Handwerken ausschloß, so daß sie sich nur dem Handel als Erwerbsquelle zuwenden konnten. Die alten Juden besaßen diese Eigenschaften jedenfalls nicht, .v'drrcr*cits finden sie sich auch bei nichtjüdischcn Völkern, die unter iihttli.hcn Verhältnissen leben oder fast ausschließlich auf den Handel angewiesen sind, wie die Juden es nolens volens in der mittelalterlichen Diasnora waren. Jene blasierte Allcswissercl. die man typisch jüdisch nennt, kennzeichnet vielfach auch den iiichfjüdischen Qroßstädter, der jüdische Oelst des Feilschens und vor nichts halt machenden Oeldstrebcns findet sich bei den alten Phöniziern und den heutigen Griechen (die nicht einmal semitischer Abstammung sind, aber heute auch größtenteils vom Handel leben) und bei anderen Völkern. Gerade das jüdische Gemeinwesen In Palästina Ist dazu bestimmt, den Beweis zu liefern, daO alle die Eigenschaften nicht eine unveränderliche Rasseeigentümllclikcit der Juden sind, sondern nur eine Folge der Diaspora und der sozialen Verhältnisse, unter denen sie jahrhundertelang zu leben gezwungen waren. Aber gerade deshalb muß dieser Geist, der dem wahren Wesen des Judentums ebenso fremd ist, wie dem tieferen Oeist der anderen Volker, von den Juden, soweit er sich In Ihren Reihen findet, mit besonderer Schürfe abgelehnt und bekämpft werden, damit der allehrwürdige Oeist des ursprünglichen Judentums wieder zum Vorschein kommt, dem die Welt schon so viele große Denker und Forscher und auch mystisch-religiöse Fuhrer und Propheten verdankt." Der Aufsatz schließt mit der Bemerkung, daß Palästina freilich nur eine beschränkte Zahl Juden aufnehmen kann. Wir freuen uns über die verständnisvolle und sympathische Art, mit der diese bedeutende christliche Krau der Wicdcrauflcbungshcwegung der Juden begegnet. Sie geht vorurteilslos an die Dinge heran. Dies kann man weniger behaupten von der Redaktion des „Berliner Tageblatt", das zwar heute den zu einer Realität gewordenen Zionismus nicht btehr totschweigen kann, aber wenigstens ein Murmeln des Widerspruches nicht zu unterdrücken vermag und durum dem Ohcimbschen Aufsatz folgende Vorbemerkung vorausschickt: „Indem wir die nachstehenden Ausführungen der Frau V. Oheimb veröffentlichen, die bekanntlich der Deutschen Volkspartel anpehört und als Abgeordnete Im Reichstag zur volksparteilichen Fraktion xählte, mochten wir nochmals betonen, daß wir den .politischen' Zionismus für falsch, rückschrittlich und schädlich halten, dagegen, wie Frau v. Oheimb, das kolonisatorische Aufbauwerk fn Palästina und die auf dieses Oebiet sich erstreckende Tätigkeit des Professors Weizmann mit Interesse verfolgen. Die Redaktion." ... Ah ob nicht das „kolonisatorische Aufbauwerk" ohne den politischen Zionismus, den Weizmann als sein prominentester Vertreter zum Siege geführt hat, unmöglich und gar nicht existent gewesen wäre. Das Ist eine Irreführende Reservatio, die olfenbar auch nicht auf dem eigenen Mist des „B. T." gewachsen Ist ,.. Dr. Weltmann nach Amerika abgereist London (J.T.A.). Dr. Chalm Weizmann, hat am 4. Februar an Bord d« Dampfers „Olymplc" die Reise nach den Vereinigten Staaten angetreten. Du Ziel der Jetzigen Amerika-Reise Dr. Wclzmanns Ist es, die Im vorigen Jahre begonnenen Verhandlungen mit den Nichtzlonlstcn über deren Eintritt In die Jcwislt Agency, sowie die Verhandlungen über den Plan der Polcstine Investment Corporation (Oesellschaft für Kapitalanlagen in Palältina) zu Ende zu führen. * Richter Bernnrd