Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXX (1925)
- Issue
- Heft 4 (13.1.1925)
- Date
- 1925-01-13
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Hr. 4 FUEDISCHE RUNDSCHAU Seile 33 durchbrach, man bei der Ankunft den Kordon und suchte B'ci/mann die Münde zu küssen. Die Begeisterung war „Oirlich nicht auf Zionisten beschränkt, dkse bildeten vielmehr nur einen Bruchteil. Man sah in den Meetings unter ,lcf jubelnden Menge Juden aller Parteirichtungen und «Her UcvölkcriingMchlchtcn, Aber auch die nlchljlkiische Dcvölke- (tini; interessiere «Ich für den Ucsuch Weltmanns, fast alle »roden tschechischen Zeitungen brachten nullt sympathisierende und freundliche Ucrlchle. Interessant Ist, dal) die Peinlichkeit Welzmanns glaub*' fam schon vorausgewirkt ha,t. Schon unter dem Eindruck der f,\ichrlclit. daß Weitmann kommen werde, gelang es, ein rmnfangskomit:c aus MSnncrn zusammenzustellen, die sich («»her zum Teil geradezu ängstlich von jeder Palästina- Ireundlichcn Handlung zurückgehalten hatten, Der große Harne Wcizmanns, des anerkannten Repräsentanten des Welt- Judentums, bewirkte eine Wendung, die im Interesse des Zusammenlebens der Präger und Brünncr Juden höchst erfreulich ist. Nur ein Manu hatte es ausdrücklich abgelehnt, sich am Empfang Wcizmanns zu betrügen; es war der Präsident der Präger Kultusgr mein de, Dr. August Stein. Dieser grotesk«? Fall, der von der überwältigender« Majorität' der Präger Juden verurteilt worden ist, soll nicht verschwiegen «erden. Dr. Stein gehurt parteimäßig den tschechischjüdischen Assimilantcn au, welche die Assimilation an das tschechische Votk predigen und deren namhafte Vertreter die Mischehe ah ein geeignetes Assimilationsmittcl propagieren. Was es für ein politischer Unsinn war, den Repräsentanten dieser Partei, deren jüdisches Programm itisschlicßlieh Dcsintcrcsscrncnt nin Judentum ist, zum Präsidenten der alten jüdischen Gemeinde Prag zu machen, das «ehen heute «ohl auch scliou die deutsch-liberalen Juden in der Rcpräscnlern ein, durch deren Hilfe Dr. Stein acinerzcK Präsident geworden war. y Die allgemeine Entrüstung über diesen Fall zeigt die Meinung des Präger Judentums. Sic feierte beinahe einmütig wtirmnnn als den Führer der Juden. Und sie .hat mit überwältigender Majorität seine Sympathie für das Palästina- Programm kundgetan. Charakteristisch und höchst bedeutsam sind hierfür die Worte, welche bei der Begrüßung Wetzm>nns im Logenheim Dr. Josef Popper, der Oroßprädidcnt der tschechoslowakischen B'nai B'ritluogcn, aussprach: «In divsen Hallen kennt man Politik nicht. Hier kennt man Begeisterung für Mcnschhcitsldcalc, werktätige Arbeit lur das Judentum, sozinlcthlschc Betätigung von Juden im Dienste der Menschheit. Wci.n sich trotzdem die Pforten einer Veranstaltung geöffnet haben, die als eminent politisch;u werten ist, so legt die Ursache dafür darin, daß der Aufbau Palästinas aufgehört hat, eine Par teisachc zu sein; daß der Aufbau Palästinas heute eine Angelegenheit geworden Ist, die das ganze Judcnt um im höchsten Maße inter essiert. In Ihnen, Herr Präsident, begrüßen wir nicht mir den verdienstvollen, großen Führer der Juden, wir bc «rußen in Ihnen den Führer, der bei oller Parteitreue Juden tum über Partei stellt.'