Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXX (1925)
- Issue
- Heft 8 (28.1.1925)
- Date
- 1925-01-28
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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TIDDISCHE RUNDSCHAU Setfe Ii die Zionismen «lud die „vaterlandslosen' Oestllen", von denen man möglichst laut und vernehmbar abrücken muß, um nur ij bei den übrigen Deutschen nicht in den Verdacht eine» hucn Patriotismus zu geraten. Ist es wirklich noch nötig, die völlig« Haltlosigkeit dieser Verdächtigungen Immer und immer wieder zu widerlegen? Wir haben itets statt durch laute Beteuerungen durch die Tat, durch unser Verhalten Im August 1914 und in den ganzen letzten Jahren zur Genüge dargctaii, „ic c» um die Wahrheit Jener Behauptungen bestellt Ist U'ir haben erst vor kurzem in den Verhandlungen des Wiesbadener Dclcglcrtcntages und In den Spalten dieses Blattes da» noch einmal vor aller Ocffcnllichkcit klargestellt Im Bewußtsein imscres Verhaltens haben wir nicht wie Jene nAtigi bei den einzelnen Punkten des Programms, da« wir Jüdische Volkspartcl für die Wahlen zum Preußischen Landesverband aufgestellt haben, ängstlich zu fragen und ,u schielen, ob unsere Ocgncr nicht etwa den einen oder anderen unserer Programmpiinkte mißdeuten werden. Mit voller Offenheit bekennen wir uns zu der Ucberzeuffung, daß 3uch ein Preußischer Landesverband seine Aufgaben nur dann lösen kann, wenn er ausgeht von dem Ocdankcn der Einheit des Judentums in aller Welt Wir können, um nur einiges zu nennen, nicht vorbeigehen an den Fragender Em i gratlon und Immigration, an der Frage des Auf» Mus von Iirez• israc 1, an Problemen wie denen der jftdischen Wcllhilfskonfcrcnz, ata an Fragen, die Ihrer Natur nach innerhalb der preußischen Landcsgrcnzcn oder der deutschen Rcichsgrcnzen nicht lösbar sind. Wohin es «Ihren würde, wenn nun diesen Grundsatz erst einmal verlassen Hat, das möge ein Beispiel deutlich machen: Der Landesverband soll, wie erwähnt, auch ein Lastcnausgleichs verband sein. Reiche Gemeinden sollen den minderbemittelten hellen und ihnen ermöglichen, alle Pflichten zu erfüllen. Tritt aber nun — was Ooll verhüten möge — eine Katastrophe außer' halb des Verbandes ein, wie etwa Klschlnew oder ein ähnliches Unglück, soll dann die einzelne Ocmcindc, soll dann der Landesverband sich für dcsintcresslcrt erklären, »eil Kischincv nicht in Preußen liegt? Das wurde bedeutcr. den alten jüdischen Grundiatz, r.l BOT; 'TJW ^3 »eil Kischincw nicht in Prcuücn liegt? Das würde bedeuten, Indesverbandes muß es vielmehr sein, nicht nur die Auffi'xn zu lösen, die sich innerhalb des preußischen /»dtntums ergeben; er muß darüber hinaus auch seine ganze Kraft dafür einsetzen, dem preußischen Judentum mrcrhalb der Qcsamtjudcnhelt die ihm nach seiner Geschichte zukommende Stellung »jeder zu verschaffen. Das kann nur dadurch geschehen, daß er sich, entsprechend seiner Kraft, auch an den Aufgaben beteiligt, die nur die Gesamtheit aller Juden lösen kann. — Kein Deutscher, mit Ausnahme der gewerbsmäßig verbohrten Antisemiten und vielleicht verschwindend kleiner Kreise um die Person einiger „liberaler" Jüdischer Führer herum — kurz gesagt, lein wirklicher Deutscher w ird auch nur auf den Gedanken kommen, der Judischen Volkspartcl wegen dieser Zielsetzung Mansjcl an Patriotismus vorwerfen zu wollen. Die Reichstagswahlen vom 7. Dezember brachten den Anhängern der demokratischen deutschen