Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1915-04-09 · Heft 14-15 (9.4.1915) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XX (1915)
Issue
Heft 14-15 (9.4.1915)
Date
1915-04-09
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2651273-2651922-2651936--10075-3517794
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Seite 114 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 14/15 Der Konkurs des Technikums in Haifa Der ,, H i 1 f s v e r e i 11 d e r d e 111 s e h e ת Juden" veröffentlicht in einigen jüdischen Zeitungen eine Darstellung der Vorgänge, die zum Konkurs des Technikums geführt haben. Diese Ausführungen des Hilfsvereins, die in der Behauptung gipfeln, daß der Hilfsverein dieses große jüdische Unternehmen durch die Konkurserkläruiig und spatere Erwerbung ״gerettet" habe, wiederholen sehr ausführlich aber sachlich nicht korrekt, die Vorgeschichte des Kon- Kurses und dürfen im einzelnen nicht unwidersprechen bleiben. Die Schuld an allem Unglück wird dem Sprachenkampf zugeschoben, der den Austritt der amerikanischen Kuratoren zur Folge hatte, und wieder wird die alte Fabel aufgetischt, die zionistischen Kuratoren hätten in ihrer Kurzsichtigkeit verlangt, ״daß, wenn nicht alle technischen Fächer, so doch ein großer Teil gleichfalls in hebräischer Sprache vorgetragen werden sollte." Demgegenüber muß wieder einmal festgestellt werden, daß die zionistischen Kuratoren in der Sitzung vom 26. Oktober 1913 nur verlangt haben, es sollen Mathematik, Physik und Chemie, d. h. von 45 Unterrichtsstunden 8 in hebräischer Sprache abgehalten werden. Nach dem Austritt der Amerikaner hätten sich nun die Herren James Simon und Dr. Paul Nathan bereit erklärt, von den bis zur Eröffnung der Anstalt noch fehlenden 300 000 Mark je ein Drittel beizusteuern, wenn auch die Familie Wissotzky den gleichen Betrag unter den gleichen Bedingungen hergäbe. Diese Bereit- Willigkeit, behauptet der Hilfsverein, war nicht vorhanden. Das Gegenteil ist richtig: Herr Wissotzky, bzw. die Zionistische O r - g a n i s a t i o n, erklärte sich bereit, d <1 s fehlende Drittel auf zabringen, u nter der Voraussetzung, daß die Bestimmungen des Einigungsbeschlusses vom 22. Februar 1914 zur Ausführung gebracht würden. Die Bereitwilligkeit hierzu war jedoch auf Seiten des Hilfs- Vereins nicht vorhanden, wie sich in der Kuratoriumssitzung vom 17. Juli 1914 klar herausstellte. Nun kam der Krieg. ״Eine legale Beratung mit den in Rußland und den in England ansässigen Kuratoren war während der Kriegsdatier unmöglich geworden, so daß die gesamte Verantwortung und die gesamte finanzielle Last auf den Schultern der Verwaltung ruhte." Dieser Satz zeigt klipp und klar, was nötig gewesen wäre und was der Hilfsverein unter allen Umständen hätte tun müssen, ehe er sich zu dem verhängnisvollen Schritt einer Konkurserklärung während des Krieges entschloß: die Einberufung einer Sitzung des Kuratoriums nach Haag, Kopenhagen oder Stockholm, wo alle Kuratoren über das weitere Schicksal des ihnen anvertrauten, dem Gesamtjudentum gehörenden Institutes in aller Ruhe gemeinsam hätten beraten können. Und wer hätte es gewagt, eine solche Konferenz für ״illegal" zit erklären0 Was hätte gehindert, ihren Beschlüssen Legalität zu verschaffen? Statt dessen wurde der Konkurs eröffnet und alle Bemühungen seitens der Zionistischen Organisation, den Vcrsteigeningstermin wenigstens bis zum Ende des Krieges zu verschieben, scheiterten am Widerstande des Hilfsvereins. Der zionistische Vorschlag, daß die drei hauptbeteiligten Faktoren je ein Drittel der laufenden Verpflichtungen in Hohe von 80 000 Mk. aufbringen sollten, deren Deckung jedenfalls die übereilte Versteigerung unnötig gemacht hätte, wurde a b g e 1 e 11111; man verlangte statt dessen, der Jüdische Nationalfonds sollte diese fehlenden SO 000 Mk. allein und - wie ausdrücklich gefordert wurde ä Fonds perdu hergeben! Es muß also entgegen der Darstellung des Hilfsvereins noch einmal wiederholt werden: Der Hilfsverein w o 111 e eben die (111 r c 11 d e n Krieg g e s c h a f f e n e L a g e unter allen Umständen a u s n ii 11 e n. Der Hilfsverein hat sich auch in keinem Stadium des Verfahrens geniert, von den glückliehen Zufällen Gebrauch zu machen, die der Krieg ihm darbot. Als die deutschen Direktoren des Jüdischen Nationalfonds in der ersten Gläubigerversammlung vom 20. Januar 1915 einen Sitz im Gläubigerausschuß beanspruchten, war es der Vertreter des Hilfsverein, der nach Er- Schöpfung aller sachlichen Gegenargumente den Richter darauf hinwies, daß die Ansprüche des nach englischem Recht organisierten Jiidischen Nationalfonds gemäß den während des Krieges herrschenden Bestimmungen abzuweisen seien. Wenn daher im Communique des Hilfs- Vereins heute behauptet wird, die Familie Wissotzky hätte ihren Willen durch einen Deutsehen oder einen Neutralen zum Ausdruck bringen können, so zeigt diese Ablehnung der legalen deutschen Vertreter des Jüdischen Nationalfonds als Vertreter einer ״englischen" Gesellschaft, was die ״russische“ Familie Wissotzky zu erwarten gehabt hätte. Der Hilfsverein erklärt, bei der Erwerbung des Technikums ״keine andere Absicht gehabt zu haben als die, das in Haifa bereits Geschaffene, soweit möglich, bis zum Friedens- Schluß ohne Schädigung zu erhalten." Daß es hierzu nötig war, dieses große jüdische Institut in Konkurs zu erklären und es aus dem Gemeinbesitz des jüdischen Volkes in den Privatbesitz des ״Hilfsvereins der Deutschen Juden" überzuführen, wird durch die weitschweifigsten Ausführungen nicht bewiesen werden können. Im Schutze des Burgfriedens Das ״Hamburger Israelitische Familienblatt" eröffnet in seiner Nummer vom 25. März den für einige Monate unterbrochenen Feldzug gegen den Zionismus. Es macht seine Leser zunächst mit einer Kundgebung bekannt, die in der in Jerusalem erscheinenden zionistisch-hebräischen Zeitung ״Hacheruth“ am 25. Januar 1915 abgedruckt war. Diese antizionistische Kundgebung stammt von Beha-ed-din Bev, dem ehemaligen Kaimakam von Jaffa und nachmaligen Attache der vierten Armee, der Armee Djemal Paschas. Jeder Leser könne sich ohne Schwierigkeit seinen Kommentar zu dieser Kundgebung machdft, meint das Familienblatt und bemerkt dazu ausdrücklieh, daß ihm die Wahrung des Burgfriedens am Herzen liegt und daß es wegen des Burgfrieclens auf einen Kommentar verzichtet, den sich, wie gesagt, jeder Leser selbst machen könne. Die Notizen über die Ereignisse im Orient gelangen anscheinend erst sehr spät zur Kenntnis der Redaktion des Familienblattes; denn sonst könnte man nicht einsehen, warum es mit der Veröffentlichung dieser ihm, wie es scheint, hochwillkommenen Notiz so lange gewartet hat. Wir unsererseits konnten diese Kundgebung Beha-ed-dins nicht als ein Symptom allgemeingültigen Charakters auffassen, da gleichzeitig mit der Nummer des ״Hadieruth“ die Nachricht eintraf, daß Beha-ed-din wegen seiner antizionistisehen Stellungnahme durch die türkische Regierung von seinem Posten abberufen worden ist. Dadurch wurde diese Kundgebung auf ihr richtiges Maß zurückgeführt und erscheint als Maßnahme eines einzelnen Beamten, der den!Versuch macht, auf eigene Faust antizionistische Politik zu treiben. Die Zentralregierung hat, wie gesagt, durch die sofortige Abberufung Behaed-dins mit aller Energie gegen diesen Versuch Front gemacht. Davon schweigt das Haniburger Israelitische Familienblatt! Die altbewährte Waffe im Kampfe gegen den Zionismus, der Vorwurf der antideutschen G e s i n n u n g , scheint selbst dem ״Hamburger Israelitischen Familienblatt" nicht mehr recht verwendbar zu sein. Wenn es nicht mehr angeht, die Zionisten als unzuverlässige deutsche Staatsbürger bei der jüdischen und nicht jüdischen Öffentlichkeit zu verdächtigen, so muß man eben neue Mittel für die Zionistentötung ausfindig machen. Das Familienblatt fand zunächst die Kundgebung Beha-ed-dins, und zuzweit etwas Anderes, Raffinierteres, und deshalb vermeintlich noch Wirksameres. ״Nicht nur in der Türkei, einem mit Deutschland verbündeten kriegführenden I Staate, sondern auch in dem deutsch freundliehen neutralen Bulgarien" — vermeldet das Hamburger Israelitische Familienblatt — ״erhebt sich Widerstand“ — gegen den Zionismus, so' denkt man — doch nein, ״gegen englische Aufstachelungen zu verstärkten zio- Oistisch-politischen Schritten.