A. Rosenblatt, das amerikanische Mitglied des Finanz- und Wlrfschaf'sratcs, begab sich am 4. Februar mit dem gleichen Dampfer nach New-York, Richter Roscnblatt, der vor kurzem In Palästina gewellt und dort die Union der jüdischen Stadtverwaltungen organisieren half, wird In Amerika bemüht «ein, die AnTclhe-Bons der Jcwlsh Munuclpal Union unterzubringen. Alfred Mond In Jenutlrm Alfred Mond Ist am 2. Februar In Jerusalem eingetroffen. Er stattete noch an demselben Abend Herbert Samuel einen Besuch ob. Am 3. Februar gab Herbert Samuel tu Ehren Alfred Monds im Rcglcrurigshaitsc ein Diner. Alfred Mond besuchte dann In Gesellschaft Herbert Samuels die hebräische Oper. Am Freitag, den fi. Februar, gab die Zionistische Exekutive In Jerusalem einen Tee zu Ehren Alfred Monds. Am Montag, den 9. Februar, hat Alfred Mond, der bekanntlich Vorsitzender des Verwaltungsrates des neu errichteten Haifacr Technikums Ist, den Akt der Eröffnung des Technikums vollzogen. * Jerusalem. (J. T. A.) Der Jetzt In Pn'A-t'na well'nde Sir Alfred Mond wurde am 4. Febr. von den Mitgliedern der palästinensisch-zionistischen F.xekutlvc In Jerusalem feierlich empfangen. In seiner Erwiderung auf die Begrüßu-iien stellte Alfred Mond u. a. fest: Die von Herrn Jacob de Haas, dem Sekretär der Palcstlne Dcvcloomcnt Council (Bramlels- Gruppe) im „Palestine Weckly" ausgedrückte Meinung, Dr. W e I z m a nn wünschte, daß Herbert Samuel nicht mehr den Posten eines Oberkontmlssars fn P 'IMIm *>nnehmen möge, stimme mit der Wirklichkeit flicht überein. Alf-cd Mond empfing am 4. Februar nachmittags bei sich zahlreiche Vertreter der Jüdischen Bevölkerung Palästinas. Alfred Mond hat unmittelbar vor «einer Abreise aus Kairo nach Jerusalem den J. T. A.-Vertrctcr empfangen und Ihm gesagt, daß die ägyptischen Juden hatten gegenüber Palästina besondere Verpflichtungen. Sie leben In einem Lande, das geoeranhisch Palästina nm nächsten He<rt, sie seien demnach auch die ersten, die Ihr Kanltat in Palästina Investieren sollten. Ich glaube fest nn die großen HnndrUniAgli hkelten Palästina«, schloß Alfred Mond; ich seihst habe größere Summen in den Industriellen und Baukkonzcrncn Palästinas Investiert Iba Sand Renen die ganze Basrhlmltei-Dynastie Kairo. (J. T. A.) Der Sultan der Wahahlt-n, l b n S a u d, der jetzt In Mekka weilt, empfing dort den Sondergesandten des indischen Knlifatskoinitcc* und sagte Ihm, er hoffe, In. ganz kurzer Zelt Jcddah, den Hnuptsltz des Königs All, zu nehmen und später gegen die übrigen Ollcder der Haschimiten-Dynastic vorzugehen. Nicht nur wird König Ali zur Abdankung gezwungenwerden, sondern auch alle Mitglieder der Ilaschimilcn-Dynastic werden das Geld räumen müssen. Zwischen mir und der Familie der Hasclilmlteii, t<cbloll Sultan Ihn Sund, wird es keinen Frieden gelirn. --- In Hin Saud nahestehenden Kreisen wird erklärt, der Wahabitcn-Sultan habe seinen Plan, auch gegen König Fcisul vo'ra Irak und Emir Abdullah von Transjordanien vorzugehen, nicht, aufgegeben. v Sie Erößnong der Unlversitlt London. (J. T.A) Der Oberrabbiner von Engl»^ Dr. Herz, begibt sich In einigen Tagen In OesellKtnl- «einer Oattm auf die Reise nach Palästina, um In seiner Eigenschaft ah der Vorsitzende des Verwaltungswege« des Instituts für jüdische Wissenschaften an der Eröffnung der hebräischen Universität zu Jerusalem offiziell tcilzu, nehmen. Oberrabbiner Dr. Herz und Oattin werden während ihres Palästina-Aufenthalts Oiste Herbert Samuel, und Lady Samuel* im