Republik zwar noch rieht den endgültigen Sieg, aber doch immerhin einen erfitblichuj Stimmenzuwachs. Die reaktionären Parteien, denen insbesondere das gleiche allgemeine Wahlrecht Immer noch «in Dorn im Auge ist, haben in ihrer Oesamtheit eine Schlappe erlitten. Nehmen wir das als Vorzeichen für den Ausfall der Wahlen am 1. Februar. Auch unsere jüdische Reaktion hat sich ja bekanntlich besonders heftig gegen das allgemeine gleiche Wahlrecht gewehrt; ihr wäre <lie Autrcchtcrhaltung des bisherigen „Notabclnsystcms", die Stabilisierung der Herrschaft der sich selbst durch Kooptation ergänzenden „Prominenten" In den Ocmeindestuben »ympathlscher gewesen. Bei manchen scheint sich sogar — ••ich der Zähigkeit, mit der sie ihre Stellung verteidigen, '<i schließen — allmählich so eine Art Oottcsgnadcntumbcwußtscln entwickelt zu haben. Aber ihr Sträuben hat nichts geholfen. Und so wie hier der demokratische Gedanke »fsiegt hat, so wird auch letzten Endes das demokratische Programm der Jüdischen VoUtspartci zum Siege gelangen! Uberale Widersprüche Von Dr. Hans Bloch. I. Der Grundzug der liberalen Staatsauffassüng ist die Toleranz. Darin liegt die gefährliche Schwkhc aller liberalen Staatsgebilde, die besonders durch die letzten Entwicklungen •j> der deutschen Republik wieder einmal bewiesen wird, tarin Hegt aber auch ihre ethische Stärke. Liberalismus <|<iij Toleranz sind die Rcchtstiicl der Judcnemanzipatton: stanimcsmäßi^s und religiöse Andersartigkeit der Juden «"'len nicht mehr die staatsbürgerliche Gleichberechtigung ^«schließen. Konsequent sucht die liberale Entwicklung ün Jahrhundert auch alle anderen Kriterien abzuhauen, die Unterschiede in der staatsbürgerlichen Ocltung bedingen: stänl jfchc Zugehörigkeit, Vermögens- und Bildungsklasscn, poli- 'sehe Oesinnung. Die geltende Verfassung erkennt un- ^elfclhsft die staatsbürgerliche Gleichberechtigung aller '>aatsbür,tcr an, die ihre staatsbürgerlichen Verpflichtungen "wUctj, Demgegenüber sucht die völkische Staatsauffassung "eues Kriterium der staatsbürgerlichen Ocltung durch- «<ct*cn: die völkische Zugehörigkeit. Der Begriff ist unklar: "»tionalc, rasscnmüßlgc und kulturelle Definitionen gehen f'chclnandcr. Klar Ist nur. daß als nicht zugehörig der f** 8'lt — auch vieles andere soll von der Definition geholfen werden, z.B. Soziallsmüs und Pazifismus; es wird ««halb als „undeutsch", d.h. in Deutschland als „jüdisch" Zeichnet. Die deutschen Juden sind — abgesehen von Inneren Ur dt *~ politisch liberal gewesen, weil sie wußten, daß sie Gl ^""dsätzen des Liberalismus ihre staatsbürgerliche 'iclibciechtlRuiig verdanken. Sie waren zum großen Teil ,uc.h iMisch-Ilberal, weil sie, ein wenig gedankenlos Wort «griff in die jüdisch-religiöse Sphäre übertrugen. Ihre h,'''«Illing hatte von vornherein einen- Orundfchler: si< ~>ntn nicht den Mut, die staatsbürgerliche Stellung als selbst Jo " Rccht hinzunehmen, das ihnen bedingungs gewahrt werden mußte, das sie fordern konnten als ti'u» CnM Oftmdrecht und als geringfügige Reparation für ';ttencs ungeheures Unrecht. Sie glaubten besondere Ver- PKhtungeo zu h»ben, und damit betraten sie die senkte gegen Liberalismus und für Volkspartei? Beteuerungen, Insbesondere im Wahlkampfe, beweisen nichts. Die licherite Probe auf eine politische Lehre ist das Leben. Was aber lehrt die Entwicklung de» deutschen Judentums unter der Führung und Vormundschaft des Liberalismus? Wie sieht