« Holländische Spende für die Universitätsbibliothek Ii Jerusalem Den eifrigen Bemühungen der unter dem Vorsitz von Professor Ornstcin arbeitenden „Zionistischen Sekl'on für wissenschaftliche Arbeit" in Amsterdam ist es gclungei, für die fcrusalcmcr Bibliothek eine sehr große und wert volle Sammlung von Büchern aufzubringen. Die Sek lion wurde hierbei auf das tatkräftigste von der nlcderländi lehen Regierung dadurch unterstützt, daB das holländische Unterrichtsministerium den staatlichen Universitäten und Museen den Auftrag gab, ihre Veröffentlichungen zur Ver liigung zu stellen. Auch von privater Seite, von jüdischen und nichtjüdischen Gelehrten und Schriftstellern wurde die Aktion sehr lebhaft unterstützt, als deren Resultat 807 Bände mch Jerusalem überwiesen werden konnten. Die übersandten Bücher enthalten insbesondere Uberaus wertvolles Material •u! dem Gebiete der Elhnogriphie, sowie die vollständigen Ntninesbcrkhtc der verschiedenen wissenschaftlichen Insti tute Hollands. Zar Arbeltslarje Iii den Stadien Von unserem palästinensischen Korrespondenten. a,g. Jerusalem , 3t. Dezember. Die Arbcl«sln«t In der Stadt Im Dezember Ist fast an allen Punkten nht zufriedenstellend zu bezeichnen. Orößere Arbeitslosigkeit ,l»t weder In Jerusalem noch In Halfn und Tcl-Awiw zu bemerken. Die Statistik des letzten Monats zeigt Im Oegentcll, besonders In Tcl-Awiw und In Haifa noch freie Arbeitsplätze. Dabei muß sogleich bemerkt werden, daß uns Zahlen nur über diejenigen Arbeiter zur Verfügung stehen, die entweder bereits In Fachverbänden oder In der allgemeinen Arbeiterorganisation organisiert oder fn Irgendwelchen Arbeitsamtern verzeichnet sind. Das bedeutet, daß 'sich die Beschäftigung und die materielle Situation eines Teiles der Arbeiter, auf die beides nicht zutrifft, unserer genauen Kenntnis entziehen. Zu diesem Teil gehört die Masse der Wasserträger, der Gelegenheitsarbeiter, der Unqualifizierten, meist Einwanderer aus den orientalischen Ländern, wie Persicn, Jemen, dann Koukasiern Bucharen, Ortiscn usw. Mit einer Erfassung dieser Schichten wird langsam begonnen. Es ist dieses verständlicherweise ein sehr langwieriges und schwieriges Werk. Es fehlt In vielen Fäl'cn die gemeinsame Sprache, fast Immer aber gemeinsame Hegriffe und Tendenzen. Diese Frage bedarf noch einer besonderen und sorgfältigen Behandlung. Die Entwicklung der städtischen Arbeit Im Lande wird in steigendem Maße von zwei Faktoren beherrscht: Die Fach arbeit gewinnt an Bedeutung und die Organisierung der Arbeiter schreitet vorwärts. In der Periode der Chnussccbautcn, die gleich nach dem Kriege einsetzte, fand gerade der ungelernte Arbeiter In Palästina leicht Beschäftigung, wenn er den Willen hatte, jede Arbeit auszuführen, die gerade offen stand. Es Ringen damals viele Einwanderer mit Spezialkenntnissen zur Arbeit am Wegebau über, weil für Ihr Fach keine oder mir beschränkte Möglichkeiten vorhanden waren. Heute hat sich das Dikl völlig verändert. Die hauptsächlichste Arbcitsquclle In der Stadt und überhaupt außerhalb der Landwirtschaft Ist das Bauwesen. Seine verschiedenen Zweige, von der Stclnhaucrcl an, also der Beschaffung des Baumaterials bis zur Installatcric der