Regicrungspalaste sein.! 711 Im Verlauf der Eröffnungsfeierlichkeit In der Univmiut Jerusalem wird auch eine Bron/ctnlste Lord Balfouri, die Prof. Henryk OJicenstcin angefertigt hat, feierlichst enthüllt werden. Diese Büste hat Pro». Oliccnstcln im vorigen Jahre in einigen Sitzungen, Cie ihm Lord Ualfour gewährt Im, entworfen. Nach der Enthtiilungsfcicr wird die Büste vo* einer Gruppe Londoner Zioniste» der Uiiivcrsitatsvcrwallunc. formell übergeben werden. Die Büste wurde Im vorigen Jahre In der Königlichen Akademie ausgestellt; der KunMkrillkcr d« „Times" bezeichnete »ic als das beste Skulpturwcrk der Akademie. _ Die Elfklrl/.lläiskonztJJloacn Haag". (J. T. A.) Der Präsident des Internationalen Gerlchtshofcs Im Haag ha« die Verhandlung über die Elektrizität», konzessioncn In Palästina für den 10. Februar dirws Jahres festgesetzt. Bekanntlich hat sich der Internationale Gerichtshof schon Im August 1021 mit dieser AngclrcenlitH befaßt und sich für zuständig erklärt, in dieser Frage zu entscheiden. Seither hat ein schriftlicher Notenaustausch zwi-clicn der englischen und der griechischen Regierung stattgefunden, der nunmehr beendet ist. Die Vorgeschichte des Prozesse* Ist: Der Orleche Mav. romatis halte im Jahre 1013 von der türkischen Rt. gierung eine Vorkonz.csslon für die Anlage von Elektrizität», werken für Licht und Kraft, sowie für den Bau von StraOeabahnen in Palästina erhalten. Wahrend des Krieges hat die englische Okkupationsmacht diese Plane zum Teil verwirklicht. Nach dem Kricße bewarb sich die Zionistische Organisation um ähnliche Konzessionen. Die eng.lscht Regierung hat dann dem Ingenieur P. Ruthenberg Kon. Zessionen für Anlarre von Elektrl/itiits-Stationcn bei Ausnutzun; der Jordan-Wasserfälle erteilt. Die Ansprüche des Oriecöm Mavromatls wies sie ab. Die griechische Regierung appellierte dann für ihren Staatsangehörigen Mavromatis an den Inter. nationalen Gerichtshof, der nun am 10. Februar über die Angelegenheit zu entscheiden haben wird. Streik nid Aussperrung Im Baurjetverbe zu Tti-Awlw Jerusalem. (J.T.A.) In Tcl-Awiw häuften sich In der letzten Zeit die Streiks im Baugewerbe. Am 3. Februar beschlossen sämtliche Bauunternehmer der Stadt, ah Protest gcfjcn die unaufhörlichen Streiks die Arbeiter auszusperren. Die Verhandlungen werden fortgeführt, um ein Dauerarrangement zu treffen. Im Zusammenhang mit dieser am vergangne» Dienstag In Tcl-Awlw seitens der Arbeitgeber verkündigten Aussperrung der Arbeiter im Baugewerbe fanden am 4. Fabruar Unruhen statt. Es kam zu einem Zusammenstoß zwischen Arbeltgebern und Arbeitnehmern; die Polizei schritt ein und verhaftete vier Arbeltgeber und vlerArbelter. Baldige Atßoibe der P»I5stina-P5sse Jerusalem. (J.T. A.) Demnächst werden In Jerusalem die ersten Palästina-Passe ausgegeben werden. In Anlage und Form werden sie den britischen P issen ähnlich sein. Der Text Ist in vier Sprachen (englisch, arabisch, hebräisch und französisch) gedruckt. Rückkehr von PaNslini-WasiierrTn nach Rußland? „Iswestlja" bringen am 2. Februar ein T Dratum aus Odessa, wonach eine große Gruppe von Zionistcn, die Im vorigen Sommer nach Palästina ausgewandert war, nunmehr nach Rußland zurückgekehrt ist, weil sie sich den palästinensischen Bedingungen nicht anpassen konnte Contcsslo Jndalca Die Jetzt erschienene, von Dr. Bieber besorgte Auswahl aus Heines Dichtungen, Schriften und Briefen stellt das alte Problem „I leine und das Judentum" von neuem zur Diskussion