“ Auch hier ist ein weiterer Kommentar überflüssig. Im unbefangenen Leser soll der Eindruck erweckt werden, als ob der Zionismus in der Türkei und in Bulgarien als Schrittmacher Englands auftritt. Wenn der unbefangene Leser unbefangen und ohne Zusammenhang mit dem vorher erwähnten antizionistischen Aufruf diese zweite vom Hamburger Israelitischen Familienblatt der Bulgarischen Handelszeitung vom 19. Februar entnommene Notiz liest, dann wird er vielleicht auf den Gedanken kommen, daß diese Notiz gar nicht antizionistisch ist, sondern im Gegenteil nur einen neuen Beweis dafür darstellt, welche politische Bedeutung man in steigendem Maße dein Zionismus in England beimißt. Daß die Zionistische Organisation sich in irgendeiner Weise für England entschieden hätte, wird nicht gesagt und wagt auch das Hamburger Israelitische Familienblatt nicht zu behaupten. Es wird nur mitgeteilt, daß in!England ein starkes Liebeswerben um die Gunst der Zionisten stattfindet. Die zionistische Bewegung ist eben heute in der Tat eine Macht, und weil man in England die loyale türkenfreundliche Politik, die die Zionistische Organisation seit Jahren unbeirrt getrieben hat, zurzeit sehr peinlieh empfindet und in ihrer Bedeutung hoch einschätzt, deshalb inehren sich jetzt die Versuche, die zionistische Bewegung politisch in das englische Fahrwasser hineinzuleiten. Das Hamburger Familienblatt scheint nun zu hoffen, daß schon die Tatsache, daß England dem Zionismus Versprechungen macht, genügen wird, um im ״unbefangenen Leser“ den Eindruck zu erwecken, als ob der Zionismus eine proenglische, antideutsche Bewegung sei. Ein kleines Surrogat für die unmöglich gewordene Verdächtigung des schlechten Deutschtums der deutschen Zionisten. Beide Notizen stellen nach Ansicht der Redaktion keinen Bruch des BuKgfriedens dar, dessen Wahrung ihr so sehr am Herzen liegt. Neueste Nachrichten aus Palästina Aus durchaus zuverlässiger Quelle erfahren wir über den Zustand der jüdischen Siedhingen in Palästina Mitte März folgendes: Djemal Pascha, der Oberbefehlshaber der türkischen Armee in Syrien, hat T e 1 A w i w einen Besuch abgestattet und im H e b rä i s c h e 11 Gymnasium eine freundliche Ansprache gehalten. Er hat auch eine judenfrcundliche Proklamation erlassen, die in Jaffa in arabischer Sprache veröffentlicht worden ist. Die sieben Zionisten aus Jaffa, die in Untersuchungshaft genommen worden waren, sind entlassen worden, ln Galiläa hat die Regierung wieder jüdische Wächter zugelassen, dasselbe wird auch für die judäischen Kolonien erwartet. Die wirtschaftliche Lage in den Kolonien hat sich insofern etwas konsolidiert, als man es fast überall verstanden hat, sich den gegebenen Verhältnissen anzupassen. Trotz des Geldmangels ist es gelungen, wenigstens die allernotwendigsten Arbeiten durchzuführen, Man hofft, daß die Anleihe von 100 000 Dollar für die Bojarenbesitzer, die von Amerika erbeten worden ist, zustande kommen wird, und daß auch noch rechtzeitig Petroleum für die Bojaren ins Land kommen wird. L>ie ökonomische Lage in den Städten hat sich ebenfalls gebessert. Wenn wir rechtzeitig wieder Geldmittel bekommen werden und das avisierte Schiff mit Lebensmitteln eintreffen wird, so wird es gelingen, auch hier für die allernächste Zeit das schwerste abzuwenden. Allerdings herrscht in den Städten und besonders in Jerusalem große A r in u t und A r b e i t s 1 o s i g - keit, die nur durch die Abreise von vielen ärmeren Elementen etwas abgeschwächt worden ist. Bekanntlich sind bereits über 7000 Personen abgereist, ln der letzten Zeit hat aber die Aus-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.