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Jüdische Rundschau · 1925-01-23 · Heft 7 (23.1.1925) · page 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXX (1925)
Issue
Heft 7 (23.1.1925)
Date
1925-01-23
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Se'tc 62 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 7 hrnde Kraft, die Jndennol", die materiell und moralisch unerträgliche Situation des Judentums. Die'Forderung nach dem Judcnslaat, die er vor aller Oclfcntlichkeit vertrat, nach der Lösung der Judcitfragc, die er tu einer politischen Weltfrage machen wollte, war tief begründet In «einem ausgepraßten Gefühl für persönliche Würde, und indem sein Instinkt den unlöslichen Zusammenhang «wischen dem Finzcldiseln und der Vo'k .Rrm-iii^chaft erfailtc und er die Selbsterniedrigung der Juden als den eigentlichen Krankheitsherd erkannte, erhob sich der Frcilicits- und Würdebegriff «um Grundpfeiler seines zionistischen Denkens. Herzls Leitgedanken nind unübertrefflich in ihrer Einfachheit, selbstverständliche Reaktionen eines durch die Sehlde der Emanzipation gegangene Juden, der gleichzeitig ein gläubiger Mensch war. Aber nicht nur die Sicherheit, mit der er sie aussprach, verschaffte seinen Worten die Resonanz bei den verschieden-, artigsten Schichten des Volkes. Das Geheimnis ihrer siegreichen!>urchsetzung ruht darin, daO sie in ciuen Ruf mr Sammlung aller Juden ausmündeten und daS diese Sammlungsruf seine logische Begründung und seine Innere Möglichkeit in eben diesen Thesen fand, die dem schwererkrankten jüdischen Volkskörper eine einheitliche Diagnose und eine einheitliche Therapie verkündeten. Her/1 hat den Generalnenner für alle Krankheitssymptome des Judentum* gefunden, und gerade dadurch und nur dadurch, dj(l er dem allen Juden gemeinsamen Unglück der Zerstreuung und dem allen Juden gemeinsamen Olüdt des eigenen Landes hinreiOenden Ausdruck verlieh, hat er die Einigung der verschiedenen Richtungen erreicht und den Willen zur organisierten Selbsthilfe geschaffen. „Zurück zu Hcrcl" ist ein Ruf, den oftmals Zronisten erhoben haben, die in der allzu radikalen Vertretung der zionistischen Forderungen ein Hemmnis erblickten für den Hintritt weitester Kreise in die Zionistische Organisation. Wir waren stet* davon überzeugt, daß hier die l'crvm ller/ls zu Unrecht reklamiert wurde. Kein Zweifel jedoch besteht für den Kenner Hcrzlschcn Geistes, daß dieser Mann, wenn er noch heute unter uns weilfe, im Lager derjenigen stünde, die bei aller Bemühung um die Bundcsgenosscnschaft aller hewußten Juden den Zionismus abzugrenzen suchen als die Gruppe der Entschlossenen und Paläslinaradikalen. Wenn hier also, in einer Stunde der Entscheidung, der Ruf „Zurück zu Her/!" erklingen soll, so ist der Her/:! gemeint, der mit dem geringsten Aufwand an ideologischer Argumentation, mit dem Gedanken des .„reinen" Zionismus die groOc Leidenwhaft der Tat verbindet Reiner Zionismus aber heiflt der Zionismus, der losgelöst ist von allen nicht unmittelbar auf ihn bezüglichen Kategorien. Im Wesen des Kongrcflzionismus liegt es begründet, daß zum Dinner der Bewegung nur ein formales Prinzip erhohen werden kann. Selbstverständlich wird jeder ».ein Weltbild mit seijicm Zionismus zu einer höheren Einheit verwehe«, selbstverständlich werden weiterhin Gruppeiiidcologien und Systeme einzelner Theoretiker bestehen bleiben. Aber es erwache endlich die Erkenntnis, daß der Kongreß und die Oesamtbewegung nur einen formalen Zionismus kennen und anerkennen kann. Die Gegensätze der Meinungen werden erst in einem Palästina ausgetragen werden können, das politisch gesichert und In seinem jüdischen Bestände konsolidiert ist Zionismus aber ist die Bewegung des erst heimwärts