Häuser verlangt eine gut ausgebildete und ziemlich stark differenzierte Facharhcit. Dementsprechend findet ein gut vorbereiteter qualifizierter Arbeiter heute Im Lf.ndc ohne große Schwierigkeiten Unterkunft. Für den nicht qualifiziert ett Einwanderer gibt es nur in geringerem Umfange Arbeitsmöglichkcltcn. Hand in Hand mit der Differenzierung und Qunliflzlcrung der Arbeit geht eine immer stärker spezialisierte Organisation der Arbeiterschaft. Innerhalb des großen Rahmens der allgemeinen Arbeiterorganisation bitden sich die professionellen Verbände (Agudah Mikzoith) und Gruppen (Kibuzim), die sich teilweise auch zur gemeinsamen Wirtschaftsführung zusammen schließen. Der „einzelne" Arbeiter Ist wlrWclmtlllih «ehwle rlgcr daran nl» der In einem „Klbiiz." «irgnnlnlerlc. Wlihreiid diese letztere Form des Zusammenschlusses einen mehr als wirtschaftlichen Charakter trägt, Indem sie auf dem Prinzip der »gegenseitigen Hilfe" in weitestem Maße fußt, regeln die professionellen Verbände die wirtschaftlichen Angelegenheiten eines ganzen Berufszweiges, wie Lnhufrngen usw. In Jerusalem bestanden Anfang September 16 Kihuzlm, die zum großen Teil Bauarbeiter umfassen. Ein Teil davon ist beim Universitätsbau beschäftigt. Beim „Solei Bonch", der Bauzentrale der Arbeiterorganisation, arbeiten zur Zeit in Jerusalem etwa 400 Mann. Zur Slcinlndustrle, einem neuen Zweig der jüdischen Arbeit im Limdc gehören zur Zelt im Steinbruch und als Steinmetzen ungefähr 200 Arbeiter in Jerusalem. Für Schlosser und Installateure sind noch Arbeitsmöglichkeiten vorhanden. Die Gesamtzahl der Arbeiter in Jerusalem beträgt heute über 1500. Dabei Ist zu bemerken, daß der größte Teil der Frauen, die heute In kleinen Fabriken von Strickereien usw. arbeiten oder die In privaten Häusern beschäftigt und nicht organisiert sind, nicht mit gezählt wurden. Im Arbeitsamt der allgemeinen Arbeiter Organisation sind zirka 120 Stellcnsuchende verzeichnet. Für die nächste Zelt stellen folgende Arbeiten In Aussicht: Der i Bau der Professorenhäuser an der Universität In der Höhe von «WO Pfund, eine Chausse In Bcth Jlsrael, die zum Teil von der Verwaltung des Stadtviertels und zum Teil von einer Anleihe des Arbcltcrdepartcmcnts der Exekutive ermög. licht wird und eine Wcgcanlagc der Stadt. Damit wird für ' 150 Arbeiter Im Laufe von drei Monaten Arbelt beschafft. , nefürchliingcn für Arbeitslosigkeit bestehen In Jerusalem für ungelernte Arbeiter. Für Fachleute sind Aussichten vor. banden. Iii Haifa Ist Im Arbcltsmarktc eine stärkere Bewegung nls In Jerusalem fühlbar. In Haifa und Umgegend (Kabarah, Jadjur-Ncschrr) arbeiten ungefähr 1500 Arbeiter. Davon ist ein großer Teil In Kibuzim oder gewerkschaftlich organisiert. In der Riithcnbcrg-Station waren bei der letzten ZihWung (Anfang Dezember) 130 Arbeiter beschäftigt. Arbeitslos oder zeitweilig arbeitslos sind ungefähr 120, zum größten Teil neue Einwanderer. In verschiedenen Arbeitszweigen macht sich das Fehlen von Fachleuten bemerkbar. Ilaifa steht In einer starken Baubewegung und wird im Laufe des Jahres seine Bautätigkeit voraussichtlich noch vergrößern. Zur Zelt werden nicht alle Arbcltsmöglichkeilen ausgenutzt, da eine Anzahl von Unternehmern billige ■ Arbeiter verwenden, so daß das betreffende Kapital und die Arbeitsmögllchkelten für Juden verloren gehen. Im Viertel Hadnr Hakarmcl stehen zum Häuserbau für das nächste Jahr bis jetzt 30 000 Pfund zur Verfügung. 