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Der junge Jude · 1930-12-01 · Heft 7 (Dezember 1930) · page 19

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Journal
Der junge Jude
Volume
3 (1930)
Issue
Heft 7 (Dezember 1930)
Date
1930-12-01
Page
– (sequence 19)
Language
German
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Unterdrückter Jude — sein. Von mir weiß ich sicher: mich könnte Palästina nicht fesseln. Ich liebe die Stadt, die Quelle der Kultur, ich liebe Berlin, London, Wien, die Großstadt, die Weltstadt. Nicht den Luxus der Stadt, nein, das Leben der Stadt, die Möglichkeiten der Stadt, die Errungenschaften der Technik und der modernen^Entwicklung. Aber trotzdem will ich noch einmal einige Monate im Lande der sozialen Experimente verbringen. Palästina als L a n d habe ich mit keiner Faser meines Herzens lieben gelernt. Es ist alt und tot, kalt und ausgehungert, wenn auch hie und da schon durch Menschenhand und Technik verjüngt. Die Erde sticht mit ihren Dornen überall und die Sonne foltert mit ihren Millionen haarscharfen Dolchen den europäischen Wanderer. Ihr könnt sagen: das ist eine Frage der Gewohnheit, aber es ist mehr als das. Palästina als Land zu lieben, in diesem Land zu wohnen, scheint beinahe ein gewisses metaphysisches Verlangen vorauszusetzen, wenn man Großstädter ist. Oder man muß in Palästina metaphysisch werden, um dort überhaupt leben zu können. Das Leben ist schwer in Palästina und der Mensch wird von der Natur noch mehr beherrscht als der Mensch die Außenwelt, die Natur beherrscht. Viele haben ein bequemes Leben preisgegeben und haben sich in das unbequeme „hineingeopfert". Und zu diesem Opfern scheint Religiöses und Metaphysisches notwendig zu sein. Darum sind viele religiös, andere religiös sozialistisch und wieder andere übertrieben nationalistisch (Revisionisten). Aber fast jeder hat ein Bündnis mit einer Illusion geschlossen, mancher auch mit mehreren. Vielleicht ist dieses Bündnis nötig, vielleicht dient es dem Fortschritt. Tatsache scheint zu sein, daß diese Hilfsmittel, diese Illusionen, die Krücken unentbehrlich sind. Sie scheinen das zu sein, was bei den Siedlern in Kanada und Brasilien die Wildwestromantik ist. Ich bin gegen Romantik, wenn aber das, was in Palästina an Ideologien besteht, Romantik ist, bin ich für sie, denn wenn mit Hilfe der Romantik solche Werke vollbracht werden könnten, kann sie nicht schädlich sein, wäre sie im Gegenteil zu fördern. Dabei ist die ideologische Unklarheit und die Auffassung vom Sozialismus, die aus solcher religiös-sozialistischen Anschauung erwächst, natürlich nicht zu fördern. In Gesprächen, die ich in den Siedlungen führte, kam immer wieder zum Ausdruck, daß der „palästinensische Sozialismus" ein sehr ethischer ist, d. h., daß er auf dem Gefühl, weniger auf dem Verstand beruht. Ich war erschlagen, als mir ein Genosse in Daganiah, mit dem ich kurz über Sozialismus diskutierte und ihm sagte, daß ich die marxistische Gesellschaftsbetrachtung pflege, bei einer Gelegenheit, wo ich mit einem jungen Kalb im Stadl spielte, verwundert sa^te: Nanu, Sie sind Marxist und lieben Tiere!" Gewiß, in Daganiah hat Gordon gelebt, aber Anschauungen, auf gleicher Ebene, wenn auch weniger kraß bekam ich öftersmal zu hören. Hier wäre auch viel über den ..Haschomer Hazair" zu sagen, der mir in mancher Hinsicht imoonierte, der aber viel weniger marxistisch ist, als er allgemein annimmt.. Ueberhaupt hatte ich oft. wenn ich in den Siedlungen Marx neben Gordon, Trumpeldor und Heral hängen sah, den Eindruck, als würde mehr der Jude als der Theoretiker Marx verehrt. Und bei dieser Gelegenheit noch etwas über die Siedlungen. Oft werden sie „Sozialismus" genannt, oft als Weg dazu betrachtet. Die meisten Reisenden haben sie umschwärmt, ohne sich mal genau vorzustellen, was es 225

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