strebenden Judentumh. Er schafft nicht das neue Judentum, sondern nur die Bedingungen seines neuen Leben». Er kennt demnach keine Verbindlichkeit außer der Leistung für Zion aus dem Wissen um die Unzulänglichkeit des jüdischen Lebens im Oaluth. Gemeinsame Erkenntnis und gemeinsamer Wille, gemeinsamer Stolz und das gemeinsame Vorgefühl einer kommenden Renaissance, die die Erneuerung des jüdischen Menschen im Gefolge hat — das ist Kriterium einer Bewegung, die Im besten Sinne «Iis Wortes eine Volksbewegung sein will. Sache des Einzelnen tot es, seinem Wunschbilde eines erneuerten Judentums Gestalt und Ausdruck zu verleihen und seinen persönlichen Zkmismus ins Metaphysische zu erheben. Der offizielle Zionismus aber kann nur bestehen, wenn er seine Begrenzung erkennt und sich nicht in Bezirke verliert, die außerhalb seiner Sphäre liegen. Es könnte verlocken, im einzelnen den Nachweis zu erbringen, wie tnmifiglich es wäro, eine gemeinsame Formel zu finden etwa für eine Auseinandersetzung mit dem Kommunismus, mit dem Problem des Internationalismus, für eine Klirung der Beziehungen zur Umwelt Doch es fehlt dam der Raum. Was hier -- mit vielleicht unzulänglichen Mitteln — darzustellen versucht wurde, mündet ein in die Forderung, welche lautet! Ideologischer Mlniniallsmtis, Auch Ich glaube, wie Roscnbtulh, daß eine Ncubelebung des Ideologischen Interesses erforderlich und es nicht angängig Ist, „die Argunientation des Zionismus aus der Problematik des Oaluth ersetzen zu wollen durch seine Rechtfertigung aus der palästinensischen Leistung. Aber die theoretische Fundierung unserer national-politischen Idee bleibt unbeeinflußt durch neue Zelt- Strömungen und durch die Verinderung der politischen und kulturellen Weltsituation. Well es eine Zerstreuung gibt .und die Judennot in vielfältiger Gestalt uns täglich fühlbar wird, weit der Stolz und die Ehre des Judentums es befiehlt und die Sehnsucht nach eigenem Land und der Möglichkeit ungehinderter Krafttnilaltung in uns lebendig Ist — darum ist Zionismus eine Lebensfrage für den einzelnen Juden. Erschütternd ein- ''eh ist die „Theorie" des Zionismus, und auch den geistig verwöhnten wird sie überzeugen, wofern In ihm überhaupt «mc Disposition hierfür verborgen liegt. Es gibt Juden, die durch keine noch so verfeinerte Ucberzeugungskunst tionlstcn werden keinen; sie sind Opfer ekicr Entwicklung, "n deren Verlaufe der jüdische Instinkt zum Abst:rbcn verurteilt wurde. FC* die Anderen aber gilt es allein, verichüttelcn KrSften zum Durchbruch zu verhelfen und sie 'fif zu machen für die Erfösungsbewegimg, die den Namen Zionismus trügt. Ein Minimum an Ideologie und ein Maximum «n seelischer Bereitschaft 555 lcl die Losung; des neuen Zionismus." Revolts In einem Jerusalemer Gefängnis. Aus Jerusalem. Januar, wird telegraphiert: Im Hauptgefängnis von Jcru- Hu w«vlr?uc"^ cIne AnMhl von Gefangenen auszubrechen. Äc7er 8ancn s,Cn R«wunircn, Schüsse abzugeben, wobei «brlichT C"C VcfWun<lct wu«fcn,. davon drei lebensge- Vom CICck verflossene Jüdlsclie Kinder Für Leute, die außerhalb der Jermalemer Altstadt wohnen, ist der jiMbchc Markt Mcah Schrarlm das wichtigste Einkaufszentrum. Ueher diesen Markt ließe sich mancherlei erzählen: er bestellt aus engen, kotigen Gassen, In denen der Unrat sich auftürmt, und In denen ein ununterbrochenes Schreien, Ausrufen und l aufen herrscht. I>arin ein paar hundert Buden und Bildchen, In denen ein paar hundert Juden die gleichen Heringe, Hammelkeulen,. Gemüse und Schnürsenkel verkaufen. Aus g3nrlich unbedeckten Behältern heraus, auf denen Fliegcnsehwärmi! sitzen. Angetan In recht unappetitliche Kleider, die bei den Fleischern steil stehen von geronnenem Wut. Aber alle, bis auf die Sepliarden, In