5-6000 Pfund sind von der Verwaltung des Viertels für öffentliche Arbeiten ausgesetzt worden. Da eine Anzahl von Im Privatbesitz befindlichen Plätzen jetzt bebaut werden sollen, werden ' ungefähr 2000 Leute, die bishher auf diesen Plätzen In Baracken gewohnt haben, diese verlassen müssen. Dadurch wird die Wohnungsnot noch gesteigert. Der Wcgcbnu, der Im Laufe des Jahres durchgeführt werden soll und die Ausführung von Kanallsationsarbcitcn haben bereits zum Teil begonnen. Für diesen Winter werden 80—100 Bauten von privater Seite geplant. Jedoch ist zu fürchten, daß ein Teil davon nicht mit .jüdischer Arbeit, ausgeführt werden wird. Zum Teil ist diese Befürchtung bereits eingetroffen. Ebenso wie in Jerusalem ist die Lage der nlchtorgaiilslcrtcn Arbeiter schlechter als die der organislertcn. Die Arbeitsbeschaffung für unqualifizierte Elemente stößt auf Schwierigkeiten. Die größte Anzahl der städtischen Arbeiter ist heute In Tcl-Awiw konzentriert, das mit seiner dauernd im Aufschwung begriffenen Bautätigkeit Taiiscndc beschäftigt. Die Ziffer belauft sich auf mehr als 3500. Im Arbeitsamt der Arbeiterorganisation sind 80 Stellcnsuchende verzeichnet. Doch dürfte die Anzahl etwas höher sein. Zur Zelt sind 7t Häuser im Bau begriffen. Die Stadtverwaltung hat vom 12. August bis zum 20. November 236 Baucrlaubnisse ausgegeben. Zum Teil sind sehr große Gebäude im Werte von 2500—1500 Pfund im Entstehen begriffen. Ein großer Teil der Unternehmungen wird von Kapitalisten ohne Hilfe von Anleihen durchgeführt. Trotz der umfangreichen Baubewegung Ist eine große Wohnungsnot fühlbar. Die Miete Ist sehr hoch. Man zahlt heute für ein Zimmer ■I i Pfund. Infolgedessen befinden sich mehr als 2000 Leute in Baracken und Zelten. Der Grund Ist nicht nur ein Mangel an Wohnungen, sondern eine stark um sich greifende Spekulation. Die Munizipalität Tcl-Awiw ist im Begriff, eine Reih« von öffentlichen und Bauarbeiten durchzuführen, Es handelt' sich um Wegcanlagcn innerhalb der Stadt, um die Kanalisation, Wasserversorgung und die Anlage von öffentlichen ' Ocbäuden. Die Kanalisations- und Wegearbeiten eröffnen ■ Möglichkeiten für die Beschäftigung der unqualifizierten Arbeiter, die sonst schwer unterzubringen sind. Für Fachleute sind auch In Tcl-Awiw noch Arbcitsmöglichkeitcn vorhanden. Im allgemeinen Ist zu bemerken, daß die Chaltiz-Alijah In der letzten Zelt nicht bemerkenswert gewachsen Ist. Der Prozentsatz der Chaluzim unter den Einwanderern verschlechtert sich Im Verhältnis zu den anderen Elementen. Das , Galuth wird diese Tatsache erkennen und Ihr Rechnung, tragen müssen. _ Am 22. Dezember waren die Bürgermeister aller Siiidte Palästinas beim Obcrkommissar Sir Herbert Samuel zu einem Bankett im Reglcrungshause geladen. Der Oberkominissai hielt an die Bürgermeister eine Ansprache. hctpätlcltc und verurteilte sie strenger, ja grausamer, als das j i'er eingefleischte Judcnhasscr vermocht hätte. Auch erregte die Nachricht von der Taufe eines Angehörigen der .Patrizier- Preise* weniger den