Der junge Jude
- Journal
- Der junge Jude
- Volume
- 3 (1930)
- Issue
- Heft 7 (Dezember 1930)
- Date
- 1930-12-01
- Page
- – (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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ALFREDBRAUNTHAL: BÜRGERLICHE UND SOZIALISTISCHE WIRTSCHAF rSTHEORIE. Keine Wissenschaft reicht so tief bis auf die Wurzeln des Gesellschaftslebens der Menschen, keine ist — zumal nach der materialistischen Geschichtsauffassung — so grundlegend für die Erkenntnis der Gesetze des gesellschaftlichen Lebens und der Tendenzen seiner Entwicklung wie die Wirtschaftswissenschaft. Das ist der tiefste Grund, warum in keiner anderen Wissenschaft der Streit der Theorien so heftig tobt, warum keine andere so sehr Spielball der Gegensätze, in Wirklichkeit Kampfmittel gegnerischer Klassen ist wie die Wissensehaft vom Wirtschaftsleben. Nicht einmal der Name der Wissensehaft ist vom Streit der Theorien verschont: die eine Gruppe von Theoretikern, deren Blick auf die äußeren historischen Daseinsformen und Bedingungen des Wirtschaftslebens gebannt ist — es sind dies vornehmlich die Vertreter der „historischen Schule" — hält bewußt am überkommenen Namen „Nationalökonomie" oder „Volkswirtschaftslehre" fest, andere Theoretiker, wie Dietzel und Cassel, blicken tiefer in die das ganze gesellschaftliche Leben beherrschende, von Staatsgrenzen in weitem Maße unabhängige Struktur der modernen Wirtschaft und bezeichnen sie folgerichtig als „Sozialökonomie"1). Wer aufmerksam, den Blick geschärft durch die historisch-materialistische Methode, die Geschichte der Wirtschaftswissenschaft verfolgt, wird auf Schritt und Tritt ihren Klassenkampfcharakter feststellen können. Schon ihre Entstehung zeigt sie uns als Kampfwissenschaft, als Waffe im Klassenkampf der jungen, aufstrebenden Bourgeoisie gegen Feudaladel und absolutistisch-protektionistische Staatsgewalt: dies der tiefere Sinn der Theorien der Physiokratenschule und der englischen Klassiker. Mit der Entwicklung und Verschärfung der Klassengegensätze zwischen Kapital und Arbeit aber wurde die Wirtschaftswissenschaft der eigentliche wissenschaftliehe Kampfboden, auf dem sich die gewaltige geistige Auseinandersetzung zwischen Kapitalismus und Sozialismus vollzog. Im tiefsten Grunde aller wirtschafts-theoretischen Kämpfe, die die zweite Hälfte des vorigen Jahrhunderts beherrschten, war der große Gegensatz zwischen Kapitalismus und Sozialismus, zwischen den Apologeten und den Kritikern der kapitalistischen Wirtschaftsordnung verborgen2). In keiner Wissenschaft tritt der Klassenrelativismus aller Erkenntnis so klar zutage wie in der Wirtschaftswissenschaft. Wie soll a) Vergl. über diesen Namensstreit die glänzende Polemik von Rosa Luxemburg gegen die Bezeichnung unserer Wissenschaft als Nationalökonomie bzw. Volkswirtschaftslehre in ihrer „Einführung in die Nationalökonomie1' (mit einem Vorwort von Paul Levi, Laub'sche Verlagsbuchhandlung, Berlin 1925). 2) Ueber die Geschichte der Wirtschaftstheorien unterrichtet auf knappem Raum am übersichtlichsten Othmar Spann „Die Haup'theorien der Volkswirtschaftslehre" (Quelle u. Meyer, 15. Aufl., Leipzig 1923); weniger übersichtlich, aber historisch-materialistisch fundiert, Robert Wilbrandt im ersten Band („Die Entwicklung der Volkswirtschaftslehre") seiner vierbändigen „Einführung in die Volkswirtschaftslehre" (E. H. Moritz, Stuttgart 1924). 228