Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XX (1915)
- Issue
- Heft 16 (16.4.1915)
- Date
- 1915-04-16
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 124 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr 16 einem russischen mit dein Sitz in Petersburg und einem schweizerischen in G e n f. Beide Kartelle entfalten eine bemerkenswerte Tätigkeit. Das bis zu Beginn des Krieges in Berlin erschienene russische Organ der Organisation ״Jewriski Student“ erscheint jetzt wieder, ln Petersburg sind jetzt bereits sieben Hcchawer- Gruppen entstanden, bestehend aus Hörern der dortigen Hochschulen und diese Gruppen haben, was in dieser Zeit besonders wichtig ist, die laufenden allgemein-zionistischen Arbeiten übernoinmen, wodurch sie der Erhaltung der zionistischen Organisation in Rußland große Dienste erweisen. In letzter Zeit entstehen Hechavver-Gruppen auch in den Provinz-Universitäts-Städten. Besondere Anerkennung findet allgemein die Arbeit des schweizerische n Kartells. Die Tätigkeit dieses Kartells erstreckt sich auch auf die zionistischen Studentenkreise in Holland und Italien. Die Hechawer-Gruppen in Frankreich haben ihre Tätigkeit so gut wie ganz eingestellt. Das schweizerische Kartell gibt ein rnonatliches Journal heraus, unter dem Titel ״J ourn a 1 zur Selbsterziehung für die z i o - nistische Studentenschaft“. Das Journal hat keinen literarischen Charakter, es beschäftigt sich vielmehr ausschließlich mit kurzen, umfassenden Erläuterungen der Erziehungs- und Bildungsprobleme der jüdisch-akademischen Intelligenz. Das Journal erfreut sich einer immer steigenden Popularität in studentischen Kreisen und wird in Rußland und an sämtlichen westeuropäischen Universitäts-Städten verbreitet. Im Laufe des letzten Semesters hat das schweizerische Kartell eine ganze Reihe von Vorlesungen und Vortrags-Tourneen veranstaltet. Folgende Herren hielten Vorträge: S. Gorelik (4 Referate), Dr. Klatzkin (3 Referate), Eisenstadt-Barsilai aus Palästina (2 Referate), Stud. Kaiser mann aus Palästina (2 Referate), Jacob Weinschall (2 Referate). Außerdem besuchten die Mitglieder des Zentral- Komitees die Vereine alle zwei Wochen zu Organisations- und Agitationszwecken und in der letzten Sitzung beschloß das Komitee, die Herausgabe des hebräischen Journals Hechawer zu erneuern; das Journal soll in Kopenhagen erscheinen. In der nächsten Zeit soll ein Appell an die gesamte jüdische akademische Jugend erlassen werden, der auf die jetzige Lage des jüdiscl^en Volkes in Palästina und in der Diaspora hinweist. Der Appell fordert die jüdische Jugend zum Au- Schluß an die zionistische Ideenwelt auf, und gleichzeitig wendet sich die Organisation an die jüdisch-nationalen Studenten in Amerika, eine Hechawer-Organisation in den Vereinigten Staaten ins Leben zu rufen. Russische Judennot Von Otto Abeies. Ein Schrei nach Rettung aus den Riesenkrallen Des Untiers, das nach warmen Opfern greift, Ein Schrei der Greise, die zu Boden fallen Und die der trunk’ne Haß zur Richtstatt schleift. Ein Schrei der Mütter, die ihr Kind verloren Und die der Wüstling an das Schandbett band, Ein Schrei, aus banger Leidensmacht geboren, Ein Schrei nach Labsal aus geliebter Hand- In blöder Ohnmacht starren wir hinüber, Es keucht die Brust in wahnsinnstoller Glut, Die Faust schlägt an die Stirn in wildem Fieber Und reckt sich krampfend auf in bleicher Wut. Der du die tote, harte Erde badest Im Glanz der Sonne, daß sie neu erwacht, Der du die blutbefleckte Welt begnadest Mit Amselsang und junger Blütenpracht: Tilg’ diesen Schimpf! Erstick die Plagen, Die uns zermalmen — füg uns Hand in Hand! Lehr’ Juda’s Söhne, aus dem Pfuhl der Klagen Die feuern Kinder der Märtyrer tragen Ins lichte Land, Vater! In unser Land — — Feldpostbrief In Flandern, 21. März 1913. An den Jüdischen Verlag B e r I i n. Wenn nach Tagen mühevoller Not eine Freude mich erreichte, so war es Ihr so wundervolles Geschenk, das mir eine Hagadah