Widerspruch der noch Im Vätcrglaubcb Verharrenden als ihre Nachdenklichkeit. Man zahlte der .Chcwra Kidischa', dem Heiligen Verein, I <kr Beter für das Seelenheil der Toten nach Palästina schickte, den Tribut; an hohen Feiertagen verlas der Rabbiner »ährend des Gottesdienstes mit lauter Stimme die Summen, de für Waisenhäuser, Altersheime, Brautausstattungen gc- M'ltct worden waren, zusammen mit den Namen der Wohinter, und nach Beendigung der ansehnlichen Liste setzte der b lühmtc Kantor Fricdmanu oder Herr Opernsänger Ney n''t einer fiorilurcnrcichcn Strophe herrlich die Krone auf die gottgefällige Handlung. Jene .Tägesser', für die jeden Mittag der Tisch Im Vorzimmer besonders gedeckt stand, Mrcn zumeist junge Rabbinatskandidaten aus der Provinz; sie wurden auch mit Kleidung, Wäsche und Ocld unterstützt. Und zu den Jahrzcltcn', das heißt vor, während und "aeU den aUJähtnchcn OtdcnVlagcn, an denen man dt» Todes ü" Eltern sich erinnerte, brannte abseits im Badezimmer fi'i kleines Licht aul einer Schicht Ocl In einem Olase Nasser. Aber das Morgengebct mit Schaurlcmcnlcgen, die Meine, schief an den Türpfosten genagelte Olastube, die Rcrahmtc hebräische Gedenktafel waren verpönt, und wenn irgendwo In einer Wohnung ein slcbcnarmiger Leuchter zu finden war, dann stand er als Reiseerinnerung da und hatte Mißlich Kunstwert. Dorea herrliche Bibel, die mit wundersollen Kupfern geschmückte Luxusausgabc des Alten Testsmcnts war eines der beliebtesten Hochzcitsgcschcnke; Indes m»n las nie In ihr, das Familienoberhaupt versammelte nie d'C Mitglieder der Familie um sich, um aus der Genesis, Al*i dem Buch Ruth, aus den Sprüchen des Predigers Salomo lesen. (Der Knabe Zlckier erhielt Unterricht Im Talmud; f«'« Vater, ein berüchtigter Qeldverlclher, ließ «einen Sohn m der viclvcrlcumdcten Wissenschaft unterrichten, der prak- •'»ehen Grundlage des Lebens unter Menschen, wie er beutete.)«' All diese philiströse Beschaulichkeit erhielt einen Stoß, *<* der bekannte Tiszi-Eszlar-ProzeB ausbrach (der Vergessenheit entrissen in Jüngster Zelt durch Arnold Zweigs Dramatisierung); dieses Ereignis erschütterte plötzlich die Grundlagen des Lebens der ungarischen Juden, das erste Sturmläuten einer später sich erfüllenden Entwicklung. Die Hauptwirkung dieses Ereignisses sowie des einige Jahre späteren Thcntrrbriiudcs war das Absterben der deutschjüdischen Kultur, das Aufgeben jüdischen Snndcrlcbeus zugunsten einer immer schrankenloseren ungarischen Assimilation. Arthur Höllischer selbst hat an d«.r weiteren Entwicklung der ungarischen Verhältnisse keinen Anteil. Die Lehrjahre lagen hinter Ihm, die Wanderjahre beginnen. Nach vielen inneren Kämpfen befreit er sich von der Zwangsjacke eines verhaßten, seine besten seelischen Triebe vergewaltigenden Berufes und beginnt seine ersten Schritte ins Land der Kunst. Er hat es sich nicht leicht gemacht, und die Selbstvorwürfe, die er sich selbst wegen der kleinen, seine Existenz immerhin sichernden Rente vom Hnuse macht, die Ihm einen ungerechten Vorteil gegenüber seinen Genossen gibt, sind ein Beweis des Ernstes und der Ehrlichkeit seines Kampfes. Aul diesen Wanderungen ihn zu begleiten, Ist ein hoher Genuß und auch Gewinn; er durchbricht die