Mannheim
Compact Memory

Der junge Jude · 1930-12-01 · Heft 7 (Dezember 1930) · page 28

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der junge Jude
Volume
3 (1930)
Issue
Heft 7 (Dezember 1930)
Date
1930-12-01
Page
– (sequence 28)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
90% known words query
IRI
…/3497353-3497367-3497374--724-3498142
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Die Grenznutaentheorie bat in den letzten Jahrzehnten sehr grö4 ßen 'Anhang gefunden, wurde sie doch in ihrer extrem individualistisch-kapitalistischen, aintisozialistiischen Tendenz, die bei ihren ersten Vertretern zmtage trat, als die tauglichste wirtschaftstheoretische Waffe dm geistigen Klassenkampf gegen die sozialistische Bewegung angesehen. Sie vermochte aber nicht den Schlüssel zur Erklärung aller Erscheinungen des hochlkapitalistischen Wirtschaftslebens izu liefern. Wir sehen deshalb die wissenschaftliche Arbeit der letzten Jahre yon der-eifrigen Suche nach einer neuen theoretischen Grundlegung der ökonomischen Wissenschaft erfüllt. Vorläufig hat sie freilich erst zu einer großen Zersplitterung geführt. Die eine Gruppe von Theoretikern, mit Kobert Liefmann8) an der Spitze, verschärft den Subjektivismus der Grenznutzentheorie zu einem wafruchtbaren Psychologismus. Eine andere Guppe nähert sich, in einer leisen Abkehr von der Grenznutzentheorie, wieder dem Sozialob jeiktivismus; als Hauptvertreter dieser Eichtling sei Gustav Cassel genannt, der in seinem Werk „Theoretische SoziaÜökonomie" (Deichert, Leipizig-Erlangen, 3. Aufl. 1923) die Werttheorie durch eine „wertfreie" Preistheorie ersetzen will. (Eine leicht verständliche Zusammenfassung seiner Theorien gibt Gassei in seinem Schriftchen „Grundgedanken der theoretischen Oeikonomie". Deichert, Leipzig- Erlangen 1926.) Und eine -dritte Gruppe schließlich bemüht sich, den Streit der Theorien dadurch zu schlichten, daß sie die Grundgedanken beider großen Wertsysteme, des subjelktivein und des gesellschaftlichen, der Grenznutzentheorie und der Arbeitswerttheorie (akzeptiert. Sie vertritt den Standpunkt, daß die beiden Werttheorien einander nicht ausschließen, sondern ergänzen, und sucht sie daher in einer Synthese -zu vereinigen. Die wichtigsten Vertreter diesei* Gruppe sind: Emil Lederer, der in seiner Schrift „Grumbtiige der Ökonomischen Theorie" (J. H. C. Mohr, Tübingen 1922) die Arbeitswerttheorie vom subjektivistisehen Standpunkt zu rechtfertigen sucht, ihr aber die Grenznuteentheorie leider noch unvermittelt gegenüberstellt, und Eobert Wilbrandt, der im dritten Band seiner „Einführung in die VolkswirtschafMehre" (erschienen bei E. EL Moritz, Stuttgart unter dem Titel „Theorie der Volkswirtschaft") eine systematischere Synthese {zwischen den beiden Theorien zu schaffen sucht, leider nur in der flüchtigen Ausarbeitung leiner Einführungsschrift. Ueberbüekt man die Ergebnisse, die im Streit der Theorien bereits erreicht wurden, so läßt sich feststellen, daß in der Werttheorie der Kampf noch am heftigsten tobt, daß sich aiber die Grundlinien einer Lösung des Konflikts schon sehwach abzuzeichnen beginnen. Für das Mehrwertproblem wurde unzweifelhaft von Marx die einzige haltbare Lösung gefunden, und wenn sie auch heute noch immer heftig umstritten,ist, so hat doch keiner ihrer Gegner eine gleich bei fxiedigende Lösung an ihre Stelle zu setzen vermocht. Damit steht die Basis des ökonomischen Systems von Marx unerschüttert fest. Fügen wir noch hinzu, daß auch die Gesetze^ die Marx über die Dyniamik der /kapitalistischen Wirtschaft aufgestellt hat, sich täglich; durch die tatsächliche Entwicklung der gesellschaftlichen Verhältnisse bestätigt sehen, dann können wir feststellen, daß die wissen-' 8) Das Hauptwerk von Lief mann sind die „Grundsätze der Volkswirte schaftslehre" (zwei Bände, Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart-Berlin 1919/20). 234

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.