und gleichzeitig ein Peßachbueh bescherte. Ich spreche dem Jüdischen Verlag und gleichzeitig auch der Zionistischen Organisation meinen herzlichsten Dank dafür aus, den ich besonders beweisen möchte durch Uebersendung von 10 Mk. für das Jüdische Hilfswerk in Palästina. Der Dr. Hantkcsche Bericht gab mir eine vortreffliche Uebersicht über all die Probleme, die der Krieg hat entstehen lassen und zu deren Lösung ich (wie alle anderen national gesinnten Juden) den Zionismus im gesteigerten Maße für fähig halte. Glauben Sie nicht, daß wir jungen Zionisten — ich!bin es vor 6 Semestern in München geworden — trotz Schlachtenlärm und persönlichen Sorgen unsere gute, geheiligte Sache vergessen. Bringt doch jede neue Zeitung Kunde von den Leiden unserer östlichen Brüder und der wundervolle Humor eines Perez ist jetzt begraben unter dem Schutthaufen jüdischer Siedelungen. Mit jeder dieser neuen Kundschaften bricht für mich ein Tischo B’ af an. — Trotzdem bin ich nie stolzer gewesen, als jetzt, da ich sehe, daß ein Teil unseres Zieles Wirklichkeit geworden ist. Juden aller Länder fühlen sich geeint durch gemeinsame Leiden. Jeder Jude, der jetzt noch abseits stehen bleibt und dem die Klagerufe aus dem Osten nicht gelten, ist verabscheuungswürdig. Ich bin der einzige Zionist unter meinen jiidischen Regimentskameraden, ein Philozionist, namens Lew, ist letzte Woche bei den schweren Kämpfen, die wir durchzuhalten hatten, gefallen. Sie ahnen nicht, wie ich mich freue, die ״Jüdische Rundschau“ lesen zu können. Trotzdem mein Regiment in einer sehr industriereichen Gegend (mit größeren Städten) sich befindet, habe ich bis jetzt fast keine Gelegenheit gehabt, mif französischen Juden zusaminen zu kommen. Ich lernte eine jüdische arme Frau kennen — und die war aus Thorn. Die wohlhabenderen Juden sind alle nach dem Süden geflüchtet. Noch eine Bitte, nein — eine richtige Sehnsucht habe ich nach einem guten jüdischen Buch: Perez, B i a 1 i k, Asch — in den langen Kriegsmonaten hat der Kampf beinahe jedes geistige Wollen erstickt — aber jetzt, da Peßach naht, fühle ich, wie ich mich nach guter jüdischer Lektüre sehne. Ich möchte den Jüdischen Verlag bitten, mir doch unter Nachnahme ein paar Bücher jüdischer Autoren zu schicken. Und vergessen Sie Herzls ,Judenstaat“ nicht — in diesen großen Zeiten soll man der Großen gedenken. Mit den besten Peßachwünschen Ihr dankbarer Karl Goldenberg. Brief aus Kopenhagen In der russischen Presse wird in der letzten Zeit des öfteren der Name Theodor Herzls erwähnt. So hat vor kurzem der bekannte freiheitliehe Politiker und Publizist Peter S t r u w e eine Panegyrik auf Herzl geschrieben. Struwe wurde nämlich angegriffen, weil er sich mit Regierungsvertretern in Verhandlungen eingelassen hat. Er schrieb einen langen Verteidigungsartikel, in dem er Theodor Herzl als den Typus des genialen und vollkommenen Staatsmannes hinstellte, der sich ungeachtet seiner liberalen Gesinnung mit Plehwe eingelassen habe, wobei er für sein Volk Großes erreichen konnte, wenn er in seiner Politik von seinen Freunden unterstützt worden wäre. Die längeren Ausführungen Struwes über Herzl wurden fast in der gesamten russischen Presse abgedruckt und erregten allgemeines Aufsehen. Zum zweiten Male wurde Herzl neulich in der russischen Presse anläßlich des Todes des Grafen Witte erwähnt. Es stellte sich heraus, daß Plehwe seinerzeit einen längeren Brief an Witte betreffs Herzls schrieb. Herzl wurde darauf von Witte eingeladen und sie konferierten drei Stunden. Zugegen war auch Dr. Kazenelson. Witte versprach Herzl, die volle Abschaffung des Ansiedlungsrayons, sowie einer ganzen Reihe sonstiger Beschränkungen zu erwirken. Plehwe hat hierauf lange mit Herzl, der die volle Gleichberechtigung der Juden in Rußland verlangte, um das Maß der Gleiehberechtignng gehandelt. Im ״Ra ssvv jet“, dem zionistischen Organ, beschreibt Dr. Kazenelson ausführlich diese Verhandlungen. — Der ״R a s s w j e