das Ergebnis der liberalen Epoche im deutschen Judentum aus? Der Liberalismus, dieso Theorie der hoffnangsloaen Resignation und der bedingungslosen Aatiltnllatlon, entjudete das fUdische Heim, verödete und zerstörte die einst In Deutschland )lühcnden Lchrhüuser, leert« die Synagogen und Tcrwlschte die jüdische Eigenart Zuerst bicO est Sei Jude nur innerhalb deiner vier Wände und Deutscher im Leben! Dann verbannte man das Judentum auch aus dem jüdischen Heim und verwies es ins Bethaus. Dann verdeutschte man all* mählich das Bethaus und das Judentum des Liberalismus ist nunmehr auf die Jüdischen Begräbnisstätten beschränkt... Der Weg des Liberalismus führte vom lebendigen Judentum der einstmaligen Judengemeinde über die Enlfudung von Heim, Lechaus und Synagoge zu einem großen Leichenield. Die geistvollen Lehren hervorragender Denker und Wortführer des liberalen Judentums haben nicht vermocht diesen unauihaltsamen SterbeprosoQ doa deutschen Judentums aufzuhalten, Hundorttausend Tttutlingef ungezählte Mischehen | Interossoloslgkolt der überwältigenden Mehrheit des deutschen Judentumsi vülllgo Entjudung der Jugend; Verlall des Wissens um Judentum und jüdische Lehre; — das sind die Früchte der liberalen Führung. Aus diesen Gründen kann kein bewußter Jude am 1. Februar für die liberale Liste stimmen, Erst der Zionismus, der die lebendigen Kräfte der Judenhelt in der ganzen Welt geeinigt hat und der der Jüdischen Volksparlci den Dascinsgrund gibt, hat das Interesse für Juden und Judentum auch in Deutschland wachgerufen. Er hat dio Jugond dem Volke wiedergewonnen« Er hat das jüdische Selbstbewußtsein gehoben. Er bat das jüdisch« Volk zur Selbsthilfe erzogen. Er hat das jüdische Volk nach zweitausendjährigem Exil wieder zum aktiven Faktor Im Völkerleben gemacht. Er hat die hebriiischo Sprache zu neuem Leben erweckt Er hat den Dienst für Judentum und jüdisches Volk neu geadelt und den im Volksdiemt Stehenden das verschwundene Gefühl der Würdo und Freudigkeit wiedergegeben. Er hat mit dauernd steigendem Erfolge die Berufsumschlchtang der jüdischen Jugend angebahnt und eine umfassende körperliche Rogoncrationsbcwegung durch Pflege von Turnen und Sport hervorgebracht. Er hat dem jüdischen Volke Gegenwartsinhalt und Zukunftshoffnung gegeben. Liberalismus ist sterbende Vergangenheit. Zionismus ist lebendige Gegenwart und frohe Zukunft. Wer das Judentum bejaht, wer seinem Leben jüdischen Inhalt und seinen Kindern Ziel und Zukunft geben will, der muß sich stets für den Zionismus und am L. Februar iür die vJFtldliödi.e V<0)lls.öp)SiFteI v entscheiden. Ebene, auf der sie bis zur Argumentation der Liberalen Im gegenwärtigen Wahlkampf abglitten. Schon früher glaubten sie, besonderen Patriotismus recht sichtbar bekunden zu müssen, damals zusammenfallend mit loyal monarchischer Oesinnung. Nach dem Kriege verleugneten sie, von Angst getrieben, jüdische Brüder, die Ihr Jüdisches Ethos für revolutionäre Strömungen einsetzten, die entschiedener waren, als dem Durchschnitt der deutschen Republikaner genehm erschien. Bestände unter den obwaltenden Umstimdcn nicht zur Zeit noch eine gewisse Aujbalanzlcrung zwischen rcpubllkanischcr und monarchischer Gesinnung, so wurden sie sich zweifellos auf die anerkannte Strömung festlegen, um nicht durch Illoyalität ihre Rechte zu gefährden. Nunmehr fürchten die Liberalen — oder geben vor es zu tun — daß die nationaljüdlschc Bewegung die