Rejoth und Streunet Vor den Buden viele Käufer und besonder* Käuferinnen, welche die Waren betasten, bcricchen und häufig nach langem Handeln zurücklegen. An die Schilderung dieses Marktes liclkn sich viele soziologische, kulturhistorische und psychologische Betrachtungen knüpfen. Das ein andermal. Heule sei nur einer typischen Erscheinung dieses Marktes gedacht: der Träger. Bis vor einem oder zwei Jahren waren das mächtige plumpe oder sehnige Kerle — fast ausschließlich Sepliarden — die mit Tauen um den Leib in kleine» h'nnvcntikclii an den Straßenecken standen und auf Leute warteten, die sich ihre Korbe, nach Mause tragen lassen wollten. Nur zwei Aschkeiiascn fand ich Immer unter ihnen: den „mcschuggcncii Leiser", der früher Clialuz gewesen war und beim Jemsalcnicr Pogrom den Versfand verloren halte; der stand immer vor einem Laden und rief in einem eindringlichen „Nigcn": „Fisch, frische Fisch, 3 Uiizcs a Schilling!" bis man ihn zum Tragen engagierte. Und ein halbwüchsiger Bursche mit blödem Gesicht und triefenden Augen, dem die Lumpen fast vom Leihe fielen und di-r mir .ml uiiM-reiu gcmrliniiini'ii Weg erzähllr, er habe weder Vater noch Mutter, verdiene sich gerade so viel wie er braucht, um nicht zu verhungern, und habe kein Heim, sondern schlafe des Nachts, wo er gerade ein Unterkommen fände. Dieser Bursche ist seit einiger Zeit verschwunden, und ich weiß nicht, wo er Ist. In irgendeinem zufälligen Schlaf Kinkel umgekommen? Vor eineinhalb oder zwei Jahren tauchten plötzlich auf dem Markt zwei oder drei kleine Jemeniten von höchstens zehn Jahren auf, die sich mit großer Gewandtheit an Hausfraucn herandrängten und ihnen heim Einkaufen sachkundige Ratschläge gaben. Diese Bürschlcin, die nicht allein von körperlicher, sondern offenbar such von geistiger großer Beweglichkeit waren, wechselten öfter ihr Metier: vom Trager zum Ausläufer und von da zum Stiefelputzer. Nach einigen weiteren Monaten gesellten sich zu ihnen etliche kleine Perser und lliicliareu mit langen, In Fetzen zerschlissenen I leimlen und hohen weißen oder schwarzen Pelzmützen — unter ihnen einige mit Murilloscheu Engelsgesiebtem. Dann grellere und kleinere Sepliarden und in der letzten Zeit winzig kleine jemenitische und sephardisehe Kerlehen, die mit verblüffender Leichtigkeit die schwersten Lasten tragen. Wenn man jetzt nach Mcah Schearlm kommt, so stürzt sich sofort ein ganzes Rudel dieser Hürschleln auf einen, sie bitten, zupfen einen am Kleid, stoßen Konkurrenten beiseite odrr beginnen regelrechte Fauslkämplc mit ihnen, bei denen schreckliche arabische Flüche sich kreuzen. Bei diesem Massenangebot sinken die Lohnforderungen von Tag zu Tag, so daß den alteren Trägern nichts übrig bleibt als sich zurückzuziehen. Auf meine unterwegs gestellten Fragen nach Nam' und Art erhalte ich fast regelmäßig die Antwort, daß die Jungen erst kurze Zeit im Lande sind und in keine Schule gehen, weil r.ie kein Hebräisch verstehen und weil sie kein Schulgeld bezahlen können. Auf die Frage nach den Familienverhältnissen gibt es — bis auf einige komplizierte Falle — immer zwei Sorten von Antworten. Entweder: Vater und Mutler oder der Vater ist tot, und der Junge muß die Familie erhalten. Oder: der Vater lebt, aber arbeitet nicht. *>:öö «n Hin» (er lebt von meiner Arbeit). Das ist das Typische. Folgt man den nürschlrln In ihre Behausung, so kann man (.ich meistens v'on der Wahrheit dieser Angaben überzeugen. Gewöhnlich findet mau ein unbeschreibliches Loch, «us Lallen und PetroleinnWeehen zusammengeschlagen. In dem eine Emigrantenfamilie haust, deren „Oberhaupt" überhaupt nicht an die Arbeit geht oder den gesamten Verdienst aus gelegentlichen Arbeiten verraucht und vertrinkt, während dl«: Familie