und bereichert es um einen wertvollen Beitrag. Es soll hier in ganz knappen Umrissen versucht werden, •JJ Fofm eines Gesamtüberblicks über den Stand dieses Problems, dieses „Heinebuch" litcrargcschlchtllch einzuordnen und seinen „historischen Ort" zu fixieren. Die überaus reichhaltige Heine-Literatur hat sich schon früh mit Heines recht widerspruchsvoller Einstellung zum ganzen Komplex »er jüdischen Fragen beschältet und sie zu deuten versucht. Meist waren et jedoch christliche Literatur-Historiker, denen es überlassen blieb, Heines Judentum zu untersuchen, während die Juden selbst sich eifrigst bemühten, jede Beziehung Heines zu jüdischen Dingen zu leugnen. Nur eine Schrift aus der Frühzelt der Heine-Forschung Ist uns bekannt, die es unternimmt, die vielseitigen Inneren Beziehungen aufzu- "igen, die Heine mit dem Judentum verknüpfen. Es Ist tief bezeichnend und gewiß kein Zufall, daß dieser erste bedcuteuere Versuch von H. Cohen stammt, der mit seinem Auf- JJtz „Heine und das Judentum" (1867) — Jetzt durch die Herausgabe seiner gesammelten „Jüdischen Schriften" zugärvgm VT Ieine «»rlltstcllerische Tätigkeit überhaupt beginnt, rt- Uhen wundert sich mit Recht In dieser Jugendichrlft, daß von all den bedeutenden Oeistern, die das Judentum vermöge «r aus seinen Grundgedanken liervorwlrkenden Kulturkräfte Rezeugt und gebildet hat, die Juden bisher kaum je einen cln> «ßcn weniger für sich In Anspruch genommen haben als den großen deutschen Lyriker Heinrich Heine. Und doch bt- •ithe eine ganz deutliche» Abhängigkeit Heines vom Jüdischen Gedankenkreis — nicht ausschließlich und auch nicht beständigaber so, daß man erkennen kann, dafl unter den vielen Kuiturelementcn, die sich in Heine zur Bildung seines Oelstes Ii,™ l'"?". Charakter» vereinigt haben, der jüdische Oedanke «un bedeutsame und nachhaltige Anregungen geboten habe, wenn wir »uch mit Cohen In der Fassung de» Begriffs Ä,ci J 0edankt" und äer einseitigen Betonung der Panlhelstlschen und spinozistlschen Elemente In Helnea Werken tW,*te l'l\hsthen> 19 *>et,t"We »«Ine Arbelt ~ rein Ilterar- E fl'cht{tiellH - einen neuen Weg In der Jüdischen neme-Forschung, der »uch In der Folgezelt beschritten wurde. Die „Entdeckung" des Juden Hellte setzte dann nllc Parteien innerhalb des Judentums In Bewegung. Olclcliiam, als ob sie nachholen wollten, was die frühere Oencralinn unterlassen Imtte, reklamierte» die einzelnen jüdischen Richtungen Heine für sich. Ca Ist heute nur noch amüsant zu scheu, wie jede Auffassung von „Judentum" In Heines Welt hinein projiziert wurde. Das Judentum in assimilatorischer Dclcttcjitiiiig gesehen, führt zu einem I Icinc-Bucli (Plotki!), das In Heine am Ende seiner Entwicklung einen typischen Vertreter des Reform- Judentums sieht, des Judentums, „das durch die l.oslösung vom Formelkram und dogmatischem Gewäsche, mit dem es die ungesetzlich nufgescliilelieneu und für verbindlich er. klärten Kommentare unzähliger mehr oder minder qualifizierter Gelehrter beladen hatten, sich von allem Trübenden befreit und In krvstallcitcr Klarheit gewissermaßen zur absoluten Religion sich erhebt." Ja — so geht es weiter — dessen „Richtlinien" durch C. Selbmanns Hingabe zu endgültiger Formung und innerer Organisation gebracht, Heine sich In seinen letzten Jahren ganz zu eigen gemacht haben «oll. Wir wollen nicht verschwelte«, daß es n\tch andere ernstgemeinte Schriften gibt, die I leine als Natlonntjuden reklamieren, ebenso wie andere einen echten