staatsbürgerliche Stellung beeinträchtigen könne, rIc wenden sich deshalb gegen die Jüdische Volkspartcl als Vertreterin «ationajjüdlacher Ideen in der Qcmcitidepolitik. Sic erkennen also das völkische Argument an, sie machen die staatsbürgerliche Stellung von der „nationalen" Zugehörigkeit abhängig, sie verleugnen endgültig die O r u d d s J t z c des politischen Liberalismus und der Toleranz, von denen sie ausgegangen sind, II. Nun Ist' von zionistischer Seite schon überzeugend dargelegt worden, wie gefährlich die Anerkenntnis dieser Basis auch für den jüdischen Liberalismus selbst Ist. Die nationale Zugehörigkeit Ut Ja nicht nur Sache des Bekenntnisses, sie hat objektive Kriterien, die sehr vieldeutig sind. Somatische, psychophysische, kulturpsychologische und notorische Definitionen wechseln; es Ist nicht schwer, sie gegen jeden noch so liberalen und loyalen Juden zu wenden. Der Liberalismus ist noch schwer belastet .mit gewissen jüdischen Zusammengehörigkeitsgefühlen, mit der Bejahung eines unbestimmten, aber doch wohl einheitlich und sonderartig gedachten Judentums. ' Naumann hat ihm dieses Hinken nach beiden Seiten gehörig angekreidet. Man hat sehr gegen Ihn gezetert, aber siehe da, nach dieser Seite hat man Tolerant Oben gelernt und Naumannlaner zieren die Uberale Liste. Ocnügt Naumann allen Ansprüchen der Neuzeit? Blumenfcld hat den Uchcr-Nanmann bereits beschworen, In Wclntngcr sieht er Ihn verkörpert. Nun Ist Weiningcr ein einzigartiger Fall, auf den man nicht ohne weiteres exemplifizieren kann. S p c n g l c r (den zu unterschätzen Jetzt freilich ebenso modisch ist wie vor kurzem noch das Gegenteil) — Spengler hat gesehen, daß er einen urjüdischen Kampf In sich ausgcfocliten hat, den magischen Gegensatz zwischen Out und Böse, Licht und Finsternis. Er erlag der arischen Mythologie der Licht- und Schwarzalben, Identifizierte in sich das Böse mit dem Jüdischen und entledigte sich des leiblichen Selbst, das dem Bösen untrennbar verweben war. Aber es gibt «ehr viele weniger trai;lschc Ucber Naumnnnlaiier, von denen au» gesehen die Jüdische Front von Klee bis Naumann eine reaktionäre Masse Ut. Das sind all die vielen, denen Ihr Judentum cir kein Problem mehr Ist, die es zutllllg noch tragen und bei zufälligem Anlaß bedenkenlos abwerfen. Ein Verband Nationaldeutscher Juden Ut ihnen ein Unsinn, weil er ein Verband von Juden Ist — und Naumann Ist — wehe Html — doch noch ein „jfidiachcr" Politiker. All diese haben Immer noch Vorteile In der staatsbürgerlichen Argumentation selbst vor Naumann, sobald man die unsinnige Grundlage anerkennt. Sic alle wären Im Ernstfall In der Lage, einen sehr gefährlichen Druck auf den Liberalismus auszuüben — es Ist ein Glück, daß sie selbst sich vorläufig von der jüdisch-politischen Arena ausschließen. Wer weiß, wie weit man sonst die Toleranz natu dieser Seite erstrecken müßte: Im vollen Ernst sind doch schon Reform und Naumann-Bewegung bewußte Liquldationspartelen, jüdisch-politisch nur noch durch die Negation — und man toleriert tic — und wendet sich abgrenzend nur gcgc'i jüdisch-positive Richtungen. Dem Judentum gegenüber Ist der Liberalismus nicht mehr liberal, denn er mißt es In staatsbürgerlicher Hinsicht an reaktionären Maßstäben — tolerant Ist er gegenüber dem Abfall, Du Ist gewiß eine Krise seiner Immanenten Auflösungstendenzen, vielleicht und hoffentlich such ein „Sättigungspunkt", eine historisch« Umichlagstelle,