nuf die paar Hissen Brot angewiesen ist, die sie sich von dem Erwerb des Jungen kaufen kann. Beim Fragen erfährt man allmählich, dsß Irgendeine jüdische Ocmcindc des Orients — In Hsgdad, Nlnlve oder Urfa, in Alexandrien, Aleppo oder Tunis — diese Leute nach Palästina abgeschoben hat, well sie nicht länger für sie sorg:it wollte. Und man fragl sich dann, wie es möglich war, daß diese kranken und elenden Existenzen Ins Land kommen konnten, während Tausenden von Chaluzlm die Grenzen verschlossen blieben I Die armen kleinen Burschen, die diese Familien zu erhalten haben, treiben sich vom Sonnenaufgang bis In eile Nacht hinein nuf den Straßen umher, schreien, schachern, klammern sich an Käufer und Käuferinnen, wissen um alles Menschliche, Ailntmemcmichc und vcrMlen häutig »Htihaiid schlechten Gewohnheiten: Rauchen, Trinken und sexuellen MiGbrftuchcn. Und sind dabei doch noch solche Kinder wie der kleine Jemenit, der vor kurzem mit mir und mit den Händlern, bei denen Ich kaufte, feilschte und hsndelte und dann, als er mit seinem schweren Korb auf dem Rücken neben 'mir ging, eine Garnrolle an einer langen Schnur hinter sich her/og, wie es Baldes tun. Unter der täglich wachsenden Garde der Träger gibt es auch solche, die nur in den Ferien arbeiten, um sich ein paar Oroschcn als Schulgeld zu verdienen. Diese Erklärung seiner Tätigkeit gab mir zur Zeit der Soinmerfcrlcn ein bildschöner kleiner Perser mit großen Trilumcraugeit, und er war es auch, der eines Tages unter TrJncn den Tragelohn zurückwies, weil er unterwegs hingefallen war und ein paar der gekauften Eier zerbrochen hatte. Manchmal scheint es, als ob diese kleinen, von allem Olück Ausgestoßenen bestimmt seien, das Los der herrenlosen Straßenhunde zu teilen, die eine» Tages erschöpft hinfallen und in einem Winkel sterben. Wenn nicht gerade eine Mission sie In Ihre Arme und Schule (In der es auch warme Mahlzeiten und Kleider gibt) zieht, so kümmert keine Seele sich um sie. keine Oomclnde, kein Kolcl, keine Sehulbehörde (die Regierung nur dann, wenn es gilt, sie wegen tiner Straftat zu züchtigen). Aller, dings gibt es die Abendkurse des Waad ba-Tarhuth, und in ihnen findet nun tatsächlich eine ganze Reihe dieser bar. fußigen, zerlumpten Bürschlriu, die hier mit Heißhunger ein wenig Wissen aufnehmen. Aber viele sind nach dcj> Tages Mühe zu abgespannt oder he-.l|zeu zu wenig EutRChltilikrali, um noch am einem entlegenen Viertel den weiten, dunklen Weg zur Abendschule anzutreten. Diesen ganz Verlassenen sucht jetzt die palästinensisch? Fraiienorganisatlon „Histadruth Naschim ibriolh" zu helfen, indem sie In verschiedenen, besonders von Einwanderern bewohnten Stadtvierteln, Kurte am Spätnachmittag ein richtet. Um wirklich diese armen Kinder ru erfassen und Ihnen nicht nur eine Unterrichtsstunde zu geben, sondern ein st.m diges Er/ichungs- und Fürsorgewerk an ihnen zu leisten, müßte man aber zu Ihnen gehen, mitten in die entsetzlichen Emlgrantenvlertcl von Jerusalem und müßte dort, wo man Ihr und ihrer Familien Leben genau studieren kann, Stätten der Erziehung und Erholung für sie schaffen. Diese Arbeit sollte aber nicht auf die ühllche Weise gemacht werden: Indem man Mittel im Auslande sammelt und davon einen Stab bezahlter Kräfte anstellt. Es sollte ein von nationalem Oelst erfülltes Liebeswerk freiwilliger Helfer sein. Helene Hanna Cohn (Jerusalem). Die Lage In Polen Ein Interview mit dem Scjinabgeorneleo Qrünbaum. Von unseren Korrespondenten. —y. Warschau, den 16. Januar 1925. Unser Korrespondent besuchte heute den bisherigen Präsidenten der zionistischen Organisation für Kongrcßpolcii, mit dem er folgendes Interview hatte: — Wie beurteilen Sie die Resultate der jüngsten zionistischen Landeskonferenz