protestantischen Christen, andere wieder einen Katholiken, Antisemiten, Sozialistcn, Franzosen usw. In Ihm „entdecken" und es auch bei der so widcrstruchsvollcn Art Heines nicht schwer hatten, dafür auch quellenmäßige Belege zu finden. Daß dieser Weg nicht zum Verständnis von Heines wahrem Verhältnis zum Judentum beitragen konnte, versteht «Ich. Er war der subjektiven I'iirbung ~ man berücksichtigte selten die zeitliche Reihenfolge von Heines Aussprüchen und die Qeiamthaltung, aus der diese flössen — zu stark ausgcsetzt, als daß mau ein objektives Oesamtbild seiner jüdischen Elemente hätte erhalten können, Was war noch zu tun, nachdem eo alle möglichen „Beziehungen" erschöpft waren? ' Heine selbst weist uns den Weg, wenn er sagt, daß man nur In den Werken des Dichters sehte Geschichte suchen und hier allein seine geheimen Bekenntnisse finden kaum Man mußte also zur Quelle, zu Heine» Werken selbst zurückgelten und zunächst einmal In chronologischer Reihenfolge alle AeuDerungen Helnea. über »eine Bedehung * zur jüdischen Gemeinschaft, — rclu nach außen hin gesehen — ebenso ztmninmenstellen, wie die, die hcIiic tieferen religiösen und philosophischen Grundideen von Gott, Mensch, Welt usw. beleuchten, nho seine inneren Beziehungen aufweisen. Line solche 1 Icliic-Atitholo;;!«'), deren Notwendigkeit wir aus der oben skizzierten Richtung der jüdischen lleitie-ror- «chung erkannt haben, liegt nun in der von Dr. Bieber besorgten Auswahl aus Heines Dichtungen, Schriften und Briefen vor. Sie enthalt ziemlich vollständig alle Acußcriiiificn Heines über Juden und Judentum und gibt in der Tat „ein volles abgerundetes Bild der jüdischen Welt, wie sie Heine erlebte". Alle Acußcrungen vom Beginn seiner Mitarbeit im „Veiciii für Kultur und Wissenschaft der Juden", an, dem cr.;!cii Versuch der Selbstbesinnung einer cutjudetcit Intelligenz, ülicr seine nationale Epoche, der Zeit des Rabbi, der Taufe usw., hin, bis zu den letzten „Ocdankcn und Einfällen" ziehen an uns vorüber. Wir lernen verstellen, daß der ICullurvvrcin - ein so katnstrophalrs linde er auch genommen hat — «'•" historische Verdienst In Anspruch nehmen kann, 11 eine I ir jüdisches Volk und Judentum gerettet zu lnb:n. Djiiii hier wurde er sich seines Judentums bewußt, hier machte er «i.'h vertraut mit der Geschichte seines Volkes, deren Oeist sich Ihm offenbarte und hier liegt auch der Ausgangspunkt all seiner jüdischen Bekenntnisse, seiner grollen Confessio Judtica. Selbst die Taufe konnte sein jüdisches l'u'ulen und Denken nicht bec'mllusren. Sic war für hin nicht mehr, als ein äußerer Akt — so äußerlich wie eben das Lösen eines „L'ntrcc-ßillcts" »m Bahnhof zur europäischen Kultur. Dem Schwur zu den Idealen seines Volke«, seinem Freund Moser gegenüber 1321 geäußert, „Verwelke meine Rechte, wenn Ich Deiner vcrgesai-, Jeruscholajim" sind ungefähr d« Worte des Psilmlsten, und es sind auch noch Immer die meinigen — blieb er treu. Die Taufe bedeutete nicht Ende, Abschluß* seines jüdischen Schaffens, wie bei Marx, Lass.ille u. a. — schon zwei'Tage nach der Taufe arbeitet er inten- »Iver denn Je tn seinem „Rabbi" der geplanten poeti«chen Dir- Stellung des tausendjährigen Judenwch'», von dem er sich etwas ganz «uQerordenlliches verspricht „eine ewige Lampe Im Dome Oottca", „eine Quelle für die Zunzcu aller Welt". Und wahrlich der Prolog, den er an Moser schickt, läßt ahnen, welche Kraft er für diesen Jüdischen Stoff einsetzen würde. •) 1924 Im Wcit-Verlag.