t“ beschäftigt sich jetzt sehr mit der Palästinafrage. Das Blatt erfreut sich allgemeiner Sympathie in jüdischen Kreisen, hat mehrere Tausend neuer Abonnenten gefunden und wird glänzend redigiert. Zur Lage der jüdischen Kolonisten in Galiläa Der aus Palästina kürzlich eingetroffene Lehrer Mayer Katz, der in den letzten fünf Monaten in Galiläa weilte, gab einem Redakteur des Odessaer jüdischen Tageblattes ״Unser Leben“ folgende Auskünfte über die dortigen Verhältnisse: Unsere Brüder in Galiläa haben unter den Weltereignissen in jeder Hinsicht, sei es in ökonomischer, sei es in politischer Beziehung, am wenigsten gelitten. Herr Katz erklärt dies damit, daß die galiläischen Kolonien von Ackerbau leben und selbst Brot und Gemüse erzeugen. Plantagen sind fast keine vorhanden. Die Broterzeugung ist vom Weltmarkt unabhängig, alles wird im Lande verbraucht, so daß die Einstellung des Verkehrs auf die galiläischen Kolonien keine schädliche Wirkung hatte. Während die Kolonien in J u d ä a schwer unter dem Mangel an Lebensmitteln zu leiden haben — selbst Brot findet sich dort nur in beschränktem Maße — sind bloß in den beiden Kolonien des Nationalfonds Dagania und Kinereth (von Merchawjah abgesehen) sehr große Getreidevorräte vorhanden. Selbstverständlich befinden sich nicht nur in den beiden Kolonien, sondern auch bei einzelnen Kolonisten beträchtliche Quantitäten von Getreide, so daß eine Hungersnot in Galiläa nicht zu befürchten ist. Die Mitteilungen in den •Zeitswgeh, 'd«t’H#׳feä•'' gierung Getreide und Mehl requiriert hafw vafersich nicht auf Galiläa. Nur in ־ •.-HrüH׳י ״״׳,! hat die Regierung ein Getreidemagazin versiegelt, ohne demselben aber Getreide zu entnehmen. Es ist aber zu erwarten, daß sie auch dieses Siegel in Kürze abnehmen wird. Davon abgesehen ist in Galiläa bisher keine weitere Requisition vorgekommen. Alle Kolonisten in Galiläa haben die ottomanische Staatsangehörigkeit erworben. Die Arbeiter in den Kolonien des Nationalfonds hätten es nicht über sich gebracht, eine zehnjährige Arbeit zugrunde gehen und die Kolonien ohne Arbeiter zu lassen. Sie blieben alle auf ihrem Posten und erfüllen ihre Aufgäbe, an der sie die Behörden nicht hindern. Das Leben in Galiläa geht seinen normalen Gang. Die Arbeit ist in keiner Weise unterbrochen, sondern wird mit Energie und Fleiß fortgesetzt. Arbeiter und Arbeiterinnen, die keine Arbeit hätten, sind zurzeit nicht vorhanden. Auf die Frage, in welcher Weise die Arbeiter entlohnt würden, da ja Bargeld nicht in genügender Weise vorhanden sei, antwortete Herr Katz: Die Arbeiter erhalten ihren Lohn durch Verabreichung von Getreide anstelle des Geldes. Derjenige, der einen Ueberschull über den eigenen Verbrauch besitzt, tauscht hierfür andere Bedarfsartikel ein. In dieser Hinsicht glauben sich die Leute in uralte Zeiten versetzt. Die Verhältnisse mögen unbequem sein; sie sind aber zu ertragen, insbesondere in den Kolonien, wo das Leben einen ganz anderen Charakter als in der Stadt trägt. Wie gesagt, ist in den Nationalfonds-Farmet! Dagania und Kinereth genug Getreide für den ganzen J ischub in Galiläa vorhanden. Dagegen herrscht in Judäa ein g ro ß e r Al a n g e 1 an den nötigsten Lebensmitteln. Getreide ist in Judäa nur noch für eine bestimmte Zeit vorhanden. Wäre der Verkehr im Lande selbst nicht eingestellt, so würde sich der Mangel nicht so fühlbar machen. Leider sind die Wege sehr schlecht und es sind auch keine Zugtiere für die Ueberführung des Getreides vorhanden. Diese Störungen ließen sich noch überwinden, wenn man wüßte, wie sich die maßgebenden Autoritäten dazu verhalten würden. Es wurde darum beschlossen, die Ueberführung des Getreides von Galiläa nach Judäa noch bis zur Klärung der Lage aufzuschieben. Ueber die Frage endlich, wie die kulturelle Lage in Galiläa jetzt beschaffen sei, erklärt Herr Katz, daß die Verhältnisse in dieser Beziehung nicht schlecht seien. In Haifa ist die Realschule geöffnet, die Schulen