für Kongrcßpolcn? — Die Landeskonferenz hat eine Entwicklung voltendet, die bereits vor Jahren als auch die Mehrheit den Mut zur Uebcrnahme der Leitung nicht besaß, begonnen hatte. — Wie wird sich in der Folge Ihre Tätigkeit innerhalb der Landcsorganlsatlon und im Aktionskomitee gestalten? -- Ich werde meine zionistische Tätigkeit hier wie dort fortsetzen. Ucbrlgens sali ich Im Aktionskomitee nicht als Vertreter der Landesorganisatton, sonde.n meiner Gruppe, der gegenüber ich mich nach wie vor verantwortlich fühle — Glauben Sie, daß auf der bevorstehenden allpolnlschru Konferenz eine Elnigtng zwischen, den einzelnen zionistischen Organisationen zustande kommt? — Jawohl, wenn auch die Einigung keine vollständige sein dürfte. — Olaubcn Sie, daß die Palistinaauswandcrung aus Polen auch weiter anwächst? — Unbedingt! Die Alljah wird zur Masscnbewefung, die sich von Monat zu Monat vergrößert. Ihre riebfeder sind nicht mehr rein Idealistische, sondern auch höchst reale Momente. — Wie verhält sich die polnische Regierung zur PaU. stlnacmigration? — Sic bereitet nicht die geringsten Schwierigkeiten. — Wie steht es um die geplante Reise einer Grupp« jüdischer und nichtjüdlschcr Sejmabgeordneten nach Palästina? — D.-r Plan stammt von Farbstcln. Näheres habe ich nicht gehört. — Wie ist die derzeitige Stimmung der Regierung gegenüber den Juden? — Unverändert! Der polnische Staatsmann Lst noch nicht geboren, der sich für die Juden engagieren wollte. — Ist eine Aendcruig des SejimvaMichts zu Ungunsten der nationalen Minderheiten nicht zu beiürchten? — Ich glaube wohll Garantiert ist nur das in der Konstistutitlon verankerte allgemeine Wahlrecht, während die Wahl, krclselnleilung jeder Zeil durch eine gewöhnliche Majorität abgeändert werden kann, — Glauben Sic, daß sich die Zahl der jüdlschct Scjinabgrordnetcn verringern svlrd? — Höchstwahrscheinlich! Sic dürften zunächst einige Sil/i an die ostgali/ischcn Ukrainer, die bislang Walilciuiialtuiic, beobachtet haben, verlieren. — Wie steht es um die Solidarität der nationalen Minder, hellen? — Wir gehen In vielen Fragen zusammen, ohne jedoch einen parlamentarischen Block zu bilden. — Wie steht es «im die Revision der S t a a t s k o n z. c s - s lo n e n? — Die Neuverteilung an Invaliden, Witwen usw. hat bereit' begonnen. Alle unsere bezüglichen Bemühungen haben nichts gefruchtet. — In welchem Stadium befindet sich das Qcsctrprojekl wegen der Handwerkerinnungen? — Es hat noch nicht den Sejm passiert und es Ist un« gewiß, ob es in der [etzigen Form angenommen werden wird. Das Gesetz würde die Freiheit dei Gewerbes aufhebm und mit seiner obligatorischen Innunrjsziigehörlgkcit einen mittelalterlichen Zustand herstellen. — Olauhen Sie, daß die Regierung ihre bisherige Steuerpolitik auch weiter beibehält? — Selbst wenn diese geändert werden sollte, so dürfte es schwerlich zu Gunsten von Handel und Industrie, d h. der Juden geschehen. — Haben Sie In Ihrer Vcrtcuindungsklagc gc-en die antisemitischen /leltuugsredakteure noch was unternommen? — Jawohl, Ich habe Berufung eingelegt. — Wie stellt es um die angestrebte kulturelle Au. tonomic der Juden in Polen? — Sie Ist nichts als ein frommer Wunsch. Wir besitzen in Polen keine Spur von dem, was die Jüdin in Litauen und Lettland haben. krisl»? Wie bcurleilcn Sic die derzeitige polnische WirUchafts- - Unsere Krisl« Ist keine finanzielle Krisls, sondern eine solche des Absatzes der polnischen Industrie. Spekulallon,, Ocyalvatloii und Inflation hatten diese Krisls bislang verhüllt. Solange die Ausfuhr nach Rußland, mit dem w r keinen Handelsvertrag haben, nicht In die Wejc geleite abziehen. Polnischen Wlrtscbaftskrlsls nicht

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