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Der junge Jude · 1930-12-01 · Heft 7 (Dezember 1930) · page 18

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der junge Jude
Volume
3 (1930)
Issue
Heft 7 (Dezember 1930)
Date
1930-12-01
Page
– (sequence 18)
Language
German
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Wenn das in Palästina geschieht, ist die religiöse und traditionelle Betonung nur ein Uebergang, ein Rest aus dem Ghetto, auf das stolz zu sein das jüdische Volk gar keine Ursache hat. Das jüdische Volk will sich erneuern, aber das ist nur gerechtfertigt, wenn es wirklich auf neuer Grundlage geschieht. Die Arbeiterschaft ist zu tolerant den religiösen und traditionellen Erscheinungen gegenüber. Sie muß sich klar sein, daß die Reaktion zu einem guten Teil in den Gehirnen der Massen sitzt und die sozialistischen Zionisten haben keinen Grund, die Reaktion in den Gehirnen groß zu züchten. Es ist richtig, was man mir oft sagte, daß diese Dinge ja nur noch der Form halber gepflegt würden, im Grunde sei das ganz bedeutungslos, aber das hörte ich nie gern. Wenn etwas wirklich bedeutungslos ist, dann werfe ich es auf den Schutthaufen und entwickele Bedeutenderes, ersticke aber nicht das Neue, das in mir werden und reifen will durch <3Lie Pflege des Alten. Aber ich verstehe auch dieses Problem anders als Holitscher, der nur verurteilte, aber sich nie die Frage stellte: woher die Liebe zu den alten Formen. Die alten Formen haben sich ja nicht nur durch die Isolierung und durch das Absehließen der Juden erhalten, sondern sie werden auch dadurch in Palästina heute noch gepflegt, weil sich auf dieser alten Erde erst Neues entwickeln muß. Durch den Sprung von Europa nach Asien entstand eine Lücke, die zunächst noch mit Altem ausgefüllt wird. Aus dem Leben der Siedlungen heraus wird sich ein neues Leben entwickeln. Wenn ich an dieMaifeier in Ejn Charod denke, bin ich dessen ganz sicher. Denn diese Feier war schlicht und stilvoll. Aus ihr klang leise schon die Zukunft. Nüchtern wie die palästinensischen Arbeiter immer sind, waren die Arbeiter auch am ersten Mai. Und zu diesen Arbeitern paßt die einfache Arbeiterbluse, die Rubaschka. Ich liebe sie und bin denen in Ejn Charod dankbar, die für mich das schlichte Gewand der Arbeit fertigten. Daß diese Bluse auch von denen geliebt und geachtet wird, die keine Landarbeiter, keine Fabrikarbeiter und nicht einmal Angestellte sind, ist der Ausdruck einer neuen sozialen Wertung. Diese Wertung sieht in der Arbeit das Höchste, und nicht nur in der Arbeit schlechthin, sondern in der körperlichen Arbeit vor allem. Es ist verständlich, wenn daraus sogar ein Kult und eine Religion geworden ist (Gordon). Das und die stellenweise sehr gering eingeschätzte geistige Arbeit scheinen Reaktionen auf die einseitige intellektuelle Betätigung Juden zu sein. Reaktionen sind immer ungesund, die Gesundheit bringt nachher erst die Entwicklung. Damit soll aber nicht gesagt sein, daß geistige Arbeit in Palästina vernachlässigt wird. Das wäre nicht richtig, denn ich habe den Geisteshunger der Pioniere in den Siedlungen kennen und schätzen gelernt. Ob das einige Generationen weiter auch noch so sein wird, ist eine Frage, denn die Kinder, die in Palästina groß werden, werden aus ihrem Leben heraus weniger fordern und fordern können. Die heutigen Pioniere haben ja europäischen Standard mitgebracht und ich habe oft besonders die Menschen in den Moschwe owdim bedauert, weil ich das Emofinden hatte, daß ihnen ihr neues Leben zwar einerseits viel, aber doch anderseits schrecklich wenig bietet. Ich begriff, wie schwer es sein muß. von der Stadt aufs Land zu gehen und dabei noch von Enrorva nach Asien übersiedeln. Das ist eine doppelte Revolution, die nicht jeder durchleben kann. Dazu muß man vielleicht Jude — und vielleicht sogar ein früher besonders bedrückter und 224

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