Schranken seiner Herkunft, seine Sehnsucht geht In die Welte des Menschlichen; wie jeder wahre Künstler lehnt er sich auf gegen das Seelen abtötende Räderwerk des Getriebes und ringt sich durch zum Olaubcn an eine bessere Welt, die zu gestalten er auszieht. Viele glückliche und 'lelc leidvolle Erlebnisse, das Glück des Schaffens, der Einsamkeit, der Bcgegnug, der Schmerz des Unverständnisses, der Untreue, des Ocmclncn, füllen sein reiches Lehen. Er wandert durch viele Städte und Länder, und überall findet er Menschen, überall lernen wir durch ihn eine Fülle Interessanter Gestalten kennen. In Paris hat er ein seltsames Erlebnis mit einem sefardischen Juden, einem Maler, mit dem Ihn eine Zeitlang Freundschaft verbindet. In München gehört er dem Kreis des Verlegers Albert Langen und des SlmpHzlssimus an, zusammen mit Wcdcklnd, Wassermann, Th. Th. Heine und vielen anderen Kommenden und Gehenden, Diese Memoiren sind also ein Spiegel des geistigen und literarischen Lebens einer ganzen Zeit. Die Entwicklung der Literatur in der bürgerlichen Republik Frankreich ist ebenso geistvoll und scharf charakterisiert wie die Stimmung ster Drcyfus- und Panama-Affäre. Immer wieder wird er er. griffen nicht nur vom Menschlichen, sondern von den bc dcutiingsvollcn Vorgängen Im sozialen Organismus, hört das Herz der Zeit schlagen. Auch in der Clique des Boheme fühlt er sich nicht zu Hause, er muß wandern, Buchen . . . wonach, was? weiß er wohl damals selbst noch nicht. Durch tiefe Selbsterkenntnis und unbestechlichen Wahr-! hcitsslnn zeichnen sich diese Bekenntnisse aus. Man findet darin so kostbare Beiträge zur Analyse der Seele des in fremdem Volk schaffenden Juden wie den folgenden: „Die Münchner Zelt war gezeichnet von einem bitter harten Ringen, einem aussichtslosen, aufreibenden Kampf zwischen der als Oesetz erkannten Objektivität der Lebensanschauung und Darstellung und dem allzu stark verwurzelten lyrischen Subjektivismus, der meiner Arbeit Schwung und Flügel zu leihen suchte, und den Ich glaubte zurückdrängen zu müssen, dem Ich mißtraute, weil er dem allgemein gültigen Qrundsotz der Oestaitung widersprach. Wäre Ich dem Drängen mutig gefolgt, manche Qual wäre mir erspart geblieben. Aber In der Seele eines sentimentalen Juden, den viele Schmerzen, angeborene, eingebildete und selbstzugcfügtc, belastete, lebte eine tödliche Angst vor der Naivität, dem Vertrauen zum eigenen Ocfühl, dem der Instinkt der Welt und die Erfahrung der Mitmenschen widersprach. Denn was Ist Objektivität der Darstellung? Sich absondern vom Mitmenschen. Mißtrauen, nicht dem eigenen Ocfühl gegenüber, sondern dem Mitmenschen gegenüber, dem sich das eigene Ocfühl, die Erfahrung lehrt es, nicht ungestraft enthüllen darf. Daher fand Jedes Wort, Jeder Oedankc, der frei und unbeschränkt hervorsprudeln wollte, sein Korrektiv In skeptischer Kritik1 und wurde oft verneint und gehemmt bis zur Vernichtung," i Wenn man dieses köstliche Buch, das In manchen Teilen spannend Ist wie das Leben, durchgelesen ha», dann hat man nicht nur In tiefe Abgründe der jüdischen Seele und des Jüdischen Schickssls geblickt, man hat einen Menschen kennen gelernt und — Heb gewonnen. Und dss will viel bedeuten, In dieser Zeit. R- W.